Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung und Struktur 5
2. Begriffsbestimmung 7
2.1 Primärer/totaler Analphabetismus. 7
2.2 Sekundärer oder funktionaler Analphabetismus? 8
2.2.3 Funktionaler Analphabetismus. 10
2.3 Kompetenzgruppeneinteilung 13
2.4 Legasthenie in Abgrenzung zum funktionalen Analphabetismus. 14
3. Entdeckung des Analphabetismus in Deutschland. 15
3.1 Analphabetismus als historisch wandelbare Größe. 17
3.2 Quantitative Dimension von Analphabetismus. 17
3.3 IALS und PISA-Studie zur Ermittlung der Lese- und Schreib-kenntnisse. 19
3.3.1 IALS-Studie 19
3.3.2 PISA-Studie. 21
3.3.3 Bewertung der Studien 23
4. Kausalanalyse. 24
4.1 Familiensituation. 26
4.1.1 „Lesesozialisation in der Familie“ 28
4.1.2 Zusammenhang zwischen Fernsehkonsum und Analphabetismus 30
4.2 Schulsituation 31
4.2.1 Schulimmanente Faktoren. 32
4.3 Individuelle Faktoren 36
5. Alltagsstrategien von Analphabeten. 37
5.1 Kompensation schriftsprachlicher Defizite. 40
6. Prävention und Fördermaßnahmen 41
6.1 Alphabetisierung in VHS-Kursen 42
6.1.1 Methodische Ansätze an den Volkshochschulen 42
6.1.2 Praxis in den Alphabetisierungskursen 44
6.2 Family Literacy 45
6.3 E-Learning, www.ich-will-schreiben-lernen.de. 47
6.3.1 Umsetzung. 48
6.3.2 Aufbau. 49
6.4 Pilotprojekt „Elementare Schriftkultur“ 49
2
6.4.1 Durchführung des Projektes 50
7. Schlussbetrachtung. 54
8. Literaturliste 56
3
Abkürzungsverzeichnis
Abb. Abbildung APOLL Alfaportal Literacy Learning BLK Bund-Länder-Kommission bzgl. bezüglich bzw. beziehungsweise ca. cirka d.h. das heißt DRT Diagnostischer Rechstschreibtest et al. et alii etc. et cetera evtl. eventuell e.V. eingetragener Verein FörMig Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund Hrsg. Herausgeber IALS International Adult Literacy Survey LRS Lese-Rechtschreib-Schwäche LuTA Lebenssituation und Technik-Ausstattung funktionaler Analphabeten m.E. meines Erachtens OECD Organisation for Economic Cooperation and Development PISA Programme for International Student Assessment sog. so genannt u.a. und andere u.U. unter Umständen VHS Volkshochschule z.B. zum Beispiel z.T. zum Teil
4
1. Einleitung und Struktur
Dass Analphabetismus in einem Land auftritt, das vor mehr als einhundert Jahren die Schulpflicht eingeführt hat, erscheint paradox. Schulpflicht und Analphabetismus scheinen formal nicht zueinander zu passen und sie sollten als zwei sich ausschließende Sachverhalte isoliert voneinander betrachtet werden.
