Die Erstickung des Waffenwiderstands in Litauen 1944-1953 2
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung. 3
1.1 Vorwort 3
1.2 Fragestellung und Forschungsstand. 5
1.3 Nachkriegslitauen - Bilanz der Verluste. 7
2 Die Internationale Kommission zur Erforschung/Bewertung der Verbrechen der Nazi-
und der Sowjetregime in Litauen 8
2.1 Rahmenbedingungen für die Entstehung der Kommission 8
2.2 Die Forschungsbereiche und die Ziele der Kommission. 9
3 Hauptteil - die Erstickung des Waffenwiderstands. 10
3.1 Die Gründe und die Motivation des litauischen Widerstandes. 10
3.2 Die Voraussetzungen für den Kampf der Litauer gegen die sowjetische Besatzung. 11
3.3 Der rechtliche Aspekt der Widerstandsleistung und Gewaltmobilisation 13
3.4 Der Gewalteinsatz der Einwohner Litauens im Militärapparat der UdSSR 15
4 Waldameisen gegen Sowjetbär 16
4.1 Das Gehirn der Partisanenbekämpfung 16
4.2 „Klassenkampf“ oder sowjetische Unterdrückungsmaschinerie? 19
4.2.1 Litauer gegen Litauer. 19
4.3 Die Methoden zur Erstickung des Widerstands 22
4.3.1 Die Verbannungen der Familien der Resistenzteilnehmer 22
4.3.2 Die Foltern und die psychologische Gewalt der Widerstandsteilnehmer. 22
4.3.3 Die Anwendung der Agenten- Angreifer. 23
4.4 Die Rolle der KPL(B) bei der Zerschlagung des Widerstandes. 23
4.5 Niemand werde sie beschützen - das Scheitern der Widerstandbewegung 31
5 Schlussbetrachtungen. 32
6 Bibliografie 33
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Die Erstickung des Waffenwiderstands in Litauen 1944-1953 3
1 Einleitung
1.1 Vorwort
An den Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag des Kriegsendes in Europa bezeichnete Vladimir Putin den Sieg über Hitler-Deutschland als "Triumph der Gerechtigkeit". In seiner Ansprache auf dem Roten Platz erinnerte der russische Präsident an den gemeinsamen Kampf der früheren Sowjet-Republiken. "Es gibt keine Alternative zu unserer Bruderschaft", erklärte Putin. Die Lehre aus dem Krieg sei, eine Weltordnung der Sicherheit und der Gerechtigkeit zu schaffen 1 . Doch weigern sich die Präsidenten der ehemaligen Sowjet-Republiken Estland und Litauen, Arnold Rüütel und Valdas Adamkus, als einzige geladene Staatsoberhäupter, an den Feiern vom 8. Mai in Moskau teilzunehmen. Warum? Paradoxerweise brachte der Sieg für einen grossen Teil Ost- u n d Mitteleuropas die eiserne Herrschaft eines anderen Imperiums. Mit der Einladung nach Moskau werden also einst versklavte Staaten gebeten, ihre eigene Gefangenschaft zu feiern, wie Vytautas Lansbergis, ehemaliger Präsident und Gründer der litauischen Unabhängigkeitsbewegung Sąjūdis in einem Interview ausdrückte. Dass die Lehre aus dem Krieg noch immer nicht gezogen wurde, zeigt auch das bis heute noch ausstehende öffentliche Schuldbekenntnis Russlands gegenüber der baltischen Staaten.
Was passierte tatsächlich in Litauen vor 60 Jahren? Nur ein genauer Blick auf die Geschehnisse der Nachkriegszeit macht es möglich den Verlauf der litauischen Geschichte zu verstehen und zu interpretieren. In der tragischen Periode der kommunistischen Herrschaft in Litauen ab 1944 bis 1990 zeigte sie immer wieder kriminelle Züge und schreckte auch später nie davon zurück, sich unter Einsatz massiver Gewalt, inklusiv militärischer, an der Macht zu halten.
Am 5. Juli 1944 wandte sich das ZK der Kommunistischen Partei Litauens (Bolschevisten) (weiter- LKP(B)) an die Litauer: “Schon ist die lang ersehnte Befreiungsstunde herangekommen. Die Zeit ist gekommen, da wir mit Freude die Rote Armee der Befreier bei ihrem Einmarsch begrüssen können“. 2 Doch wurden die sowjetischen Truppen - anders als die deutschen im Jahre 1941 - nicht als Befreier begrüsst, sondern stiessen auf klare Abneigung innerhalb grosser Teile der litauischen Bevölkerung.
