Inhalt
Liste der Abkürzungen. 3
1 Einleitung 5
2 Fußball - Mehr als nur eine Sportart 10
2.1 Von den Anfängen in Deutschland zum Massenphänomen 10
3 Nationalsozialismus in Deutschland und seine gesellschaftlichen Folgen. 17
3.1 Gesellschaftliche Entwicklung vom Ersten Weltkrieg bis 1933 17
3.2 Gesellschaftsprogrammatik des Nationalsozialismus 24
3.2.1 Die Gleichschaltung 32
3.2.2 Das Führerprinzip. 33
4 Der DFB im NS-Regime - Zwischen Gefolgschaft, Angepasstheit und
Insubordination 35
4.1 Geburtsstunde und Aufstieg des Verbandes 37
4.1.1 Die Anfänge des Deutschen Fußballbundes (1900-1912) 37
4.1.2 Im Zeichen von Militarismus und Nationalismus (1912-1918) 42
4.1.3 Die Weimarer Republik (1918-1933) 46
4.2 Aufstieg des Nationalsozialismus und Restrukturierung des Fußballsports. 61
4.2.1 Die Unterordnung und Auflösung des DRA im Rahmen der ersten
Gleichschaltung des deutschen Sports 61
4.2.2 Die Folgen der ersten Gleichschaltung und die Legitimation des DFB durch den
Nationalsozialismus. 67
4.3 Die Vereinnahmung’ des DFB im Zeichen der Olympischen Spiele 1936 79
4.3.1 Der internationale Aufstieg des deutschen Fußballs - Länderspiele und die
deutsche Nationalmannschaft 80
4.3.2 Die Person Otto Nerz 86
4.3.3 Die Olympiade von 1936 - Der Wendepunkt 90
4.4 Verlust der Privilegien - der DFB als Opfer der zweiten Gleichschaltung des
deutschen Sports. 94
4.4.1 Der Streit um den Nachwuchs - Fußballverein oder Hitlerjugend. 96
4.4.2 Die Person Sepp Herberger 102
4.4.3 Der DFB verliert sein Gesicht - von der personellen Ausblutung zur Auflösung
des Verbandes 110
4.5 Exkurs 123
4.5.1 Fußball und Krieg - Zwischen Wahn und Tragödie. 123
5 Zusammenfassung. 131
Literaturverzeichnis 138
- 3 - Listeder Abkürzungen
a. D. außer Dienst
ATSB Arbeiter- Turn- und Sportbund
bzgl. bezüglich
bzw. beziehungsweise
ca. circa
d. h. das heißt
DAF Deutsche Arbeitsfront
DFB Deutscher Fußball-Bund
DHfL Deutsche Hochschule für Leibesübungen
DJK Deutsche Jugendkraft
Dr. Doktor
DRA Deutscher Reichsausschuss für Leibesübungen
DRL Deutscher Reichsbund für Leibesübungen
DT Deutsche Turnerschaft
evtl. eventuell
FIFA Fédération Internationale de Football Association
ggf. gegebenenfalls
HJ Hitler-Jugend
i. S. d. im Sinne des / der
IOC Internationales Olympisches Komitee
K. O. knockout
KdF Kraft durch Freude
Mio. Millionen
Mrd. Milliarden
NS nationalsozialistisch
NSDAP Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei
NSRL Nationalsozialistischer Reichsbund für Leibesübungen
- 4 - O-Ton Originalton
Prof. Professor
SA Sturmabteilung
sog. sogenannte
SPD Sozialdemokratische Partei Deutschlands
SS Schutzstaffel
u. a. unter anderem
v. a. vor allem
VBB Verband Brandenburgischer Ballspielvereine
Vgl. Vergleiche
WM Weltmeisterschaft
WSV Westdeutscher Spielverband
z. B. zum Beispiel
- 5 - 1 Einleitung
„Die Welt zu Gast bei Freunden“ -
unterdiesem Motto lädt Deutschland im Jahr 2006 zur Fußballweltmeisterschaft im eigenen Land ein. Zu erwarten ist weit mehr als nur ein bloßes Medienspektakel - dieses Ereignis steht seit jeher, einmal völlig bereinigt von ökonomischen Aspekten, für überstaatliche Werte wie Völkerverständigung, interkulturelle Kommunikation und - dies lässt sich wohl ohne Hang zur Übertreibung behaupten - für die Ausprägung des kulturellen Selbstverständnisses einer Nation. So erscheint die Wahl des Mottos zur FIFA Fußballweltmeisterschaft nur prägnant gewählt, denn Deutschland will vor allem gastfreundlich, fröhlich, weltoffen, modern und tolerant 1 . Eine nicht nur sportliche Maßgabe, sondern gleichwohl auftreten
auch eine politische - Deutschland präsentiert sich als Ganzes -und so findet ein derartiges Ereignis nicht nur auf dem grünen Rasen, sondern auch außerhalb der Stadien und nicht zuletzt in den Köpfen der Menschen statt.
„Aber ist Fußball in seinem Wesen nicht per se unpolitisch?“
Grundsätzlich wird man hier wohl zunächst einmal konstatieren müssen, dass sich der Fußball als Sportart naturgemäß immer dann auch im politischen Raum bewegen wird, wenn es um ganz konkrete existenzielle Interessen geht. So sind es doch spätestens erforderliche Subventionen für den Bau neuer Sportstätten oder für die Förderung der Jugendarbeit und des Breitensports, die der politischen Unterstützung und somit der entsprechenden Lobbyarbeit von Sportfunktionären bedürfen und einen Schulterschluss zwischen Sport und Staat erfordern.
In seinem Wesen ist der Fußball allerdings kein Politikum; er besitzt keinen objektiven Wert, sondern nur jenen subjektiven für den einzelnen Sportler oder Sportbegeisterten. Außerdem weist er keine Tendenz auf, eine politische Gemeinschaft zu bilden und so 2 Der muss er letztlich im Geist verändert, um politisch zu werden. Sport im Allgemeinen und der Fußball im Besonderen können also nur durch die Beeinflussung von außen einen politischen Sinn er- 3 halten.
1
Vgl. Angela Merkel: Grußwort zur WM 2
Vgl. Kettner: Sportpublizistik im nationalsozialistischen System, S. 11. 3
Vgl. hierzu Meissner: Der politisierte Sport und seine Fachpresse, S. 232 f.
- 6 - 4 „Es gibt keinen politischen Sport, sondern nur einen politisierten.“
Wenngleich der Spaß und die Freude am Spiel und das Element des Kampfes im Wettstreit um sportliche Erfolge eben also gerade nicht mit einer Ideologie verquickt und somit an keinen Zweck außerhalb des Sportes selbst gebunden sind, so wohnt dem Sport aber die Bildung von grundsätzlich unpolitischen Interessenge- 5 DerartigeGemeinschaften, also Sportler einer meinschaften inne.
Mannschaft, eines Vereins, eines ganzen Sportsektors und schließlich die Zuschauer einer Sportveranstaltung, können in ihrer Gesamtheit für politische Kräfte immer dann sehr bedeutsam sein, 6 Die wenn sie den Sport mit einem politischen Gehalt aufladen. Gefahr für den organisierten Sport diesbezüglich in ein politisches Abhängigkeitsverhältnis zu geraten wird dadurch intensiviert, dass Funktionäre in den Führungsetagen der Vereins- und Verbandsstrukturen stets darauf bedacht sind, dass mit den sportlichen Höchstleistungen der Aktiven eben auch der Bedeutungsgehalt und der ökonomische Erfolg der Organisation einhergehen.
Grundsätzlich könnte man in diesem Zusammenhang wohl festhalten, dass das Risiko für nichtstaatliche und parteiungebundene gesellschaftliche Institutionen wie den organisierten Sport (Fußball), seine Autonomie und ‚Unbeflecktheit’ zu verlieren, wohl immer dort am größten ist, wo eine politische Kraft einen Totalitätsanspruch erhebt und daran geht, bestehende gesellschaftliche Strukturen aufzubrechen, neu auszurichten und dadurch unter seine vollkommene Kontrolle zu bringen.
Ausgehend von dieser These rückte, gerade auch im Hinblick auf die Ausrichtung der Fußball-WM 2006 in Deutschland, in den letzten Jahren verstärkt das Zusammenspiel zwischen Fußball und Nationalsozialismus in den Blickpunkt der sporthistorischen Forschung. Die Aufarbeitung der Rolle des Deutschen Fußball-Bundes, der heute mit rund 27.000 Vereinen und mehr als sechs 7 , im Millionen Mitgliedern der größte Sportverband der Welt ist faschistischen Deutschland blieb lange Jahre aus, zumal dem Ver-band wohl auch wenig daran gelegen haben mag, unrühmliche Details aus der Zeit des braunen Regimes preiszugeben. Mahnungen wie die des Tübinger Rhetorik-Professor Walter Jens, der die Festgesellschaft, die sich anlässlich des 75-jährigen Geburtstages des Deutschen Fußball-Bundes am 17. Mai 1975 im
4 Ebenda, S. 23. 5
Vgl. Kettner: Sportpublizistik im nationalsozialistischen System, S. 11. 6 Vgl. ebenda. 7
Vgl. Egidius Braun: Das Spiel der Spiele, S. 8.
