Inhaltsangabe
1 Einleitung 2
2 Zur Entstehungsgeschichte des Symbolischen Interaktionismus 3
3 Der Symbolische Interaktionismus nach HERBERT BLUMER 4
3.1. Grundsätze des Symbolischen Interaktionismus 4
3.2. Kernvorstellungen des Symbolischen Interaktionismus 6
3.2.1. Menschliche Gesellschaft 6
3.2.2. Soziale Interaktion 7
3.2.3. Objekte 8
3.2.4. Der Mensch als handelnder Organismus 9
3.2.5. Menschliches Handeln 10
3.2.6. Handlungsverkettung 12
4 Bedeutsame Aspekte für die Kommunikationswissenschaft 13
4.1. Interpersonale Kommunikation und Verständigung 14
4.2. Neues Selbstverständnis 16
4.3. Organisationskommunikation 17
5 BLUMERs Handlungstheorie im kommunikations-wissenschaftlichen Diskurs eine
abschließende Betrachtung 18
Literatur 20
1
1 Einleitung
Menschliche Gesellschaft und Kommunikation sind untrennbar miteinander verbunden. Das macht die Wissenschaft der Kommunikation zu einer interdisziplinären Empirie, die ganz wesentlich auf Grundgedanken zum Beispiel der Psychologie oder Soziologie auf- bauen kann. Zudem handelt es sich um eine relativ junge Wissenschaft, deren Selbstver- ständnis sich ohne einen solchen Rückgriff nur schwerlich etablieren könnte. In diesem Zusammenhang sei besonders der Einfluss der Sozialwissenschaft zu betonen. Sie hält eine Reihe von Theorien bereit, die soziale Phänomene beschreiben oder erklären. Menschli- ches Handeln und Verständigung spielen dabei oft eine Rolle, sodass Forscher zu grundle- genden Erkenntnissen für die Kommunikationswissenschaft kommen können.
Die Frage, ob die Theorie des Symbolischen Interaktionismus nach dem Soziologien
HERBERT BLUMER (1900 – 1987) eine ebensolche für die Kommunikationswissen-
schaft bedeutende Theorie darstellt, war Gegenstand des Proseminars „Theorien interper- sonaler Kommunikation“, das im Sommersemester 2006 an der Universität Greifswald angeboten wurde. Neben zahlreichen anderen sozialwissenschaftlichen und sozialpsycho- logischen Theorien, wurde dort die BLUMER´sche Handlungstheorie beleuchtet. Die vor- liegende Hausarbeit ist aus diesem Seminar heraus entstanden und soll zeigen, ob und wel- che relevanten Rückschlüsse für die interpersonale Kommunikation aus dieser Theorie zu ziehen sind.
Im Zentrum der Sozialtheorie nach BLUMER steht der Mensch als handelndes Indivi- duum, dessen wahrgenommene Umwelt in jeder Situation von ihm selbst neu erschaffen wird. Der Mensch lebt in einer permanent wandelnden Welt, die höchst subjektiv erfahren wird und nur auf der Grundlage wechselseitiger Verständigung mit anderen Menschen begründet werden kann. Wie dies genau funktioniert und welche Folgerungen BLUMER daraus für die menschliche Gesellschaft ableitet, soll im dritten Kapitel der vorliegenden Arbeit geklärt werden. Dabei stellt der 1973 von ihm auf Deutsch veröffentlichte Artikel „Der methodologische Standort des Symbolischen Interaktionismus“ 1 die wesentliche Textgrundlage dar. Zunächst jedoch soll im zweiten Abschnitt eine kurze historische Aus- führung zur Entstehung des Symbolischen Interaktionismus vorgenommen werden. Im letzten Kapitel der Arbeit sollen dann die Ansätze herausgearbeitet werden, die BLUMER für die Kommunikationswissenschaft bedeutend machen.