Normalerweise verortet man Analphabetismus in sog. Entwicklungsländer, in denen es weder Schulpflicht noch eine vernünftige Infrastruktur in der Bildung gibt. In solchen Ländern gehört es zur Normalität, dass nicht alle Menschen gleichermaßen mit Schulbildung versorgt werden können. Somit wird eine größere Gruppe von Analphabeten in Kauf genommen. Wenn man sich vergegenwärtigt, dass gerade in Deutschland eine nicht zu vernachlässigende Zahl funktionaler Analphabeten existiert, erscheint diese Sachlage geradezu unglaublich und inakzeptabel. Zumal die Schulpflicht notfalls auch mit polizeilicher Gewalt durchgesetzt werden kann. Überdies verfügt Deutschland, so sagt man zumindest, über eines der effektivsten Schulsysteme der Welt. 1 Wie kann es also möglich sein, dass in Deutschland geschätzte 4 Millionen Analphabeten 2 leben, obwohl diese Menschen häufig eine neunjährige Pflichtschulzeit absolviert haben? Die Ursache für diesen Umstand wird vorschnell bei den Betroffenen selbst gesucht. Denn wer nicht lesen und schreiben kann, verfügt nicht über die „einfachsten“ Grundfertigkeiten und wird oftmals als Dummkopf abgewertet. Dieser Auffassung zufolge ist die Fähigkeit, Lesen und Schreiben zu können, eng mit allgemeiner Intelligenz verknüpft. Dies wird durch die Tatsache unterstützt, dass der Großteil funktionaler Analphabeten entweder einen Hauptschul- oder einen Sonderschulabschluss haben. Dass solche Annahmen höchst eindimensional und realitätsfern sind, soll in dieser Arbeit näher ausgeführt werden. Die Biographieanalysen funktionaler Analphabeten zeigen, dass Schulpflicht und Analphabetismus in Deutschland keinen Widerspruch darstellen. Hierzulande hat man es mit einem Ursachengefüge zu tun, das neben individuellen Faktoren schulische, familiäre und soziale Faktoren einschließt, die sich ihrerseits wiederum wechselseitig bedingen. Die Ursachen für die Entstehung von Analphabetismus sind überwiegend multikausal und nicht auf einen Umstand zurückzuführen. Fördermaßnahmen für Erwachsene gibt es seit ca. 25 Jahren; Analphabetismus wurde als bundesrepublikanische Wirklichkeit erkannt und angegangen. Zu Beginn hatte man keine Erfahrung im Schriftspracherwerb erwachsener Analphabeten, weshalb auf Methoden des Anfangsunterrichts zurückgegriffen werden musste. Diese Methoden wurden jedoch bald an
1 Bremer, I.: Eine Minderheit mit Zukunft: Analphabeten in der Bundesrepublik. S. 26
2 Döbert, M.; Hubertus, P.: Ihr Kreuz ist die Schrift. Analphabetismus und Alphabetisierung in Deutschland.
S. 29
5
die Lebenswelt der erwachsenen Lerner angepasst. Neben der Erwachsenenbildung, die an den VHS-Kursen stattfindet, hat sich bisher noch kein nachhaltiges schulbegleitendes Konzept zur Prävention von Analphabetismus durchgesetzt. Vielmehr sind die gesamten Förderkonzeptionen so angelegt, dass sie erst greifen, wenn es bereits zu spät ist. Den hier aufgeworfenen Fragen soll im Folgenden nachgegangen werden.
In Kapitel zwei werden die in der Literatur vorgefundenen Begriffsdefinitionen erläutert und gegeneinander abgegrenzt.
Kapitel drei befasst sich mit der Entdeckung von Analphabetismus in Deutschland und dessen quantitativen Ausmaß. Dazu werden die PISA- und die IALS-Studie erläutert, die quantifizierte Aussagen über die Lesekompetenz der Deutschen treffen und diese in einen internationalen Kontext stellen.
Kapitel vier unternimmt eine Ursachenanalyse des Phänomens Analphabetismus; dabei werden die Sozialisationsinstanzen Familie und Schule betrachtet, um darzustellen, welche Probleme den Analphabetismus begünstigen können.
Kapitel fünf stellt mögliche Alltagstrategien funktionaler Analphabeten dar und zeigt auf, wie es möglich ist, dass Analphabeten weitestgehend unentdeckt leben können.
Kapitel sechs stellt schulische wie außerschulische Förder- bzw. Präventivkonzepte vor.