- 7 - 8 ,statt mit einer Lau-Frankfurter Schauspielhaus zusammenfand datio mit seiner ‚quälenden’ Vergangenheit konfrontierte und den DFB zu „‚einer großen Bestandsaufnahme’ für die Geschichte des 9 aufforderte, wurden fast schon geflissentlich ignoriert, Jubilars“
denn die Archive blieben verschlossen und so wurden die Historiker, die sich um die Aufklärung der Schattenseiten der deutschen Fußballgeschichte bemühten, nicht unmerklich in ihrer Arbeit be- 10 .Dieses Verhalten des Verbandes förderte allenthalben hindert
nicht nur Unmut im wissenschaftlichen Diskurs sondern speiste gleichwohl auch zahlreiche Kolportierungen, die sich aufgrund der nur lückenhaften Quellenlage fast schon zwangsläufig ergeben mussten. Im Herbst 1999 präsentierte der Deutsche Fußball-Bund dann, nicht zuletzt auch aufgrund sich erhärtender Vorwürfe über die mangelnde Fähigkeit und den Willen zur Selbstreflektion, eine sechshundertzwanzig Seiten umfassende Festschrift, die den, so der Autor Erik Eggers, „viel versprechenden Namen 100 Jahre 11 trug. Für DFB. Die Geschichte des Deutschen Fußball-Bundes“ Eggers stellte insbesondere der durch den Verband selbst erhobene Anspruch auf Vollständigkeit in diesem Werk, das nicht nur eine Liebeserklärung an den Fußball, sondern eben auch eine „kritische 12 sein Bestandsaufnahme über die ersten 100 Jahre des DFB“ 13 . So geht der Historiker in seiner sollte, allerdings eine Farce dar
Einschätzung sogar so weit, dass der Verband durch den Jubi-läumsband den „Verdacht einer bewusst betriebenen Geschichts- 14 ,indem er einzelne vermeintlich unbequeme klitterung nährte“
Fakten einfach unterschlug und manche Aspekte gar vollständig ausblendete. Auch Eggers forderte den Verband in seinem im Oktober 2000 erschienenen Artikel „Vom Platz gestellt“ noch einmal auf, sich gerade im Hinblick auf die Weltmeisterschaft 2006, um Aufarbeitung seiner Geschichte zu bemühen. Spätestens bei diesem Großereignis, so der Autor, könne der Verband, wenn er sich erneut auf seine glorreiche Geschichte berufe, eben auch diese 15 Seiten seiner Verbandsgeschichte nicht einfach ausklammern.
8
Vgl. Erik Eggers: Der DFB und die Vergangenheit, S. 216. 9 Ebenda, S. 218. 10 Vgl. ebenda. 11
Erik Eggers: Vom Platz gestellt. 12
Egidius Braun: Das Spiel der Spiele, S. 9. 13
Vgl. Erik Eggers: Vom Platz gestellt. 14 Ebenda. 15 Vgl. ebenda.
- 8 - Eggers’Ansicht zum Geschichts- und Aufarbeitungsverständnis des DFB darf durchaus nicht als Einzelansicht verstanden werden, vielmehr galt sie nach dem Erscheinen des DFB-Jubiläumsbandes als durchaus repräsentativ und führte dazu, dass sich nun deutlich mehr Autoren, auch gänzlich ohne die Unterstützung des Verban-des, daran machten, die Zeit von der Begründung des DFB bis zum Ende des Dritten Reiches zu untersuchen. Hierbei ist auffällig, dass diverse Studien zu im Grundsatz bereits voneinander differie-renden Ergebnissen kamen, die von einem Verband mit ‚glühender nationalsozialistischer Überzeugung’ bis hin zu einem ‚gänzlich unpolitischen DFB’ reichten. Als repräsentativ hierfür dürfen sicher-lich, die auch in dieser Ausarbeitung besprochenen Darstellungen von Arthur Heinrich (Der Deutsche Fußballbund. Eine politische Geschichte) und Karl-Heinz Schwarz-Pich (Der DFB im Dritten Reich) gelten. In Reaktion auf diese sich entwickelnde ‚Eigendy-namik’ in der sporthistorischen Forschung, und vielleicht, so wie es Walter Jens schon 1975 formulierte, in der schlussendlichen Ein-sicht, „’dass der Deutsche Fußball-Bund seine soziale Relevanz kritisch - aber auch nicht ohne Selbstvertrauen und Stolz - analy-siert, dass er sich in seiner gesellschaftlichen Funktion begreift und zu realisieren beginnt, was man im Fußball alles aufstellen 16 , gab der Deutsche Fußball-Bund im Dezember 2001 ei-kann’“
nen externen Forschungsauftrag beim Mainzer Historiker Nils Havemann auf, der unter der Leitung des Bonner Professors Klaus Hildebrand, nach einer 3-jährigen Bearbeitungszeit, im Jahr 2005 die Studie Fußball unterm Hakenkreuz veröffentlichte.
In diesem Zusammenhang soll vorab bereits darauf hingewiesen werden, dass der Autor Nils Havemann, die bis dato in der Sportwissenschaft innovativste Betrachtung zur Geschichte des Deutschen Fußball-Bundes im Dritten Reich liefert. Havemann wusste um die spezifische Quellenrecherche der einzelnen Autoren und stellte eine umfassende Literaturkritik an. Der Autor selbst hatte Zugang zu einem Literaturfundus aus insgesamt über 40 nationalen und internationalen Archiven, zumal der Deutsche Fußball-Bund dem Historiker auch bis dato unzugängliche Dokumente zur Verfügung stellte. Aus diesem Grund muss im Verlauf dieser Ausarbeitung immer wieder auf die Kernaussagen des Autors zurückgegriffen werden, da nur in diesem Fall überhaupt eine hinreichende Differenziertheit in der Betrachtung möglich erscheint.
Mit diesem Wissen um die Besonderheiten der einschlägigen Literatur soll im Rahmen dieser Diplomarbeit nunmehr eine Erörterung der Rolle des Deutschen Fußball-Bundes im Nationalsozialismus für die Zeit von 1933-1945 erfolgen, wobei sich die zentrale Problemdiskussion vornehmlich darauf zu beschränken haben wird, wie
16
Erik Eggers: Der DFB und die Vergangenheit, S. 218.
- 9 - dieNationalsozialisten systematisch versucht haben, das Massen-phänomen Fußball in seiner gesellschaftlichen Bedeutung und seinem bereits schon damals beachtlichen Aktionsradius’ zu so-wohl politischen als auch propagandistischen Zwecken zu instrumentalisieren und wie der Deutsche Fußball-Bund in seinem Streben, sich als eigenständige Dachorganisation des deutschen Fußballs zu etablieren und seine Machtposition nicht nur zu be-wahren, sondern auch stetig auszubauen, in den jeweiligen Zeit-abschnitten auf die Programmatik des Regimes reagierte. Ist die Geschichte des Deutschen Fußball-Bundes im Nationalsozialis-mus tatsächlich eine politische? Gab es im totalitären NS-Staat noch einen selbstständigen organisierten Fußballsport, der frei von Ideologien mit einem Mindestmaß an Anpassung fortbestehen konnte oder war es eine konkrete weltanschauliche Nähe, die der Verband in seiner Gesamtheit ohnehin schon zum nationalsozialis-tischen Gedankengut hatte und die es seinen Funktionären er-leichterte zu ‚Überzeugungstätern’ zu mutieren?
Aufbautechnische Besonderheiten sollen bewusst nicht weiter erörtert werden; sie ergeben sich per se aus den dezidierten Erklärungen zu den spezifischen thematischen Abschnitten. Eine nochmalige Erörterung der Systematik der Herangehensweise an dieser Stelle wäre letztlich tautologisch.
Einzig zu erwähnen bleibt, dass auf eine Darstellung der Rolle der Juden im Fußballsport im Rahmen dieser Ausarbeitung verzichtet worden ist; sie kann aufgrund der Sensibilität des Themas, das eine weitaus breitere Darstellung erforderlich machen würde, nicht mit der gebotenen Differenziertheit erfolgen.