1 BLUMER, S. 80-146.
2
2 Zur Entstehungsgeschichte des Symbolischen Interak-
tionismus
BLUMERs Schaffen bezüglich des Symbolischen Interaktionismus ist weitgehend auf die Ideen des amerikanischen Wissenschaftlers GEORGE HERBERT MEAD (1863–1931) zurückzuführen. Dieser direkte Einfluss lässt sich leicht nachvollziehen, denn BLUMER war Schüler des Professors für Philosophie und Psychologie. 1928 promovierte BLUMER an der University of Chicago, bevor sein Mentor drei Jahre später verstarb. Fortan über- nahm BLUMER dessen wissenschaftliche Lehre und blieb in Chicago, bis er 1952 nach Berkeley an die University of California wechselte. Auch MEADs kognitives Erbe der sozialtheoretischen Ansätze führte er weiter. Im Mittelpunkt seiner Arbeit standen dabei MEADs Annahmen zur symbolvermittelten Kommunikation, die er übernahm und vertief- te. BLUMER betrachtet darin das Individuum als aktiv Handelnden im menschlichen In- teraktionsprozess und versucht, sich von traditionellen Ansichten der Psychologie und So- ziologie abzugrenzen. Das kommt besonders zum Ausdruck, wenn er seinen theoretischen Grundannahmen einen „wirklichkeitsverbundenen Ansatz der wissenschaftlichen Erfor- schung“ 2 zuspricht, der auf Methoden der sogenannten „weichen Wissenschaft“ (z.B. Beo- bachtung, Interviews) aufbaut.
MEAD selber wird oft als Begründer und Vertreter des Symbolischen Interaktionismus
dargestellt, was prinzipiell nicht falsch ist. Doch war es BLUMER, der als Wissenschaftler der namhaften „Chicagoer Schule“ der wichtigste Motor dieses eigenständigen soziologi- schen Paradigmas war. Die Ideen und Autoren, die allgemein auf diesen theoretischen An- satz zurückzuführen sind, sind weitaus zahlreicher und nicht nur auf BLUMER – und da- mit auch Urvater MEAD – zu reduzieren. BLUMER selbst hebt diesen Aspekt hervor und erwähnt in diesem Zusammenhang herausragende amerikanische Wissenschaftler wie
WILLIAM JAMES (1842-1910), JOHN DEWEY (1859-1952) oder CHARLES HORTON
COOLEY (1864-1929). 3 Dessen ungeachtet war es aber BLUMER, der dieser Denkrich-
tung erst den Eigennamen gab: 1937, sechs Jahre nach dem Tod von MEAD, erwähnte er den Begriff „Symbolischer Interaktionismus“ das erste Mal in einem Artikel.
2 Ebd. S. 130.
3 Vgl. ebd., S. 80.
3
3 Der Symbolische Interaktionismus nach HERBERT
BLUMER
Wie eben herausgestellt, basieren die grundlegenden Gedanken HERBERT BLUMERs auf MEADs sozialtheoretischen Ansätzen. BLUMER greift daher in seinen Arbeiten auch im- mer wieder direkt auf ihn zurück. An gegebenen Stellen der folgenden Kapitel werden MEADs Ansichten parallel erläutert – genau wie es BLUMER in seinen Arbeiten getan hat.
BLUMERs Anliegen ist es, Aussagen über Gesellschaft und soziale Phänomene wie per- sonale Interaktion oder menschliches Handeln zu machen. Das erfordert vorab bestimmter Grundannahmen, die entscheidend für das Verstehen des Symbolischen Interaktionismus sind. Es gilt also, zunächst diese Prämissen zu erläutern. Danach soll im Abschnitt 3.2. auf deren Schlussfolgerungen eingegangen werden.
3.1. Grundsätze des Symbolischen Interaktionismus
BLUMERs Theorie wird von drei Prämissen gestützt, die allgemeine Aussagen über Ge- sellschaft und soziale Wirklichkeit enthalten.
Die erste Prämisse lautet:
„Menschen (handeln, A.W.) „Dingen“ gegenüber auf der Grundlage von Bedeutungen ..., die diese
„Dinge“ für sie haben.“ 4 Dabei verbergen sich hinter dem Begriff „Dinge“ alle existenten Sachverhalte, die ein Mensch wahrnehmen kann. Folglich handelt es sich um gegenständliche (z.B. ein Buch oder eine Person) oder abstrakte Elemente (z.B. Gerechtigkeit oder Vertrauen), die BLU-
MER damit meint.
