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Inhaltsverzeichnis
Vorwort und Danksagung 4
1 Einleitung 5
2 Erzählen im Alltag als soziale Interaktion. 7
2.1 Einführung in die begrifflichen Zusammenhänge. 8
2.1.1 Narration: Erzählung, Erzählen oder Geschichte? 8
2.1.2 Alltägliches Erzählen 11
2.1.3 Erzählen ist Interaktion 12
2.2 Erzählen als kommunikative Gattung 14
2.3 Die sozialen Funktionen des Erzählens. 17
2.4 Sinnkonstitution und Erfahrungsreproduktion in narrativen Interaktionen19
3 Sozialisation durch Interaktion - Theoretische Grundlagen 21
3.1 Sozialisation und narrative Sozialisation 22
3.2 Sozialisation durch symbolisch vermittelte Interaktionen (MEAD) 24
3.3 Narrative Sozialisation in den Zonen der nächstfolgenden Entwicklung
(WYGOTSKI) 30
4 Sozialisation zum Erzählen - Erzählerwerb als sozialisatorische Interaktion35
4.1 Das Interaktionsmodell von HAUSENDORF/QUASTHOFF. 36
4.2 Narrative Sozialisation als Hineinwachsen in Sinn- und Bedeutungssysteme
(BRUNER) 39
5 Sozialisation durch Erzählen - Die sozialisatorische Wirkung von narrativen Umwelten
(MILLER) 45
5.1 Das Modell der Sozialisation durch sprachlichen Diskurs. 45
5.2 Narrative Sozialisation durch Erzählen von persönlichen Geschichten in
Familieninteraktionen. 49
5.2.1 Geschichten über persönliche Erfahrungen. 49
5.2.2 Narrative Umwelten 50
5.2.3 Praktiken des Erzählens persönlicher Geschichten 52
5.2.4 Interkultureller Vergleich der Ergebnisse. 59
5.3 Narrationen als Methode von Sozialisation 59
5.3.1 Auswirkungen auf Sozialisation und Identitätsentwicklung. 60
5.3.2 Theoretische Reflektion der Ergebnisse. 64
6 Weitere Prozesse und Instanzen narrativer Sozialisation 65
- 3 -
6.1 Narrative Sozialisation durch das Kinderspiel 65
6.1.1 Spielen und Erzählen. 65
6.1.2 Geschlechtspezifische Sozialisation durch das Erzählen von Geschichten mit
Spielfiguren (FUCHS) 66
6.2 Narrative Sozialisation in der Schule 70
6.3 Narrative Sozialisation durch Unternehmenskultur 73
6.4 Narrative Sozialisation durch Massenmedien 77
7 Biografische Sozialisation und narrative Identität 79
7.1 Biografische Sozialisation und die Lebensgeschichte 79
7.2 Narrative Identität als Ergebnis narrativer Sozialisation. 82
8 Zusammenfassung und Ausblick. 86
Literaturverzeichnis 88
- 4 - Vorwortund Danksagung
Mit dieser Magisterarbeit schließe ich einen langen Abschnitt in meinem Leben, in dem ich neben meiner Berufstätigkeit und meinen vielfältigen Interessen und Ambitionen das Studium der Soziologie, Psychologie und Politikwissenschaften an der FernUniversität Hagen absolviert habe. Das Thema der Arbeit ergab sich aus meinem Faible für Geschichten und Erzählungen und dem soziologischen Interesse am Zusammenhang von Individuum und Gesellschaft. Da dieser Zusammenhang in einer Wechselwirkung besteht, also von Interaktionen geprägt ist, bin ich mir vollkommen im Klaren darüber, dass der Weg von den ersten Kursunterlagen bis zur letzten Prüfungsleistung nicht einzig und allein mit meinen persönlichen Anstrengungen zu bewältigen gewesen wäre. Ich möchte daher an dieser Stelle meinen ganz besonderen Dank all jenen Menschen aussprechen, die diesen Weg mit mir gegangen sind. An erster Stelle steht meine Lebenspartnerin Bianca Horvath, die mich bereits vor zehn Jahren als „Student“ kennen gelernt hat und trotz unzähliger Abstriche im Beziehungsleben tapfer an meiner Seite gestanden ist. Ihr widme ich diese Arbeit.
Ich danke meinen Eltern und meinen Freunden für ihr Verständnis, wenn ich oft in ihrer Runde gefehlt habe.
Besonders danken möchte ich dem Betreuer meiner Magisterarbeit, Herrn Dr. Rainer Schützeichel, der meinen Enthusiasmus für das Thema teilen konnte und mir von Anfang an Sicherheit gab. Herzlichen Dank an Frau Dr. Claudia Fuchs, die mir wichtige Impulse für meine Arbeit gab und an Frau Marlene Krammer, die sich der Mühe des Korrekturlesens unterzogen hat. Schließlich möchte ich betonen, wie wichtig selbst in einem Fernstudium die „Interaktion“ mit Kommilitoninnen und Kommilitonen ist, wenn diese meist auch nur auf virtuellem Weg zustande kommt. Die daraus erhaltene fachliche und menschliche Stütze hätte ich keinesfalls missen wollen. An dieser Stelle ein wichtiger Hinweis zur „genderkorrekten“ Lesart der Arbeit: An manchen Stellen verzichte ich auf die Gender-Unterscheidung der betreffenden Begriffe, um den Sachverhalt nicht komplizierter erscheinen zu lassen, als er tatsächlich ist. In diesen Fällen sind natürlich sowohl Männer als auch Frauen gemeint.