- 10 - 2 Fußball - Mehr als nur eine Sportart
„’Die Welt ist zwar kein Fußball, aber im Fußball, das ist kein Ge- 17 heimnis, findet sich eine Menge Welt.’“
Fußball ist wohl die beliebteste und erfolgreichste Sportart auf unserem Globus. Er fesselt und fasziniert Jung und Alt, Groß und 18 „Fußball ist Gesprächsthema zu Klein, Spieler und Zuschauer. 19 Der Fußballsport ist ‚greif-Hause, im Beruf und in der Kneipe.“
bar für jedermann’, völlig unabhängig von regionalen Eigenarten, sozialer Herkunft oder Bildungsstand. Er produziert schier unaufhörlich Anekdoten, Geschichten und Mythen, bringt Helden, Gewinner und Verlierer hervor, berühmte Szenen, Torschüsse, Paraden und Spiele, über die immer wieder geredet wird, die fast jeder 20 Kaum eine andere organisierte Leibesübung ist so tief kennt.
verbunden mit dem Bewusstsein und der Identität einer Gesellschaft. Und so ist es durchaus nicht verwunderlich, dass der Fuß-ballsport immer auch „ein Spiegelbild für Strömungen der Zeitge- 21 ist. schichte gewesen“
2.1 Von den Anfängen in Deutschland zum Massenphänomen
„’Der Fußball aus England ist unterwegs, wir werden ihn auf unseren deutschen Spielplatz werfen und sind überzeugt, er wird auf- 22 genommen werden’“
so der Düsseldorfer Amtsrichter Emil Ferdinand Hartwich im Jahre 1882. Ein Zitat, das freilich keinen Beweis für eine vollkommene Kontinuität in der Entwicklung des Fußballsports auf deutschem Boden darzustellen vermag. E contrario: Setzt man sich mit der Geschichte des deutschen Fußballs auseinander, so wird man hier vor allem den Hintergrund eines weitaus komplexeren Prozesses zu betrachten haben - den ‚holprigen’ Weg der Ballsportart zur Passion eines ganzen Volkes.
17
Egidius Braun: Grußwort des Präsidenten des DFB, S. 5. 18
Vgl. Franz-Josef Brüggemeier: Die Ausstellung, S. 9. 19 Ebenda. 20 Vgl. Ebenda. 21
Egidius Braun: Grußwort des Präsidenten des DFB, S. 5. 22
Uwe Wick: Kickers und Germania. Die Anfänge in Deutschland, S. 86.
- 11 - ZuBeginn des frühen 19. Jahrhunderts schlug die Geburtsstunde des organisierten Sports in Deutschland. Ausgangspunkt war die Entstehung der deutschen Turnbewegung als eine Reaktion auf die Napoleonische Fremdherrschaft, die übergreifend als bedrü- 23 UmBegeisterung in der ckende Demütigung empfunden wurde.
preußischen Bevölkerung für den lebensgefährlichen Aufstand gegen die französische Besatzung zu wecken - das wurde alsbald deutlich - bedurfte es eines, über die staatlichen Zugeständnisse 24 an das Volk hinausgehenden, sinnstiftenden Motivs: der Nation.
‚Turnvater’ Friedrich Ludwig Jahn (1778 - 1852) rief aus diesem Grund die sog. Turnerbewegung ins Leben. Jahn machte es sich zur Aufgabe „die deutsche Jugend körperlich und weltanschaulich 25 . Geprägt wurde die Nation als Leitmotiv des deutaufzurüsten“
schen Sports und so sollte die Bewegung vor allem einer mora- 26 lisch-sittlichen wie auch patriotisch-nationalen Erziehung dienen. Die Vision Jahns von einem deutschen Nationalstaat und der Verwirklichung „’einer klassenlosen Bürgergesellschaft mittlerer Exis- 27 musstejedoch im Laufe des 19. Jahrhunderts mehrmals tenzen’“
überholt werden. Das nach dem siegreichen Ausgang der Befreiungskriege (1813 - 1815) aus fürstlichem Machterhaltungsdenken ausgesprochene Turnverbot (bis 1842), der Streit um das rechte Verständnis von Volkssouveränität und die Spaltung der Turner- 28 ,die im nachrebewegung während der 1848 / 49er Revolution volutionären Preußen durch obrigkeitsstaatliche Repression forcierte Erstickung jedweder liberaler Ideale und vor allem die über Jahrzehnte hinweg unbefriedigt gebliebene Wunschvorstellung von einem deutschen Nationalstaat stürzte die Turner in eine tiefe Identitätskrise.
Erst 1871 schloss man, im Bewusstsein mit der Reichsgründung das vordergründige Ziel der Turnbewegung erreicht zu haben, seinen ‚inneren Frieden’ und arrangierte sich mit dem aus der Taufe 29 . Von Konformität mit den gehobenen neuen Deutschland
Grundsätzen und Zielen Bismarckscher Politik geprägt, machten die Turner die Erhaltung des nationalen Machtstaates zur eigenen
23
Vgl. Havemann: Fußball unterm Hakenkreuz, S. 30. 24 Vgl. ebenda. 25
Heinrich: Der Deutsche Fußballbund, S. 16. 26
Vgl. Havemann: Fußball unterm Hakenkreuz, S. 30. 27 Ebenda, S. 31. 28
Vgl. hierzu Havemann: Fußball unterm Hakenkreuz, S. 31 und vgl. Heinrich: Der Deutsche Fußballbund, S. 16-17 29
Vgl. Havemann: Fußball unterm Hakenkreuz, S. 32
- 12 - 30 DieTurnerschaft verstand sich als unentbehrli-Angelegenheit.
che Erziehungsgemeinschaft im Sinne des Deutschen Kaiserrei- 31 ches. „’Dem Vaterland dienen in Selbstlosigkeit und Treue’“ nicht nur ein Wahlspruch, sondern strikte Programmatik. Werte wie Gemeinsinn, Egalität und Bescheidenheit, ihre Systemnähe und ihr wertvoller Beitrag zur Wehrerziehung sicherten ihr den Status 32 . Trotzdem als Massenorganisation (rund 800.000 Mitglieder) sorgte sich die Deutsche Turnerschaft mit Bedacht um ihren eigenen Bestand und versuchte so u. a. Segmente der aufkommenden Arbeitersportbewegung (z.B. ‚Arbeiter-Turnerbund Deutschlands’) in der Öffentlichkeit zu brandmarken oder systematisch aus- 33 . zuschließen
Eine viel größere Bedrohung für das Turnen als „’deutsches Natio- 34 ,stellten indessen die in den 1870er Jahren zunaleigentum’“
meist aus England überkommenden Pioniere neuer Sportarten dar.
Die Deutsche Gesellschaft war im Wandel begriffen; es war die Zeit des mit der langsam aufkommenden Industrialisierung einhergehenden wirtschaftlichen Aufbruchs und der materialistischen 35 . Die Vertreter des neuen Zeitalters - „Kaufleute, Verlockungen
Ingenieure, Journalisten, Börsianer, Bankiers u. a. - predigten das
36
und Leistungsprinzip, das Konkurrenzdenken sowie den Erfolg“ transponierten diese Kategorien auf die neuen Leibesübungen. Von der britischen Insel erreichten neben dem Fußball auch Sportarten wie Rugby, Rudern und Cricket das deutsche Festland. Mitgebracht wurden sie durch die sog. ‚Engländerkolonien’, „Menschen, die es aus beruflichen, Ausbildungs-, familiären oder sons-
38
sowieim tigen Gründen nach Deutschland verschlagen hatte“ Norden des ‚jungen’ deutschen Reiches durch Besatzungen engli-
39
scher Schiffe, die für ein paar Tage in deutschen Häfen lagen. Besonderheit der neuen Sportarten war vor allem, dass der einzelne in einer Mannschaft seine Eigeninteressen hinter jene des Kollektivs zu stellen hatte - jedoch nicht aus einer Ideologie, wie bei
30
Vgl. Heinrich: Der Deutsche Fußballbund, S. 17. 31 Ebenda, S. 19. 32
Vgl. Havemann: Fußball unterm Hakenkreuz, S. 32 33
Vgl. Heinrich: Der Deutsche Fußballbund, S. 18 34 Ebenda, S. 15. 35
Vgl. Havemann: Fußball unterm Hakenkreuz, S. 32. 36 Ebenda. 37 Vgl. ebenda. 38
Heinrich: Der Deutsche Fußballbund, S. 20. 39 Vgl. ebenda.
- 13 - derJahnschen Turnbewegung, sondern aus der Notwendigkeit des Spieles heraus.
Das auf deutschem Boden zunächst unter dem Namen ‚Association Football’ bzw. ‚Soccer’ bekannte Spiel fand vor allem unter Schülern interessierte Zuschauer, aus denen nur wenige Zeit spä- 40 Unterstütztwurden sie von ter begeisterte Nachahmer wurden.
Pädagogen, die Fußball auf den britischen Inseln oder wie ihre Zöglinge vor Ort kennen- und schätzen gelernt hatten und im An- 41 .So wurschluss ihrerseits zur Verbreitung des Sports beitrugen de der Fußballsport vereinzelt im schulischen Turnunterricht eingeführt. Einer der Vorreiter war der Turnlehrer Prof. Dr. Konrad Koch, der 1872 gemeinsam mit seinem Kollegen Hermann Corvinus den Fußball am Braunschweiger Gymnasium Martino - Katharineum
als Schulspiel einführte. Fußballgeschichte
Dementsprechend gingen erste örtliche Zusammenschlüsse von Fußballern auf Schülerinitiativen zurück, die sich jedoch nicht als 44 Erst 1880 sollte es mit der Bebesonders langlebig erwiesen.
gründung des Bremer Football-Club die erste nicht in einem begrenzten Schul- und Schülerkreis angesiedelte Vereinsbildung ge- 45 geben haben.
