Gliederung:
1. Einleitung
2. Leistung und Politik als theoretische Konstrukte
2.1. Grundstruktur der Motivationskrise nach Habermas
2.2. Gesellschaft und Führung nach Offe
3. Leistung und Politik in einer empirische Untersuchung
3.1. Leistungsorientierung und Besitzindividualismus in der heutigen Jugendgeneration
3.2 Entpolitisierung als Problem der aktuellen Jugend
4. Schlussbemerkungen
5. Literatur
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1. Einleitung
Die heutige Jugendgeneration steht mehr im Fokus der Öffentlichkeit denn je. Ob Parteien, Wirtschaft, Medien oder die Gesellschaft an sich - jeder möchte der Jugend gefallen, möchte sie zu seinem Partner machen und stellt sich als ihr Anwalt dar. Auch die Wissenschaft hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Jugend zu erforschen, zu analysieren und wenn möglich sogar zu kategorisieren.
Ziel dieser Arbeit soll es sein, zu untersuchen, wie es um das Verhältnis zwischen Entpolitisierung und Leistungsorientierung in der aktuellen Jugendgeneration steht. Ist die Jugend wirklich so unpolitisch und leistungsträge, wie es ihr immer nachgesagt wird oder drücken sich gesellschaftliches Engagement und Leistungsbereitschaft einfach anders aus, als es die wissenschaftliche Kategorisierung zulässt? Mit der von Jürgen Habermas benannten Motivationskrise und dem von Claus Offe beschriebenen Gesellschaftsbild der Führungsgruppe soll versucht werden, sowohl die empirisch feststellbaren Leistungsorientierungs-, als auch die Entpolitisierungstendenzen der Jugendgeneration zu erklären.
2. Leistung und Politik als theoretische Konstrukte
2.1. Grundstruktur der Motivationskrise nach Habermas
Die Motivationskrise sieht Habermas als eine Krise an, die durch Veränderungen im soziokulturellen Bereich entsteht. Sie stellt sich als eine Synthese zweier Ansätze dar. Zum einen den systemtheoretischen Ansatz, der die Motivationskrise als Problem der Steuerung ansieht, in dem das System selbst nicht genug Möglichkeiten zur Lösung zulässt. Und zum anderen den geschichtswissenschaftlichen Ansatz, der die Ursache der Krise darin sieht, dass sich die Nachgeborenen einer Gesellschaft in der Überlieferung nicht wiedererkennen und es so zu einer Identitätskrise kommt. Das soziokulturelle System als solches schafft dabei einen wichtigen Beitrag - die privatistischen Motivationsmuster.
Habermas unterscheidet zwischen staatsbürgerlichem und familial-beruflichem Privatismus.
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Während der staatsbürgerliche Privatismus ein „Interesse an den Steuerungs- und Versorgungsleistungen des administrativen Systems bei geringer, aber den institutionell vorgesehenen Chancen angemessener Beteiligung am legitimatorischen Prozeß" 1 und damit die Grundlage für eine entpolitisierte Öffentlichkeit liefert, stellt der familial-berufliche Privatismus die Familien- und Karriereorientierung in den Vordergrund. Das Handeln des Individuums wird also von zwei komplementären Richtungen bestimmt. Auf der einen Seite verlangt es ein stabiles soziales System, ohne jedoch daran in ausreichendem Maße aktiv partizipieren zu wollen und zum anderen strebt es nach individueller Nutzenmaximierung durch Verfolgung der eigenen Interessen. Habermas sieht darin den grundsätzlichen Dissens, warum Leistungsorientierung und Entpolitisierung zwei gegensätzliche Dimensionen ein und desselben Kontinuums darstellen. Durch Veränderungen des soziokulturellen und -ökonomischen Systems kommt es zur Motivationskrise. Dies liegt zum einen an einer Erosion der Überlieferungen und zum anderen an der Unfähigkeit zur Reproduktion derselben durch bürgerliche Ideologien und die bürgerliche Kultur.