- 5 - 1 Einleitung
In den alltäglichen Erzählungen und in den Erzählungen des Alltags liegt ein großes Potenzial für die Sozialisation der Individuen, und durch diese „Narrationen“ werden wichtige Sozialisationsleistungen erbracht, in dem Sinne, dass sie entscheidenden Einfluss darauf haben, wie aus einem Individuum ein Mitglied seiner Gesellschaft wird. Diese nahe liegende Behauptung findet allerdings wenig wissenschaftliche Bearbeitung und kaum eine soziologische. Ich mache sie daher zur Grundthese meiner Arbeit und werde sie anhand geeigneter theoretischer Konzepte und empirischer Untersuchungen stützen. Die zaghaften theoretischen und empirischen Ansätze einer „narrativen Sozialisation“ aus verschiedenen Disziplinen (Erzählforschung, Kulturpsychologie, Entwicklungspsychologie) sollen auf diese Weise in einen soziologischen Rahmen integriert und letztlich ein soziologisches Verständnis von narrativer Sozialisation etabliert werden. Der dazu notwendige rote Faden bietet sich in einem interaktiven Verständnis von Sozialisation als ständige Wechselwirkung zwischen Individuum und Gesellschaft. Aus diesem Grunde interessieren vor allem Erzählungen als soziale Interaktionen (und nicht medial vermittelte Geschichten), wie sie im Alltag als „prominentestes Mittel des Erfahrungstransfers“ (Ehlich 1980. S. 20) vorkommen. Umgekehrt erfolgen soziale Interaktionen im Alltag und die Organisation von Erlebtem zu einem großen Teil auf narrative Weise. Erzählungen im Alltag werden zunächst als „kommunikative Gattungen“ im Sinne Thomas LUCKMANNs analysiert. Sie haben wichtige soziale Funktionen und erhalten ihren Charakter der Sinn- und Bedeutungsstiftung erst in der interaktiven Erfahrungsrekapitulation und -konstitution. Der „rote Faden“ der Interaktion führt zur klassischen Sozialisationstheorie von George Herbert MEAD, wonach durch symbolisch (sprachlich) vermittelte Interaktion die Rolle des (verallgemeinerten) Anderen internalisiert und Identität konstituiert wird. Die Bedeutung des Erzählens in der sozialisatorischen Interaktion wurde in den letzten Jahren vor allem auf das Konzept der „Zone der nächstfolgenden Entwicklung“ des russischen Kulturpsychologen Lew S. WYGOTSKI zurückgeführt. WYGOTSKIs Sozialisationstheorie hat viele Ähnlichkeiten mit jener von MEAD, beide sind ungefähr zeitgleich aber unabhängig voneinander entstanden. WYGOTSKI hatte wiederum großen Einfluss auf die zeitgenössische amerikanische Sozialisationsforscherin Peggy J. MILLER, die die bislang wichtigsten Ergebnisse einer Sozialisation durch das Erzählen alltäglicher Geschichten geliefert hat.
Zuvor möchte ich noch kurz auf die doppelte Bedeutung von narrativer Sozia- lisation eingehen - einerseits als Sozialisation zum Erzählen (Erwerb von Er-
- 6 -zählkompetenz), andererseits werden gerade durch die Interaktion „Erzählen“ soziale Rollen, Normen und Werte internalisiert. Für meine Arbeit ist dieser zweite Aspekt - Sozialisation durch das Erzählen - wesentlich. Trotzdem möchte ich in aller Kürze das interaktive Erzählerwerbsmodell von HAUSEN-DORF und QUASTHOFF vorstellen, weil hier wichtige Aspekte der erzähleri-schen Interaktion abgehandelt werden.
Den zentralen Teil der Arbeit leite ich mit Jerome BRUNERs Überlegungen zur frühkindlichen Sozialisation des Erzählens als Hineinwachsen in Sinn- und Bedeutungssysteme ein. Diese werden durch Interaktionen und Interpretationen konstituiert. So ist ein „vorsprachlicher“ Erzählerwerb möglich. Peggy J. MILLERs Untersuchungen von Erzählungen im familiären Umfeld liefern die fruchtbarsten Erkenntnisse zu einer Sozialisation durch Erzählen. Sie untersucht „narrative Umwelten“ von Familien verschiedener gesellschaftlicher Schichten und ihre Auswirkungen auf die Sozialisation und Identitätsbildung. MILLER konzipiert in Anlehnung an BRUNER und WYGOTSKI ein interaktives Modell zur „Sozialisation durch sprachlichen Diskurs“ und fokussiert dieses auf das Erzählen von „persönlichen Geschichten“. Dabei identifiziert sie drei typische Interaktionsstrukturen, in denen jeweils verschiedene Sozialisationsleistungen des Geschichtenerzählens hervorgebracht werden (Erzählungen um das Kind, Erzählungen über das Kind und Erzählungen mit dem Kind). Die Ergebnisse sind erstaunlich, weil sie im wesentlichen auf MEADs Konzepte der Konstitution, Interpretation und wechselseitigen Bezugnahme zurückwirken. MILLER erklärt Erzählungen als „Methode“ von Sozialisation, und für sie ist letztlich auch Erzählerwerb eine Folge von Sozialisation durch Erzählen.
Im Anschluss führe ich weitere Untersuchungen an, die sich mit den Sozialisationsleistungen erzählerischer Interaktionen beschäftigen. Es handelt sich um eine Studie im Bereich Gender-Sozialisation, wo Geschlechtsstereotype in erzählerischem Umgang mit Spielfiguren exploriert werden, und um eine Arbeit aus der Berufssozialisationsforschung, wo auf die sozialisatorische Bedeutung des Erzählens im Zusammenhang mit „Unternehmenskultur“ eingegangen wird. Narrative Sozialisation in Schulen bedeutet in der einschlägigen Literatur bislang „nur“ Entwicklung und Förderung von Erzählkompetenz - hier führe ich das normative Konzept des „Erzählraums Schule“ an. Die durch (Massen)Medien vermittelten Geschichten genügen nicht dem hier etablierten interaktiven Verständnis von Sozialisation.
Ich möchte die Arbeit mit Überlegungen zur biografischen „Lebensgeschichte“ und der Konstitution von „narrativer Identität“ beenden. Dabei sind zwei Beg-
- 7 -riffe von Bedeutung: Selbst-Thematisierungen und Selbst-Narrationen. Der So-zialisationsprozess bringt insgesamt eine „Lebensgeschichte“ und damit eine „narrative Identität“ hervor - die Geschichten der anderen und die eigenen Ge-schichten über sich selbst prägen die Identität.
Die Arbeit soll insgesamt eine soziologische Integrationsleistung der Ansätze einer narrativen Sozialisationsforschung im Kontext alltäglicher Interaktionen erbringen und stellt an die Zukunft die Forderung einer soziologischen Theorie der narrativen Sozialisation.