Bis in die 1890er Jahre hinein stagnierte die organisatorische Entwicklung des Fußballs jedoch. Nicht zuletzt war dies auf die große Gegnerschaft der neuen Ballsportart zurückzuführen: sei es „die Kirche, die ihren Sonntag ruhig und besinnlich halten und der Fiskus, der Vergnügungssteuer kassieren wollte, Ordnungshüter, die Spielstätten sperrten, angeblich sittenwidrige Spielbekleidung monierten, oder, wenn sie denn Fußballspiele partout nicht verhindern konnten, gegen Spieleraufläufe nach der obligatorischen feucht- 46 Diejenigen,die sich mit fröhlichen Verlängerung einschritten.“ Inbrunst der neuen Leibesübung hingaben, handelten in den Augen des konservativen Geistes der Nation im Zeichen des „’Verrats 47 . Fußball war noch zu ‚englisch’, denn die britiam Vaterland’“
40
Vgl. Heinrich: Der Deutsche Fußballbund, S. 21. 41 Vgl. ebenda. 42
Vgl. Uwe Wick: Kickers und Germania. Die Anfänge in Deutschland, S. 88. 43 Ebenda. 44
Vgl. Heinrich: Der Deutsche Fußballbund, S. 21. 45 Vgl. ebenda. 46 Ebenda. 47
Vgl. Schwarz-Pich: Der DFB im Dritten Reich, S. 11.
- 14 - scheMonarchie war der größte Konkurrent in der Durchsetzung 48 imperialistischer Bestrebungen des Deutschen Reiches.
Und schließlich war da ja noch die Turnerbewegung: der Fußball sah sich konfrontiert mit dem bis dato konkurrenzlos hohen Zuspruch und einem nicht allein daraus abgeleiteten leibeserzieherischen Alleinvertretungsanspruches, ja eines sportlichen Monopols, 49 Der englische Pionier hatte im der Deutschen Turnerschaft.
Grunde nur zwei Möglichkeiten, wollte er nicht in der Euphoriewelle genauso schnell versiegen, wie er emporgestiegen war: entweder ließ er sich in die Deutsche Turnerschaft einverleiben oder er 50 versuchte sich allein zu etablieren.
In seinen Anfängen wurde der Fußball durch die Turner noch nicht als Bedrohung oder potenzielle Konkurrenz ihrer Massenbasis gesehen. Im Gegenteil, so hieß es anerkennend, dass der Fuß- 51 ,ja parado-ballsport seine Beliebtheit in vollem Maße verdiene xerweise wurde die Spielbewegung sogar als „’Kind der großen 52 bezeichnet. Diese Taktik schien jedoch nicht Turnbewegung’“
aufzugehen - durch den immer größer werdenden Zulauf der al-lerorts entstehenden Fußballvereine wurde alsbald ersichtlich, dass eine Integration des Fußballs in die Deutsche Turnerschaft 53 Aus Furcht und Existenzängsten hernicht möglich sein würde.
aus versuchte die Turnerschaft nunmehr den Fußball gesellschaft- 54 .Verbal zelebriert wurde alles, was der Ballsportart lich zu ächten
nur irgendeinen Schaden zufügen konnte - „von Kleiderordnungs- 55 .Fußball sei „’englisches fragen bis zu seelischer Befindlichkeit“ Unkraut’“ und „’undeutsch’“ - Generalabrechnung mit einem selbst geschaffenen Feindbild.
48 Vgl. ebenda. 49
Vgl. Heinrich: Der Deutsche Fußballbund, S. 15. 50 Vgl. ebenda, S. 15-16. 51 Vgl. ebenda, S. 21. 52 Ebenda. 53 Vgl. ebenda, S. 22. 54
Vgl. auch Bernd-M. Beyer: Walther Bensemann - ein internationaler Pionier, S. 84 55
Dieses und die beiden folgenden Zitate Heinrich: Der Deutsche Fuß- ballbund, S. 23.
- 15 - Immerwieder wurde bewusst der Vergleich zum Turnsport gezo-gen, um dessen Vorzüge und erstrebenswerte Stellung zu akzen-tuieren:
„’Im Turnen aus der Natur des Körpers heraus entwickelte, also organisch natürliche Bewegung in unendlicher Fülle und Vielseitigkeit; im Wettsport hingegen widernatürliche Anstrengung einzelner Organe und Körperteile, gezwungene, gepresste Haltung, dazu ein 56 oft lächerliches, ja deutschen Augen anstößiges Kostüm.’“
Doch die Anstrengungen blieben weitestgehend erfolglos und so „grämte sich der Turnerbund über die Schnelligkeit, mit der der Fußballsport in der Gesellschaft Fuß fasste und ihm den Nachwuchs streitig zu machen begann. Turnen war in der zunehmend medialen Welt unattraktiv geworden und wurde von der Presse 57 Die Führung des Deutschen Turnverstiefmütterlich behandelt.“
bandes musste feststellen, dass verlorene Popularität und die alles in allem eher regressive Entwicklung durch immer wiederkehrende Verherrlichung der alten Ideale nicht zurück gewonnen werden 58 Bestärkend kam hinzu, dass der konnte bzw. aufzuhalten war.
neuartige Fußballsport, so wie es die Turner stetig versuchten herauszustellen, äußerlich eben gerade nicht mit der Vergangenheit 59 oder gar versteckt und Tradition deutscher Leibesübungen brach versuchte eine Gesellschaft des Kaiserreichs schleichend um libe- 60 . rale Formen zu erweitern
Fußball war gut deutsch - „’Propatria est, dum ludere videmur’ - Es scheint ein Spiel, doch es ist Arbeit fürs Vaterland“ 61 -
undso war er ähnlich dem Turnsport auch von einer nationalen Grundhaltung beseelt und „hatte die Vision von einer auf Gleichheit angelegten Gesellschaft, die alle Stände unter dem Banner 62 Die alten Ideale der Turder Nation zusammenschließen sollte“.
ner wurden aufgegriffen aber auf eine moderne Art und Weise modifiziert. Vielmehr als die Turner legte der Fußball in seinen Anfängen ein Bekenntnis zur politischen Neutralität ab, versuchte jedwede Positionierung zu einer politischen Richtung zu vermeiden
56 Ebenda. 57
Havemann: Fußball unterm Hakenkreuz, S. 32. 58 Vgl. ebenda, S. 32-33. 59 Ebenda, S. 33. 60
Vgl. Heinrich: Der Deutsche Fußballbund, S. 24.
61 Ebenda. 62
Havemann: Fußball unterm Hakenkreuz, S. 35.
- 16 - undein Sport zu sein, der die Klassen vereinigt und Gegensätze 63 So war vor allem neu, dass man bestrebt war, ausgleichen will.
die Arbeiterschaft mit dem Aufruf zur Überbrückung der Klassengegensätze für sich zu mobilisieren. Die Anhängerschaft der Ballsportart rekrutierte sich bis dato weitestgehend aus dem Bil- 64 ;der Unterschicht blieb der Fußball eher verdungsbürgertum
schlossen, was zum einen daran lag, „dass nur die wenigsten angesichts der ungenügenden sozialen Absicherung die Gefahr einer Verletzung und eines damit verbundenen Lohnausfalls in Kauf zu 65 und zum anderen die Ausübung des nehmen bereit waren“
Sports ein gewisses Einkommen voraussetzte, da Ball, Schuhe 66 und Trikot für viele einen unerschwinglichen Luxus darstellten. Und dennoch: trotz kritischer Stimmen der ‚Klassenkämpfer’, die um ihre Existenzberechtigung fürchteten, erfreute sich zumindest bei lokalen Punktspielen der Fußball in der Arbeiterschaft bereits 67 . Für die Vereinsgründungswelle, einer wachsenden Beliebtheit
die exponentiell angestiegene Mitgliederzahl und der notwendig gewordenen Organisierung der Sportart in größeren Verbänden um die Jahrhundertwende bis 1914 steht jedoch vor allem die neu 68 - dem ‚neuen Mitaufkommende Schicht der Angestellten telstand’, „dessen Bandbreite sich vom Unternehmensgeschäfts- 69 führer bis zum ‚kleinen Büroangestellten’ erstreckte“.
Die Entwicklung schien unaufhaltsam voranzuschreiten: die Anzahl der lokalen Spielklassen schnellte in die Höhe, die Einteilung in Ligen musste beinahe jedes Spieljahr geändert werden; innerhalb von nicht einmal 40 Jahren waren am ‚Vorabend’ des Ersten Weltkriegs bereits 2200 Vereine mit knapp 190.000 begeisterten Ki- 70 ein gesellschaftliches Phäckern verbandsmäßig organisiert nomen schien geboren - ‚König Fußball’.