6
2. Begriffsbestimmung
In der wissenschaftlichen Diskussion unterscheidet man zwischen zwei bzw. drei verschiedenen Ausprägungen des Analphabetismus: Primärer oder totaler und sekundärer und funktionaler Analphabetismus. Einige Autoren differenzieren zwischen sekundärem und funktionalem Analphabetismus 3 , andere verwenden beide Begriffe synonym. 4 Wie sich später zeigen wird, bezeichnen m.E. beide Definitionen jedoch ein und denselben Sachverhalt: Durch einen mehr oder minder erfolgreichen Schulbesuch konnte Schriftsprache, wenn auch nur rudimentär 5 , angeeignet werden. Diese ging aber zu einem späteren Zeitpunkt in irgendeiner Form wieder verloren. Wieder andere teilen die unterschiedlichen Ausprägungen von Analphabetismus in Gruppen ein. 6
2.1 Primärer/totaler Analphabetismus
Primärer oder totaler Analphabetismus liegt vor, wenn keinerlei schulische Bildungsmaßnahmen zum Schriftspracherwerb genutzt wurden. 7 Döbert-Nauert spricht in diesem Zusammenhang auch von einem „natürlichen Analphabetismus“. 8
Diese Ausprägung von Analphabetismus ist in der Bundesrepublik eher selten anzutreffen, dafür umso häufiger in Ländern mit desolatem Schulsystem oder in solchen, in denen keine Schulpflicht existiert - wie in sog. Entwicklungsländern. 9 Die größte Gruppe primärer Analphabeten in Deutschland sind körperlich oder geistig behinderte Menschen, die aufgrund ihrer Behinderung nicht in der Lage sind oder waren, lesen und schreiben zu erlernen. 10 Eine weitere Gruppe primärer Analphabeten setzt sich aus
3 Hubertus, P.: Wo steht die Alphabetisierungsarbeit heute? S. 251; oder Heinz, R.-E.: Die Entwicklung der
schulischen Lese-Rechtschreibschwäche zu funktionellem Analphabetismus. S. 120
4 Kramer, W.: Beiträge zur Gesellschafts- und Bildungspolitik. S. 5
5 Kamper, G.: Analphabetismus trotz Schulbesuchs. Zur Bedeutung elementarer Fähigkeiten für Schwierigkeiten
beim Lesen- Schreibenlernen. S. 14
6 Giese, H.-W.: Bemerkungen zum gegenwärtigen Stand der Alphabetisierungsarbeit und zur wissenschaftlichen
Untersuchung des Analphabetismus in der Bundesrepublik. S. 34-35
7 Döbert-Nauert, M.: Verursachungsfaktoren des Analphabetismus. Auswertung von Interviews mit Teilnehmern
an der Volkshochschule Bielfeld. S. 3
8 ebenda
9 Nickel, S.: Funktionaler Analphabetismus - Ursachen und Lösungsansätze hier und anderswo.
Nichtveröffentlichter Vortrag vom 30.05.2002 zum IV. Internationale Woche im Fachbereich Erziehungs- und
Bildungswissenschaften der Universität Bremen.
10 Döbert, M.; Hubertus, P.: Ihr Kreuz ist die Schrift. Analphabetismus und Alphabetisierung in Deutschland.
S. 20
7
Ausländern/Immigranten 11 zusammen, die aufgrund der schlechten schulischen Infrastruktur ihres Heimatlandes oder in Ermangelung finanzieller Mittel keine Schule besuchen konnten. 12 Hendricks folgert daraus, dass es in diesen Gesellschaften keine Ausnahme darstellt, Analphabet zu sein. 13 Dort kann Analphabetismus nahezu als Normalzustand betrachtet werden.
Primäre oder totale Analphabeten sind demzufolge Menschen, die in Folge eines fehlenden Schulbesuchs nie lesen und schreiben gelernt haben, und die nicht einmal rudimentäre Kenntnisse im Lesen und Schreiben aufweisen können.
2.2 Sekundärer oder funktionaler Analphabetismus?
Die Frage, ob der funktionale vom sekundären Analphabetismus zu unterscheiden ist, hat fachwissenschaftliche Diskussionen ausgelöst.
