Eine Veränderung der Kostenstruktur ist schon seit Jahrzehnten daran zu erkennen, daß der Anteil der Gemeinkosten immer mehr zu Lasten der direkt produktbezogenen Einzelkosten zunimmt. Bereits 1944 verwies Plaut auf die Tendenz steigender Gemeinkosten: „Tatsächlich ist auch in den meisten Betrieben in den letzten Jahren ein dauerndes Steigen der Gemeinkosten oft um 100% und mehr zu erkennen.“1 Die später folgenden Untersuchungen bestätigten diese Tendenz. So haben vor allem Miller und Vollmann mit der Veröffentlichung einer Untersuchung der amerikanischen Industrie im Jahre 1985 einen stetigen Anstieg der Gemeinkosten seit mehr als 100 Jahren konstatiert.2 Auch in Deutschland wurden in den letzten Jahren zu diesem Problem empirische Untersuchungen veröffentlicht, die diese Tendenz bestätigen.3
Als Gründe für diese Entwicklung lassen sich volks- und betriebswirtschaftliche Ursachen nennen. Zum einen ergibt sich eine Verschiebung vom sekundären (warenproduzierenden) Sektor hin zum tertiären (Dienstleistungs-)Sektor. Vor allem in den Dienstleistungsbranchen ist der Gemeinkostenanteil besonders hoch und beträgt nahezu 100%. Zum anderen lassen sich betriebliche Strukturveränderung erkennen, die sich in einer relativen als auch absoluten Gemeinkostenerhöhung widerspiegeln.
Eine relative Gemeinkostenerhöhung ist aufgrund der Kostenstrukturverschiebung zu erkennen, d.h. der Anteil der Gemeinkosten an den Gesamtkosten nimmt zu. Die fortschreitende Automatisierung im Produktionsbereich hat eine Erhöhung des Maschineneinsatzes zu Lasten des Personals zur Folge. „Die Arbeitskräfte übernehmen überwiegend Vorbereitungs-, Überwachungs-, und Instandhaltungsfunktionen[...]. Gleichzeitig sinken in der Regel die eigentlichen Bearbeitungszeiten der Produkte; der Zeitbedarf für die Produktionsplanung und Arbeitsvorbereitung steigt dagegen an, insbesondere wenn umfassende DV-Betriebssysteme für automatisch verkettete Teilanlagen geschaffen werden müssen.“4
[...]
_____
1 Plaut, H.G. (1944).
2 Vgl. Miller, J.G./ Vollmann, T.E. (1985).
3 Vgl. Backhaus, K./ Funke, S.(1996). Es sei darauf hingewiesen, daß auch Untersuchungen veröffentlicht wurden, die eine Gemeinkostensteigerung nicht unmittelbar erkennen lassen. Vgl. Troßmann, E./ Trost, S.(1996) und Schumann, M./ Beinhauer, M. (1994).
4 Laßmann, G. (1984), S.959.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Zielsetzung und Gang der Untersuchung
1.3 Definition und Abgrenzung der Gemeinkosten
2 Gemeinkostenmanagement durch die Kostenrechnung
2.1 Strategische Ausrichtung als Basis des Gemeinkostenmanagements
2.2 Vollkostenrechnung als Informationsbasis
2.2.1 Traditionelle Vollkostenrechnung
2.2.2 Prozeßkostenrechnung
2.2.3 Zielkostenrechnung
2.3 Teilkostenrechnung als Informationsbasis
2.3.1 Grenzkosten- und Deckungsbeitragsrechnung
2.3.2 Relative Einzelkosten- und Deckungsbeitragsrechnung
2.4 Unterstützung strategischer Entscheidungen durch die dargestellten Verfahren
3 Gemeinkostenmanagement durch Gemeinkostenanalysen
3.1 Wertanalyse nach DIN 69910 (WA)
3.2 Gemeinkostenwertanalyse (GWA)
3.3 Zero-Base-Budgeting (ZBB)
3.4 Vergleichende Zusammenfassung
4 Vergleich und Weiterentwicklung der Prozeßkostenrechnung als strategisch orientierter Gemeinkostenmanagement-Ansatz
4.1 Prozeßkostenrechnung versus Gemeinkostenanalysen
4.2 Prozeßkostenrechnung versus traditionelle Vollkostenrechnung