63 Vgl. ebenda. 64 Vgl. ebenda, S. 33. 65 Ebenda. 66 Vgl. ebenda. 67
Vgl. Uwe Wick: Kickers und Germania. Die Anfänge in Deutschland, S. 99. 68 Ebenda. 69
Heinrich: Der Deutsche Fußballbund, S. 27. 70
Vgl. Uwe Wick: Kickers und Germania. Die Anfänge in Deutschland, S. 99-100
- 17 - 3 Nationalsozialismus in Deutschland und seine gesellschaftlichen Folgen
Die Zeit des Nationalsozialismus gehört heute zu den Kapiteln deutscher Zeitgeschichte, die wohl am gründlichsten erforscht sind; man kann sie unter Berücksichtigung einer Vielzahl der unterschiedlichsten Aspekte untersuchen und wird nie einen Anspruch auf Vollständigkeit erheben können.
In vorliegender Ausarbeitung soll die nationalsozialistische Gesellschaftsprogrammatik thematisiert werden. Nachdem die aus gesellschaftlicher Eigendynamik heraus entstandene, klassenübergreifende Popularität der Sportart Fußball bereits herausgestellt wurde, wird sich also nunmehr die Betrachtung des Nationalsozialismus als politisches Phänomen anschließen.
Folgende Fragestellungen sollen diesbezüglich im Vordergrund stehen:
In welcher gesellschaftlichen Situation befand sich ein Deutsch-land vom Ersten Weltkrieg bis zur Machtergreifung durch Hitler? Wie sicherte das nationalsozialistische Regime durch die Schaffung von Massenloyalität kontinuierlich seine Machtbasis in der Bevölkerung und wie spiegelt sich dies in der nationalsozialistischen Gesellschaftsverfassung wider?
3.1 Gesellschaftliche Entwicklung vom Ersten Weltkrieg bis 1933
„Der Begriff einer kranken Gesellschaft bereitet uns Schwierigkeiten, sei es auch nur, weil niemand genau weiß, was soziale 71 Gesundheit ist.“
Die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung Deutschlands zwischen 1918 und 1933 war in ihren Auswüchsen und Sympto- 72 , men wie etwa die Neigung zur physischen Gewaltanwendung der überdimensionalen Inflation von 1923 oder dem sich fast über Nacht vollziehenden Zerfall der Wirtschaft in den Jahren 1929 - 73 .Auch in 1930 für ein Europa jener Zeit nicht unbedingt atypisch
71
Schoenbaum: Die braune Revolution, S. 25. 72
Vgl. hierzu auch grds. Blasius: Weimars Ende - Bürgerkrieg und Politik 1930-1933 73
Vgl. Schoenbaum: Die braune Revolution, S. 25.
- 18 - anderenLändern vollzogen sich parallele Entwicklungen, die zu Krisen, aber - und das ist wohl entscheidend - auch wieder zur 74 „In Deutschland dagegen spiegelte sich die Stabilität führten.
dauernde Unzufriedenheit großer Teile der Gesellschaft und die Entfremdung solcher Gruppen, die potentiell eine liberale Politik trugen, im fortschreitenden und schließlich totalen Zusammenbruch aller liberalen Parteien und in der Kluft zwischen sozialer 75 Wirklichkeit und ihrer politischen Deutung.“
Es hätte, so vertritt der Autor David Schoenbaum die These, nicht unbedingt zu einem Krieg oder der Inbetriebnahme von Konzentrationslagern wie Auschwitz kommen müssen - auch der Nationalsozialismus in seiner totalitären und imperialistischen Gestalt war keine unvermeidliche Folge einer Gesellschaftsentwicklung, die sich vom Ersten Weltkrieg bis zur Machtergreifung durch Adolf Hit- 76 .Insoweit soll Gegenstand der Betrachtung hier weniler vollzog
ger die systematische Darstellung der Etappen der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten sein, sondern vielmehr eine Be-standsaufnahme einer wirtschaftlich und sozial-kulturellen Entwicklung, die sich in diesen Jahren vollzog und die Ausgangspunkt war für eine Gesellschaftspolitik der NSDAP nach 1933, die ihre Radikalität vor allem deswegen verschleiern konnte, da sie auf Massenbegeisterung und -loyalität angelegt war und mit der Grundin- 77 herzustellen, tention, eine „umfassende Vitalisierung der Nation“ die Sehnsüchte des größten Teils der Bevölkerung bediente.
Im Dienste des ersten Griffs nach der Vorherrschaft durch das Deutsche Reich im 20. Jahrhundert war es wohl zunächst der Erste Weltkrieg (1914 - 1918), der alles aus dem Gleichgewicht ge- 78 Seies die industrialisierte Kriegsfühbracht zu haben schien.
rung, die sowohl menschliche als auch materielle Ressourcen ver- 79 ,die Kriegsfinanzierung ‚auf Pump’, die vornehmlich schlang
durch Kriegsanleihen patriotischer Bürger oder durch den angeregten Betrieb von Notenpressen erfolgte oder die sozialen Einschnitte, die eine bereits vor dem Krieg angeschlagene Gesellschaft ernsthaft ‚erkranken’ ließ. 1917 existierten nur noch zwei 80 - zu stark war die Lobdrittel der deutschen Handwerksbetriebe
by der Rüstungsproduktion, die ihre Aufträge fast nur durch Groß- 74 Vgl. ebenda. 75 Ebenda. 76 Vgl. ebenda. 77
Broszat: Der Staat Hitlers, S. 34. 78
Vgl. Burleigh: Die Zeit des Nationalsozialismus, S. 44. 79 Vgl. ebenda, S. 44-45. 80 Vgl. ebenda, S. 45.
- 19 - unternehmendurchführen ließ, da diese zum einen eine effiziente-re Verarbeitung und zum anderen günstigere Preise gewährleisten konnten. „Beamten- und Angestelltengehälter stagnierten […], Be-rufstätige, die ihre Stelle verloren, weil diese nicht zur Rüstungs-produktion beitrug, verarmten; Menschen, die als ‚unnütze Esser’ betrachtet wurden, wie etwa psychiatrische Patienten, starben an 81 , ein stetig wachsender Pro-Krankheiten und Vernachlässigung“
zentsatz an Menschen war auf kommunale bzw. staatliche Hilfeleistungen angewiesen, da Renten und Versorgungsansprüche infolge der Inflation kaum noch etwas wert waren und nicht zuletzt war da noch die junge und radikale Arbeiterschaft, die vehement 82 immer wieder zu Streiks aufrief.
Überdies, so stellt der Historiker Michael Burleigh fest, ging mit diesen ohnehin verheerenden Entwicklungen eine Art „’Moratorium 83 der Bevölkerung einherder Moral’ im persönlichen Verhalten“
„es war ebenso notwendig wie legitim sich mit allen Mitteln zu be- 84 .Eihaupten, weil ‚kein Mensch [ehrlich] durchkommen’ konnte“ ne drastische Zunahme von „kriminellen Delikten, Scheidungen, rüpelhafter Verhaltensweisen, einer zügellosen Sexualität, von 85 war Geschlechtskrankheiten und vaterloser junger Menschen“ zu verzeichnen. Nicht genug herrschte im jungen Kaiserreich ein kriegsbedingter Rückgang im privaten Wohnungsbau und damit Wohnungsknappheit, die zu Verlust von Intimsphäre und Scham- 86 .„Ein blühender Schwarzmarkthandel untergrub alle gefühl führte
herkömmlichen Begriffe von Ehrlichkeit, einer angemessen Entlohnung für die harte Arbeit des Tages sowie davon, wer das größ- 87 Zudem te Recht auf die Versorgung mit Lebensmitteln hatte.“ zeigten sich im Zuge der voranschreitenden Industrialisierung immer wieder die Unzulänglichkeiten der Verteilungsmechanismen des deutschen Staates; Land und Stadt wurden faktisch immer 88 . mehr voneinander abgespalten
Die nahezu bedingungslose Loyalität und Opferbereitschaft einer kriegsbegeisterten deutschen Bevölkerung wich mehr und mehr einer Demoralisierung und einem Vertrauensverlust in Regierung
