Inhaltsverzeichnis:
1. Wahrheit und Unwahrheit: Zentrale Themen bei Luhmann
und in der journalistischen Ethik 3
2. Der Realitäts-Begriff bei Luhmann 6
3. Die Realitätskonstruktion durch Massenmedien 7
3.1 Manipulationen der Realitätskonstruktion 9
4. Selektion der Themen 10
4.1 Der binäre Code: Information/Nichtinformation 10
4.2 Weitere Selektionskriterien 11
5. Nachrichten und Berichte: Wahrheit als Anspruch 12
6. Fazit 14
Anhang:
Literaturverzeichnis
Abbildungsverzeichnis:
Abbildung 1: Inhaltlicher Schwerpunkt der Beschwerden
beim Presserat. 4
2
1. Wahrheit und Unwahrheit: Zentrale Themen bei
Luhmann und in der journalistischen Ethik
Neben vielen Rechten, die Journalisten in Deutschland genießen, gibt es auch im Presserecht und Pressekodex des Deutschen Presserats verankerte Pflichten. Eine der wohl zentralsten Pflichten ist die so genannte Sorgfaltspflicht des Journalisten. Heinz Pürer gibt als Definition der Sorgfaltspflicht an: „Sie hält Journalisten an, alle Nachrichten vor ihrer Verbreitung genau auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen.“ 1 Diese Pflicht ergibt sich zum einen aus der in der in Artikel 5 des Grundgesetzes festgeschriebenen Pressefreiheit, die umgekehrt aber auch zur Wahrheitsgemäßen Berichterstattung verpflichtet. Zum anderen resultiert die Sorgfalts- oder Wahrheitspflicht aus der journalistischen Ethik. Sie ist also ein moralisches Prinzip auf das sich die Journalisten, zum Beispiel in einem Pressekodex verständigt haben. Im Pressekodex heißt es gleich zu Beginn unter Ziffer 1: „Die Achtung vor der Wahrheit, die Wahrung der Menschenwürde und die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberste Gebote der Presse.“ 2 Weiter heißt es unter Ziffer 2: „Zur Veröffentlichung bestimmte Nachrichten und Informationen in Wort und Bild sind mit der nach den Umständen gebotenen Sorgfalt auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen.“ 3
Wie die folgende Grafik (Abbildung 1) zu den Inhalten der Eingaben beim Presserat zeigt, ist Ziffer 2 des Pressekodex auch die mit Abstand am häufigsten genannten, wenn es um die Begründung einer Beschwerde gegen einen veröffentlichten Beitrag geht. 171 von 395 Fällen im Jahr 2004 berührten auch Ziffer 2. Dies war auch in den vorangegangen Jahren stets der Fall und zeigt, dass es sich bei der Wahrheits- und Sorgfaltspflicht um die wohl schwierigsten und gleichzeitig wichtigsten Bestimmungen des Kodex handelt.
1 Pürer, Heinz: Publizistik- und Kommunikationswissenschaft. Ein Handbuch. Konstanz:
UVK. 2003. Seite 114.
2 Webseite des Deutschen Presserats: http://www.presserat.de/pressekodex.html
(Abgerufen am 9. April 2005).
3 ebd. (9.4.05).
3
Abbildung 1: Inhaltlicher Schwerpunkt der Beschwerden beim Presserat. Quelle:
Webseite des Presserats http://www.presserat.de/30.html (Aufgerufen am 01. August
2005).
Besonders tief verankert ist die Wahrheitspflicht in der Gesinnungsethik nach Max Weber, da man nach diesem Konzept nur dem Prinzip der Wahrheit verpflichtet ist, die möglichen Folgen aber nicht bedenkt. Dem gegenüber steht die Verantwortungsethik, bei der die möglichen Folgen in die Überlegungen mit einbezogen werden. 4
Aus der Verankerung der Wahrheitspflicht in der journalistischen Ethik zeigt sich aber auch schon eine der Hauptschwierigkeiten, da auch journalistische Ethik, wie jede Moral und Ethik, eine starke normative Komponente hat. So sollte die Erfüllung der festgelegten moralischen Prinzipien zwar das Ziel allen Handelns zumindest der
gesinnungsethischen Journalisten sein, in der Realität ist es damit aber oft nicht weit her. 5
Niklas Luhmann beschreibt die Bedeutung der Wahrheit im Journalismus gleich zu Anfang seines Buches, indem er den Massenmedien gleich im ersten Satz des Textes einen extrem starken Einfluss auf die Gesellschaft zuschreibt: „Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir
4 vgl. Pürer: Publizistik- und Kommunikationswissenschaft. Seite 143-145.
5 vgl. Pürer: Publizistik- und Kommunikationswissenschaft. Seite 144.
4
leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien.“ 6 Das, was das Publikum über die Massenmedien wahrnimmt, droht also die direkten, persönlichen Erfahrungen der Menschen zu verdrängen. Die in den Medien abgebildete Realität wird zunehmend als Tatsache hingenommen. Wenn die Zuschauer dieses Bild der Realität für wahr halten, obwohl es das nicht ist, kommt es zur Wahrnehmung einer verzerrten oder unvollständigen Realität beim Publikum. 7 Luhmann hat wenig Vertrauen in die Wahrhaftigkeit der
Medienberichterstattung. Als Mitglied unserer Gesellschaft wisse man so viel über die Massenmedien, dass man ihnen nicht trauen könne. „Wir wehren uns mit einem Manipulationsverdacht, der aber nicht zu nennenswerten Konsequenzen führt […] Man wird alles Wissen mit dem Vorzeichen des Bezweifelbaren versehen - und trotzdem darauf aufbauen, daran anschließen müssen.“ 8
Man sieht also, dass die Begriffe Wahrheit/Unwahrheit eng mit dem Begriff der Realität verwoben sind und eigentlich nicht unabhängig von einander betrachtet werden können. Deshalb wird sich diese Arbeit auch zu großen Teilen mit Luhmanns Ansichten zur tatsächlichen und massenmedial verbreiteten Realität sowie ihrer Entstehung im System der Massenmedien beschäftigen. Eine Rolle spielt hierbei auch die Selektion berichtenswerter Ereignisse und die damit verbundene Nachrichtenwert-Theorie, da unstrittig ist, dass es den Massenmedien nicht möglich ist, die Realität eins zu eins abzubilden. Luhmanns eigentliche Systemtheorie, mit der er bekannt wurde, kann nur im notwendigen Rahmen gestreift werden und kann in dieser Arbeit nicht abschließend und ausführlich erörtert werden.
6 Luhmann, Niklas: Die Realität der Massenmedien. 3. Auflage. Wiesbaden: VS Verlag.
2004. Seite 9.
7 vgl. Pürer: Publizistik- und Kommunikationswissenschaft. Seite 83.
8 Luhmann: Realität der Massenmedien. Seite 9-10.
5
Arbeit zitieren:
Philipp Vetter, 2005, Wahrheit / Unwahrheit und Journalismus in Niklas Luhmanns 'Die Realität der Massenmedien', München, GRIN Verlag GmbH
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