Das Problem der iberoamerikanischen Identität in der politischen Prosa
Vorwort 3
1. Gabriela Mistral 3
1.1 Leben 3 1.2 Werk, Wirkung 5
2. Mistrals politische Prosa 7
2.1 Form, Inhalt, Publikation und Rezeption 7
3. Iberoamerikanische Identitätsdiskurse in Mistrals politischer Prosa 8
3.1 ‚Tierra’: von Kontinenten und Bauern 8
3.2 ‚Mujer’: von Emanzipation und Mutterschaft 10
3.3 ‚Indios, criollos, mestizos’: vom Ich und den Anderen 11
3.3.1 Lesart zu einem exemplarischen Text in Bezug auf die Identitätsdiskurse 11
3.3.1.1 El tipo del indio americano 1 11
4. Fazit und Kritik 15
5. Bibliografie 16
1 Céspedes, Mario, S.151
2
Vorwort
Gegenstand dieser Arbeit ist das von Gabriela Mistral u.a. in ihrem Prosawerk herausgestellte Problem der heterogenen Identitäten und des unterbewusst fehlenden Selbstbewusstseins eines Großteils der Gesellschaft auf dem iberoamerikanischen Kontinent. Als politische Schriftstellerin der ersten Hälfte des 20.Jh.s, die sich Zeit ihres Lebens keiner Ideologie anschloss sondern sich stattdessen für die Rechte der Unterdrückten auf ihrem Heimatkontinent einsetzte, bekam sie nicht zufällig 1945 den Literaturnobelpreis als erster lateinamerikanischer Bürger.
Im Folgenden soll den iberoamerikanischen Identitäten mithilfe ihrer eigenen Biografie und ihres politischen Prosawerks, genauer gesagt anhand des Textes El tipo del indio americano, auf den Grund gegangen werden.
1. Gabriela Mistral
1.1 Leben
Da im Laufe dieser Arbeit von iberoamerikanischen Identitäten die Rede sein soll, ist es naheliegend, als eine von vielen möglichen Annäherungen an das Thema, mit der Betrachtung des Lebens der unter dem Pseudonym Gabriela Mistral bekannt gewordenen chilenischen Autorin und ersten Literaturnobelpreisträgerin Lateinamerikas 2 zu beginnen. Es bleibt jedoch zu hinterfragen, ob eine Biografie tatsächlich aussagekräftiger in Bezug auf die Identität eines Autors sei, als die Betrachtung seines bloßen Werks. Da es hier aber im Speziellen um die politische Prosa Gabriela Mistrals gehen soll, die sich oft und explizit mit dem Leben der Autorin zu kreuzen scheint, bzw. keine Fiktion oder schöngeistige Literatur sein will, ist es an dieser Stelle angebracht, das Thema mit einigen Lebensdaten der Autorin einzuleiten und nach ihrer eigenen Identität zu forschen.
Lucila Godoy Alcayaga, so lautet Mistrals richtiger Name, wurde am 7.4.1889 in Vicuña in Chile geboren. 3 Ihr Heimatort, das Valle de Elqui, ist für ihr literarisches Werk von großer Bedeutung, ebenso für ihr Weltverständnis und ihre soziale und politische Gesinnung. Das ländliche Leben in der fruchtbaren Natur dieses Tals in den Vorkordilleren der Anden prägt ihre Kindheit und die Themen ihres späteren Werks mindestens so stark wie z.B. die Armut der Familie oder die Abstinenz des Vaters oder einer anderen männlichen Bezugsperson. 4 Aus dieser Lebenssituation heraus zieht Gabriela Mistral, die im Laufe dieser Arbeit nur noch mit
2 Vgl. Fiol-Matta, Licia, S.xiii
3 Vgl. Concha, Jaime, S.18
4 Vgl. Montes Brunet, Hugo, S.10
3
ihrem Pseudonym genannt werden soll, auf dessen Ursprung noch eingegangen wird, keine negativen sondern produktive Erfahrungen. Der Reichtum der Natur scheint die materielle Armut in ihr zu kompensieren. 5 Sie widmet sich sehr früh dem Schreiben, veröffentlicht mit 15 Jahren bereits Texte in Lokalzeitungen und wird im selben Alter Hilfslehrerin an einer Schule in La Serena, der nächsten großen Stadt im chilenischen ‚Norte Chico’. 6 Hier beginnt die Autorin ihre berufliche Laufbahn als Lehrerin, obwohl oder gerade weil sie als hochbegabte Schülerin schlechte Erfahrungen mit dem chilenischen Schulsystem gemacht hat. 7 Fast zwanzig Jahre lang arbeitet und reist Gabriela Mistral als Lehrerin und Schuldirektorin in ganz Chile, von Antofagasta im Norden bis Feuerland im Süden. 8 Ihre sozialpädagogische Arbeit und ihre angeblich kommunistische Einstellung werden in ihrem konservativ katholischen Heimatland und vor allem in dessen aristokratischer Oberschicht nicht geschätzt und so entscheidet sich die Autorin aus vermeintlich politischen Gründen, die Einladung des mexikanischen Bildungsministers José Vasconcelos anzunehmen und Chile 1922 zu verlassen, um in Mexiko im Zuge der dortigen Revolution an einer Bildungsreform mitzuwirken. 9 Zwei Jahre später reist sie zum ersten Mal nach Europa. 10 Seitdem und bis zu ihrem Tod im Jahr 1957 in New York 11 ist sie auf diplomatischen Reisen durch den sogenannten ‚alten’ europäischen und den ‚neuen’ amerikanischen Kontinent unterwegs, ruhelos, produktiv und immer nur ein paar Jahre an ein und demselben Ort wohnhaft. 12 Die Frage, ob diese Lebensweise etwas mit Exil, Heimat- oder gar Identitätssuche zu tun haben kann, soll im Verlauf dieser Arbeit wieder aufgegriffen werden. „[...] la Mistral no amaba ni amó nunca a Chile […]” 13 , heißt es bei Jaime Concha, und dennoch und obwohl die Autorin nach 1922 nur noch drei Mal kurz nach Chile zurückkehrt, 14 schreibt sie Zeit ihres Lebens nicht nur über die prekäre Situation Lateinamerikas im Allgemeinen, sondern im Konkreten auch über ihr Heimatland und dessen soziale Probleme, bietet Lösungsvorschläge an, und beschreibt vor allem in ihrer Lyrik ein Idealbild von der reinen Natur ihres geliebten Heimattals Valle de Elqui.
