Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung 3
1. Erfahrungen von Kindern mit fremdem Tod und mögliche Folgen im Verhalten
des Kindes 4
1.1 Indirekte Todeskonfrontation 4
1.1.1 Tod in den Medien 4
1.1.2 Tod als Inhalt von Gesprächen 5
1.2 Direkte Todeskonfrontation 6
1.2.1 Tod eines Haustieres 6
1.2.2 Tod eines Elternteils 6
1.2.3 Tod eines Geschwisterkindes 8
1.3 Bemerkung zu den Auswirkungen von fremdem Tod auf das Verhalten von Kindern 9
2. Entwicklung des kindlichen Todesverständnisses 9
2.1 Entwicklung der emotionalen Reaktion 10
2.1.1 Der Aspekt der Angst als Teil der Entwicklung der emotionalen Reaktion in Bezug auf fremden Tod 10
2.2 Kognitive Entwicklung des kindlichen Todesverständnisses 12
2.2.1 Entwicklungstheorie Piagets in Verbindung mit der kognitiven Entwicklung eines Todesverständnisses
beim Kind 12
2.2.1.1 Kritikpunkte an Piagets Entwicklungstheorie 13
2.3 Death Education als Bindeglied zwischen emotionaler und kognitiver Entwicklung des
kindlichen Todesverständnisses 14
3. Auswirkungen der Erfahrungen von Kindern mit fremdem Tod auf die
Entwicklung hin zu einem realistischen Todesverständnis 15
3.1 Schlussfolgerungen zu den Auswirkungen der Erfahrungen auf die Entwicklung des
kindlichen Todesverständnisses 17
4. Leitlinien für die religionspädagogische Arbeit 18
4.1 Beim Thematisieren von fremdem Tod mit Kindern muss der individuelle
Entwicklungsstand des Kindes berücksichtigt werden 18
4.2 Beim Thematisieren von fremdem Tod mit Kindern ist es von Bedeutung dass Kinder ihre
eigenen Erfahrungen mit fremdem Tod einbringen können 18
4.3 Beim Thematisieren von fremdem Tod mit Kindern ist zu beachten dass sich die Kinder
durch die vom Pädagogen gewählten Methoden ein realistisches Bild vom Tod erarbeiten
können 19
5. Literaturverzeichnis 20
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0. Einleitung
Das Thema „Kind und Tod“ beschäftigt mich seit meiner Tätigkeit als Kinderkrankenschwe- ster. Vor allem während meiner Arbeit auf einer Pädiatrischen Intensivstation bin ich mit Kin- dern in Kontakt gekommen, die nicht geheilt werden konnten und während ihres Kranken- hausaufenthaltes starben. Aber auch bei einigen, die wieder entlassen wurden, fiel mir auf, dass sie sich während ihres Aufenthaltes mit Tod und Sterben auseinandersetzten. 1 Doch nicht nur bei meiner Arbeit, sondern auch in meiner Kindheit und als Jugendliche bin ich bereits mit Todesereignissen konfrontiert worden. Zwei davon, die mir eher negativ in Erinnerung geblieben sind, möchte ich kurz erläutern:
Als Kind besaß ich mit meiner Schwester einen Wellensittich, an dem ich sehr hing. Er starb, als ich circa 13 Jahre alt war. Dieses Ereignis zu verkraften, fiel mir aufgrund der damit ver- bundenen Umstände schwer: Ich wollte mich auf den Weg zur Musikschule machen, als mir der Vogel immer wieder in den Flur hinterher geflogen kam. Meine Mutter sagte mir, dass ich die Tür schnell hinter mir schließen soll, damit der Vogel mir nicht mehr nachfliegt. Als ich das tat und die Tür hinter mir zuzog, befand sich der Vogel bereits im Türspalt und starb da- durch. Ich machte mir selbst große Vorwürfe, weil ich dachte, am Tod des Vogels Schuld zu sein. Als meine Mutter mich fragte, ob ich ihn mit beerdigen will, lehnte ich diesen Vorschlag ab.
