mich wie ein Quäker und befehle mir viel; ja ich bringe darin häufig Einfälle vor, die ich gar nicht drucken lasse, weil entweder kein Zusammenhang für sie auszumitteln ist, oder weil sie an sich nichts taugen.“
(JEAN PAUL. Werke. Erster Band, Hanser Verlag, München, 1960)
Seine „tanzende, taumelnde“ Phantasie wird zum kreativen Ereignis, gegen das er nicht ankämpft, sondern das er im Gegenteil lustvoll ausgekostet. Diese Arbeitsweise ist für Jean Paul typisch. Zahlreiche Exzerpte, die er auf Grund seines großen Lesebedürfnisses und seiner beschränkten finanziellen Mittel von ihm angefertigt wurden, bilden die Grundlage seines schriftstellerischen Schaffens. Wie das Schulmeisterlein Wutz schreibt Jean Paul seine Bibliothek selbst. „Der wichtige Umstand, […] ist nämlich der, daß Wutz eine ganze Bibliothek - wie hätte der Mann sich eine kaufen können? - sich eigenhändig schrieb.“ (JEAN PAUL. Leben des vergnügten Schulmeisterlein Wutz in Auenthal. Eine Art Idylle, Reclam jun., Stuttgart, 1977)
In den Vorreden des Hesperus zeigt sich deutlich, wie sehr Jean Paul das Schreiben als Fleiß und handwerklichen Prozess betrachtet. Zuerst fängt er das „Fallobst“ auf, das es später zu „sichten“ gilt, um daraus schließlich „organische Kügelchen“, „Phönixasche“, oder „schimmernde Fasanereien“ zu machen. In seinen Exzerpten vereinigt Jean Paul Dinge quer durch alle Wissens- und Wissenschaftsgebiete miteinander. Die bewusste Abkehr von der romantischen Vorstellung des feingeistigen Dichters ist heute durchaus üblich, für damalige Verhältnisse allerdings revolutionär. Gleichzeitig bekommt der Leser einen ungewöhnlich offenen Einblick in die Arbeitsweise Jean Pauls. Chaotisch aufschäumende Gedanken, die sich wirr und ungeordnet dem Geist des Dichters aufdrängen, werden aufgeschrieben, um sie später zu redigieren. Ein Zustand, der zahlreichen Schriftstellern jener Zeit nicht unbekannt ist, den sie allerdings nie in ihrer Prosa erwähnt haben.
So kannte auch Gotthold Ephraim Lessing diese Form kreativer Auswüchse, der „in seiner Laune die allerfremdesten Ideen zu paaren [wusste], um zu sehen, was für Geburten sie erzeugen würden. Durch dieses ohne Plan hin und her Würfeln der Ideen entstanden zuweilen ganz sonderbare Betrachtungen, von denen er nachher guten Gebrauch zu machen wußte.“ (MOSES MENDELSSOHN. An die Freunde Lessings, 1974) Ebenso war sich Friedrich Schiller dieses Zustandes bewusst, der in einem Brief an seinen Freund Christian Gottfried Körner am 1. Dezember 1788 schrieb: „Es scheint nicht gut und dem Schöpfungswerke der Seele nachtheilig zu seyn, wenn der Verstand die zuströmenden Ideen, gleichsam an den Thoren schon zu scharf mustert. Eine Idee kann, isoliert betrachtet,
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sehr unbeträchtlich und sehr abenteuerlich sein, aber vielleicht wird sie durch eine, die nach ihr kommt wichtig; […] Bei einem schöpferischen Kopfe hingegen, däucht mir, hat der Verstand seine Wache von den Thoren zurückgezogen, die Ideen stürzen pêle-mêle herein, und alsdann erst übersieht und mustert er den großen Haufen.“ (Schillers Werke, 1979) Anhand von Schiller, Jean Paul und Lessing wird eine gängige Methode schriftstellerischen Schaffens deutlich: Der Freigeist lässt seinem Geist genügend Freiraum um sich zu entfalten. In einem zweistufigen Produktionsakt vermischen sich Mythos und Fleißarbeit. Dem Rausch des befreiten Phantasieflusses folgt die organisiert handwerkliche Tätigkeit. Doch wird dieser Gegensatz als notwendige Spannung begriffen, die ein qualitativ hochwertiges Endprodukt, das Buch, erst möglich macht. Freilich entwirft Jean Paul in den Vorreden des Hesperus ein Idealbild dichterischer Arbeit, die nicht mit dem Tagwerk gleichzusetzen ist. Er schildert einen Schöpfungsvorgang, der dem Mythos des Genies immer noch näher ist, als der Realität des Schriftstellers. Ganz anders Franz Kafka. Wie Goethe, der pflegte auf die richtige Stimmung zu warten und sich nicht an den Schreibtisch zwang, schrieb Kafka nur in einer bestimmten Laune. Seine Werkgenese erfolgte willkürlich, unverhofft und unmittelbar; eine Art „literarische Geburt“. Das „produktive Talent“ Kafkas konnte von außen weder begünstigt, noch verhindert werden. Besonders morgens und tief in der Nacht formten sich ihm, allein seiner enormen Einbildungskraft und der in diesen Momenten überwältigenden Leidenschaft folgend, die Ereignisse. In vergleichbarer Weise brachte Goethe seinen Werther zu Papier. Nach nur vier Wochen lag der ohne Entwurf und mit wenigen Korrekturen versehene Roman vor, der sich ihm wie aus einem Guss dargeboten hatte. Nicht ohne Grund wird Goethe für Kafka zu seinem persönlichen Ideal inspirierter Darstellung. Das Schreiben war für Kafka sowohl Anstrengung, als auch Freude zugleich. Im Entstehungsbericht zum Urteil klagt er: „Mehrmals in dieser Nacht trug ich mein Gewicht auf dem Rücken.