1. Einleitung
Nur selten, so scheint es, wurde ein Phänomen wie das der Globalisierung in der Gegenwart breiter diskutiert, seine Definitionsmerkmale unterschiedlicher akzentuiert und seine Konsequenzen ambivalenter beurteilt. Die Globalisierung bildet einen welthistorischen Megatrend 1 , welcher tief greifende und von vielen als unumkehrbar bezeichnete Veränderungsprozesse in der Weltwirtschaft, aber auch auf den Ebenen der Weltgesellschaft und der Weltpolitik aufnimmt und dabei scheinbar genauso viele Chancen wie Probleme aufwirft. Von Befürwortern als Heilgeschichte ideologisiert, welche Wohlstand und Fortschritt in alle Länder dieser Welt bringt, wird der Globalisierungsprozess von seinen schärfsten Kritikern als entgrenztes Bedrohungsszenario inszeniert, welches insbesondere auf Kosten der Entwicklungsländer den Wohltand der OECD-Welt zu erhalten und zu mehren sucht. Doch ist gerade die Frage nach dem Überwiegen positiver beziehungsweise negativer Einflüsse des Globalisierungsprozesses auf die Entwicklungschancen der Entwicklungsländer nicht mit einem einfachen ja oder nein zu beantworten, sondern fordert vielmehr eine differenziertere Betrachtung der Entwicklungsländer, des Globalisierungsprozesses und seiner maßgeblichen Akteure. Ausgehend von der These, dass der Globalisierungsprozess als solcher zwar überwiegend positive Entwicklungspotenziale für die Entwicklungsländer eröffnet, jedoch die reale Gestaltung und Implementation der Globalisierung die ärmsten Länder dieser Welt weiter marginalisiert und selbst die Erfolgsbilanzen der Globalisierungsgewinner unter den Entwicklungsländern kritisch zu bewerten sind, wird im Folgenden versucht ein differenziertes Bild des Globalisierungsprozesses und seiner Auswirkungen auf die Entwicklungsländer zu ermöglichen, um die in der These formulierte Janusköpfigkeit der Globalisierung untermauern zu können.
Dazu werde ich eingangs die für diese Thematik elementaren Begriffe Globalisierung und Entwicklungsländer definieren, um eine genauere Unterscheidung zwischen Globalisierungsgewinnern und Globalisierungsverlierern zu ermöglichen. Aufbauend auf diese Begriffsbestimmungen sollen sowohl die positiven als auch die negativen Einflüsse des Globalisierungsprozesses auf die Entwicklungschancen der Entwicklungsländer
1 Nuscheler, 2004, S. 53
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beleuchtet werden und eine Abwägung zwischen Vor- und Nachteilen des Globalisierungsprozesses erfolgen. Von dieser Bewertung ausgehend wird nochmals die oben formulierte These aufgegriffen und abschließend kritisch hinterfragt. 2. Definition der Begriffe Globalisierung und Entwicklungsländer
Wie bereits angedeutet existiert eine Vielzahl von Definitionen des
Globalisierungsbegriffes, die aufgrund unterschiedlicher Betrachtungsweisen und Schwerpunktsetzungen jeweils unterschiedliche Aspekte hervorheben. Als Kern des Globalisierungsbegriffes kann, angelehnt an Rainer Tetzlaff, ein komplexer multidimensionaler Prozess der Entgrenzung und Enträumlichung zum einen und der Verdichtung und Vernetzung zum anderen gelten. 2 In zahlreichen Definitionen findet sich eine ökonomisch orientierte Bestimmung des Globalisierungsbegriffes 3 , da dieser in erster Linie für die Beschreibung der zunehmenden weltweiten ökonomischen Vernetzung, der Internationalisierung der Produktion und der Entgrenzung des Welthandels herangezogen wurde. Meist unberücksichtigt bleiben dabei die nicht minder relevanten Dimensionen der kulturellen, sozialen und politischen Globalisierungsprozesse, die von der weltweiten Verbreitung westlicher Wertvorstellungen, über die zunehmende Entgrenzung der Staatenwelt bis hin zur Verdichtung transnationaler sozialer Beziehungen reichen. Doch erfasst und durchdringt die Globalisierung die verschiedenen Gesellschaften und Ökonomien der Nationalstaaten nicht in gleichem Maße. Während auf der einen Seite die Triade Nordamerika, Europa und Ostasien, ergänzt durch einige dynamische Schwellenländer, auf der Überholspur des Globalisierungsprozesses von der zunehmenden Vernetzung von Ökonomie, Kapital, Ideen und Wissen profitieren, sind auf der anderen Seite ganze Regionen der Welt nachweislich fast vollständig wirtschaftlich und politisch marginalisiert. 4