81 Ebenda. 82 Vgl. ebenda, S. 45-46. 83 Ebenda, S. 46. 84 Ebenda. 85 Ebenda. 86 Vgl. ebenda. 87 Ebenda. 88 Vgl. ebenda.
- 20 - undBürokratie. Die innenpolitische Zerrüttung, die bis dato zu-gunsten der imperialistischen Euphorie in den Hintergrund gerückt war, wurde durch die Art und Weise des Ausgangs des Ersten Weltkrieges deutlicher denn je. Eine deutsche Gesellschaft, in der nationaler Zusammenhalt in der politischen Werteskala den Vor-rang vor Freiheit und Meinungsvielfalt genoss, stürzte in eine 89 . schwere Bewusstseinskrise
So fasst der Historiker Götz Aly zusammen, dass „der Erste Weltkrieg im politischen Gefühlshaushalt der Deutschen drei schwere Traumata hinterließ: die Hungersnot, die infolge der britischen Seeblockade entstand, die Entwertung des Geldes und das Aufflammen des Bürgerkrieges. Im Krieg verhungerten mehr als 400.000 Menschen. Hinzu kamen jene, die wegen Mangels unheilbar tuberkulosekrank oder für andere Infektionskrankheiten an- 90 Dierapide Teuerung fällig wurden und vor ihrer Zeit starben.“
ging einher mit der staatlich kaum kontrollierten Preistreiberei, „die das materielle Elend zu Lasten der einfachen Leute verschob, die 91 . damals über keinerlei materielle Reserven verfügten“
„In der Rückschau auf die letzten beiden Jahre des Ersten Weltkriegs verbanden sich zudem für viele Deutsche mit dem Gefühl vom nationalen Niedergang die Hassbilder von den feigen Nutz- 92 Essollte die Geburt der Dolchstoßlegende nießern der Not.“
sein, nach der es eine „weit verbreitete Ansicht war, dass das va-terlandstreue Volk erst durch die persönliche Bereicherung der Kriegsgewinner und Revolutionäre, allen voran den Bolschewisten, 93 Man in eine selbstzersetzende Unzufriedenheit verfallen sei“. war überzeugt, man habe mit den komfortablen Friedensschlüssen im Osten, dem von Brest-Litowsk (3. März 1918) und dem von Bukarest (07. Mai 1918) den siegreichen Ausgang des Ersten Weltkriegs nur durch das Zerbrechen der inneren Geschlossenheit auf 94 . deutschem Boden zunichte gemacht
Mit dem Zusammenbruch der Monarchie und der Niederschlagung der linken Revolution wurde mit dem Zusammentritt der Nationalversammlung und der Begründung der Weimarer Republik ein parlamentarisch-demokratischer Neuanfang eingeläutet. Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Arbeit unter den bereits heraus- 89
Vgl. Thamer: Verführung und Gewalt, S. 46-47. 90
Götz Aly: Hitlers Volksstaat, S. 30. 91 Ebenda. 92 Ebenda. 93 Ebenda, S. 31. 94 Vgl. ebenda.
- 21 - gestelltenbesonderen Belastungen, die die neu geschaffene De-mokratie als Erbschaft übernehmen musste, war vor allem die Ak-zeptanz des neuen Systems und eine liberaldemokratische Grundüberzeugung, die sich in der Bevölkerung übergreifend ma-nifestieren musste.
Und bereits hier lag das Dilemma der jungen Republik:
zwar war, wie der Historiker Hans-Ulrich Thamer herausstellt, die Weimarer Republik keineswegs von Anfang an eine Republik ohne Republikaner oder eine Demokratie ohne Demokraten, denn es 95 , doch sollte es letztgab beträchtliche republikanische Bastionen lich vor allem „das politische Bewusstsein und Verhalten der Deut- 96 sein,das „hinter den Geboten und Erwartungen der Verschen“
fassungstheorie“ von Weimar zurückblieb.
Welches die umfassenden Gründe für das Scheitern der Weimarer Republik waren, soll hier allerdings nicht Gegenstand der Betrachtung sein; vielmehr erscheint es von Bedeutung, welche ‚Grundprobleme’ einer deutschen Gesellschaft in Weimar zu Tage traten.
Laut Thamer hatte Weimar schwer zu tragen an den „Herausforderungen einer Massengesellschaft und an sich stärkenden Gruppen- und Klassengegensätzen. Verschärfend wirkten die Belastungen der politischen Kultur, d. h. der Normen und Verhaltensformen, die eine politische Ordnung prägen und funktionsfähig erhalten; große Teile der Intelligenz und bürgerlichen Jugend revoltierten angesichts der offenkundigen Krise der Zivilisation. Die Verweigerung der Realität war jedoch nicht nur Sache der Jugend oder der Intellektuellen; das Unbehagen an der Modernität war allgemein und führte zur Entstehung einer Vielzahl politischer Religi- 97 onen und Irrationalismen.“
Die Demokratie wurde übergreifend nicht als Chance, sondern als Auflage und fremdartiges Gebilde verstanden. Beweggründe für diese antidemokratische Grundhaltung der deutschen Gesellschaft sind jedoch nicht allein in mangelnder demokratischer Tradition zu suchen. Die Belastungen des Versailler Vertrages für die Weimarer Republik, von dem jeder Schuljunge bereits seinerzeit lernen soll- 98 ,wogen schwer. Dabei darf nicht unbete, dass er ein Diktat sei
rücksichtigt bleiben, dass kaum ein Deutscher sich bewusst machte, dass alles noch viel schlimmer hätte kommen können. Nicht nur dass das Reich erhalten und das Rheinland ein Teil Deutschlands
95
Vgl. Thamer: Verführung und Gewalt, S. 50. 96
Dieses und das folgende Zitat ebenda, S. 53. 97 Ebenda, S. 50. 98 Vgl. ebenda, S. 51.
- 22 - blieb;Deutschland war auch weiterhin das bevölkerungsreichste Land westlich der russischen Grenzen und, wenn auch mit starken Verlusten durch den Krieg, die wirtschaftlich stärkste Macht Euro- 99 Ingewisser Weise hatte sich die außenpolitische Konstella-pas.
tion gegenüber der Zeit von 1914 für Deutschland sogar gebessert. Die Entfremdung der Westmächte von Sowjetrussland und die bereits beim Vertragsschluss von Versailles offenkundig ge-wordenen Diskrepanzen zwischen den westlichen Verbündeten untereinander, Frankreich auf der einen Seite und England und die Vereinigten Staaten von Amerika auf der anderen Seite, vermittelten nicht mehr das Gefühl des einstigen Bismarckschen Alptraums 100 Zwar blieb Deutschland von der ‚Eingekreistheit’ Deutschlands. die Möglichkeit dem Völkerbund beizutreten zunächst verwehrt, aber auch dies musste nicht von Dauer sein; vielmehr hatte Deutschland zum damaligen Zeitpunkt gute Aussichten den Status 101 „Hierzu beeiner europäischen Großmacht wiederzuerlangen. durfte es lediglich der nüchternen Einsicht in die neue Lage, um 102 Nüchternheit Versailles in realistischen Proportionen zu sehen.“ war es jedoch gerade, die der deutschen Gesellschaft in jener Zeit zu fehlen schien, was zur Konsequenz hatte, dass der Eindruck der äußeren Entmachtung und Demütigung durch den Vertrag von der innenpolitischen Auseinandersetzung über die Ursachen von 103 Krieg und Niederlage und Revolution ablenken sollte.
Und so waren Weimars Probleme von vornherein strukturbedingt:
auf der einen Seite musste man innenpolitische Stabilität wiederherstellen - man sah sich konfrontiert mit einer verlorenen Generation heimkehrender Soldaten, einer Gruppe heimatloser und großenteils adeliger Flüchtlinge aus dem Osten, der Liquidierung von Millionen von Kriegskrediten, einem großen Missverhältnis zwischen der Zahl der Frauen und der Männer und nicht zuletzt der latenten Schwäche der Wirtschaft bedingt durch Reparationen, dem Verlust der Exportmärkte, der Erschöpfung von Industrie und Rohstoffen sowie der Geldentwertung, die 1923 ihren Gipfel er- 104 Schnellwurde deutlich, dass man einen Schulterreichte.
schluss mit den Säulen des wilhelminischen Staates, Heer, Bürokratie und Justiz, eingehen musste, um alsbald eine Wiederher-
99
Vgl. Winkler: Der lange Weg nach Westen, S. 402. 100 Vgl. ebenda.
101 Vgl. ebenda.
102 Ebenda.
103 Vgl. Thamer: Verführung und Gewalt, S. 52.
104 Vgl. Schoenbaum: Die braune Revolution, S. 27.
- 23 - 105 .Die stellung von Ordnung und Verwaltung zu gewährleisten Republik begab sich somit zulasten der „Fortsetzung der Demo- 106 inein Abhängigkeits-kratisierung von Staat und Gesellschaft“
verhältnis der antidemokratisch eingestellten traditionellen Machteliten - das obrigkeitsstaatliche Politikverständnis sollte den ei- 107 gentlichen Systemwechsel überdauern.
Die beabsichtigten notwendigen innenpolitischen Erfolge blieben jedoch in den 1920er Jahren aus; die diffuse Notverordnungspolitik, die nochmalige Verschärfung der ökonomischen Krise und der dadurch bedingte soziale Abstieg von Tausenden (Massenarbeitslosigkeit, Weltwirtschaftskrise 1929, die überforderten Sicherungssysteme des Staates, die fehlgeleitete Deflationspolitik u. a.) sollten die politische Kultur von Weimar nachhaltig prägen.
Die tiefe Verletzung der Selbstachtung einer Gesellschaft oder des großen Teils, der durch die verheerenden Entwicklungen teilweise erhebliche Minderungen des Lebensstandards hinnehmen muss- 108 kanalisiertesich in der öffentlichen Meinung, die fast nur te 109 bzgl. der Renoch durch ein rigoroses Freund-Feind-Denken publik und ihrer Gegnerschaft geprägt war.