Die zweite Konfrontation mit einem Todesereignis, welche mir negativ in Erinnerung blieb, war der Tod meiner Tante. Ich war 17 Jahre alt. Für mich vollkommen unvorhergesehen be- ging sie Suizid. Damals war es mir nicht möglich, mit meinen Eltern über dieses Geschehen zu reden. Ich merkte, wie stark betroffen meine Mutter vom Tod ihrer Schwester war und wollte sie nicht zusätzlich belasten. So blieben in dieser Zeit viele meiner Fragen offen, die mich zum Teil bis heute beschäftigen. Viel schwerer noch traf der Tod meiner Tante ihren Enkelsohn. Für ihn war sie die wichtigste Bezugsperson. Als damals Fünfjähriger zog er sich nach ihrem Tod komplett zurück. Er betrat ihre Wohnung nicht mehr und verließ den Raum, sobald Gespräche über sie aufkamen. Heute frage ich mich, was zu diesem Zeitpunkt für ihn wichtig gewesen wäre, um ihn in seiner Trauer zu unterstützen.
Bezug nehmend auf meine spätere Tätigkeit als Religionspädagogin interessiert mich jetzt vor allem die Auseinandersetzung von Kindern mit fremdem Tod. Unter fremdem Tod verstehe ich dabei den Tod anderer Lebewesen, das heißt nicht den eigenen persönlichen Tod.
Ich denke, dass eine Auseinandersetzung mit dem Thema Tod unter anderem der Identitäts- entwicklung dient und Kinder auf diesem Weg pädagogisch begleitet werden sollten. Für mich stellt sich deswegen die Frage, was ich bei der Thematisierung von fremdem Tod be- rücksichtigen muss. Ich bin der Meinung, dass Kinder ein anderes Todesverständnis als Er- wachsene haben und sich dieses erst allmählich zu einem realistischen Todesverständnis ent- wickelt. Außerdem denke ich, dass die gemachten Erfahrungen Kinder in ihrer Entwicklung beeinflussen. Deshalb möchte ich zu Beginn der Arbeit die These aufstellen, dass Erfahrun-
1 Ein 10-jähriges Mädchen, hatte einen starken Verbrennungsunfall, ungefähr 60 Prozent ihres Körpers waren verbrannt. Aufgrund einiger Hauttransplantationen wurde ihr das Kopfhaar abrasiert. Nach vielen Wochen Be- atmung war sie wieder bei Bewusstsein. Als sie realisierte, dass sie keine Haare mehr hat, äußerte sie die Angst, dass ihr rote Haare wachsen könnten wie ihrer Schwester. Im Verlauf der Gespräche mit einer Psychologin stell- te sich heraus, dass das Mädchen eine ältere Schwester hatte, die an Leukämie erkrankte. Ihr fielen aufgrund der Chemotherapie ihre dunklen Haare aus und bevor sie starb, wuchsen ihr rote Haare nach.
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gen der Kinder mit fremdem Tod ihre Entwicklungsprozesse dahingehend beeinflussen, dass sie diese hin zu einem realistischen Todesverständnis beschleunigen. Um diese These be- o- der widerlegen zu können, gehe ich zuerst auf verschiedene Erfahrungen von Kindern mit fremdem Tod ein. Im zweiten Schritt werde ich die Entwicklung des kindlichen Todesver- ständnisses näher beleuchten. Der dritte Schritt besteht darin, aus den vorher gemachten Über- legungen Schlüsse zu ziehen, inwieweit die Erfahrungen der Kinder sich auf die Entwicklung des Todesverständnisses auswirken. Zum Schluss der Arbeit werde ich daraus ableitend drei Leitlinien für die religionspädagogische Arbeit formulieren.
Um mich meinem Thema ausführlich zuwenden zu können, werde ich nicht explizit auf Trau- erprozesse eingehen. Bei der Verwendung des Begriffs „Kind“ beziehe ich mich auf Kinder bis zwölf Jahre.
1. Erfahrungen von Kindern mit fremdem Tod und mögliche
Folgen im Verhalten des Kindes
Kinder kommen heutzutage frühzeitig mit fremdem Tod in Kontakt. 2 Die Konfrontation kann auf indirektem oder direktem Weg geschehen. 3 Indirekte Konfrontation bezieht sich dabei vor allem auf den Tod in Medien oder in Unterhaltungen, direkte auf die Konfrontation mit frem- dem Tod im unmittelbaren Umfeld des Kindes, zum Beispiel in Form des Todes eines Eltern- teils. 4 Im Folgenden werde ich auf verschiedene Erfahrungen von Kindern mit fremdem Tod und die möglichen Auswirkungen auf das Verhalten und die Gefühle der Kinder eingehen. Dabei beschränke ich mich auf einige ausgewählte indirekte und direkte Todesereignisse.