2 Erzählen im Alltag als soziale Interaktion
Das Erzählen gehört zu jenen „selbstverständlichen“ Handlungen des Alltags, über deren tiefere Bedeutung wir uns kaum Gedanken machen. Wenn wir beispielsweise Freunde zum Essen einladen und auf alle möglichen Details, die einen gelungenen Abend ausmachen könnten, bedacht sind, vergessen wir oft, dass wir damit ein Ritual gestalten, dessen eigentlicher Zweck sich erst im Erzählen erfüllt (vgl. Kruse 2001, S. 9). Der Abend wird nämlich erst dann erfolgreich, wenn wir interessante Geschichten gehört und unsere eigenen Geschichten erzählt haben. Mit dem Erzählen informieren und unterhalten wir einander, stellen uns selbst dar, beeindrucken einander oder erheischen Mitleid. Die Beiläufigkeit, mit der wir das Erzählen praktizieren, sollte aber nicht darüber hinweg täuschen, dass das Erzählen ein zentraler Modus menschlicher Kommunikation ist, der in allen sozialen Zusammenhängen eine Rolle spielt und als solcher in der sozialen Entwicklung und in der Konstruktion von Identität und biografischem Selbstverständnis höchst bedeutsam ist (ebd.). Ein erster Abstraktionsschritt in der theoretischen Erarbeitung einer „narrativen Sozialisation“ ist die Klassifizierung von Erzählungen als alltägliche Interaktionen. Damit soll zweierlei geleistet werden:
1. Erzählungen werden als kommunikative Gattungen des Alltags von literarischen Gattungen unterschieden
2. Erzählungen werden als alltägliche Interaktionen zu konstitutiven Elementen des Sozialisationsprozesses
Für den weiteren Aufbau dieses Argumentationsganges ist eine begriffliche Exploration unentbehrlich. Daher werden in der Folge grundlegende Überlegungen und Definitionen zu Narrationen, ihre soziologischen Bezüge und sozialen Funktionen dargestellt. Dies geschieht in ihrer Einordnung als alltägliche Interaktionen.
- 8 - 2.1Einführung in die begrifflichen Zusammenhänge
2.1.1 Narration: Erzählung, Erzählen oder Geschichte?
Die meist vollkommen unterschiedlose Verwendung der Begriffe „Narration“, „Erzählung“ und „Geschichte“ verweist auf den Umstand, dass ein einziger integrativer Terminus bis dato nicht zur Verfügung steht. Mit Narration oder Erzählung wird dabei sowohl der Akt des Erzählens als auch die dabei gebildete Geschichte gemeint (vgl. Echterhoff/Straub 2003, S. 329). Dennoch kann auf-grund der tendenziellen Verwendung in der Literatur unter Zuhilfenahme etymologischer Kriterien zumindest die Narration von der Geschichte getrennt werden. So bedeutet Narration sowohl im Lateinischen (narratio) als auch im Englischen (narration) definitiv „Erzählung“ und nicht „Geschichte“ und gibt als solche den strukturellen und formalen Rahmen für die Handlung einer Geschichte (englisch: plot) ab, die auf den Inhalt der Erzählung, also die Fabel, verweist. Diese Trennung ist jedoch nur analytischer Natur, da die Geschichte als Inhalt einer Erzählung diese mitdefiniert und -konstituiert. Ebenso führt die Suche nach den wesentlichen Eigenschaften einer Erzählung zu unterschiedlichen und teils unvereinbaren Ergebnissen. SARBIN (1986) hat einige der besonders häufig genannten Merkmale der Erzählung auf den Punkt gebracht: „A story is a symbolized account of actions of human beings that has a temporal dimension“ (Sarbin 1986, S. 3). Diese Definition, in der der englische Begriff story für die in einer Interaktionssituation erzählte Geschichte (und nicht für die Fabel an und für sich) steht, stellt Handlungen von menschlichen Protagonisten in eine zeitliche Ordnung. Dabei ist die Erzählung nicht mit den Geschehnissen an sich identisch sondern transformiert diese im Zuge ihrer symbolischen Repräsentation (vgl. Echterhoff/Straub 2003, S. 330). Hier wird eine erste wichtige Bestimmung des sozialisatorischen Charakters von Erzählungen offenkundig: Erzählungen operieren mit Deutungs- oder Interpretationskonstrukten und sind in ihrer Totalität selbst noch solche (ebd.). Viele Definitionen stimmen außerdem darin überein, dass Erzählungen einzelne Ereignisse und Handlungen von Akteuren in eine sequentielle Ordnung bringen. Dabei stehen diese nicht unverbunden nebeneinander (wie in einer Chronik), sondern untereinander in vielfacher Beziehung. Besonders wichtig ist in diesem Zusammenhang die durch den Akt des Erzählens selbst gestiftete Verknüpfung von Ereignissen, die eine einheitliche Gestalt ergibt. Während eine Erzählung die zeitliche Ordnung von Handlungen bezeichnet, zielt die „Geschichte“ auf deren inhaltliche Dimension, die Ereignisse, ab. SCHÜTZE (1987) definiert demnach eine erzählte Geschichte als „Abfolge von tatsächlichen oder fiktiven Ereignissen, die (a) in einer Beziehung zeitlicher
- 9 - undbedingender Aufeinanderfolge zueinander stehen, (b) von mit Intentionen und Selbstbewusstsein begabten Wesen zumindest erfahren oder ‚erlitten’, mit Notwendigkeit jedoch auch zum Teil hervorgerufen werden und (c) in gerafftem Zusammenhang von einer oder mehreren Personen faktischen oder möglichen Adressaten berichtet werden“ (Schütze 1987, S. 60). Geschichten sind somit stets Gegenstand von Erzählungen, in denen in grundsätzlicher Anlehnung an die chronologische Abfolge der Geschichten-Ereignisse über letztere berichtet wird. Erst Geschichten verleihen der Erzählung die ihr eigentümliche Dyna-mik.