Ulrich spricht vom sekundären Analphabetismus und gebraucht ihn in Abgrenzung zum primären Analphabetismus, wie er bei Kleinkindern vor Schuleintritt existiert oder bei Erwachsenen, die zu keiner Zeit eine Schule besucht haben. 14 Die geläufigste Definition von sekundärem Analphabetismus ist jedoch die von Hubertus. Demnach liegt sekundärer Analphabetismus vor,
„wenn nach mehr oder weniger erfolgreichem Erwerb der Schriftsprache während der Schulzeit in späteren
Jahren ein Prozess des Verlernens, aufgrund von Vermeidung und Nichtanwendung einsetzt, und Kenntnisse und
Fähigkeiten verloren gehen“. 15
Die Definition von Hubertus ist jedoch auf den funktionalen Analphabetismus gleichermaßen anwendbar. So definiert Kainz den funktionalen Analphabetismus annähernd deckungsgleich; für die Autorin ist ein funktionaler Analphabet dadurch gekennzeichnet, dass er zum größten Teil seine Pflichtschuljahre absolviert hat und aus unterschiedlichen Gründen die Fähigkeiten, zu lesen und schreiben, zu einem späteren Zeitpunkt wieder verloren hat. 16 Der Terminus des funktionalen Analphabetismus wird verwendet, da Funktionen verkümmern bzw. verlernt werden, wenn sie nach längerer Zeit nicht gebraucht wurden. 17 Auch Egloff benutzt beide Begriffe synonym. Sie geht davon aus, dass die Betroffenen (sekundärer wie funktionaler Analphabet) zwar eine Schule besucht und oft auch
11 Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf eine geschlechtsspezifische Trennung verzichtet und die
männliche Form verwendet. Wenn in dieser Arbeit von Analphabeten, Schülern, Migranten, Lehrern etc.
gesprochen wird, sind auch Analphabetinnen, Schülerinnen, Migrantinnen, Lehrerinnen etc. gemeint.
12 ebenda
13 ebenda
14 Ulrich, W.: Funktionaler Analphabetismus in der Bundesrepublik Deutschland. S. 555
15 Hubertus, P.: Wo steht die Alphabetisierungsarbeit heute? S. 251
16 Kainz, J.: Funktionaler Analphabetismus im Medienzeitalter. Ursachen und Folgen: die Bedeutung der
Medien. S. 13
17 Nelles-Bächler, I: Analphabeten in unserer Gesellschaft. S. 1-8
8
abgeschlossen haben, jedoch nicht in der Lage sind, Schriftkenntnisse im Alltag praktisch anzuwenden. 18 Ihr zufolge haben die Betroffenen aus verschiedenen Gründen das Lesen und Schreiben entweder nicht vollständig gelernt oder später wieder verlernt. 19 Die einleuchtendste Definition von sekundärem Analphabetismus geben Hubertus und Nelles-Bächler. Der sekundäre Analphabetismus stellt hier einen »Sonderfall« 20 des funktionalen Analphabetismus dar. Demnach ist „ein sekundärer Analphabet [...] vom funktional Alphabetisierten zum funktionalen Analphabeten geworden.“ 21 Mit dem Verlorengehen einmal erworbener funktionaler Fähigkeiten von Schriftsprache (z.B. dem Lesen von Fahrplänen etc.) geht ein Unterschreiten gesellschaftlich bestimmter Mindeststandards einher. 22 Damit stellt der sekundäre Analphabetismus einen Sonderfall dar und wird ebenfalls in Abgrenzung zum primären Analphabetismus gebraucht.
