Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Identitätsproblematik 5
2.1 Identitätstheorien in der Ethnologie 5
2.2 Untersuchungen des Identitätswandels der Figuren 6
3. Ethnologische Stereotypen 16
4. Zusammenfassung 19
5. Literaturverzeichnis 22
2
1. Einleitung
Die Autorin Vicki Baum (1888 - 1960) beschäftigt sich in ihrem 1939 erschienen Roman Hotel Shanghai 1 mit der politischen Zeitstimmung in der Exilstadt Shanghai um das Jahr 1937. Maßgeblich wurden der Zeitgeist und das Zeitgeschehen beeinflusst durch den Chinesisch-Japanischen Krieg. Im Mittelpunkt der Erzählung stehen neun unterschiedliche Charaktere differenter kultureller Herkunft, deren gemeinsames Schicksal der Einschlag einer Fliegerbombe in das Hotel Shanghai ist.
Der stark durchkonstruierte Roman, in die Gattung der Exilliteratur einzuordnen, ist in zwei Teile gegliedert. Der erste Teil, mit »Die Menschen« betitelt, behandelt die Biographie der einzelnen Charaktere bis zu dem Zeitpunkt ihres Entschlusses in die Stadt Shanghai zu emigrieren. Der zweite Teil, »Die Stadt«, verbindet die Handlungs- und Lebenswege der neun Personen in Shanghai und ist gekennzeichnet durch ein kompliziertes Beziehungsgeflecht der Protagonisten.
Diese Arbeit beschäftigt sich im ersten Teil mit der Problematik der Identitäten der einzelnen Charaktere. Dabei gehe ich davon aus, dass jede Person des Romans einen Wandel eigener Identität und persönlicher Wahrnehmung durchläuft und diese Transformation des Selbst eine typische Eigenschaft der Protagonisten eines Exilromans darstellt. Die Heterogenität der Figuren lässt vermuten, dass sich innerhalb meiner These Widersprüche und Brüche auftun. Auch die möglichen Diskrepanzen sind ein Thema dieser Arbeit. Die theoretische Basis der Identitätsfrage bildet ein ethnologisches Erklärungsmodell. Der Untersuchung der Identitäten der Charaktere stelle ich eine theoretische Einführung aus dem Bereich der Ethnologie voran. Ich begründe die Verwendung einer ethnologischen Theorie damit, dass die neun Figuren des Romans unterschiedlichster kultureller Herkunft sind und sich aus diesem Grund eine Untersuchung aus ethnologischer Perspektive anbietet. Thema des zweiten Teils meiner Arbeit sind die von der Autorin verarbeiteten ethnologischen Stereotypen, die den Effekt haben den Roman durch Exotik zu bereichern und damit ansprechend zu gestalten. Inwieweit verwendet Vicki Baum ethnologische Klischees und in welchem Umfang bekräftigt sie herrschende Bilder und Vorstellungen von den Kulturen? Ermöglichen die ethnologischen Merkmale des Romans einen Rückschluss auf typisches Verhalten der Vertreter unterschiedlicher Kulturen? Geht die Autorin in ihrer Behandlung ethnologischer Merkmale in die Tiefe oder verharrt sie in ihrer Beschreibung dieser Attribute an der Oberfläche? Konstruiert Vicki Baum ein bestimmtes nationen-abhängiges oder herkunftsabhängiges Menschenbild?
1 Vicki Baum, Hotel Shanghai, Köln 1997.
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Diesen Fragestellungen wird im Folgenden nachgegangen. Für die Untersuchung ist eine intensive Analyse nahe am Text nötig. Es ist kein Rekurs auf Sekundärliteratur möglich, da der Fragestellung, der ich mich widme, bisher keine Untersuchung galt. Für den theoretischen Teil bezüglich der Identitätsfrage beziehe ich mich auf den dtv-Atlas Ethnologie 2 und den Titel Migration, Kultur, Identität von Iain Chambers. 3 Im Schlussteil dieser Arbeit fasse ich die Ergebnisse meiner Analyse zusammen.
2 Dieter Haller, dtv-Atlas Ethnologie, München 2005.
3 Chambers, Iain, Migration, Kultur, Identität, Tübingen 1996.
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2. Identitätsproblematik
Mein Eindruck des Romans Hotel Shanghai ist, dass von der Handlungsebene verdeckt die Frage nach der Identität der einzelnen Figuren steht. Jeder der Charaktere hadert mit seiner Identität oder hat Probleme diese zu formulieren, beziehungsweise leugnet sie. Dieser - für Exilanten bezeichnende - Identitätsproblematik werde ich im Folgenden nachgehen. Dabei untersuche ich die Frage nach dem Selbst, die auch als Frage nach dem Ich bezeichnet werden kann, nicht nur im Kontext des Exils Shanghai, sondern als Problematik, die sich als roter Faden durch die gesamte Biographie der Figuren zu ziehen scheint. Per se bezeichnet der Begriff der Identität für jede Person etwas anderes. Eine Person definiert sich über und identifiziert sich mit den vielfältigsten Dingen. Dies kann ein allgemein vorherrschendes Lebensgefühl, eine Zugehörigkeit zu einer Gruppe, Gesellschaft oder Kultur sein. Der unwissenschaftliche Gebrauch des Wortes Identität bedeutet eine Identifikation, ein »Einverstandensein« mit Dingen, Lebensweisen, kulturellen, traditionellen, religiösen, familiären, gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.