Sowohl die Erzählung als auch die Geschichte lassen sich in größere Untereinheiten gliedern, die in ihrer gröbsten und notwendigsten Einteilung als Anfang, Mitte und Ende bezeichnet werden. Auch in der Alltagswelt entstehen und vergehen Situationen dadurch, dass die Subjekte durch besondere Handlungen ihren Anfang und ihr Ende markieren (vgl. Bude 1993, S. 416). Die spezifische Struktur und besonders ihre Dynamik erhält die Erzählung durch den sog. Plot, die Fabel oder Geschichte. Dieser bestimmt, welche Rolle die einzelnen Ereignisse in einer Erzählung spielen, welche Bedeutung ihnen zugeschrieben wird. Der Plot legt auch fest, auf welchen Endpunkt die Erzählung oder Geschichte zuläuft. Besonders wichtige Aspekte des Plots sind die Versuche eines Akteurs oder mehrerer Akteure, durch geeignete Handlungen Intentionen, Ziele oder Zwecke zu verwirklichen (vgl. Echterhoff/Straub 2003, S. 331). Ein wesentliches Merkmal einer Geschichte, das diese von einer natürlichen, zwangsläufigen oder gewohnten Ereignisfolge unterscheidet, ist mindestens ein Hindernis zwischen dem Ausgangs- und dem Zielzustand, so dass ein Problem vorliegt. Diese Komplikation wird in der Regel durch ein kontingentes, unerwartetes und oft unvorhersehbares Ereignis hervorgerufen und verlangt von den beteiligten Akteuren eine Reaktion zum Zweck der Realisierung ihrer Intentionen oder Wünsche. Beim Zuhörer entstehen Spannung und Unsicherheit, d. h. die Erzählung übt auf ihn eine affektiv-emotionale Wirkung aus (ebd., S. 332). Ein solches „destabilisierendes Element“ (Boothe 1994, S. 34 zit. nach Echterhoff/Straub 2003, S. 332) kondensiert beim Zuhörer Sinnstiftungsbemühungen und ist notwendig für die Transformation, durch die eine bloße Folge von Ereignissen in die Form einer Erzählung übergeführt wird. Diese Transformation wird häufig Emplotment genannt und betont den konstruktivbedeutungsstiftenden Charakter der Erzählung (vgl. Echterhoff/Straub 2003, S. 332). Abhängig vom Einsatz verschiedener Tropen 1 können so aus verschiede-
1 Damitsind rhetorische „Sinnfiguren“ wie Metaphern, Ironien, Betonungen, Wendungen, etc. gemeint.
- 10 -nen Erzählungen oder Geschichten verschiedene Genres entstehen (Komödie, Tragödie, Romanze, etc.). Obwohl genau diese narrative Sinnstiftung der Er-zählung den Ruf einer verfälschenden, unzuverlässigen Mitteilungsform einge-tragen hat, deren suggestiver Wirkung mit Skepsis zu begegnen sei, hält BRU-NER (1997) dieser „objektivistischen“ Kritik entgegen, dass gerade die subjek-tiv nachvollziehbare Ähnlichkeit von Narrationen mit dem alltäglichen Leben und Erleben in der Bezugnahme auf menschliche Intentionen, Ziele und Zwe-cke gründet (Bruner 1997, S. 68). Handelnde Personen sind also nicht nur ir-gendein Bestandteil von Erzählungen, auf den man ohne weiteres verzichten könnte, sondern unbedingt erforderlich, um die Ordnungsfunktion des Narrati-ven durch eine entscheidende Finalität von Handlungen zu ermöglichen: Ak-teure und ihre Intentionen, Ziele und Zwecke fungieren als Träger oder Mo-mente einer Sinnstiftung, die erst durch den Akt des Erzählens bzw. dessen Vollzug in der soziokulturellen Praxis konkret wird.
Ein früher und einflussreicher Versuch, eine idealtypische Struktur von Erzählungen zu entwerfen, stammt von LABOV/WALETZKY (1967). Ausgehend von alltäglichen Geschichten, die nicht von professionellen Autoren geschrieben, sondern von Laien erzählt wurden, unternahmen sie eine formale linguistische Analyse der Strukturebenen, Elemente und Erzeugungsregeln von Narrationen. Dabei kristallisierte sich ein typisches Verlaufsschema, eine „narrative Normalform“ (Echterhoff/Straub 2003, S. 336), mit folgenden Phasen heraus (vgl. Labov 1980, S.296ff.): (0) Abstract: Worum geht es in der Geschichte? (1) Orientierung: Einleitung und Information zum Setting, bestehend aus Angaben zu Personen, Ort, Zeit und Situation
(2) Komplikation: Problem, Barriere zur Zielerreichung, Handlungsmotivation: Und was passierte dann?
(3) Evaluation: Bedeutungsstiftung durch Perspektiveneinnahme oder Betroffenheit: Warum wird die Geschichte erzählt („so what“)? (4) Auflösung: Ergebnis der Handlungen, Rückwirkung auf Problemstellung
(5) Coda: Abschließende Bemerkungen, Beendigungssignale, Perspektivenwechsel von der Ereignisfolge zur Gegenwart MANDLER (1984) hat aus diesem allgemeinen Ablauf den Begriff des story schema abgeleitet, eine generalisierte kognitive Erwartungsstruktur, die An- nahmen über unterschiedliche Phänomene und Tatbestände (Ereignisse, Objek-
- 11 -te, Situationen) enthält. Schemata für stereotype, häufig auftretende Hand-lungsabläufe und soziale Interaktionen haben SCHANK und ABELSON (1977) als scripts definiert, z. B. ein erwartbarer, typischer Ablauf eines Re-staurantbesuchs.
2.1.2 Alltägliches Erzählen
Alltägliches Erzählen muss vom professionellen, literarischen Erzählen unterschieden und getrennt werden: Der Alltag des Erzählens ist Alltag im weitesten Sinn, während der veröffentlichte Teil des Erzählens nur einen Ausschnitt daraus darstellt (vgl. Ehlich 1980, S. 18). Darüber hinaus ist die Erzähltätigkeit im Alltag von direkter Interaktion bestimmt, während der professionelle Erzähler und Schriftsteller sich eines Mediums bedient (Buch, Hörbuch, Film) und der Zuhörer in der Erzählsituation eine weitgehend passive Rolle einnimmt, also kaum auf den Erzähler zurückwirken kann. Für die Bestimmung der Sozialisationsleistungen des Erzählens ist in dieser Arbeit daher das alltägliche Erzählen, das Erzählen im Alltag, die alltägliche Interaktion des Erzählens von zentraler Bedeutung.
Für Konrad EHLICH (1980) ist Alltag „das Gewohnte, das Gewöhnliche“ (Ehlich 1980, S. 14), wodurch sich dieser vom Besonderen, Herausragenden (z.B. dem „Fest“) abhebt. Alltag erscheint auch als das Allgemeine, demgegenüber die einzelnen Formen des gesellschaftlichen Lebens gesondert sind und tritt den gesellschaftlichen Institutionen als Ausdruck gegenüber, der all jene Le-bensformen beinhaltet, die nicht auf den ersten Blick schon als besondere Einrichtungen erkenntlich sind. Alltag bezeichnet somit die „Lebenswelt der Mehrheit“ (ebd., S. 16). Erzählen im Alltag zielt daher auf eine Tätigkeit ab, die sich in dieser Sphäre des Gewöhnlichen abspielt, in einem Bereich, der die nichtliterarische, triviale Öffentlichkeit der Massen ausmacht und als scheinbare Bedeutungslosigkeit auch von der Wissenschaft lange Zeit peinlichst gemieden wurde.