Für Kamper ist der Terminus „sekundärer Analphabet“ jedoch irreführend, da er impliziere, dass die Betroffenen Personen nach Verlassen der Pflichtschule lesen und schreiben konnten. 23 Untersuchungen bei Abgängern von Sonder- und Hauptschulen belegen jedoch, dass die Personen bereits in den Anfangsklassen aus unterschiedlichen Gründen Probleme im Schriftspracherwerb hatten. Sie kritisiert an diesem Begriff, dass es weniger um das Verlernen einer höchstens rudimentär erworbenen Eigenschaft 24 geht, sondern eher um die Problematik, dass Lesen und Schreiben von Anfang an nicht erfolgreich erlernt wurde. Da zu keiner Zeit zufriedenstellende Kenntnisse im Bereich der Schriftsprache erworben werden konnten 25 , kann kein Verlernen erworbener Fähigkeiten erfolgen. Der Terminus sekundärer Analphabetismus ist letztlich nur in Abgrenzung zum primären Analphabetismus entstanden 26 , und ist m.E. synonym zum funktionalen Analphabetismus zu verwenden.
18 Egloff, B. „Blind, taub und sprachlos. Der Analphabet“. Zur Konstruktion eines Phänomens. S. 133
19 ebenda
20 Hubertus, P.: Wo steht die Alphabetisierungsarbeit heute? S. 251
21 Döbert, M.; Hubertus, P.: Ihr Kreuz ist die Schrift. Analphabetismus und Alphabetisierung in Deutschland.
S. 20
22 Hubertus, P.: Wo steht die Alphabetisierungsarbeit heute? S. 251
23 Kamper, G.: Analphabetismus trotz Schulbesuchs. Zur Bedeutung elementarer Fähigkeiten für
Schwierigkeiten beim Lesen- und Schreibenlernen. S. 166
24 ebenda
25 Egloff, B.: Biographische Muster „funktionaler Analphabeten“. Eine biographieanalytische Studie zu
Entstehungsbedingungen und Bewältigungsstrategien von „funktionalem Analphabetismus“. S. 41
26 Kamper, G.: Analphabetismus trotz Schulbesuchs. Zur Bedeutung elementarer Fähigkeiten für
Schwierigkeiten beim Lesen- und Schreibenlernen. S. 166
9
2.2.3 Funktionaler Analphabetismus
Funktionaler Analphabetismus beschreibt die Unkenntnis, Schriftkenntnisse „funktional“ anzuwenden. 27 Zunächst erscheint diese Definition eindeutig: Schriftsprache kann nicht in der Weise eingesetzt werden, so dass eine alltägliche Lese- und Schreibsituation angemessen bewältigt werden und Sprache als Schrift funktional genutzt werden kann. 28 Funktionaler Analphabetismus zeichnet sich dadurch aus, dass die Betroffenen im Gegensatz zu primären Analphabeten ihre neunjährige Pflichtschulzeit zwar absolviert haben, aber aus verschiedenen Gründen keine ausreichenden schriftsprachlichen Kenntnisse erlernen konnten. Diese Personen sind häufig in der Lage, ihren Namen und evtl. einzelne Wörter und Buchstaben zu schreiben 29 , es geht jedoch mit diesen rudimentären Kenntnissen das Unterschreiten alltäglicher Anforderungen an Schriftsprache einher. Um in einem von Schriftsprache geprägten Alltag zu bestehen, ist mehr erforderlich als die Fähigkeit, den eigenen Namen lesen und schreiben zu können.
Die „Anforderungen an Schriftsprache“ hat Drecoll bereits 1981 zu definieren versucht. Demnach bedeutet funktionaler Analphabetismus:
„[...] ein Unterschreiten gesellschaftlicher Mindestanforderungen an die Beherrschung der Schriftsprache, deren
Erfüllung Voraussetzung ist zur sozial streng kontrollierten Teilnahme an schriftlicher Kommunikation in allen
Arbeits- und Lebensbereichen.“ 30
Die „gesellschaftlichen Mindestanforderungen“ führt er auf einen gesellschaftlich gesetzten Konsens zurück, der sich erfahrungsgemäß auf bestimmte Anforderungsbereiche des Alltags bezieht. Die Anforderungsbereiche sind der Arbeits- und Konsumbereich, Verkehr und Behördenverkehr, etc. 31
Diese Mindestfertigkeiten klammern das Lesen von Büchern und Zeitungen zu Unterhaltungszwecken und als Informationskanal aus. Es handelt sich um einen gesellschaftlichen Konsens, der notwendig ist, um alltägliche Anforderungen an Schriftsprachlichkeit zu bestehen; darunter kann das Lesen von Busfahrplänen, von Bedienungsanleitungen etc. gefasst werden. Schriftsprache wird nach dieser Definition ausschließlich funktional betrachtet und das Unterschreiten der Mindestfertigkeiten hat den funktionalen Analphabetismus zur Folge.