1.1 Indirekte Todeskonfrontation
1.1.1 Tod in den Medien 5
Nach Leist 6 findet bei Kindern die indirekte Todeskonfrontation durch die Medien meist vor der direkten Begegnung mit dem Tod statt. Das hat ihrer Meinung nach zur Folge, dass Kin- der die Einsichten und Vorstellungen, die sie über Medien gewinnen, auf Todesereignisse im unmittelbaren Umfeld projizieren.
Ich denke, dass bei der Konfrontation mit fremdem Tod in den Medien und deren Auswir- kungen auf Kinder zwischen den verschiedenen Medien unterschieden werden muss, bei- spielsweise in Bezug auf die Darstellung des Todes. Dabei ist für mich vor allem von Bedeu- tung, wie realitätsgetreu fremder Tod dargestellt wird.
2 Vgl. Leist, M., 1993, S.25
3 Vgl. Plieth, M., 2001, S.39 4 Vgl. ebd., S.39 ff.
5 Unter Medien verstehe ich nicht nur elektronische Medien wie Computer, Fernsehen, Radio etc. sondern auch nicht-elektronische Medien wie Bücher und Zeitschriften.
6 Vgl. Leist, M., 1993, S.23 f.
4
Der Tod in Filmen, vor allem in Trickfilmen, Videospielen oder Comics zeigt nach Witt- kowski 7 eine starke Verzerrung der Realität. Der Tod wird glorifiziert oder trivialisiert bzw. erscheint reversibel, die handelnden Figuren scheinen unzerstörbar. 8 Die Folgen, die sich aus diesen Darstellungen für Kinder ergeben, sind nach Ramachers 9 bisher nicht eindeutig empi- risch belegt. Wittkowski 10 allerdings meint, dass „…das unreife Verständnis des Todes der jungen Zuschauer bekräftigt wird.“ 11 Nach Oerter und Montada 12 kommt es bei Kindern eher selten zur Verzerrung der Wirklichkeit durch dargestellten Tod in den Medien. Wenn diese auftritt, ist sie ihrer Meinung nach vielmehr mangelnden Sozialisationsbedingungen geschul- det, die ungenaue Vorstellungen bei Kindern erzeugen.
Betz 13 ist der Ansicht, dass durch die Medien zwar eine Konfrontation mit dem Tod vorhan- den ist, diese Todesereignisse aber nicht mit Emotionen verbunden sind. Dieser Aussage wi- derspricht Ramachers 14 , der behauptet, dass Kinder durchaus emotionale Reaktionen auf To- desszenen zeigen. Unterstützend führt er dazu Groebel und Gleich 15 an, die annehmen, dass durch gewaltsame Handlungen in den Medien verstärkt Angstgefühle bei jüngeren Kindern auftreten.
Nach Oerter und Montada 16 kann nicht eindeutig geklärt werden inwieweit sich Tod in den Medien auf Kinder auswirkt. Ihrer Meinung nach ist das abhängig von Entwicklungsfaktoren und der Verarbeitung des Gesehenen.
1.1.2 Tod als Inhalt von Gesprächen
Auch durch Gespräche von Erwachsenen werden Kinder teils beiläufig auf fremden Tod auf- merksam gemacht. 17 Plieth 18 meint, dass sie angeregt werden, sich mit der Thematik des fremden Todes auseinanderzusetzen. Sie merkt an, dass die Gespräche, vor allem die zwi- schen Erwachsenen, teils oberflächlich und ohne das Bewusstsein, dass Kinder zuhören, ver- laufen. Ihrer Meinung nach hat das bei Kindern zur Folge, dass ihnen keine ausreichenden Informationen zur Verfügung stehen, um sich ein ganzes und somit realistisches Bild über den Tod zu machen. Die Einzelteile, die Kinder durch Gespräche aufschnappen, werden ihres Er- achtens mit eigenen Vorstellungen zusammengesetzt. Dabei können Fehlinterpretationen und Missverständnisse auftreten, die zum Teil durch unbedachte Äußerungen der Erwachsenen, zum Beispiel Euphemismen, hervorgerufen werden. 19
7 Vgl. Wittkowski, J. (Hrsg.), 2003, S.94
8 Vgl. ebd.
9 Vgl. Ramachers, G., 1994, S.88 10 Vgl. Wittkowski, J. (Hrsg.), 2003, S.94 11 ebd.
12 Vgl. Oerter, R.; Montada, L. (Hrsg.), 2002, S.916 13 Vgl. Betz, O., zit.n. Arens, V., 1994, S.24 14 Vgl. Ramachers, G., 1994, S.88 15 Vgl. Groebel J.; Gleich, U., zit.n. Ramachers, G., 1994, S.89 16 Vgl. Oerter, R.; Montada, L. (Hrsg.), 2002, S.910 17 Vgl. Plieth, M., 2001, S.42 18 Vgl. ebd., S.41 ff.