Überdies offenbarte sich auch und vielleicht gerade aufgrund der Parteienlandschaft in der Weimarer Republik, die aufgrund des veränderten Wahlrechts (reines Verhältniswahlrecht ohne 5% - Klausel) vielfältiger geworden war, die Desillusionierung großer Teile der Gesellschaft; „sie trugen schwer am Erbe der politi- 110 ,und so manschen Kultur des Wilhelminischen Deutschland“ gelte es den Parteien nicht nur an politischer Erfahrung, sondern vor allem an einer programmatischen Ausrichtung auf Probleme und Bedürfnisse einer Gesamtgesellschaft und nicht nur auf ein 111 . Die traditionellen Parteibestimmtes sozial-moralisches Milieu
en zeigten sich schlicht unfähig eine immer größer werdende nicht politisch integrierte Gruppe, die sich unter dem Eindruck der politischen, sozialen und mentalen Krise Deutschlands stetig zu vergrößern schien, zu binden, was umso verhängnisvoller erscheint, wenn man berücksichtigt, dass gerade diese Gruppe auf der Suche nach politischer Identifikation war und ihre politische Heimat
105 Vgl. Thamer: Verführung und Gewalt, S. 52.
106 Ebenda.
107 Vgl. Thamer: Verführung und Gewalt, S. 53.
108 Vgl. Schoenbaum: Die braune Revolution, S. 28.
109 Vgl. Thamer: Verführung und Gewalt, S. 54.
110 Ebenda, S. 53.
111 Vgl. ebenda.
- 24 - schließlichin den antidemokratischen Programmen der extremisti- 112 Dieseverstanden es im Spiel mit der Angst schen Lager fand.
und der Sehnsucht der Massen, ein mit „Wucht und intellektueller
113
vorgetragenes Alternativkonzept zum liberalen Entschiedenheit“ System zu vermitteln
ihren politischen Gegnern oder dem Bedürfnis nach einem pluralistischen Willensbildungsprozess (einzige Legitimität ist der Volkswille), sondern vielmehr unter Umdeutung hergebrachter politi-
scher Grundbegriffe 116 gepaart mit dem Eindruck einer latenten innendes Systems
und außenpolitischen Misserfolgsserie der Weimarer Regierungen, sollte es in jener Zeit die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) sein, die wie keine andere politische Kraft - einer sich bereits aufgebenden Gesellschaft - das ‚Prinzip Hoffnung’ vermittelte, indem sie ein verworrenes Bild zwischen drohender 117 und somit die Apokalypse und brauner Wiedergeburt aufzeigte Wiederherstellung einer längst verloren geglaubten Homogenität vorzugaukeln vermochte.
3.2 Gesellschaftsprogrammatik des Nationalsozialismus
„’Man bekommt doch mehr und mehr die Zuversicht und den Glauben, dass es unter dieser Regierung wieder aufwärts gehen wird in 118 -Deutschland’“.
so der Leipziger Anatom Voss 1933 als ein exemplarisches Beispiel für die Empfänglichkeit gegenüber nationalsozialistischer Politik der bürgerlichen Kreise bereits in den ersten Jahren nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler.
Mit der Machtergreifung durch den Nationalsozialismus am 30. Januar 1933 sollte sich die NSDAP zunächst in der politischen Wirklichkeit wiederfinden. Das angepriesene soziale Programm und die
112 Vgl. ebenda, S. 54.
113 Ebenda, S. 56.
114 Vgl. ebenda.
115 Vgl. ebenda.
116 Vgl. ebenda, S. 55.
117 Vgl. Priamus / Goch: Macht der Propaganda oder Propaganda der Macht, S. 94
118 Götz Aly: Hitlers Volksstaat, S. 49.
- 25 - Versprechungen,es besser zu machen, mussten sich auf die An- 119 hängerschaft der Partei fühlbar auswirken.
Dabei war die Vorstellung von der Beschaffenheit der zukünftigen Gesellschaftsordnung für die Nationalsozialisten 1933 noch sehr 120 Klar war, dass man eine Volksgemeinschaft schafunbestimmt.
fen wollte, denn dies war nach nationalsozialistischer Grundüberzeugung der notwendige Schritt zur „Regeneration des Deutschtums als Voraussetzung künftiger nationaler Wiedergeburt und 121 . Größe“
„Und so sollte das Gegenstück zu einer pluralistischdemokratischen Gesellschaftsverfassung entstehen: nicht das offene und institutionalisierte Austragen von sozialen Konflikten und widerstreitenden Interessen, nicht Koalitionsrecht und Tarifvertrag, das alles galt als Erfindung des Marxismus und Ausdruck des Klassenkampfes, vielmehr sollte es eine nationale Volksgemein- 122 schaft geben und eine autoritäre, ständische Sozialordnung.“
123 aufzusteigen, Um jedoch zur „’Partei über den Parteien’“ brauchte es weit mehr als einer losen Konzeption - vor allem be- 124 Daswusste auch Adolf Hitler, der in seiner durfte es Erfolge.
ersten Rundfunkansprache sagte, er wolle die ganze Nation „’wieder zum Bewusstsein seiner volklichen und politischen Einheit und 125 Hitler erklärte, der daraus entspringenden Pflichten bringen.’“ dass die Rehabilitation der Landwirtschaft und die Vollbeschäftigung die obersten Ziele der neuen Regierung seien und ein umfassendes Siedlungsprogramm und ein Arbeitsdienst die unab- 126 dingbaren Voraussetzungen zu deren Verwirklichung.
Und so sollte der Demagoge in den ersten Jahren vor allen Dingen an diesem primären Versprechen gemessen werden, dass er den Millionen von erwerbslosen Deutschen 1933 gab: „Arbeit, Arbeit, 127 Arbeit.“
119 Vgl. Schoenbaum: Die braune Revolution, S. 68.
120 Vgl. Thamer: Verführung und Gewalt, S. 494.
121 Broszat: Der Staat Hitlers, S. 33.
122 Thamer: Verführung und Gewalt, S. 494.
123 Schoenbaum: Die braune Revolution, S. 69
124 Vgl. Broszat: Der Staat Hitlers, S. 35.
125 Schoenbaum: Die braune Revolution, S. 69.
126 Vgl. ebenda, S. 69-70.
127 Vgl. Götz Aly: Hitlers Volksstaat, S. 49.
- 26 - Hitlerhielt Wort: was demokratische Regierungen in der Weimarer Republik binnen 15 Jahren nicht schafften, konnte er als innenpoli-tisches Nahziel innerhalb von fünf Jahren erreichen und so melde-te die Reichsanstalt für Arbeit u. a. 1936 mehr als 2,5 Millionen Ar- 128 Interessant beitslose, ein Jahr später nur noch 1,61 Millionen. erscheinen jedoch weitere Zahlen, die der Historiker Götz Aly her-ausgearbeitet hat: „so stagnierten die Löhne und Renten auf dem tiefen Niveau der Weltwirtschaftskrise. 1928, im besten Jahr der Weimarer Republik, hatte sich die Gesamtheit aller Arbeitsein-kommen auf 42,6 Milliarden Reichsmark addiert, 1935 betrug sie 31,8 Milliarden. Erst drei Jahre später stieg die Lohnsumme auf jene Höhe, die sie zehn Jahre zuvor erreicht hatte. Die Stunden-löhne, Gehälter, Renten und Pensionen lagen noch immer deutlich darunter. Gemessen an der verkauften Menge blieben die Erlöse der Landwirtschaft bis 1945 erheblich unter dem Ergebnis von 129 Es stellt sich mithin die berechtigte Frage, ob der 1928/29.“
wirtschaftliche Aufschwung in Deutschland tatsächlich eingetreten oder ob es nur der Schein des Aufschwungs war, den man glaubte zu sehen; hatte sich doch abgesehen von der schrittweisen Bewältigung der Arbeitslosigkeit, gemessen an den festgehaltenen Statistikauszügen, keine Verbesserung der Einkommenssituation oder eine qualitative Verbesserung von Lebensstandards großer Teile der Gesellschaft eingestellt.
Darauf kam es aber letztlich auch nicht an; es sollte das Gefühl der ökonomischen Erholung und die autoritäre Entschlossenheit Hitlers in der Durchsetzung seiner angestrebten Ziele sein, die 130 Loyalität gegenüber der nationalsozialistischen Politik schaffte. Neben dem Schein der wirtschaftlichen Gesundung wurden zudem weitere innen- bzw. außenpolitischen ‚Erfolge’ errungen: die Rückkehr des Saargebietes in den Reichsverband durch die Volksabstimmung im Januar 1935, die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht und der Einmarsch in das entmilitarisierte Rheinland sowie die schnelle Aufrüstung der Wehrmacht mit modernen Waffen und der damit verbundene Bruch des Versailler Vertrags und das Verlassen des Völkerbundes verhalfen Hitlers Regierung zu Populari- 131 „Inden Augen der übergroßen Mehrheit zeigte sie (die tät.