27 Tymister, U.: Schriftspracherwerb funktionaler Analphabeten. Lernprozesse Erwachsener unter
Berücksichtigung des Computereinsatzes. S. 1
28 Ulrich, W.: Funktionaler Analphabetismus in der Bundesrepublik Deutschland. S. 555
29 ebenda
30 Drecoll, F.: Funktionaler Analphabetismus - Begriff, Erscheinungsbild, psycho-soziale Folgen und
Bildungsinteressen. S. 31
31 ebenda, S. 32
10
Nickel merkt zu den Mindeststandards von Schriftsprache kritisch an, dass es in einer diversifizierten Gesellschaft, in der z.B. an einen Mechaniker andere Anforderungen an Schriftsprache gestellt werden, als an einen Manager, problematisch ist, von einheitlichen Mindeststandards zu sprechen. 32 Denn, so Nickel weiter, würde dies nicht bedeuten, „dass sich unterschiedliche Mindest-Anforderungsprofile für unterschiedliche Berufsgruppen oder sozio-kulturelle Subgruppen festlegen ließen?“ 33
Nickel versucht in überspitzter Form die Problematik der Mindestanforderungen an einem Beispiel zu erläutern: Wenn für Hilfsarbeiter wie für Hochschulprofessoren gleiche Mindeststandards festschreibbar wären, so müssten Akademiker beim Unterschreiten dieser Standards als Analphabeten bezeichnet werden. 34 Oder anders: Würde man einen Arbeiter, der mit der klassischen deutschen Literatur auf Kriegsfuss steht, weil ihm u.U. die Sprache zu anspruchsvoll ist, als Analphabeten bezeichnen? Wohl kaum.
Das Dilemma ist, dass durch einheitlich gesetzte Mindestanforderungen Personen mit einem unterschiedlichen Alphabetisierungsgrad bei der Unterschreitung solcher Anforderungen zu Analphabeten degradiert werden, obwohl ihr jeweiliges gesellschaftliches Umfeld und damit die Ansprüche an ihre Lese- und Schreibkompetenzen nicht den Mindestanforderungen angemessen ist. Folglich würde der Arbeiter als funktionaler Analphabet bezeichnet werden, nur weil er den Schriftsprachkenntnissen der Akademiker nicht genügt. Zwar gibt es so etwas wie berufsgruppenspezifische Anforderungen an Schriftsprache, aber keine, den unterschiedlichen Lebenssphären in der Gesellschaft angepassten, Mindestanforderungen an den Schriftspracherwerb. Thierstein erläutert die Problematik am Beispiel eines Hirten im Gebirge und eines Lagerarbeiters in der Stadt. 35 Beide Berufsfelder stellen andere Anforderungen an Schriftsprache, folglich muss die Lese- und Schreibkompetenz im jeweiligen gesellschaftlichen Kontext bewertet werden. Döbert-Nauert entwickelt die Definition des funktionalen Analphabetismus weiter, indem sie im Zusammenhang von funktionalem Analphabetismus von „bestimmten gesellschaftlichen schriftsprachlichen Anforderungen, die von den Betroffenen nicht erfüllt werden können“ 36 , spricht. Was diese beinhalten, beantwortet sie mit einem Zitat von Matzke: Unter Alltagsanforderungen versteht die Autorin das Lesen von Bedienungsanleitungen oder Etiketten, das Ausfüllen von Stundenzetteln oder Bewerbungen, bargeldloser
32 Nickel, S.: Was heißt eigentlich „funktional alphabetisiert“? Oder: Wie viel Lesen und Schreiben braucht der
Mensch. S. 8
33 ebenda, S. 9
34 ebenda, S. 9
35 Thierstein, C.: Am Anfang war Herr Z. - Eine Einführung ins Thema. S. 16
36 Döbert-Nauert, M.: Verursachungsfaktoren des Analphabetismus. Auswertung von Interviews mit
Teilnehmern an der Volkshochschule. S. 4
11
Zahlungsverkehr, etc. 37 Nach dieser Definition ist jeder funktional alphabetisiert, der grundlegende schriftsprachliche Anforderungen im Alltag erfüllen und so ein reibungsloses Gelingen des Tagesablaufes ohne Zuhilfenahme Dritter sicherstellen kann. Folglich ist jeder funktional alphabetisiert, der elementarste schriftsprachliche Kenntnisse besitzt, die für alltägliche Anforderungen ausreichend erscheinen.
