Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Hauptteil 1
2.1 Das Phänomen Wahnsinn als geheimnisvolle Äußerung 1
2.2 Die Beurteilung aus der Sicht der Aufklärung 2
2.3 Auswirkungen der Aufklärung und die Sichtweise der Romantik auf
den Wahnsinn 4
2.4 Schopenhauers Wahnsinnstheorie 8
2.5 Wahnsinn und Wahn aus der psychiatrischen Sicht des 20. Jahrhunderts 19
3. Zusammenfassung und Schlussbemerkung 22
Anhang 25
4. Literaturverzeichnis 35
1
Arthur Schopenhauer
”Über den Wahnsinn”.
Einleitung
Am Anfang dieser Arbeit wird das Phänomen
Angefügt werden Auszüge einer Schrift des Charité-Patienten Ernst Hoeffner an den jungen Arthur Schopenhauer, die Marcel Zentner als Erstveröffentlichung seinem Buch Die Flucht ins Vergessen, beigefügt hat 1 . Das Buch Marcel Zentners liegt dieser Arbeit als Quelle zugrunde. Die Aufzeichnungen zeigen Gedankengänge, die Schopenhauer, möglicherweise später, in seine Philosophie aufgenommen hat.
Ein abschließender Blick auf die psychiatrische und psychoanalytische Auffassung von Wahn und Wahnsinn im zwanzigsten Jahrhundert lässt die Auswirkungen von Schopenhauers Wahnsinnstheorie auf diese beiden Disziplinen erkennen.
2.Hauptteil
2.1 Das Phänomen Wahnsinn als geheimnisvolle Äußerung
Der Wahnsinn als Phänomen war bereits in der Antike bekannt. In Zusammenhang gebracht wurde er mit dem Zustand der Ekstase, einem Außersichsein, einer Verzückung, einem Rausch, in dem Gesichte gesehen und Stimmen gehört wurden; griechischen
1 Zentner, Marcel R.: Die Flucht ins Vergessen, Die Anfänge der Psychoanalyse Freuds bei Schopenhauer, Anhang II, (1995), S. 199.
2
Metaphysikern zufolge hervorgerufen durch das Eingehen eines göttlichen, jetzt aus dem Menschen redenden Wesens. 2 Noch in der Neuzeit spricht Müller-Freienfels von Ekstase, als einem nicht allen Menschen erfahrbaren Erlebnis. Wegen des besonderen Zaubers wurden diese nicht kontrollierbaren Zustände von anderen als ein Blick hinter den Schleier, als Offenbarung, erlebt. Geisteskranke, an denen sie beobachtet wurden, standen im Ruf übernatürlicher Fähigkeiten. 3
2.2 Die Beurteilung aus der Sicht der Aufklärung Etymologisch stammt der Begriff Wahnsinn aus dem
Mittelhochdeutschen und steht nicht in Zusammenhang mit Wahn in der Bedeutung von Hoffnung oder Erwartung, sondern ist eine Nachbildung des älteren Begriffs
Wahnwitz.
Dieser wird seinerseits von dem Mittelhochdeutschen Adjektiv
wanwitzec abgeleitet,
das auf dem Mittelhochdeutschen
wanwitze,
althochdeutsch
wanawizzi,
mit der Bedeutung unverständig, leer an Verstand, beruht
4
. Das im Jahre 1882 erschienene
Wörterbuch deutscher Synonymen
erklärt
Wahnwitz
nach
Kant,
als
Das Studium der Geisteskrankheiten sieht Kant, Ziolkowski zufolge, jedoch als unbedingt erforderlich an. Die Anthropologie, als Lehre