1 http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,355170,00.html
2 Truska, Liudas: Lietuva 1938-1953, Kaunas 1995, S.142
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Die nach der Unabhängigkeit Litauens strebenden Kräfte bildeten die Grundlage des bewaffneten Widerstands gegen die perfekt organisierte Staatsgewalt, welche die Menschenrechte verletzte und allgemein anerkannte Verpflichtungen in grober Weise vernachlässigte.
Nach hohen Verlusten in den Anfangsjahren (1944) erhielt die Partisanenbewegung (1947-1948) in Litauen eine organisierte Form und Struktur und breitete sich im ganzen Land aus. Die Ablehnung des Kommunismus und die Orientierung an der westlichen Demokratie - diese Grundhaltung der Untergrundkämpfer- weckte das Misstrauen des Sowjets. Das erste Ziel, das sich nun die neuen Herrscher setzten, war es, den Widerstand in Litauen zu brechen und die durch die Rote Armee und den NKVD 3 eroberte Macht im Staate zu konsolidieren. Der sowjetische „Gouverneur“ in Litauen, Michail Suslov, behauptete in der Presse, dass die Resistenzkämpfer „Kapitalisten, Gutsbesitzer, Tagelöhner der Deutschen, Polizisten, höhere Beamte des Smetona Regimes (seien), die sich bemühten, um jeden Preis ihre Macht und ihr Gut zurückzuerhalten“. 4 F ü r s i e w a r e n d i e Unabhängigkeitskämpfer keine legitimen Vertreter der Interessen ihres Volkes, sondern lediglich „Banditen“. Die Leitung der KPS(B) verlangte, gemäss Aussagen M. Suslovs, „die wichtigste der wichtigsten Aufgaben auszuführen: schnellstens das Banditentum zu liquidieren “. Ausgesprochen brutal und blutig verlief der Krieg gegen die Partisanen, der bis 1949 sehr heftig war. Obwohl die Widerstandsbewegung sowohl zahlenmässig als auch ideologisch sehr stark war, war doch das Kräfteverhältnis stets sehr ungleich, weil die Partisanen regulären sowjetischen Truppen gegenüberstanden und viel schlechter ausgerüstet waren. Schliesslich setzte sich der Mythos der „unbesiegbaren Sowjetarmee“ gegen die Legende der „Waldbrüder“ durch. 1949 begann der bewaffnete Widerstand allmählich abzuflauen, bis er 1953 endete. Der letzte illegal gebliebene Kämpfer Antanas Kraujelis lehnte es ab, sich zu ergeben und erschoss sich 1965.
Der bewaffnete litauische Widerstand, der das ganze Jahrzehnt nach dem 2. Weltkrieg währte, war eine der längsten Widerstandsbewegungen in Europa und wird in der litauischen Geschichte als “Krieg nach dem Kriege” bezeichnet. Jedoch wurde er mit verbrecherischen Repressions- massnahmenunterdrückt und Litauen blieb für ein halbes Jahrhundert sowjetisch.
3 Narodnyj Komissariat Vnutrennich Del-Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten
4 Leiserowitz, Ruth: Waldbrüder- der bewaffnete Widerstand im Nachkriegslitauen . In Horch und Guck, A12242/Heft
45, Berlin ,2004(I), S.16
4
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1.2 Fragestellung und Forschungsstand
In der vorliegenden Studie möchte ich mit dem vielschichtigeren und daher auch nicht sterilwiderspruchsfreien Bild der Geschichte des bewaffneten Widerstands und ihrem Erstickung im Nachkriegslitauen auseinandersetzen: Wieso hat sich die Bewegung, die zu Beginn beachtlichen Zulauf verzeichnen konnte, letztlich nicht durchzusetzen vermocht? Welche Methoden für die Bekämpfung des Widerstands wurden angewendet? Welche Rolle spielten die litauischen politischen Strukturen für die Festigung des Sowjetregimes und bei der Durchführung der zahlreichen Verbrechen?