Ein weiterer wichtiger Punkt im Leben von Gabriela Mistral und für ihr Werk ist die Tatsache, dass sie, wie so viele Lateinamerikaner, eine Mestizin ist, d.h. sowohl indigene als
5 Vgl. Arrigoitia, Luis de, S.3
6 Vgl. Arrigoitia, Luis de, S.7
7 Vgl. Concha, Jaime, S.20
8 Vgl. Concha, Jaime, S.25
9 Vgl. Concha, Jaime, S.28
10 Vgl. Arrigoitia, Luis de, S.11
11 Vgl. Concha, Jaime, S.15
12 Vgl. Concha, Jaime, S.38
13 Concha, Jaime, S.23
14 Vgl. Concha, Jaime, S.23
4
auch spanische, in diesem Fall baskische, Vorfahren hat 15 und daher im übertragenen Sinn beide Gene in sich vereint: die der Konquistadoren, der Unterdrücker, und die der Indios, der Unterdrückten. Für Letztere bezieht sie Stellung, identifiziert sich mit ihnen und kämpft für ihre Rechte, sowohl die der Indios als auch die der Frauen oder Bauern, d.h. im Allgemeinen für die Rechte aller unterdrückten Klassen in der lateinamerikanischen Gesellschaft, auch wenn man diese als solche nicht pauschalisieren sollte.
1.2 Werk, Wirkung
Gabriela Mistral wurde v.a. bekannt als erster lateinamerikanischer Literaturnobelpreisträger und so zum Mythos im lateinamerikanischen und besonders im chilenischen Literaturunterricht. 16 Ein Mythos kümmert sich für gewöhnlich nicht um die Person oder Identität dahinter, sondern allein um deren vermeintliche Taten, die wiederum nur einseitig und opportunistisch betrachtet werden. Während man sich im chilenischen Volk bis heute der Literaturnobelpreisträgerin Mistral als Landsmännin und Lyrikerin rühmt, wird dort oft vergessen, dass sie Chile verließ, um u.a. dessen soziale Missstände in ihrer deutlich gesprochenen, aber im Allgemeinen zumindest in Chile eher überhörten, vergessenen oder ignorierten Prosa 17 anzuklagen. „Ha sido famosa, pero desconocida. Mucha gente cree aún hoy que ella sólo hacía poesía para niños o canciones escolares.” 18 , sagt Gissi und bezieht sich dabei auf den Mythos Mistral als „national schoolteacher-mother“ 19 , asexuelle ‘Mutter der Nation’, die selbst keine Kinder hatte, ländliche Lehrerin, leidende Christin, etc., 20 ein widersprüchliches post- oder prämodernes Bild 21 , mit dem sie sich selbst teilweise identifizierte und somit zu ihrer eigenen Mystifizierung, nicht zuletzt durch die Verwendung eines Pseudonyms, beitrug.
Sie erhielt den Literaturnobelpreis nicht durch Zufall 1945, Ende des Zweiten Weltkriegs. 22 Neben einigen vermeintlichen Widersprüchen und Dichotomien in ihrem Werk 23 bleibt eindeutig erkennbar, dass Gabriela Mistral, die nie einer politischen Partei angehörte, 24 durch und durch Pazifistin war und sich konsequent gegen jegliche politische Ideologie behauptete 25 und sich dennoch für viele einzelne sozialpolitische und revolutionäre Aktivitäten und gegen
15 Vgl. Figueroa, Lorena, S.55
16 Vgl. Arrigoitia, Luis de, S.2
17 Vgl. Lillo, Gastón, S.19
18 Gissi B., Jorge, S.89
19 Fiol-Matta, Licia, S.xiv
20 Vgl. Lillo, Gastón, S.20
21 Vgl. Blume, Jaime S., S.101
22 Vgl. Quezada, Jaime, S.16
23 Vgl. Ostria González, Mauricio, S.181ff.
24 Vgl. Vidal, Virginia, S.239
25 Vgl. Quezada, Jaime, S.16
5
Arbeit zitieren:
Juliane Fehlig, 2006, Das Problem der iberoamerikanischen Identität in der politischen Prosa von Gabriela Mistral, München, GRIN Verlag GmbH
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