Aus diesem Grund scheint auch eine Differenzierung des Sammelbegriffs Entwicklungsländer notwendig, da sich auch bei dieser Länderklassifizierung ein unterschiedliches Bild von den Einflüssen des Globalisierungsprozesses zeichnen lässt. Der Begriff Entwicklungsländer wird für eine äußerst heterogene Ländergruppe genutzt, die sich je nach angelegtem Maßstab nicht unerheblich unterscheidet. Wesentliche, jedoch manchmal täuschende, Indikatoren zur Identifizierung von Entwicklungsländern sind das Wirtschaftswachstum und das Pro-Kopf-Einkommen, doch verweist der vielfach
2 Tetzlaff, 2000, in: Nuscheler, 2004, S. 53
3 Vgl. Friedrichs, 1997, S. 3
4 Nuscheler, 2000, S. 247
3
herangezogene HDI (Human Development Index) auch auf weitere relevante Merkmale wie die Alphabetisierungsquote oder die Lebenserwartung. Bei der Differenzierung der Ländergruppe der Entwicklungsländer scheint eine Anlehnung an die UN-interne Unterscheidung zwischen LDCs (Less Developed Countries) und LLDCs (Least Developed Countries) durchaus sinnvoll. Während zu den LDCs auch die mittel- und osteuropäischen Transformationsländer und die Erdöl exportierenden Staaten (OPEC) hinzugezählt werden, setzt sich die Gruppe der LLDCs aus momentan 49 Staaten zusammen, die abgesehen von Haiti alle im subsaharischen Afrika oder in Asien liegen und sich durch ein sehr niedriges Pro-Kopf-Einkommen, geringe Alphabetisierungsquoten, hohe Kindersterblichkeit und eine wirtschaftlich verwundbare und instabile Gesellschaft auszeichnen. 5 Kaum noch zu den Entwicklungsländern zu zählen sind die bei der Frage nach den Gewinnern des Globalisierungsprozesses vielfach in den Vordergrund gerückten Schwellenländer, welche typische Strukturmerkmale von Entwicklungsländern bereits überwunden haben und sich auf dem Übergang zum Industrieland befinden. Neben den fernöstlichen Tigerstaaten und Mexiko werden immer wieder lateinamerikanische Staaten wie Argentinien und Brasilien zu den Schwellenländern gezählt, doch existieren auch Klassifizierungen die durch den Einbezug von Staaten wie Indien, China, Ägypten oder Pakistan den schleichenden Übergang zur Gruppe der Entwicklungsländer manifestieren und die Problematik einer eindeutigen Klassifizierung offensichtlich lassen werden. 6
3. Gewinner- und Verlierer des Globalisierungsprozesses
Die positiven wie negativen Effekte des multidimensionalen Globalisierungsprozesses für die Entwicklungschancen der Entwicklungsländer sind vielfältig und werden höchst unterschiedlich bewertet. So verweist Friedrichs etwa auf die Verlagerung von Produktionsstätten in die „Dritte Welt“, die nicht nur Güter, sondern auch Dienstleistungen umfassen und zahlreiche Entwicklungschancen für die neuen Standorte bergen. 7 Immer wieder wird auf die Potenziale einer wirtschaftlichen und politischen Globalisierung hingewiesen, welche den Entwicklungsländern den Zugang zu modernen Technologien und Wissen eröffnet und die globale Durchsetzung sozialer Grundrechte und demokratischer Werte fördert. Doch konnten die letzten Dekaden der Globalisierung wirklich etwas an der Situation der Entwicklungsländer ändern oder ihnen neue Möglichkeiten eröffnen? Nicht zu
5 Nuscheler, 2004, S. 98-102
6 Esser, 2003, S. 51
7 Friedrichs, 1997, S. 3-5
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Arbeit zitieren:
Christian Blume, 2004, Fördert oder beeinträchtigt die Globalisierung die Entwicklungschancen der Entwicklungsländer?, München, GRIN Verlag GmbH
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