Der Hauptteil dieser Arbeit stützt sich auf die Erkenntnisse aus den Schussfolgerungen der internationalen Kommission für die Erforschung/Bewertung der Verbrechen der nationalsozialistischen und sowjetischen Regime in Litauen und vor allem auf das zugrunde liegenden Material. Basierend auf Memoiren von Beteiligten und publizierten Dokumenten sind wichtige Grundlagen für die Forschung der sowjetischen Verbrechen bei der Liquidierung des Waffenwiderstands gelegt worden. Die Entstehungsbedingungen und Forschungsbereiche der Kommission selbst werden im einführenden Kapitel der Studie präsentiert. Weiter wird versucht, anhand von Quellen des sowjetischen Nachrichtendienstes (NKVD) und Kommunistischen Partei die Wirksamkeit seiner Abteilungen bei der „Banditenbekämpfung“ in den Jahren 1944-1953 darzustellen. Als Ausgangspunkt der nachfolgendenden Überlegungen dienen die Akten des Glavnoje Upravlenie NKVD SSSR po borbe s banditizmom (GUBB) aus dem Lietuvos Ypatingasis Archyvas (LYA; das Litauisch Spezialarchiv-dt.), die im dreibändigen Werk von Vytautas Tininis „Komunistinio režimo nusikaltimai Lietuvoje 1944-1945“(„Die Verbrechen des kommunistischen Regimes in Litauen 1944-1953“) vorgelegt sind. Auf mehr als 1000 Seiten Sammelband vereint V. Tininis Studien von Historikern sowie Schlüsseldokumente und gilt in der l i t a u i s c h e n gegenwärtigen Historiographie als umfangreichste Studie über den sowjetischen Terror. In dieser Arbeit wird die Schlüsselrolle der kommunistischen Partei bei der Organisation und Führung der Erstickung aller Widerstandsformen gegen Sowjetisierung hervorgehoben; es werden aber auch rechtliche, kirchliche und politische (Wahlen) Aspekte des kommunistischen Verbrechens behandelt. Bis vor kurzem galten viele der 1944-1953 entstandenen Dokumente der Geheimdienste, insbesondere solche des Innenministeriums (MVD) der UdSSR, zu dem auch
Staatssicherheitsdienst zählte, als vernichtet durch die „Säuberung“ der sowjetischen Archive. Die Veröffentlichung diese Dokumente erlaubt es, die Geschichte der Partisanenbekämpfung im Nachkriegslitauen umfassender zu beleuchten, da in der sowjetischen Historiographie war es im Laufe der Jahrzehnte unmöglich dieses Thema gründlich zu behandeln.
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Deshalb waren die einschlägigen wissenschaftlichen Forschungen lange Zeit, bis zur Wende den achtziger-neunziger Jahren faktisch auf die westliche Historiographie beschränkt. In zahlreichen Aufsätzen und Monographien, in denen Fakten und Legenden dicht beieinander standen, versuchten fast ausschliesslich exillitauische Geschichtswissenschaftler, die Resowjetisierung der litauischen Gesellschaft und den Kampf mit Fremdherrschaft in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken 5 Im Gegensatz zum sowjetischen Mythos vom Klassenkampf und „Bürgerkrieg“ gegen die Besatzer zeigen neue Studien 6 , wie vielfältig und heterogen bewaffneter Widerstand im besetzten Litauen war. Die Aufsätze von geschichtswissenschaftlichen Periodika, wie „Lietuvos Archyvai“ und „Genocidas ir Rezistencija“, herausgegeben vom Litauischen Forschungszentrum für Genozid und Resistenz beschäftigen sich im wesentlichen mit Publikationen zu neuen Quellenfund und Aspekten des litauischen bewaffneten Widerstandes. Hier zum Ausdruck kommende komplexe Mischung aus grundsätzlicher Unabhängigkeitsbestrebung, teilweiser Kollaborationsbereitschaft und taktischen Bündnissen vor dem Hintergrund von Kriegs- u n d O k k u p a t i o n s e r f a h r u n g m a c h t e e i n e Auseinandersetzung mit bestimmten Grundproblemen bitter nötig. Einen weiteren Schub erhielt die Forschung durch die Entstehung der Internationalen Kommission für die Erforschung der nationalsozialistischen und sowjetischen Verbrechen in Litauen; mehr dazu ist in dieser Studie zu erfahren.