2 Vgl. Schischkoff, Georgi, Philosophisches Wörterbuch, S. 160.
3 Vgl. Müller-Freienfels, Persönlichkeit und Weltanschauung, S. 210, 215.
4 Vgl. Kluge, Friedrich, Etymologisches Wörterbuch, S. 833.
5 Vgl. Sanders, Daniel, Wörterbuch deutscher Synonyme, S. 45.
3
vom Menschen müsse sich danach mit der menschlichen Natur in ihren Höhen und Tiefen befassen. Kant begreift das Erkenntnisvermögen des Menschen als wichtigstes Charakteristikum. Er sieht die Gemütskrankheiten daher als eine Störung der menschlichen Vernunft und des Erkenntnisvermögens an, hält sie für unheilbar und die Internierung in einem Narrenhospital für unbedingt erforderlich. Die Kranken müßten dort durch fremde Vernunft in Ordnung gehalten werden. 6
Im 17. und 18. Jahrhundert, ausgehend von einem steigende Interesse an den Wissenschaften, waren mannigfaltige Daten und Beobachtungen über den Wahnsinn zusammengetragen worden, welche die Frage nach den Ursachen auslöste, seien sie nun seelisch, körperlich oder sozial bedingt. 7
Als Erster erkannte Shakespeare, daß es sich beim Wahn um eine Krankheit des Geistes handelt, nicht um eine Besessenheit von bösen Geistern göttlicher oder dämonischer Natur. Heiligenverehrung und Hexenverbrennung, Ratlosigkeit und Ohnmacht, bestimmten den Umgang mit den Geisteskranken, die ausgegrenzt gleich Verbrechern in sog. Tollkoben, Narrenhäusle, Dorenkästen oder Gefängnissen der Angefochtenen, untergebracht wurden. Sie wurden in Ketten gelegt, in Zwangsjacken gesteckt und geschlagen, man setzte ihnen Gesichtsmasken auf und verschloß ihre Münder mit knebelartigen Mundbirnen.
Pinel
und
Esquirol,
ein Schüler
Pinels,
französische Psychiater, Empiristen des ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts, waren von der Aufklärung inspiriert.
Esquirol
führte den Begriff
6 Vgl. Ziolkowski, Theodore, Das Amt der Poeten - Die deutsche Romantik und ihre Institutionen, S. 188-191.
7 Vgl. Ziolkowski, Theodore, ebd., S. 183.
4
übertrug. Die Bewegungskraft von Vorstellungen wird mit diesem Begriff bestimmt 8 .
Pinel führte als Erster eine Änderung der herrschende Zustände herbei. Bei seinen Reformbemühungen um die Geisteskranken kam ihm die Französische Revolution zur Hilfe, obwohl Robespierre von dem Anblick tobender, schreiender Irren entsetzt, noch von Bestien gesprochen hatte. Doch Pinel forderte das Versprechen der Revolution, ”wonach alle Ausgestoßenen in den großen Bund der Brüderlichkeit eingeschlossen werden sollten” 9 , ein. Seinem Bemühen war es zu verdanken, daß aus dem Staatsgefängnis Bicêtre die erste humane Irrenheilanstalt wurde. 10 Nach Pinels fester Überzeugung war die Quelle allen Wissens die direkte Beobachtung. Er machte die Erfahrung, daß verschiedene Typen des Wahnsinns durch physische und moralische Mittel erfolgreich behandelbar waren 11 .
Schopenhauer bezieht sich in seiner Schrift Über den Wahnsinn ausdrücklich auf die hier genannten französischen Psychiater Esquirol und Pinel 12 .
2.3 Auswirkungen der Aufklärung und die Sichtweise der Romantik auf den Wahnsinn
Daß der Wahnsinn als Phänomen auf die Zeit des ausgehenden 18. und den Beginn des 19. Jahrhunderts sowie die Zeit der Romantik eine besondere Faszination ausübte, berichtet Ziolkowski und führt als bildende Künstler Heinrich Fuesslis mit dem Kupferstich The Mad House (1792), Goya mit Hof des Irrenhauses in Saragossa (1794) und Théodor Géricaults Bildnisse Geistesgestörter (1821-24) an. Als Dichter benennt er Christian Heinrich Spiess (1755-1799) mit Die Biographien der Wahnsinnigen (1795-96), sowie Ludwig Tieck mit Die Geschichte des Herrn William Lovell (1795) und Goethes