“ Dennoch vergeht jede Müdigkeit wenn sich ihm seine inneren Gestalten offenbaren. Wenn Kafka seine traumhafte innere Welt gegenüber tritt, dann tut sie dies unmittelbar und unnachgiebig; als etwas Selbständiges und Vorgegebenes. Der Handlungsverlauf steht ihm gewissermaßen geistig vis-á-vis gegenüber und er braucht lediglich mitzuschreiben. So als schreibe er die fertige Geschichte einfach nach. Lässt aber seine innere „Sammlung“ so sehr nach, dass die von seiner Einbildungskraft erzeugten Bilder verschwinden, fühlte er sich von der Geschichte „ausgeworfen“ oder „abgewiesen“ und verliert sich, ungeführt, in darstellerischen Irrwegen. Kafkas Figuren und Geschichten scheinen neben seinem Bewusstsein, seiner bewussten Wahrnehmung zu existieren. Sie
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führen ein energetisches Eigenleben und sind für Kafka derart intensiv, dass vielfach von einer emotionalen Erfahrung berichtet wird, die sogar seine gesamte Physis für sich einnimmt. Wie Goethe konnte auch Kafka über das Schicksal seiner Figuren weinen. Über eine Vorlesung des Urteils notiert er: „Gegen Schluss fuhr mir meine Hand unregiert und wahrhaftig vor dem Gesicht herum. Ich hatte Tränen in den Augen. Die Zweifellosigkeit der Geschichte bestätigte sich.“
Die Momente schöpferischer Kraft und die damit verbundene Zurückgezogenheit aus der bewussten Wahrnehmung kündigen sich bei Kafka sogar durch körperliche Vorzeichen an. Er habe dann, gegen seine Gewohnheit, nicht gesprochen, ohne Appetit gegessen und sei niedergedrückt gewesen: „Sonst brachte er auch für die unwesentlichsten Dinge das lebhafteste Interesse auf, doch an solchen Tagen verschwand dies vollständig“, berichtet Dora Diamants in ihren Erinnerungen. Beim Schreiben strömen die Ideen auf Kafka ein und verbinden sich selbständig. Dem entspricht es, dass er sich während des wahren Schreibens
- dem Moment also, wenn er sich in einem kreativen Fließzustand befindet - nicht bei Sinnen glaubt und seinen Zustand mit Bewusstlosigkeit und tiefem Schlaf vergleicht. Ganz anders pflegte Charles Baudelaire zu arbeiten. In seinen Ratschläge[n] für junge Literaten empfiehlt er: „Um rasch zu schreiben, muß viel nachgedacht haben - muß man den Stoff mit sich herumgeschleift haben, auf dem Spaziergang, im Bad, im Restaurant, ja selbst bei seiner Geliebten.“ Baudelaire hält es für wenig sinnvoll, sämtliche flüchtigen Gedanken sogleich niederzuschreiben, nur aus Angst, sie könnten verloren gehen. Ein Papier voll zu schreiben, um es dann, wieder und wieder, durchzugehen und zu kürzen sei, trotz eines möglichen hervorragenden Ergebnisses, Missbrauch von „Zeit und Begabung.“ Das stetige Durcharbeiten und Korrigieren sollte bereits „im Geist“ geschehen sein, bevor „der Schriftsteller zur Feder greift, um die Überschrift niederzuschreiben.“ Baudelaire ist kein Freund des Streichens. „Es trübt den Spiegel des Geistes.“ Wenn auf diese Weise ein Roman mehrere Stadien durchlaufe, gehe die „Einheit“ der Sätze sowie des gesamten Werkes verloren.
An den oben genannten Beispielen, sieht man, wie vielfältig Schreibarbeit betrieben werden kann. Wenn wir die Schreibprozesse in der Gegenwart betrachten, hat sich daran nichts Grundlegendes geändert. Schreiben ist auch heute noch eine Mixtur aus Kreativität, Talent und Handwerk. Das kann man mittlerweile in zahlreichen Ratgebern nachlesen. Dennoch treten Besonderheiten zu Tage die im Folgenden genauer betrachtet werden sollen. Das Schreiben kommt nicht mehr bloß aus sich beziehungsweise aus dem Autor heraus, stellt eine der schönen Künste dar oder unterliegt einem inneren Zwang. All diese Prämissen
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Arbeit zitieren:
Christian Hutter, 2005, Schreibweisen, München, GRIN Verlag GmbH
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