1. Einleitung
„Die moderne Gesellschaft orientiert sich in praktisch allen Bereichen an der Schriftsprache. Auch die unseren Alltag zunehmend dominierende Kommunikations-, Informations- und Unterhaltungstechnologie ist auf die Beherrschung der Schrift ausgelegt.(...) Allein das Vordringen der Computer in den Produktions- und Dienstleistungssektor verbannt Menschen mit Schreib- und Leseproblemen in (...) Restsegmente des Arbeitsmarktes.“ 1
Bereits in der Vorschulzeit machen Kinder wichtige Erfahrungen mit Schriftsprache. Viele können ihren Namen und einfache Wörter wie „Mama“ schreiben, bevor sie zur Schule kommen. Sie kennen eine unterschiedliche Anzahl von Buchstaben und können einzelne Wörter wie „Post“ lesen. In neueren Forschungen wird der Schriftspracherwerb als Entwicklungsprozess verstanden, der schon vor der Einschulung beginnt und eine gewisse Systematik aufweist.
Grob formuliert bedeutet Schriftspracherwerb die Merkmale der Schrift identifizieren zu lernen und sie mit Merkmalen des Gesprochenen in Beziehung zu setzen. Beim Schriftspracherwerb - also bei ersten Lese- und Schreibversuchen- erfahren die meisten Kinder zum ersten Mal, dass ihre Botschaft nicht direkt wie beim Sprechen übermittelt werden kann. Kinder müssen beim Schriftspracherwerb zwei
Abstraktionsleistungen vollbringen:
Æ Sie müssen die Erkenntnis erwerben, dass geschriebene Worte für gesprochene Worte stehen.
Æ Darüber hinaus müssen sie erkennen, dass geschriebene Worte nicht im Sinne bildhafter Zeichen global zu deuten sind, sondern die lautliche Abfolge gesprochener Wörter repräsentieren. 2
1 Huber, L. u.a. Vorwort. In: Huber, Kegel, Speck-Hamdan (Hrsg.) Einblic ke in den Schriftspracherwerb, S. 5.
2 nach Spitta, G. Von der Druckschrift zur Schreibschrift. S.14/15
1
2. Was bedeutet Schreibenlernen?
In der Definition des Begriffes „Schreiben“ hat in den letzten Jahrzehnten eine Akzentverschiebung stattgefunden. Früher wurde das Schreiben nur als formaltechnische Fertigkeit im Sinne von Schönschreiben und Schreibgeläufigkeit verstanden. „Schreiben wird [heute] als komplexe sprachliche Tätigkeit gefasst, die verschiedene Komponenten umfasst: die gedankliche Planung der Mitteilung, die Herstellung eines Textes, die graphomotorische Umsetzung sowie die Anwendung und Beherrschung schriftsprachlicher und orthographischer Normen.“ 3
In der Auffassung des Lernenden hat es in den letzten Jahren ebenfalls eine Akzentverschiebung gegeben: In Anerkennung der Ergebnisse der kognitiven Entwicklungspsychologie wird die Eigenaktivität des Lernenden stärker betont, der sich seinen Lerngegenstand aktiv strukturiert und rekonstruiert. „Das Erlernen des Lesens, Schreibens und Rechtschreibens wird als Entwicklungsprozess betrachtet. Das heißt die Lernenden müssen Einsichten in Bezug auf Funktion und Aufbau der Schrift erlangen (...).“ 4 Fehler beim Schreiben geben Hinweise auf den Entwicklungsstand. Sie werden nicht mehr als Defizite angesehen, sondern als durchaus sinnvolle Anzeichen für die Annäherung an einen schwierigen Lerngegenstand. 5
Wenn Kinder das Schreiben lernen , müssen sie die 26 Buchstaben (+ä,ö,ü,ß) unseres Alphabets sowie die komplexen Bewegungsabläufe bei ihrer Schreibung lernen. Schreibenlernen ist allerdings nicht bloß ein technischer/motorischer Prozess, sondern umfasst weitere komplexe Aspekte, die Kinder lernen müssen:
9Schreiben bedeutet nicht Spuren hinterlassen; Schrift trägt Bedeutung. 9Wir schreiben nach Konventionen: von links nach rechts, von oben nach unten, Wortzwischenräume zeigen das Ende/den Anfang eines Wortes an. 6 9Entwicklung eines Phonembewusstseins: Die 26 Buchstaben (+ ä,ö,ü,ß) unseres Alphabets, die zu Wörtern zusammengesetzt werden, werden durch 44 Phoneme repräsentiert Æ Herstellen von Phonem- Graphem-Korrespondenzen.