4.2.1 Planung und Kontrolle im Gemeinkostenbereich
4.2.1.1 Statistische und analytische Gemeinkostenplanung
4.2.1.2 Bezugsgrößenproblematik
4.2.1.3 Traditionelle Plankostenrechnung auf Vollkostenbasis
4.2.1.4 Planprozeßkostenrechnung
4.2.1.4.1 Ermittlung der Planprozeßkosten(-sätze)
4.2.1.4.2 Budgetierung der indirekten Leitungsbereiche
4.2.1.4.3 Prozeßorientierte Kontrolle und Steuerung
4.2.1.5 Kritische Beurteilung und Anwendungsprobleme
4.2.2 Kalkulation
4.2.2.1 Grundsätzliche Vorgehensweisen
4.2.2.2 Kalkulationseffekte der Prozeßkostenrechnung
4.2.2.2.1 Allokationseffekt
4.2.2.2.2 Komplexitätseffekt
4.2.2.2.3 Degressionseffekt
4.2.2.3 Kritische Beurteilung und Anwendungsprobleme
4.3 Weiterentwicklung der Prozeßkostenrechnung
4.3.1 Modifizierung durch Horváth/Mayer
4.3.2 Ansätze zur Weiterentwicklung nach Horváth/Mayer
4.3.3 Auswirkungen der Ergebnisse auf den Informationsgehalt für strategische Entscheidungen
4.3.4 Entwicklungstendenzen der Prozeßkostenrechnung
5 Zusammenfassung und Schlußbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Potenzial und die Grenzen verschiedener Gemeinkostenmanagement-Ansätze vor dem Hintergrund stetig steigender Gemeinkosten in Industrieunternehmen, mit dem Ziel, Methoden zur effizienten Planung, Steuerung und Kontrolle in indirekten Leistungsbereichen zu bewerten und die Prozeßkostenrechnung als strategisches Instrument weiterzuentwickeln.
- Vergleich der klassischen Kostenrechnungssysteme als Grundlage für das Gemeinkostenmanagement.
- Analyse der Leistungsfähigkeit von Gemeinkostenanalysen (Wertanalyse, GWA, ZBB).
- Eingehende Untersuchung der Prozeßkostenrechnung hinsichtlich strategischer Planung und Kalkulation.
- Weiterentwicklung der Prozeßkostenrechnung durch Modifizierungen und Integration in moderne Managementkonzepte.
Auszug aus dem Buch
4.2.1.4.1 Ermittlung der Planprozeßkosten(-sätze)
Die Planung der Prozeßkosten(-sätze) der Kostenstellen erfolgt in fünf Schritten: (1) Tätigkeitsanalyse zur Identifizierung von Prozessen, (2) Wahl geeigneter Maßgrößen, (3) Festlegung der Planprozeßmengen, (4) Planung der Prozeßkosten, (5) Ermittlung der Planprozeßkostensätze.
Ad (1): Tätigkeitsanalyse zur Identifizierung von Prozessen
Für den Aufbau einer Prozeßkostenrechnung ist die Analyse und Strukturierung aller in einem Untersuchungsbereich durchgeführten Tätigkeiten eine unabdingbare Voraussetzung. Wurde vor nicht zu langer Zeit eine Gemeinkostenwertanalyse oder ein Zero-Base-Budgeting durchgeführt, so kann auf diese Informationen zurückgegriffen werden, wenn die gewonnenen Daten ausreichend prozeßorientiert sind. Ansonsten werden durch die Tätigkeitsanalyse Daten einzelner Tätigkeiten der Mitarbeiter in den Kostenstellen des Untersuchungsbereichs ermittelt. Diese können z.B. durch persönliche Befragungen des Gruppen- bzw. Abteilungsleiters oder aller Mitarbeiter (Interviews) festgestellt werden. Des weiteren können eigene Aufzeichnungen der Mitarbeiter oder Zeitaufnahmen mit Hilfe des Multimomentverfahrens (Stichproben) verwendet werden. Die Ergebnisse der Tätigkeitsanalyse führen zu den Teilprozessen der jeweiligen Kostenstelle und werden in einer Teilprozeßliste zusammengefaßt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Darstellung der Problematik steigender Gemeinkosten und der Zielsetzung der Arbeit zur Untersuchung adäquater Managementmethoden.