Was den Alltag für EHLICH jedoch so interessant macht, ist nicht nur, dass er einen quantitativ hohen Teil der Handlungen und der Biografie der Individuen ausmacht, er interessiert vor allem, weil im Alltag „die Umsetzung der gesellschaftlichen ‚Hauptaktionen’ in die individuelle Aneignung“ (Ehlich 1980, S. 17) und somit die Grundlagen für das gesellschaftliche Handeln bearbeitet werden, die sich in der „Geschichte“ des Individuums verdichten. Alltägliches Erzählen ist dem Alltag aber nicht nur als Tätigkeit verpflichtet, sondern auch in seinen Inhalten. Das macht Alltagserzählungen häufig trivial. Den Schluss von der Trivialität des Inhalts auf die Trivialität der Tätigkeit lässt EHLICH al- lerdings nicht zu: Diese Analogie verhindere nicht nur die „lebenspraktische
- 12 - Bedeutungdes Erzählens“ (ebd., S. 20) für den Erzählenden zu erkennen, sie täusche auch darüber hinweg, dass alltägliches Erzählen als sprachliche Hand-lung äußerst komplex sei. Erzählen sei als sprachliche Handlung integriert in die anderen Handlungsbezüge der gesellschaftlichen Akteure und somit „eines der prominentesten Mittel, mit denen der Transfer von Erfahrung bewältigt werden kann“ (Ehlich 1980, S. 20).
Die Bedeutung des Alltagswissens für die „Narrative“ in einer Kultur hebt MÜLLER-FUNK (2002) mit dem Begriff des common sense hervor 2 . Demnach basiert jede Kultur auf einer Reihe von Erzählungen, wobei die Narrative (alltagsweltliche, nicht näher problematisierte Formen von Narrationen, Anm.) in den Kulturen oftmals latent, d. h. jederzeit abrufbar aber nicht fortwährend präsent, sind. Der symbolisch-narrative Gemeinbestand einer Kultur lässt sich in der Folge als das begreifen, was einer Kultur Stabilität verleiht und ihr die Härte gegen Devianz ermöglicht (vgl. Müller-Funk 2002, S. 154f.). Den common sense selbst charakterisiert MÜLLER-FUNK als „ein Insgesamt der in einer Kultur verfügbaren, nicht-impliziten, in den Zustand der Selbstverständlichkeit versetzten Wissensbestände“ und weiter als „ ... ein eigenes Symbolsystem, das mit anderen (Wissenschaft, Religion) in Interaktion steht, aber durchaus eigenen Gesetzmäßigkeiten folgt“ (ebd., S. 155). Dieser „Gemeinsinn“ ist natürlich, praktisch, unmittelbar einleuchtend, simpel und allen daran Beteiligten nachvollziehbar. Dem entspricht wiederum ein konstitutives Element der Erzählsituation, wonach diese das grundlegende Einverständnis zwischen Erzähler und Zuhörer fordert. So enthalten alltägliche Erzählungen einen narrativen Komplex der eigenen Kultur, der eben nicht direkt angesprochen zu werden braucht und sind das unhintergehbare Medium für die Schaffung verlässlicher Selbstorientierung und Identität (ebd., S. 158ff). In der erzählerischen Interaktion wird der common sense quasi en passant sozialisiert (vgl. Kapitel 3). Narrative Sozialisation bedeutet in diesem Verständnis nicht mehr und nicht weniger als die Aneignung, Verinnerlichung oder Enkulturation von narrativer, d. h. erzählter Kultur.
2.1.3 Erzählen ist Interaktion
Ein weiterer zentraler Begriff in der Einordnung von Erzählungen als soziale Praxis ist jener der sozialen Interaktion. Das LEXIKON ZUR SOZIOLOGIE (1988) definiert eine soziale Interaktion als „die durch Kommunikation (Sprache, Symbole, Gesten) vermittelten wechselseitigen Beziehungen zwischen Per- 2 WolfgangMüller-Funk stützt sich dabei vor allem auf die Arbeiten von Clifford Geertz und Alfred Schütz
- 13 - sonenund Gruppen und die daraus resultierende wechselseitige Beeinflussung ihrer Einstellungen, Erwartungen und Handlungen“ (Lexikon zur Soziologie 1988, S. 352).
Das Erzählen setzt als implizierte Interaktion nicht nur ein Subjekt oder einen Erzähler (sowie seine Sprache, das ihm verfügbare Vokabular, sein stilistisches und rhetorisches Instrumentarium) voraus, sondern auch etwas, das erzählt wird, einen Gegenstand oder Inhalt der erzählten Geschichte. Dieser ist in der Regel an handelnde Personen gebunden, die Ereignisse hervorbringen oder steuern. Zu jeder Erzählung gehört aber auch ihr materieller, räumlicher, zeitlicher, kultureller und psycho-sozialer Kontext, und sie sind schließlich an je-manden gerichtet: an einen Zuhörer, ein Publikum, einen Adressaten (vgl. Echterhoff/Straub 2004, S. 152).
SCHÜTZE (1987) zählt jene Typen von Personal auf, die eine Erzählung für gewöhnlich benötigt (vgl. Schütze 1987, S. 61f.): - Erzähler: der Produzent der Erzählung
- Zuhörer: sie räumen dem Erzähler ein monologisches Rederecht ein, senden Rezeptionssignale aus, reagieren auf jeweilige Erzählabschlüsse durch eigene Kommentare und dokumentieren auf diese Weise kooperatives Kommunikationsverhalten
- Ereignisträger: sie agieren innerhalb des berichteten Ereignisablaufes und müssen die berichteten Vorgänge erleiden, bringen diese selbst her-vor oder treiben sie voran
- Geschichtenträger: der Protagonist, in dessen Handlungs- und Erleidensraum die berichteten Ereignisse in Erscheinung treten, und der diese in zentraler Weise hervorruft und gestaltet, der in zentraler Weise von der Veränderungswirkung der Geschichtenereignisse betroffen ist, und der deshalb die zumindest graduelle Umgestaltung seiner individuellen und der ihn umgebenden kollektiven Identitäten erleben muss. In mündlichen Erzählungen ist der Erzähler mit dem Geschichtenträger in der Regel identisch, während in literarischen Erzählungen eher eine perspektivische Erzählweise vorherrscht: der Erzähler schaut den zentralen Akteuren über die Schulter und weiß wie ein „allwissender Gott“, was diese denken und fühlen.