Problem: Eine 1-zu1-Zuordnung von Phonemen und Graphemen ist im Deutschen nicht möglich, da wir eine Alphabet- und keine Lautschrift haben. Es gibt beispielsweise
Æpolyrelationale
Zuordnungen: Ia:I =
3 Valtin, R. Stufen des Lesen- und Schreibenlernens. Schriftspracherwerb als Entwicklungsprozess., S.76
4 ebd., S.78
5 ebd., S.84
6 Brügelmann, H. Lesen und Schreiben durch die Brille eines Anfängers. , S. 26.
2
Æbirelationale
Zuordnungen: IeI :
Æ
mehrdeutige Grapheme, die ein Phonem repräsentieren (
9Schrift gibt Hinweise auf den Klang der Wörter. Sie gibt dem Leser Hinweise auf die richtige Aussprache der Wörter.
9 Aus dem Lautstrom müssen einzelne Wörter abgetrennt werden (Hallowiegehtesdir ÆHallo , wie geht es dir?).
ÆKinder müssen ein sog. Wortkonzept erlernen, d.h. sie müssen lernen, dass alle Redeteile aufgeschrieben werden und dass die Reihenfolge des Gesprochenen der des Geschriebenen entspricht. 8
9Schreiben ist ein orthographischer Prozess. Kinder müssen im Schriftspracherwerb lernen
N Phonem- Graphem- Korrespondenzen herzustellen (phonematisches Prinzip). N Dabei müssen sie sich an der Hochsprache orientieren.
N Wir haben eine Alphabetschrift, keine Lautschrift. Das bedeutet, dass die Schrift nicht nur dem phonematischen Prinzip folgt, sondern auch anderen orthographischen Prinzipien wie dem Stammprinzip (z.B. Nummer - nummerieren), der Auslautverhärtung, Groß- und Kleinschreibung, Getrennt- und Zusammenschreibung, und Zeichensetzung.
9Schreiben hat einen kommunikativen Aspekt. Es ist ein produktiver Prozess, bei dem die Schreibanfänger lernen müssen ihre Gedanken zu einem Thema selbständig zu entwickeln, zu ordnen, zu formulieren und dauernd daraufhin zu überprüfen, ob und wie sie verstanden werden können. 9
2.1 Stufenmodelle zum Schreibenlernen
Die Einsichten in die Funktion und den Aufbau von Schrift werden nicht von heute auf morgen erworben, sondern allmählich in Stufen, die mit der kognitiven Entwicklung zusammenhängen und sich laut Ergebnissen einer einjährigen Längsschnittuntersuchung an Vor- und Erstklässlern (Valtin, 1986) bei jedem Kind beobachten lassen. Es gibt verschiedene Stufenmodelle, die das Schreibenlernen in typische Phasen
unterteilen. Im Wesentlichen gehen sie von 4 Phasen aus, die in den existierenden Stufenmodellen unterschiedlich differenziert dargestellt werden:
7 nach Augst, G/Dehn, M. Rechtschreibung und Rechtschreibunterricht., S. 23
8 www.sonderpaed-online.de/sserw.htm, 29.9.2006, 13.45 Uhr.
3
1.) Präliterale/ vorkommunikative Phase, in der Kinder Kritzelbilder herstellen und somit erste Erfahrungen mit dem Hervorbringen dauerhafter Spuren machen. Meist ist die Einsicht, dass Schrift einen kommunikativen Zweck erfüllt, noch nicht vorhanden. Später schreiben Kinder willkürliche Buchstabenfolgen ohne jeglichen Bezug zur Lautung ( = sog. Pseudowörter, z.B. EO B = Auto).
2.) Alphabetische/phonetische Phase, in der Kinder sich beim Schreiben an der Lautung orientieren. Anfangs werden nur sehr markante Merkmale des Wortes (meist Konsonanten) verschriftlicht (z.B. PP = Puppe). Diese Schreibungen werden als Skelettschreibungen bezeichnet.
Später werden auch Vokale (z.B. Muta statt Mutter) berücksichtigt. In der fortgeschrittenen phonetischen Phase werden bereits erste orthographische Muster einbezogen ( z.B. Muter).