19 Vgl. ebd., S.42
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1.2 Direkte Todeskonfrontation
1.2.1 Tod eines Haustieres
Kinder haben meiner Meinung nach oft eine enge Verbindung zu Haustieren. Die Tiere sind die meiste Zeit anwesend, gehören quasi zur Familie und zählen für einige Kinder als Spielge- fährten. Zudem ist der Tod eines Haustieres meines Erachtens neben dem Tod der Großeltern häufig der erste Kontakt eines Kindes mit einem direkten Todesereignis, von dem es stark emotional betroffen sein kann.
Leist 20 spricht davon, dass durch den Tod des Tieres das Kind die Erfahrung von Verlust und Trennung macht. Nach Tausch-Flammer und Bickel 21 kann der Tod eines Haustieres für ein Kind ebenso „…schmerzlich sein wie der Tod eines Menschen.“ 22 Um dem Kind zu helfen, mit dem Tod des Tieres umzugehen und ihn zu verarbeiten, ist es wichtig, dass das Kind vonseiten einer Bezugsperson unterstützt wird. 23 Dabei kann es nicht nur darum gehen, das verstorbene Tier durch ein anderes zu ersetzen. 24 Diese Geste führt nach Reeds 25 Erachten häufig zur Abwehr beim Kind. Erst wenn es selbst realisiert, dass ein neues Tier nicht den Platz des Alten einnehmen wird, sondern in seinem Herz beide Tiere Platz ha- ben, ist es ihrer Meinung nach sinnvoll, über ein neues Haustier nachzudenken. Anstatt also den Versuch zu unternehmen, ein Kind durch ein neues Tier zu trösten, sollte vielmehr darauf geachtet werden, das Kind in seiner Trauer zu unterstützen und ihm den Abschied vom Tier zum Beispiel durch ein Begräbnis zu erleichtern. 26
1.2.2 Tod eines Elternteils
Der Tod eines Elternteils bedeutet den Verlust einer primären Bezugsperson und stellt daher eine besonders starke Herausforderung für die Bewältigung des Todesereignisses dar. Groll- man 27 ist der Ansicht, dass durch den Verlust eines Elternteils dem Kind Liebe und Aufmerk- samkeit nicht mehr in dem Maße entgegengebracht werden können, wie es sie benötigt. Aus allgemeiner Perspektive betrachtet, bricht für das betroffene Kind das Sicherheitsgefühl, welches die Eltern vermittelten, zusammen. 28 Es können sich Fragen über die Bedeutung der eigenen Person auftun, aber auch ein Zurückziehen des Kindes ist möglich. 29 Nach Bowlbys 30 Erachten können verschieden Folgen im Verhalten des Kindes auftreten: Das Kind kann Angst davor haben, auch noch den anderen Elternteil zu verlieren. Es kann sich nach einer Wiedervereinigung mit dem/der Toten sehnen, entweder indem es selbst ster- ben will oder indem die Vorstellung auftritt, dass der/die Tote zurückkehrt. Außerdem können
20 Vgl. Leist, M., 1993, S.27 f.
21 Vgl. Tausch-Flammer, D.; Bickel, l., 1994, S.81 22 ebd.
23 Vgl. Verband Ev. Ausbildungsstätten für Sozialpädagogik; Comenius-Institut Münster (Hrsg.), 1978, S.180 24 Vgl. Reed, E. L., 1983, S.46 25 Vgl. ebd.
26 Vgl. ebd.
27 Vgl. Grollman, E. A., 1991, S.71 28 Vgl. Scheilke, Chr. Th.; Schweitzer, F. (Hrsg.), 2000, S.47 ff.
29 Vgl. ebd.
30 Vgl. Bowlby, J., 1991, S.456 ff.
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Anna Badstübner, 2006, Mit Kindern fremden Tod thematisieren: Erarbeitung von drei Leitlinien für die religionspädagogische Arbeit, Munich, GRIN Publishing GmbH
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