SCHÜTZE (1976) weist darauf hin, dass besonders in alltagsweltlichen Direktinteraktionen (face-to-face) die Grundfunktion von Erzählungen in ih- rer elementarsten Weise erfüllt wird, nämlich Nichtbeteiligte an in sich re-
- 14 -lativ geschlossenen Ereigniskonstellationen erlebter Wirklichkeit teilhaben zu lassen (Schütze 1976, S. 8). In der Interaktion unterliegt die Erzählung der doppelten Kontingenz des Interaktionsprozesses, nicht allein von den eigenen Aktivitätsimpulsen ausgehend zu dürfen, sondern auch diejenigen des Interaktionspartners bzw. der Interaktionspartner berücksichtigen zu müssen (ebd.). So kann beim Erzählen von eigen erlebten Geschichten der Erzähler flexibel auf Bedürfnisse, Bewertungen und manifeste Reaktionen der Zuhörenden eingehen. Aber auch Zuhörer sind aktive Interaktionspart-ner, deren Fragen, Bewertungen, Interessensbekundungen auf diese Weise Rückwirkungen auf die Erzählenden haben (vgl. Fuchs 2001, S. 89). Genau auf diese Weise findet nach der interaktionistischen Sozialisationstheorie „Sozialisation“ statt (vgl. Kapitel 3).
2.2 Erzählen als kommunikative Gattung
Für die soziologische Verortung alltäglicher Erzählungen ist neben ihrer analytischen Kategorisierung als Interaktion vor allem ihr Wesen als kommunikative Gattung von Bedeutung. Erzählen kann demnach als kulturell vorgegebene Form des „Miteinander-Redens“ betrachtet werden. Diese Formen, kommunikativen Muster oder Gattungen sind Teil der Kultur und werden als solche von den Subjekten der Erzählungen sozialisiert. Denn neben den Formen oder Objekten muss der Blick immer den Menschen gelten, die Erzählungen schaffen, erwerben, gebrauchen, tradieren (vgl. Lehmann 1993, S. 430). Die bewusste oder unbewusste Kenntnis dieser Formvorgaben und ihre sichere Anwendung erlaubt es nämlich, den am sozialen Leben Beteiligten die zwischenmenschlichen Erfahrungen des Alltags, die als Geschichten die Inhalte von alltäglichen Erzählungen darstellen, zu verstehen, zu erleben und für die Zukunft möglicherweise selbst zu gestalten. Die kulturellen Voraussetzungen kommunikativer Vorgänge sind daher für die Sozialwissenschaft äußerst wichtig, um zwischenmenschliche, alltägliche Situationen aber auch größere kulturelle Prozesse besser verstehen zu können (ebd., S. 431). Dabei ist vor allem das Konzept der kommunikativen Gattungen von Thomas LUCKMANN von Bedeutung. Während Gattungen als Kategorisierungen mündlicher und schriftlicher Texte in der Literaturwissenschaft, Linguistik, Volkskunde und Anthropologie eine lange Forschungstradition haben, bezieht sich der Begriff der kommunikativen Gattungen nach LUCKMANN (1986) ausdrücklich auf die sprachliche Interaktionssituation. LUCKMANN begründet das Existieren von Gattungen aus soziologischer Perspektive, indem er ihre gesellschaftliche Funktion in der Tradierung und Vermittlung bestimmter gesellschaftlich relevanter Wissensbestän- de lokalisiert (Luckmann 1986, S. 201). Sein Gattungsbegriff bezeichnet ge-
- 15 -genüber dem herkömmlichen Verständnis keine verfestigten Formen, sondern die sprachlich Handelnden bedienen sich „typischer Muster“ (ebd.) des Spre-chens (in etwa vergleichbar mit überlieferten Traditionen), deren Sinnbezüge sich erst im jeweils situativen Kontext erschließen und diesen sogar mit konsti-tuieren. LUCKMANNs Gattungsbegriff ist nicht auf routinehafte und rituali-sierte Sprechweisen beschränkt (ebd.). Er vermeidet sogar eine „konservative“ Definition und macht den Begriff so für die Analyse des sprachlichen Handelns in modernen westlichen Kulturen attraktiv (vgl. Auer 1999, S. 177). Kommu-nikative Gattungen sind nach LUCKMANN gesellschaftlich vorgeprägte, komplexe Abläufe, die ein gewisses Maß an Verbindlichkeit erreicht haben, und die sich als historisch und kulturell spezifische Sedimentierungen gesell-schaftlicher Problemlösungen verstehen lassen (ebd.). Die verfestigte und kon-ventionalisierte Struktur äußert sich vor allem in sprecher- und hörerentlasten-den Routinen, so dass sich Sprachhandlungen zur Bewältigung bestimmter kommunikativer Aufgaben leichter ausführen lassen (z. B. Grußformeln, rheto-rische Regeln, Liebesgeständnisse). Diese Routinen hängen in erster Linie von gesellschaftlichen Werten und Normen ab, so dass deren Reglementierung der Kommunikation auch dazu neigt, sprachliches Handeln zu entindividualisieren (ebd.).