3.) Orthographische Phase, in der Kinder zunehmend orthographische Regeln in ihre Schreibungen einbeziehen. Dazu gehören z.B. Vor- und Nachsilben, Doppelkonsonanz, und die Großschreibung von Nomen. Das orthographische Regelwissen wird immer weiter aufgebaut, bis die Kinder Phase 4 erreichen.
4.) Automatisierte Phase/ entwickelte Rechtschreibfähigkeit. In dieser Phase haben die Kinder grundlegende Phonem- Graphem- Korrespondenzen und Rechtschreibregeln (Dehnung, Konsonantenverdopplung, Großschreibung von Nomen und am Satzanfang, Auslautverhärtung, Vor- und Nachsilben, morphematisches Prinzip) verinnerlicht. Bei Unsicherheiten verlassen sie sich nicht mehr nur auf die auditive Überprüfung, sondern können alternative Schreibweisen visuell erproben und korrigieren. 10
2.2 Stufenmodell nach Brinkmann/Brügelmann (1994)
Exemplarisch werde ich hier das Modell von Hans Brügelmann und Erika Brinkmann (1994) vorstellen, da sie nicht von einem starren Ablauf der Phasen mit festen Altersangaben ausgehen, sondern ein grundsätzliches Nebeneinander der Bereiche sehen. Auch nehmen sie eine gute Ausdifferenzierung vor, bei der die einzelnen Phasennamen die Einsichten signalisieren, die die Kinder gewinnen müssen.
1.) Bedeutungshaltigkeit der Schrift
Das Kind begreift:
a) Schrift ist Träger von Informationen, die der Schreiber “hineinlegt“ und der Leser wieder “herausholt“. Schreiben ist mehr als beliebiges Spurenmachen.
9 nach Brügelmann, H. Lesen und Schreiben durch die Brille eines Anfängers., S. 12-21. / Röber-Siekmeyer, C. Wozu dienen Buchstaben beim Lesen- und Schreibenlernen? - Eine nicht provokative Frage., S. 335-345.
4
Arbeit zitieren:
Isabell Kallis, 2006, Einführung in die Thematik des Schriftspracherwerbs, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Linguistische Grundlagen der Orthographie vom Ebenenmodell zu den Prin...
Seminararbeit, 15 Seiten
Entwicklungsmodelle des Schriftspracherwerbs
Hausarbeit (Hauptseminar), 18 Seiten
Zu den orthographischen Prinzipien des Deutschen
Theorie und Praxis
Hausarbeit (Hauptseminar), 21 Seiten
Lese-Rechtschreibschwäche bei Grundschulkindern - Ursache - Diagnose -...
Pädagogik - Pädagogische Psychologie
Hausarbeit, 27 Seiten
Schreibenlernen als Prozess – Schriftspracherwerb in der Grundschule
Hausarbeit, 13 Seiten
Berufswünsche von Kindern und Jugendlichen
Pädagogik - Pädagogische Soziologie
Hausarbeit (Hauptseminar), 9 Seiten
Analphabeten und ihre Möglichkeiten einer Elementarbildung
Pädagogik - Erwachsenenbildung
Hausarbeit (Hauptseminar), 19 Seiten
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Hausarbeit (Hauptseminar), 22 Seiten
Schriftspracherwerb nach Hans Brügelmann
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Seminararbeit, 10 Seiten
Echtzeiterweiterungen in UML 2.0 und UML-RT
Referat (Ausarbeitung), 54 Seiten
Symbolik im Märchen dargestellt am Beispiel "Hänsel und Gretel&qu...
Hausarbeit, 28 Seiten
Integration und offener Unterricht
Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik
Seminararbeit, 35 Seiten
Daniel Defoe's 'Robinson Crusoe' and J.M. Coetzee's ...
Hausarbeit (Hauptseminar), 21 Seiten
Global Cities - Fallbeispiel Mumbay
Geowissenschaften / Geographie - Bevölkerungsgeographie, Stadt- u. Raumplanung
Referat (Ausarbeitung), 12 Seiten
Isabell Kallis's Text Einführung in die Thematik des Schriftspracherwerbs ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Isabell Kallis hat den Text Einführung in die Thematik des Schriftspracherwerbs veröffentlicht
Isabell Kallis hat einen neuen Text hochgeladen
Erfahrungen aus der Förderarbeit im Lesen - Schreiben - Rechnen
Eigene Wege finden
Renate Hackethal, Christel Rosenkranz
Geschlecht & Wissen, Norm & Praxis, Lesen & Schreiben
Monastische Reformgemeinschaft...
Christina Lutter
0 Kommentare