Gray hat in dieser Hinsicht schon 1956 eine eindeutigere Definition aufgestellt, die auch 1969 von der UNESCO übernommen wurde, um den funktionalen Analphabetismus allgemeingültig zu umschreiben:
»A person is functionally literate when he has acquired the knowledge and skills in reading and writing which
enable him to engage effectively in all those activities in which literacy is normally assumed in this culture and
group.« 38
Gray betont hier das Vorhandensein der Kultur oder der gesellschaftlichen Gruppe, in der Aktivitäten zur Lese- und Schreibfähigkeit vorausgesetzt werden, um als funktional alphabetisiert zu gelten. Er differenziert somit die Anforderungen an Schriftsprache in verschiedene gesellschaftliche Bereiche. Werden diese Anforderungen aus einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe nicht erfüllt, ist jemand innerhalb jener Gruppe als funktionaler Analphabet zu bezeichnen. Matzke hingegen kritisiert an dieser Definition, dass das Verständnis von ‚literacy’ auf die Anwendungsfunktion reduziert sei; der emanzipatorische Charakter von Bildung, der über die reine Reproduktion von Erlerntem hinausgehe, würde dabei völlig außer acht gelassen. 39 Diese Kritik trifft nicht nur auf den englischsprachigen Begriff „literacy“ zu, sondern auch auf das deutsche Pendant des funktionalen Analphabetismus. Die Definition ist ausschließlich anwendungsbezogen; Lesen als Freizeitbeschäftigung oder zu Informationszwecken spielt keine Rolle. So gilt derjenige als funktional alphabetisiert, der Schriftsprache rein funktional gebraucht, um den Alltag zu bestehen.
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass funktionale Analphabeten gesellschaftlichen Aufgaben nicht gewachsen sind, in denen Literalität erforderlich ist. Ihnen fehlt die Befähigung zum fortdauernden Gebrauch von Lesen, Schreiben und Rechnen 40 zu
37 Matzke, P.: Funktionaler Analphabetismus in den USA. Zur Bildungsbenachteiligung in
Industriegesellschaften. München, 1982. S.2. Zitiert nach: Döbert-Nauert, M.: Verursachungsfaktoren des
Analphabetismus. Auswertung von Interviews mit Teilnehmern an der Volkshochschule. S. 3
38 Gray, W. S.: The Teaching of Reading and Writing. Paris, 1956. Zitiert nach: Drecoll, F.: Funktionaler
Analphabetismus - Begriff, Erscheinungsbild, psycho-soziale Folgen und Bildungsinteressen. S. 40
39 Matzke, P.: Funktionaler Analphabetismus in den USA. Zur Bildungsbenachteiligung in
Industriegesellschaften. München, 1982. S.2. Zitiert nach: Romberg, S.: Wege Erwachsener in die Welt der
Schrift. Schreibprozesse bei funktionalen Analphabeten. S. 25
40 Funktionalen Analphabeten weisen auch erhebliche Defizite im mathematischen Verständnis auf. Dies ist als
Folgeerscheinung des Analphabetismus zu sehen, da auch in solchen Fächern das Lesen unerlässlich ist.