Kommunikative Gattungen werden jedoch mehr als durch ihre Routinen durch ihre innere und äußere Struktur bestimmt, sie haben demnach eine Binnen- und eine Außenstruktur. Die Binnenstruktur ergibt sich aus der Beziehung zwischen der gemeinsamen Grundfunktion von kommunikativen Gattungen, nämlich der Lösung spezifischer kommunikativer Probleme und deren „materialer“ Grundlage, nämlich den verschiedenen, in einem gesellschaftlichen Wissensvorrat verfügbaren Zeichensystemen („Codes“). Sie besteht somit aus Gesamtmustern verschiedenartiger Elemente, die mit verschiedenartiger Verbindlichkeit festgelegt sind: Worte und Phrasen, Gesamtregister, Formeln und formularische Blöcke, rhetorische Figuren und Tropen, Stilmittel (Metrik, Reimschemata, Lautmelodien), spezifische Regelungen des Dialogs, Reparaturstrategien und Festlegungen von Themen (vgl. Luckmann 1986, S. 201f.). Da kommunikatives Handeln jedoch auch immer gesellschaftliches Handeln 3 ist, steht es als solches in einem festen Zusammenhang mit den in einer gesellschaftlichen Ordnung vorherrschenden Regelungen gesellschaftlichen Handelns, mit der Struktur gesellschaftlicher Institutionen und der sozialen Schichtung. Die Außenstruktur kommunikativer Gattungen lässt sich daher aus der Beziehung zwischen kom- 3 Vgl.„soziales Handeln“ bei Max Weber in: Weber, Max (1972): Wirtschaft und Gesellschaft. Tübingen: Mohr
- 16 -munikativen Handlungen und der Sozialstruktur ableiten. Sie besteht im we-sentlichen aus vorgefertigten Definitionen kommunikativer Milieus, kommuni-kativer Situationen, den Rollen und wechselseitigen Beziehungen der Han-delnden (ebd., S 204). Als soziales Milieu lassen sich bei LUCKMANN räum-lich umgrenzbare soziale Einheiten fassen, die folgende Kennzeichen aufwei-sen: relativ feste Sozialbeziehungen, gewohnheitsmäßige Orte der Kommuni-kation, gemeinsame Zeitbudgets und eine gemeinsame Geschichte ihrer Fami-lien, Arbeitsstätten, öffentlichen Einrichtungen, etc. (Luckmann 1995, S. 62). In bestimmten Nachbarschaftsmilieus mag z. B. „Klatsch“ als Gattung eine ge-eignete Rolle spielen, in der Universität ist die Gattung der „Vorlesung“ milieu-typisch, und die Außenstruktur des Plädoyers ist an das juristische Milieu ge-bunden (vgl. Auer 1999, S. 180). Zusammen bestimmen die beiden Struktur-ebenen das Gesamtmuster des gattungsspezifischen kommunikativen Handelns und legen seinen Verbindlichkeitscharakter fest (vgl. Luckmann 1986, S. 204). Sie üben auf diese Weise einerseits Zwang aus und wirken andererseits entlas-tend. Die Besonderheiten kommunikativer Gattungen lassen sich daher nach ihren Funktionen abgrenzen. Sie unterscheiden sich in erster Linie in den auf ihrer Grundfunktion, der Lösung spezifischer kommunikativer Probleme, auf-bauenden Sonderfunktionen, d. h. dem Lösen eines bestimmten Typs spezifi-scher kommunikativer Probleme: Erzählen, Befehlen, Werben, Beten usw. (ebd., S. 205). Wie Institutionen Lösungen für Probleme des gesellschaftlichen Lebens darstellen, die auf diese Weise nicht immer neu ausgehandelt werden müssen, sind Gattungen Lösungen für rekurrente kommunikative Probleme. Sie können sich herausbilden, weil individuelle Formen des Handelns und der Erfahrung mit bestimmten Handlungsweisen von den Mitgliedern der Gemein-schaft untereinander ausgetauscht und durch wiederholte Anwendungen zu kol-lektiven Erfahrungen gemacht werden. Damit ergibt sich ein gesellschaftlicher „Wissensvorrat“ von Mustern individuellen Handelns. Darüber hinaus lassen sie sich in den durch diese Funktionen bedingten strukturellen Eigenschaften differenzieren (z.B. im Typ der „Vorselektion“ bzw. im Verbindlichkeitsgrad des Zusammenbaus der Elemente in Gesamtmustern) (vgl. Auer 1999, S. 183f.).
Gerade im Vergleich von rekonstruktiven und nicht-rekonstruktiven Gattungen treten die strukturellen Konturen zu Tage: Die für eine rekonstruktive Gattung wie der Erzählung verbindlichen Regelungen von Zeitformen, Ablauffolgen des „Davor“, der „Wende“ und des „Danach“ mit ihren Motivationszuschreibungen, der Anmeldung und Aufrechterhaltung eines Wahrheitsanspruches und dergleichen unterscheiden sich klar von den Strukturelementen nicht- rekonstruktiver Gattungen wie etwa der Predigt oder den Sprichwörtern (vgl.
- 17 -Auer 1999, S. 205). Es scheint sogar, dass gewisse soziale Milieus durch be-sondere Ausprägungen rekonstruktiver Gattungen gekennzeichnet sind, durch eine besondere „narrative Kultur“ (ebd.). So unterscheiden sich in unserer Ge-sellschaft z. B. Ärzte und Pfleger derselben Klinik durch ihre Art und Weise des Erzählens. Erzählungen können daher als rekonstruktive kommunikative Gattungen bestimmt und ihrer Bedeutung für die Vermittlung handlungsorien-tierten Wissens und aller verwandter sozialer Funktionen analysiert werden. Das ist ein zentraler Aspekt von narrativer Sozialisation.
2.3 Die sozialen Funktionen des Erzählens
Wenn Erzählungen als kommunikative Gattungen gelten, dann lassen sich auch die Funktionen von kommunikativen Gattungen in ihren spezifischen Ausprägungen auf Erzählungen übertragen. Die Funktionen von Erzählungen beziehen sich daher auf das Lösen des spezifischen Kommunikationsproblems „Erzählen“, das als kommunikative Form routinisiert und zu einer Gattung verfestigt wurde. Die Grundfunktionen der kommunikativen Gattung „Erzählen“ beziehen sich daher auf den in den Lösungsmodi gespeicherten Wissensvorrat. Dieser hat zunächst eine entlastende Funktion sowohl für den Erzähler als auch für den Zuhörer, da auf routinisierte Handlungsabläufe und kollektive Erfahrungen zurückgegriffen werden kann. Eine weitere Grundfunktion liegt aber auch in der Vermittlung solcher Erfahrungen. Während die gesellschaftlichen Funktionen von Erzählungen mit dem LUCKMANNschen Gattungsbegriff im Wesentlichen auf den kommunikativen Aspekt gerichtet sind, unterscheidet QUASTHOFF (1980) sowohl kommunikative als auch interaktive Funktionen des Erzählens (vgl. Quasthoff 1980, S. 147). In den kommunikativen Funktionen stimmt die Autorin mit jenen der Gattungen weitgehend überein, die interaktiven Funktionen beziehen sich aber ausdrücklich auf die Situation der Interaktion selbst. Die Unterscheidung ist notwendig, da Sprache zum einen als Medium zur Repräsentation von Inhalten dient (kommunikative Funktion) und zum anderen ein Mittel zur Vertiefung sozialer Kontakte darstellt (interaktive Funktion). Kommunikative Funktionen beziehen sich hauptsächlich auf den Inhalt der Geschichte, interaktive Funktionen dagegen liegen begründet in der Wahl der jeweiligen Repräsentationsform. Das Erzählen eines bestimmten Ereignisses erfüllt etwa völlig andere interaktive Funktionen als das Berichten desselben Ereignisses (vgl. Kunjandy 2001, S. 16). Die kommunikativen Funktionen des Erzählens teilt QUASTHOFF (1980) in sprecher-orientierte, hörer-orientierte und kontext-orientierte Funktionen ein: Sprecher-orientierte Funktionen: Psychische/kommunikative Entlas- tung von starken emotionalen Erfahrungen; Selbstdarstellung; Heraus-
- 18 -bildung eines Selbstbildes, ohne das Erzählen von Geschichten über ei-gene Erlebnisse nicht möglich ist (zur Übertragung des Selbstbildes im interaktiven Verhalten vgl. MEAD in 3.2).