Die Erosion der Überlieferungen ist darin begründet, weil sich bürgerliche Ideologien nicht vollständig in bürgerlichen Gesellschaften abbilden lassen. Würden die bürgerlichen Ideologien vollständig wirken, käme es nicht zu entpolitisierenden Tendenzen, weil jedes Individuum an die Normen des bürgerlichen Formalrechts gebunden wäre, so dass es immer einer ausreichenden Partizipation am politisch-administrativen System genügen würde. Da jedoch der staatsbürgerliche Privatismus nach Habermas nicht die bürgerlichen Ideologien, sondern einen Motivationsbeitrag des soziokulturellen Systems darstellt, entsteht hier ein Gefahrenpotenzial, was den Weg zur Motivationskrise ebnet. Einzig und allein eine Mischung aus bürgerlichem Formalrecht und traditioneller Staatsethik kann hier Stabilität bringen. Der Preis für die Stabilität ist jedoch eine politische Kultur, die aktives Regieren, aber auch passives regiert werden wollen voraussetzt. Leider hat unsere Gesellschaft in der Moderne viel zu oft erfahren, dass das autoritäre Muster von Regierung und Untertan zu Diktatur und Unterdrückung führen kann. Der familial-berufliche Privatismus dagegen ist geprägt von bürgerlichen Wertvorstellungen wie Besitzindividualismus und Leistungsorientierung und hat seine Wurzeln in religiösen Überlieferungen. Die von Max Weber proklamierte protestantische Arbeitsethik stellt Selbstdisziplin und die Pflicht zur Arbeit, die nicht in Frage gestellt werden darf, in den Fokus der bürgerlichen Werte. So muss Arbeit „als gottgewollter
1 Habermas 1973, S. 106
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Lebenszweck betrachtet werden, sie muss so gut wie möglich verrichtet werden und Arbeit muss als Pflicht gelten, die man erledigt, weil sie erledigt werden muss“. 2 Zu den bürgerlichen Wertvorstellungen gehört weiterhin eine Bildung, die sich aus einer Komposition von Familienstruktur und Erziehungstechnik ableitet. Die Bildung beinhaltet nicht nur die reine Vermittlung von Wissen, sondern auch die Vermittlung von Wert- und Normenvorstellungen, die sich in moralischen Instanzen, wie dem Über-Ich oder dem Gewissen manifestieren.
Das Grundproblem hierbei besteht jedoch darin, dass es nicht eine allgemein gültige bürgerliche Bildung gibt, sondern der Stand der Bildung von der sozialen Herkunft abhängt. Dies haben vor allem die Ergebnisse der PISA - Studie aus dem Jahr 2000, bei der die Lesekompetenz im Fokus stand, eindeutig bewiesen. Dort zeigte sich bei der Analyse des deutschen Datensatzes ein linearer, aber nicht deterministischer Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und der Lesekompetenz von 15-jährigen Schülern. Die soziale Herkunft ist demnach für ein überdurchschnittlich hohes Maß an Ungleichheit in der Lesekompetenz verantwortlich, was im internationalen Vergleich ein eher unterdurchschnittliches Kompetenzniveau widerspiegelt. 3
Da also weder die bürgerliche Bildung, noch die bürgerliche Kultur, auf die jedoch nicht weiter eingegangen werden soll, einen ausreichenden Motivationsbeitrag leisten können, ist eine stetige Reproduktion der Überlieferungen nicht mehr gewährleistet.
2.2. Gesellschaft und Führung nach Offe
Claus Offe, ein Mitarbeiter von Habermas und damit ebenso Vertreter der Frankfurter Schule hat 1970 mit seiner Dissertation zum Thema „Leistungsprinzip und industrielle Arbeit" einen wichtigen Beitrag geliefert, der schon damals die sozialen Brennpunkte benannte, die im Reibungsfeld von industrieller und sozio-kultureller Gesellschaft entstehen und an denen unser Land, wie wohl viele andere industrielle Nationen auch, immer noch krankt.
Schon Ende der sechziger Jahre wurde der zunehmende Einfluss der Demographie auf die Entwicklung der Gesellschaft analysiert. Auch Offe sah ein großes Problem auf die Gesellschaft zukommen: zum einen die immer länger andauernden Ausbildungsphasen, die durch eine breitere, dem technologischen Fortschritt angepasste Vielseitigkeit des Wissens notwendig geworden sind und zum anderen die verlängerte Lebenserwartung,
2 Himanen 2001, S. 27
3 Baumert/Schümer 2001, S. 386f.
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Arbeit zitieren:
Dipl.-Vw. Thomas Fuß, 2005, Leistung oder Politik? Zum Verhältnis von Leistungsorientierung und Entpolitisierung in der aktuellen Jugendgeneration, München, GRIN Verlag GmbH
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