2 Gemeinkostenmanagement durch die Kostenrechnung: Evaluierung traditioneller Voll- und Teilkostenrechnungssysteme hinsichtlich ihrer Eignung für ein strategisches Gemeinkostenmanagement.
3 Gemeinkostenmanagement durch Gemeinkostenanalysen: Methodische Beschreibung und kritischer Vergleich von Wertanalyse, Gemeinkostenwertanalyse und Zero-Base-Budgeting.
4 Vergleich und Weiterentwicklung der Prozeßkostenrechnung als strategisch orientierter Gemeinkostenmanagement-Ansatz: Detaillierte Analyse der Prozeßkostenrechnung, ihrer Kalkulationseffekte, Anwendungsprobleme und Ansätze zu ihrer Weiterentwicklung.
5 Zusammenfassung und Schlußbetrachtung: Synthese der Ergebnisse und Bewertung der Prozeßkostenrechnung als Instrument zur Unterstützung der strategischen Planung und Steuerung.
Schlüsselwörter
Gemeinkostenmanagement, Prozeßkostenrechnung, Kostenrechnung, Gemeinkostenanalysen, Wertanalyse, Zero-Base-Budgeting, Gemeinkostenwertanalyse, Kostentreiber, Strategische Planung, Prozeßorientierung, Kalkulation, Gemeinkosten, Kostenkontrolle, indirekte Leistungsbereiche, Produktivitätssteigerung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Herausforderung steigender Gemeinkosten in Industrieunternehmen und analysiert, wie diese durch moderne Methoden des Gemeinkostenmanagements geplant, gesteuert und kontrolliert werden können.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf dem Vergleich traditioneller Kostenrechnungssysteme, der Anwendung von Gemeinkostenanalysen wie Wertanalyse oder ZBB sowie einer tiefgehenden Untersuchung der Prozeßkostenrechnung als strategisches Instrument.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Eignung verschiedener Verfahren zu bewerten und aufzuzeigen, wie insbesondere die Prozeßkostenrechnung weiterentwickelt werden kann, um eine transparente und effiziente Steuerung indirekter Bereiche zu gewährleisten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse und dem Vergleich methodischer Vorgehensweisen von Kostenrechnungssystemen und Gemeinkostenanalysen, ergänzt durch Fallbeispiele und die Darstellung theoretischer Modellbildungen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Kostenrechnung als Managementbasis, die Darstellung der Gemeinkostenanalysen sowie einen umfassenden Vergleich und die Weiterentwicklung der Prozeßkostenrechnung, inklusive ihrer Auswirkungen auf die Produktkalkulation.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Gemeinkostenmanagement, Prozeßkostenrechnung, Kostentreiber, Strategische Planung, indirekte Leistungsbereiche, Kostentransparenz und Gemeinkostenanalysen.
Wie unterscheidet sich die Prozeßkostenrechnung von traditionellen Gemeinkostenanalysen?
Während Gemeinkostenanalysen wie ZBB oder GWA oft punktuelle "Einmal-Aktionen" darstellen, integriert sich die Prozeßkostenrechnung permanent in das Kostenrechnungssystem und ermöglicht eine laufende Steuerung durch die Analyse von Prozeßketten.
Welche spezifischen Kalkulationseffekte der Prozeßkostenrechnung werden diskutiert?
Die Arbeit geht detailliert auf den Allokationseffekt, den Komplexitätseffekt und den Degressionseffekt ein, die durch eine verursachungsgerechtere Verrechnung von Gemeinkosten auf Produkte erzielt werden.
- Quote paper
- Michael Junge (Author), 1999, Vergleich und Weiterentwicklung ausgewählter Gemeinkostenmanagement-Ansätze, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/6182