Reichsregierung) es denjenigen, die Deutschland mit ‚Kriegsschuldlüge’ und ‚Schmachfrieden’, mit ungezählten Schikanen und Erniedrigungen überzogen hatten. Hitler bedeutete in den ersten
128 Vgl. ebenda.
129 Ebenda.
130 Vgl. ebenda.
131 Vgl. ebenda, S. 50.
- 27 - JahrenSatisfaktion für ein verstörtes, aggressives und selbstag- 132 gressives Volk.“
Und so basierte die Nationalsozialistische Gesellschaftspolitik, einmal vereinfacht dargestellt, wohl letztlich auf 2 Grundsäulen -Massenbegeisterung und deren Kontrolle. Aus der Erfahrung innenpolitischer Krisen der Weimarer Republik heraus war der potentielle Popularitätsverlust für Hitler das, was er am meisten 133 Faktische wirtschaftliche Erholung und die Rehabilifürchtete.
tierung des Selbstbewusstseins einer Generation, die von Krisen geschüttelt war, sollten der erste Schritt sein. Das allein verschaffte Ruhe und eine solide Basis. Hitler indessen wollte darüber hinausgehend die Gesellschaft ausrichten auf seine Ideologie und so musste die nationalsozialistische Doktrin identitätsstiftend fungieren, Überschwang und Ekstase schaffen, also die Psyche möglichst vieler in kürzester Zeit erreichen, was angesichts ihrer Radikalität und des bekanntlichen Erfolges, den Nationalsozialismus zum eigentlichen Phänomen werden lässt. Es ging darum, eine geistige Mobilmachung bei den Massen in Gang zu setzen, sie solange zu bearbeiten, bis sie den ‚geistigen Führern’ des Dritten 134 Reiches verfallen sind.
In diesem Zusammenhang soll ein psychologischer Exkurs zur Massenbegeisterung und -verblendung‚ sprich zum ‚Massenwahn’, gewagt werden, der verdeutlichen soll, dass es zu einfach und zudem falsch wäre, den Nationalsozialismus und die Empfänglichkeit der deutschen Bevölkerung für seine Programmatik einfach nur als Zeitströmung oder ‚Sonderfall der Geschichte’ abzutun.
In der Tat mag es zunächst jedweder Logik entbehren, wie die Nationalsozialisten es schafften, eine Massenbegeisterung zu erzeugen, die sich in einer schier grenzenlosen Solidarität des einzelnen gegenüber einem sowohl politisch als auch moralisch dekadenten Regime kanalisierte und dazu beitrug, dass sich Menschen, die eigentlich zum rationalen Denken in der Lage gewesen wären, mitschuldig machten an Raub, Rassenkrieg und Mord.
Reduziert man das Phänomen des ‚Massenwahns’, mit dem sich wie Gustave Le Bon schon um die Jahrhundertwende, also lange vor der Zeit des Nationalsozialismus, schon Wissenschaftler aus-einandersetzten, auf eine zentrale These, so wird man wohl konstatieren können, dass es die Masse selbst ist, die in ihrer Gesamtheit die Individualität ihrer einzelnen Bestandteile, sprich der Individuen, einfordert. Der Einzelne, seine Persönlichkeit, die für ge-
132 Ebenda.
133 Vgl. Thamer: Verführung und Gewalt, S. 494.
134 Vgl. Reuth: Goebbels, S. 269.
- 28 - wöhnlichdas urteilende und differenzierende Denken übernimmt, verliert sich in der Masse und läuft Gefahr in eine Art hypnotischen Rausch zu verfallen, der bis zur Willenlosigkeit und gänzlichen geistigen Vereinnahmung des Individuums führen kann.
Die Herleitung des Phänomens erschließt sich jedoch nur, wenn man ganz konkret um die Eigenschaften einer Masse weiß, die gleichsam miteinander verwoben sind und einander bedingen.
Für Canetti ist das bedeutendste Ereignis in einer Masse ihre Entladung, denn ab diesem Zeitpunkt verlieren die Individuen ihre Verschiedenheit, ihre Individualität und sind nur noch ein Kollektiv, eine Verschmelzung von Individuen zu einer sog. ‚psychologischen 135 , die, und das ist wohl das Entscheidende, in ihren Be-Masse’
standteilen eine Richtung findet, ein Ziel das für jeden einzelnen 136 . der Masse gilt
Eine solche Entladung, die aus vielem eins und die Masse wie eine Art eigenständiges Individuum, wie einen Körper agieren lässt, überträgt sich dann wiederum auf Neuankömmlinge, denn nur der Zuwachs und das unerreichte Ziel verhindern den schnellen Zerfall
137
. Dies ist die zweite entscheidende Gesetzmäßigeiner Masse
keit der Masse: Sie will immer wachsen
Zwei weitere Merkmale und Gesetzmäßigkeiten erscheinen für die Betrachtung von Bedeutung: die Dichte und die Gleichheit.
Ein Phänomen stellt zweifelsohne das plötzliche Zustandekommen von Massen dar. Viele wissen nicht einmal den Grund, warum sie Teil der jeweiligen Menschenmenge sind. Allerdings haben sie ein Ziel, dass eine gewisse Entschlossenheit und nicht nur gewöhnliche Neugierde erfordert. Ihr Ziel ist der Ort, an dem die meisten 139 Menschen stehen: „Eine Masse kann nie zu dicht sein.“
Jede Person hat normalerweise eine instinktive Berührungsfurcht vor etwas Fremdem, die jedoch in der Masse schwindet. Es wird nicht mehr darauf geachtet, wer sich an einen drängt, es gibt keine Verschiedenheit, keine unterschiedlichen Geschlechter. Je dichter die Menschen aneinander gepresst stehen, desto größer ist ihr Vertrauen zueinander: in der Masse herrscht Gleichheit.
135 Vgl. Canetti: Masse und Macht, S. 12.
136 Vgl. ebenda, S. 26.
137 Vgl. ebenda, S. 14.
138 Vgl. ebenda, S. 26.
139 Ebenda.
- 29 - Mitdiesem Wissen über die einzelnen Eigenschaften der Masse erscheint es nunmehr notwendig die Suggestion zu betrachten. Für Le Bon ist die Suggestion die wichtigste der Charaktereigen- 140 ,da sie eine Wirkung der „geistigen Übertra-heiten einer Masse
141 darstellt. Hierbei gerät der Einzelne innerhalb einer Masgung“
se in eine Art hypnotischen Zustand und kann soweit gebracht werden, dass er seine Wünsche den Gesamtwünschen der Men- 142 DasIndividuum erhält ein Gefühl unüberschenmenge opfert.
windlicher Macht, in dem es die Grenzen seiner Person über- 143 schreitet. Triebe brauchen nicht mehr unterdrückt zu werden.
Ist eine Masse in einen Zustand erhöhter Suggestibilität gebracht, stellt sich der jeweiligen Führung oder dem Führer kein Hindernis mehr entgegen. Nunmehr obliegt es ihrem oder seinem Willen, die Masse zu instrumentalisieren oder aufzuhetzen. Der Rausch einer Masse gewinnt soviel Kraft, dass sie bis zur Hemmungslosigkeit gebracht werden kann.
Mit diesen Erkenntnissen wird die These von Gustave Le Bon, dass alle großen Staatsmänner in der Geschichte gerade deshalb so leicht zu Machthabern wurden, da sie unbewusste Psychologen mit einer instinktiven und sicheren Kenntnis der Massenseele wa- 144 ,am Beispiel von Adolf Hitler und Joseph Goebbels nur allzu ren deutlich.
Die Nationalsozialisten verstanden es Le Bons Gesetzmäßigkeiten der Massenpsychologie nicht nur mustergültig umzusetzen, sondern auch zu perfektionieren, um in der deutschen Bevölkerung ihre Ideen und Glaubenssätze zu vermitteln. Am deutlichsten erkennbar wird dies wohl, wenn man sich mit den Ausführungen des französischen Wissenschaftlers zur Führung von Massen ausei-nandersetzt.
Le Bon geht auf 3 grundlegende Verfahren der Führung ein, deren Anwendung am Beispiel nationalsozialistischer Gesellschaftsindoktrination exemplarisch verdeutlicht werden soll:
Zuerst, so Le Bon, sollen vom Führer, der die Masse beherrschen will, Behauptungen aufgestellt werden, die paradoxerweise umso
140 Vgl. Le Bon: Psychologie der Massen, S. 16.
141 Ebenda, S. 15.
142 Vgl. ebenda, S. 16-17.
143 Vgl. ebenda, S. 17.
144 Vgl. Le Bon: Psychologie der Massen, S. 5.
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Diplom-Verwaltungswirt Marco Blume, 2006, Gleichschaltung und Führerprinzip - Zur Rolle des DFB in der Zeit des Nationalsozialismus in der Zeit von 1933-1945, München, GRIN Verlag GmbH
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