8 Vgl. Ellenberger, Henry F., Die Entdeckung des Unbewußten, S. 401.
9 Fülöp-Miller, René, Kulturgeschichte der Heilkunde, S. 316.
10 Vgl. Fülöp-Miller, ebd., S. 316.
11 Vgl. Ziolkowski, Theodore, ebd., S. 187.
5
Wilhelm Meisters Lehrjahre (1795-96). Nach Ansicht Ziolkowskis spiegeln die Werke Spiess´s, Tiecks und Goethes die vorherrschende Haltung des 18. Jahrhunderts gegenüber der Natur der Geisteskrankheiten. 13
Das grundlegende Merkmal der Aufklärung war der Kult der Vernunft. Sie bekämpfte Dummheit, Irrtum und Vorurteile, Aberglauben, auch die Tyrannei der Leidenschaft und die Verirrung der Phantasie 14 .
Es wurde der Versuch unternommen, Geisteskrankheit auf wissenschaftliche Weise zu verstehen. Sie galt als Störung der Vernunft und man sah sie zum Einen als physische Verletzung zum Anderen als Wirkung unbeherrschbarer Leidenschaften an 15 . Der Wahnsinn galt, Ziolkowski zufolge, als eine Entfremdung vom natürlichen Menschsein und der menschlichen Gesellschaft. Man hoffte ihn durch "die moralische Behandlung zu heilen" 16 . Determiniert wurde diese Auffassung durch den Rationalismus des 18. Jahrhunderts.
Charakteristika der neueren romantischen Schule ließen sich an dem Werk von
Johann Christian Reil, Rhapsodien
(1803) sowie
Jean Pauls Titan
(1800-1803) und dem unter dem Pseudonym
Bonaventura
erschienenen Werk
Nachtwachen
(1804) ablesen. Die beiden letztgenannten Werke geben bereits Hinweise auf die romantische Auffassung, welche den Wahnsinn als einen
Die Auffassung des Wahnsinns als eines höheren poetischen Wissens sei nicht zuletzt an der Person Friedrich Hölderlins, der vierzig Jahre seines Lebens in Wahnsinn verbrachte festgemacht, argumentiert Ziolkowski. Er berichtet, Schelling habe in seinen sog. Stuttgarter
12 Vgl. Schopenhauer, Arthur, Die Welt als Wille und Vorstellung II, S. 468.
13 Vgl., Ziolkowski, Theodeore, ebd., S. 193-230.
14 Vgl. Ellenberger, Henry F.,ebd. S. 276.
15 Vgl. Ellenberger, Henry F., ebd., S. 278.
16 Ziolkowski, Theodore, ebd., S. 230.
17 Vgl. Ziolkowski, Theodore, ebd., S. 230-256.
6
Privatvorlesungen
(1810) von der Repräsentanz des tiefsten Wesens menschlichen Geistes im Wahnsinn gesprochen und sähe denselben nicht als eine
Nach Ziolkowski war Reil ein berühmter Arzt seiner Zeit, der schwerpunktmäßig das Gebiet der Psychiatrie erforschte. Vom Leben sprach er als von einem lückenlosen Zusammenhang von Materie und Geist, und sah als deren innere Einheit die Lebenskraft an. Diese Auffassung kann als physiologisches Gegenstück zur
Naturphilosophie betrachtet werden. 21
Im Wahnsinn sah Reil die Symptome eines gestörten Zusammenspiels von Selbstbewußtsein, Besonnenheit und Aufmerksamkeit. Und seine
18 Schelling, Friedrich Wilhelm Joseph, Werke, Band IV, S. 362.
19 Schelling, Friedrich Wilhelm Joseph, ebd., S. 362.
20 Ellenberger, Henry F.,ebd. , S. 283.
21 Vgl. Ziolkowski, Theodore, ebd., S. 231.
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Ortrud Neuhof, 2000, Arthur Schopenhauers Auffassung über den Wahnsinn, München, GRIN Verlag GmbH
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