2.1 Identitätstheorien in der Ethnologie
Das Wort »Identität« kommt aus dem Lateinischen und bedeutet übersetzt »dasselbe«. Der für die Ethnologie bedeutsame Psychologe Erik Erikson definiert den Begriff der Identität als »[…] die unmittelbare Wahrnehmung der eigenen Gleichheit und Kontinuität in der Zeit und die damit verbundene Wahrnehmung, dass auch andere diese Gleichheit und Kontinuität erkennen«. 4 Die Bezeichnung der Identität schließt verschiedene Aspekte ein. Ethnologische Theorien der Identität gehen von einem »[…] Doppelcharakter des Menschen als Einzelwesen und als Teil einer Gemeinschaft […]« 5 aus. Aufgrund dessen wird zwischen einer persönlichen und sozialen Identität von Personen unterschieden.
Der Mensch ist ein Einzelwesen mit einer persönlichen Identität, welcher zum Beispiel Name, Adresse, Aussehen und Lebenslauf inhärent sind. Diese Merkmale unterscheiden eine Person von anderen Personen.
Zudem ist jede Person Teil einer Gemeinschaft und somit mit einer sozialen Identität versehen. Innerhalb einer gesellschaftlichen Gruppe ist der Mensch mit einer bestimmten sozialen Stellung behaftet, die zum Beispiel Rolle, Status, Amt oder Beruf sein kann. 6 Nach meinem Verständnis ist die religiöse Zuordnung einer Person Bestandteil der sozialen Identität. Ich bin der Meinung, dass nicht jeder Aspekt, der einen Menschen ausmacht, in das
4 Haller: dtv-Atlas Ethnologie, S. 93.
5 Ebd., S. 93.
6 Vgl. S. 93.
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Schema der persönlichen und sozialen Identität eingeordnet werden kann. So stellt zum Beispiel die Einordnung der Sprache eine Schwierigkeit dar. Die heikle Einordnung von Sprache beispielsweise nehme ich zum Anlass, um zu betonen, dass nicht immer eine eindeutige Zu-ordnung von Teilaspekten zur sozialen oder persönlichen Identität möglich ist. So ist Sprache meiner Meinung nach in beide Bereiche einzuordnen, beziehungsweise ist sie Teil einer ethnischen Identität.
Die Erklärung der Identitätsbildung einer Person (als sozialer und persönlicher Identität) wird daher an dieser Stelle ergänzt durch den Begriff der ethnischen Identifikation beziehungsweise Identität. Diese »[…] bezeichnet die auf diffusem Gefühl oder bewusster Entscheidung basierende Zuordnung zu einer ethnischen Gruppe. Sie wird Individuen zumeist durch die primäre Sozialisation vermittelt und gilt dadurch häufig als unhinterfragbar, als an-geboren und natürlich«. 7 Die ethnische Identifikation eines Individuums ist allerdings wandelbar. Gründe für diesen Wandel können Veränderungen von Lebensweisen oder der Bruch eines Zusammengehörigkeitsgefühls sein.
2.2 Untersuchungen des Identitätswandels der Figuren
Hauptfokus meiner Untersuchung der Identitätstransformation liegt auf den neun Hauptfiguren des Romans. Unbeachtet innerhalb dieser Fragestellung bleiben die auftretenden Nebenpersonen, auch wenn sich eventuell ähnliche Merkmale einer Metamorphose beobachten ließen
Ich folge in meiner Analyse der Chronologie des Auftretens der Protagonisten in Hotel Shanghai; eine genaue Wiedergabe der einzelnen biographischen Ereignisse lasse ich aus und beschränke mich auf die, für meine Untersuchung wesentlichen, lebensgeschichtlichen Wendepunkte.
Der Chinese Chang Ah Tai kommt aus sehr armen Verhältnissen, wächst elternlos auf und genießt während seiner Kinder- und Jugendzeit keinerlei schulische Ausbildung. Jedoch bringt er es durch Raffinesse und körperliche Stärke zu immer mehr Ansehen und beruflichem Erfolg. In der Stadt Shanghai übernimmt er die Bank des Wu Tsing »[u]nd damit begann der Weg, der aus Chang Ah Tai den Bankier Chang machte, einen der reichsten und einflußreichsten Männer Chinas«. 8 Chang Ah Tai wechselt seinen Beruf und erfährt dadurch eine Änderung seines Status. Diese Modulation des Status stellt eine Umwandlung der sozialen
7 Ebd., S. 95.
8 Baum, Hotel Shanghai, S. 25.
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Arbeit zitieren:
Anna Schefer, 2006, Identitätstransformationen und ethnologische Stereotypen im Roman Hotel Shanghai, München, GRIN Verlag GmbH
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