Viel entscheidender bei dieser Aussage ist jedoch der Begriff „Bedeutung“. Ganz maßgeb- lich macht BLUMER hier darauf aufmerksam, dass sich der Symbolische Interaktionismus von traditionellen Ansichten der Sozialwissenschaft stark abhebt. Da diese Abgrenzung zu einem besseren Verständnis der ersten Prämisse beiträgt, soll hier auch auf diese Weise argumentiert werden: „Dinge“ tragen weder von sich aus eine Bedeutung in sich – wie es zum Beispiel der Realismus meint –, noch entstehen sie bei den einzelnen Individuen durch innere psychologische Prozesse – wie dies die Ansicht der Psychologie ist. Bevor Menschen also handeln, schreiben sie den Dingen, um die es in der Handlung geht, spezifi-
4 BLUMER, S. 81.
4
sche Bedeutungen zu. Um nun zu verstehen, wann und wie dieser Vorgang funktioniert, muss die zweite Prämisse hinzugezogen werden:
„Die Bedeutung ... solcher „Dinge“ (ist, A.W.) aus der sozialen Interaktion, die man mit seinem Mit- menschen eingeht, abgeleitet.“ 5 Der Mensch kann im Handlungsprozess nicht isoliert betrachtet werden. Einem Sachver- halt wird stets auf der Grundlage der Auseinandersetzung mit mindestens einem anderen Menschen eine Bedeutung zugeschrieben.
Anhand eines Beispiels kann diese Sichtweise einleuchtend verdeutlicht werden: Ange- nommen, Person A weint. Eine zweite Person – Person B – umarmt daraufhin ihr Gegen- über. Eindeutig handelt sich bei dem „Ding“ um die Tränen, die der Person A in den Au- gen stehen. Eine Träne an sich hat jedoch keine Bedeutung. Aus dieser Sicht betrachtet, verbirgt sich hinter einer Träne lediglich ein physischer Körper, der zum größten Teil aus Wasser besteht. In einem interpersonalen menschlichen Prozess jedoch, so wie er mit Per- son A und B beschrieben werden kann, wird die „Träne“ gewissermaßen aus diesem in- haltslosen Zustand „herausgelöst“. Damit dies geschehen kann, spielt ein Faktor die wohl größte Rolle beim Symbolischen Interaktionismus: die Art und Weise, wie eine Person dem Sachverhalt – im Beispielfall die Tränen – gegenüber handelt. Dies bildet dann die Basis für die Reaktion von Person B, die Person A umarmt. Treffend umschreibt BLU-
MER die Bedeutung von Dingen sodann als „soziale Produkte“ 6 .
Schließlich bezieht sich die dritte Prämisse auf die Nutzung von Bedeutungen: „Diese Bedeutungen (werden, A.W.) in einem interpretativen Prozess, den die Person in ihrer Aus- einandersetzung mit den ihr begegnenden Dingen benutzt, gehandhabt und abgeändert.“ 7 Hier wird der Unterschied zur traditionellen Soziologie und Psychologie erneut sehr deut- lich: Bedeutungen werden geschaffen – und zwar kontinuierlich und immer wieder von neuem. Sie sind nicht, wenn sie einmal in einer Situation von Menschen verstanden wur- den, für immer abrufbar vorhanden. Von dieser Ansicht distanziert sich BLUMER explizit. Er betont, dass es einem Interpretationsprozess 8 bedarf, nämlich jedes Mal, wenn es sich um einen interpersonalen Akt handelt. Dieser besteht aus zwei Etappen: Zunächst muss eine Person, bevor sie überhaupt handeln kann, den Sachverhalt wahrnehmen und sich selbst bewusst machen. Um auf das Beispiel der weinenden Person A zurückzukommen, so wird Person B auf das Weinen aufmerksam und verinnerlicht diese Sachlage. Der zweite
5 Ebd., S. 81.
6 Ebd., S. 83.
7 Ebd., S. 81.
8 Ebd., S. 84.
5
Quote paper:
Anne Waldow, 2006, Der Symbolische Interaktionismus nach Herbert Blumer aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht, Munich, GRIN Publishing GmbH
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Mead, Blumer und der symbolische Interaktionismus
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