Nicht behandelt werden die Propaganda und die Pressearbeit der beiden Seiten, die bei der Erstickung des Widerstands eine bedeutende Rolle gespielt haben. Die Alltagsrealität der Partisanen, deren Verhältnis zur Zivilbevölkerung, ethnische Konfliktlagen und innere Probleme werden nicht näher thematisiert. Die Beschränkung auf die Analyse der Partisanenbekämpfung ermöglicht einen genaueren Einblick in die Mikrostrukturen des sowjetischen Terrors und
5 Pakštas, Kazys:Lithuania and World War II, Chicago 1947; Kalmė, Albert:Total Terror. An Exposé of Genocide in the Baltics,
New York 1948;Pelekis, K.:Genocide:Lithuania`s Threefold Tragedy, Venta 1949; Šmukštys, Julius:The Annexation of Lithuania by
Soviet Union, In: Lituanus 2 (March 1955), S 7-9; Žymantas, Stasys:Twenty Years of Resistance, In:Lituanus, VI/2 (September
1960), S.40-45; Remeikis, Thomas:The Armed Struggle Against the Sovietization of Lithuania after 1944, In:Lituanus, VIII/1-2
(1962), S.29-40; Suduvis, N.E:Allein gant allein:Widerstand am Baltischen Meer, 1964; Vardys, V.Stanley, The Partisan Movement
in Postwar Lithuania, Slavic Review, XXII (1963), S.499-522;
6 Starkauskas,Juozas: Stribai (Ginkluotieji kolaborantai Lietuvoje partizaninio karo laikotarpiu, 1944-1953), Vilnius,2001;Pocius,
Mindaugas:Antisovietinis pasipriešinimas Lietuvoje 1944-1953m.:represinių struktūrų nuostoliai ir civilių gyventojų netektys,
Lietuvos istorijos metraštis 1997 metais. Vilnius, 1998 Truska,Liudas/Anušauskas, Arvydas/ Petravičiūtė, Inga : Sovietinis saugumas
Lietuvoje 1940-1953 metais: MVD-MGB organizacine struktura, personalas ir veikla, Vilnius, 1999, Truska,Liudas/Anušauskas,
Arvydas/ Petravičiūtė, Inga : Sovietinis saugumas Lietuvoje 1940-1953 metais: MVD-MGB organizacine struktura, personalas ir
veikla, Vilnius, 1999; Tininis, Vytautas (Hg.): Sovietinė Lietuva ir jos veikėjai, (Enciklopedija), Vilnius, 1994;Gaškaitė, Nijolė
(Hg.):Lietuvos partizanų kovos ir jų slopinimas MVD-MGB dokumentuose 1944-1953 metais, Kaunas: LPKTS, 1996;Tininis,
Vytautas (Hg.): Sovietinė Lietuva ir jos veikėjai, (Enciklopedija), Vilnius, 1994; Gaškaitė, Nijolė (Hg.):Lietuvos partizanų kovos ir
jų slopinimas MVD-MGB dokumentuose 1944-1953 metais, Kaunas: LPKTS, 1996
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Verbrechens einerseits, und verdeutlicht deren Auswirkung auf das Ende des bewaffneten Widerstands in Litauen anderseits.
Das abschliessende Kapitel enthält die Schlussbetrachtungen über die Erstickung des litauischen Waffenwiderstandes gegen die Sowjets 1944-1953.
1.3 Nachkriegslitauen - Bilanz der Verluste
Der 2. Weltkrieg brachte für Litauen gewaltige Verluste und hatte verheerende Auswirkungen; das Land verlor seine staatliche Eigenständigkeit. Die litauische Nation als solche stand buchstäblich an der Schwelle der physischen Vernichtung. Das schiere Ausmass der Gewalt ist kaum vorstellbar. Unter deutscher Besatzung traf die Terror- und Mordpoli ti k zum grössten Teil nichtethnische Litauer, unter sowjetischer Besatzung hingegen zählten auch die ethnischen Litauer zu den grossen Opfergruppen. Ingesamt verloren in Litauen in den Jahren zwischen 1940-1952 780 922 7 Staatsangehörigen aufgrund der sowjetischen und deutschen Herrschaft ihr Leben. Die folgende Abbildung illustriert genauer den Verlauf eines der tragischsten Kapitel in der litauischen Geschichte.
Abbildung 1. Quelle:http://www.genocid.lt/GRTD/Tremtis/nuostol.htm
7 Die Zahlen sind dem URL http://www.genocid.lt/GRTD/Tremtis/nuostol.htm entnommen, der Internetseite, des
Litauischen Forschungszentrums für Genozid und Resistenz.
7
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Laima Maldunaite-Christ, 2005, Die Erstickung des Waffenwiderstands in Litauen 1944-1953, München, GRIN Verlag GmbH
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