12
ihrer eigenen und gesellschaftlichen Weiterentwicklung. 41 Nach Nickel und Hubertus hängt funktionaler Analphabetismus nicht nur von den individuellen Lese- und Schreibkenntnissen ab, sondern auch von dem Grad der Schriftsprachbeherrschung der konkreten gesellschaftlichen Gruppe. 42
2.3 Kompetenzgruppeneinteilung
Giese nimmt zu eben genannten Definitionen keinen Bezug, sondern teilt Analphabeten bzw. Menschen mit Lese- und Schreibdefiziten in Kompetenzgruppen ein. Diese Gruppierungen repräsentieren in aufsteigender Reihenfolge die Fähigkeit zur Beherrschung der Schriftsprache. Die Skala reicht von „keine Kenntnisse“ bis „Fehler in der Orthographie“. Demnach ergibt sich folgende Gliederung: »Gruppe 1: Völlige Analphabeten, die allenfalls ihren Namen schreiben können und einzelne Buchstaben
identifizieren können.
Gruppe 2: Analphabeten, die über rudimentäre Grundkenntnisse verfügen. Sie kennen eine Reihe von
Buchstaben, sie wissen, daß die Buchstaben Lautwerte repräsentieren, sie können Einzelwörter
lesen.
Gruppe 3: Analphabeten, die über rudimentäre Lesefähigkeiten verfügen, aber nicht schreiben können. In
dieser Gruppe ist das Prinzip der Lautschrift-Zuordnung verstanden worden, kann aber nur für
eine stockende Lesetechnik herangezogen werden; einige Wörter können nur aus dem
Gedächtnis heraus geschrieben werden.
Gruppe 4: Lese-Schreib-Fähige mit gravierenden Schwierigkeiten. Die dieser Gruppe Zuzuordnenden
können mit geringen Schwierigkeiten lesen, aber kaum schreiben. Wichtige Phänomene der
deutschen Schrift-Laut-Zuordnung (Dehnung, Schärfung, Auslautverhärtung etc.) werden nicht
beherrscht. Es bestehen große Schwierigkeiten in der kognitiven Konstruktion von
niederzuschreibenden Texten.
Gruppe 5: Lese- und Schreibfähige mit spezifischen Schwierigkeiten in der Orthographie, der
Interpunktion und der Textkonstruktion.« 43
Diese Einteilung wird insofern dem Phänomen gerecht, da sie ausschließlich die verschiedenen Ausprägungen der Lese- und Schreibschwäche zu kategorisieren versucht, ohne den gesellschaftlichen Kontext, der bei Mindestanforderungen von zentraler Bedeutung ist, mit einzubeziehen. Insofern ist diese Einteilung differenzierter und eindeutiger als andere Definitionen, da sie sich nicht auf gesellschaftliche Mindeststandards oder alltägliche Anforderungen beruft, die z.T. missverständlich sein könnten. Kretschmann et al. merken dazu kritisch an, dass zwar die ersten drei Gruppierungen in treffender Weise den funktionalen Analphabetismus beschreiben, die Letzte aber als problematisch gelten muss, da kaum Personen von sich behaupten können, Orthographie und
41 Bremer, I.: Eine Minderheit mit Zukunft: Analphabeten in der Bundesrepublik. S. 20
42 Hubertus, P.; Nickel, S.: Alphabetisierung von Erwachsenen. S. 11
43 Giese, H.-W.: Bemerkungen zum gegenwärtigen Stand der Alphabetisierungsarbeit und zur wissenschaftlichen
Untersuchung des Analphabetismus in der Bundesrepublik. S. 34-35
13
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