Hörer-orientierte Funktionen: Information, Belustigung und Unterhaltung. Sie grenzen sich am stärksten von der zugrunde liegenden Interaktionssituation ab und fließen nicht unbemerkt in das laufende Gespräch ein sondern werden explizit eingeleitet.
Kontext-orientierte Funktionen: hier sind die kommunikativen Funktionen einer Erzählung gemeint, die im Zusammenhang mit einer überge-ordneten Diskurseinheit stehen. Die Belegfunktion braucht als Grundlage die Aussage, die sie belegen soll. Das Gleiche gilt für die Erklärungsfunktion. Dadurch bekommt die Erzählung den Charakter einer Nebensequenz. Beispiele: Beleg für „Wahrheit oder Gültigkeit“, Erklärung, Rechtfertigung, Entschuldigung.
Die interaktiven Funktionen beruhen darauf, dass Erzählungen auf die Herstellung oder Gestaltung einer sozialen Beziehung abzielen. Schon der Vorgang des Erzählens selbst lässt, unabhängig von den dargestellten oder implizierten Inhalten, den Produzenten der Erzählung als pro-aktiven sozialen Agenten erscheinen, so dass eine mögliche Funktion der Narration in der Steigerung des Ansehens der erzählerisch tätigen Personen in den Augen der Zuhörerschaft besteht. Das Erzählen im sozialen Kontext kann - zumindest vorübergehendsoziale Beziehungen stiften und stabilisieren. QUASTHOFF (1980) spricht in diesem Zusammenhang von der phatischen Funktion des mündlichen Erzählens, die einen Kontakt zwischen Sprecher und Zuhörer sicherstellt, ein soziales Band knüpft (vgl. Echterhoff/Straub 2004, S. 174). Gerade die Erzählung als Konversationsform ist aufgrund ihres Detailreichtums dazu geeignet, einen kommunikativ-sozialen Austausch über einen relativ langen Zeitraum aufrechtzuerhalten. Sie eröffnen nicht zuletzt die Möglichkeit für weitere Folgen des Geschichtenerzählens, beispielsweise den Aufbau einer längerfristigen Gemeinsamkeit und Gemeinschaft (ebd.). Erzählungen und Geschichten verkörpern Angebote an die Adressaten, sich auf eine gemeinsame soziale Realität einzulassen und weiterhin an der Ko-Konstruktion einer interaktiv validierten Realitätssicht teilzunehmen. Entwickeln Kommunikationspartner ausgehend von erzählten Geschichten eine geteilte, soziale Realität, dann wird auch die Voraussetzung für die Koordination zukünftiger Wahrnehmungen, Urteile und Handlungen geschaffen. Somit kann das Erzählen über die kurzfristige phatische Funktion hinaus auch zum Aufbau längerfristiger sozialer Beziehungen und zur sozialen Integration beitragen (ebd., S. 174f.).
- 19 -Da im Prozess der Sozialisation auch (und vor allem) soziale Funktionen „so-zialisiert“ werden, kann im auf Erzählungen übertragenen Sinn Sozialisation per se als eine Funktion von Erzählungen betrachtet werden. Darauf gehe ich besonders in Kapitel 5 ein, wo ich die Arbeiten von Peggy J. MILLER vorstel-le, die Erzählungen als „Methode von Sozialisation“ analysiert.
2.4 Sinnkonstitution und Erfahrungsreproduktion in narrativen Interaktionen
Die soziologische Relevanz von Erzählungen kann über die Konzepte der Interaktion und der kommunikativen Gattungen hinaus als ein Modus der Erfahrung von Welt begriffen werden. Über Erzählungen wird gesellschaftliche Kontinuität hergestellt, in dem sich die Gesellschaftsmitglieder erzählend deutlich machen, dass „Vergangenes sowohl vergangen als auch gegenwärtig“ (Bude 1993, S. 412) ist. Interessant für die soziologische Theorie ist, dass die Erzählung als Form eine komplexe Handlungstheorie enthält. Das verknappte narrative Schema lautet: Es ist jemanden in einer bestimmten Situation etwas geschehen (ebd., S. 414). Daraus lassen sich ein Subjekt, seine Ziele und bestimmte unvorhergesehene Umstände isolieren (vgl. vorangegangene Abschnitte). Obwohl sich aus diesen Gegebenheiten noch immer ein stabiler Zusammenhang entwickeln könnte, ist es jedoch das Wesen der Erzählung, dass sie erst aus den nicht vorherzusehenden Zeichen, Ursachen und Zufällen, also der Geschichte selbst, ihren eigenen Sinn konstituiert. BUDE (1993) nimmt an, dass sich dieser Sinn gerade aus der Lücke in der Erfahrung, die das unvorhergesehene Ereignis in Form von etwas Überraschendem, Seltsamem, Komischem oder Erschreckendem offenkundig macht, ergibt: Eine gute Erzählung macht einen Sinn aus der Lücke im Sinn (ebd., S. 415). SCHÜTZE (1987), der vor allem mit der qualitativen Forschungsmethode des narrativen Interviews 4 als besonders geeignetes Instrument zur Untersuchung des originären Erfahrungsaufbaus der Gesellschaftsmitglieder hervorgetreten ist, verweist auf einen explizit soziologischen Anhaltspunkt in der wissenschaftlichen Verortung von Narrationen: mithilfe alltäglicher Erzählungen können soziologische relevante Prozesse erfasst werden, z. B. vermögen unverstellte Stegreiferzählungen die Erlebnisrealität des Erzählers und seine Verwicklung in vergangene Ereignisse zu rekonstruieren (Schütze 1987, S.12). Er-
4 AusPlatzgründen kann die qualitative Methode des narrativen Interviews (auch „Stegreiferzählung“) von Fritz Schütze hier nicht weiter ausgeführt werden. Nur soviel: Die freien In-terviews zur Biografie von Individuen dienen zur Generierung von Erfahrungswissen im
sozialen Kontext. Vgl.: Schütze, Fritz (1987): Das narrative Interview in Interaktionsfeld-
studien. Fernuni-Kurs 03757. Hagen: FernUniversität
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Reinhold Stumpf, 2006, Narrative Sozialisation im Kontext alltäglicher Interaktionen, München, GRIN Verlag GmbH
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