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Es zeigt sich hier die Problematik, dass Jugendgewalt eine große Rolle im Leben dieser Jugendlichen im Bezirk Neukölln von Berlin spielt, die mit Respektlosigkeit, Aggressivität und Ignoranz einhergeht
Die Frage, die daher nachzugehen ist, besteht darin, wie diese Jugendgewalt in diesem Bezirk zu erklären ist und inwiefern diese Erklärungsansätze dabei helfen, die Jugendgewalt in diesen Bezirken zu reduzieren. Sozialstrukurelle Erklärungsansätze (vgl. F. Dubet, 2002) François Dubet beschreibt in seinem Kapitel „Jugendgewalt und Stadt“, dass Gewalt vielfältig, perspektivenabhängig, aber trotzdem stets moralisch verurteilt wird und immer ein Bruch einer sozialen Ordnung darstellt, worauf er unterschiedliche Sichtweisen auf das Thema Jugendgewalt zunächst vorstellt, wobei die folgenden dabei sehr interessant sind:
1. Gewalt steht im Zentrum der menschlichen Natur. Die Begierden, die der Mensch nicht selbst beschränken kann, sind daher von der Gesellschaft zu kontrollieren, um ihn zu sozialisieren, in eine Gesellschaft zu integrieren. Das Mittel der Sozialisation ist in diesem Zusammenhang die Erziehung des Menschen nach den moralischen Normen und Werten einer Gesellschaft. Gewalt entsteht daher, wenn Individuen Sozialisation nicht erfahren, wenn sie daher nicht gesellschaftlich integriert sind,. Dubet beruft sich dabei auf Shaw/Mc Kay (1940) und Graham/Gurr (1979). (vgl. Dubet, S. 1172 ff) 2. Schließlich führt Dubet eine gerechte Gewalt an, insofern sie eine „Antwort auf erlittene Gewalt“ darstellt, eine Antwort auf Unterdrückung, Verleugnung und Missachtung eines Konflikts der Stigmatisierten in einer Gesellschaft und bezieht sich dabei u.a. auf Moore (1978). (vgl. Dubet, S. 1175 ff)
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Es zeigt sich also, dass Gewalt im Spannungsfeld zwischen Integration und Sozialisation steht, vor allem dann entsteht, wenn Menschen eben nicht sozialisiert, nicht integriert wird, wenn unterdrückt und ausgeschlossen wird.
Dubet führt daraufhin Dubet fort, indem er versucht, diese Theorien mit dem Leben der Jugendlichen in französischen Vorstädten im Zusammenhang zu betrachten. Traditionelle Gesellschaften waren bisher in der Lage, Abweichungen im Jugendalter zu tolerieren und Orte und Momente zu schaffen, „wo eben (…) Normen unbeschwert überschritten werden konnten.“ (vgl. Dubet, S. 1177) Diese Abweichungen, setzten „ein kulturelles und soziales Einvernehmen, dichte soziale Netze und mehrere, abgestufte Interventionsmögichkeiten“ (vgl. Dubet, S. 1178) voraus. Diese informelle soziale Kontrolle, die zur Reduzierung von nicht mehr zu tolerierender Gewalt beitragen kann, und daher Normen und Grenzen aufzeigt, daher Sozialisation anbietet, fehlt heute, sagt Dubet und bezeichnet die Auflösung dieser sozialen Netze nach Shaw/McKay (1940) als „soziale Desorganisation“. (vgl. Dubet, S. 1178)
Die Gesellschaft reagiert heute stattdessen auf Jugendgewalt in der Form von Sozialarbeitern, Hausarbeitern und Polizisten übermäßig streng. Vorstadtsiedlungen führen zu Massenkulturen, in denen Zuständigkeiten und Interventionen gegen Normüberschreitungen nicht mehr klar sind. Die Gemeinschaft kontrolliert ihre Jugendlichen nicht mehr, gibt keine Normen vor, bietet keine Möglichkeiten der Sozialisation. Es fühlt sich in der Stadt niemand mehr zuständig, wenn Grenzen überschritten werden. (vgl. Dubet, S. 1178)
Gewalt entsteht vor allem durch die Verweigerung, sich beherrschen und sozial ausgrenzen zu lassen. Ausgrenzung führt schließlich zu Wut und Aufständen, ihre Auslöser liegen in Vorfällen mit der Polizei, und sie führt zu Zerstörung des Viertels, in dem die Jugendlichen leben. Die Gewalt in der Vorstadt durch Jugendliche ist aber keine Revolte im klassischen Sinne, sondern lediglich „Zorn ohne Objekt, ohne Prinzip und ohne Ziel.“ (vgl. Dubet, S. 1180)
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Dubet versucht daraufhin ein Griff in die Geschichte: Im 19. Jahrhundert kam es zu Aufständen unter Arbeitern in Frankreich, mit den Dubet die Jugendgewalt von heute in französischen Vorstädten vergleicht, die ihre Wut in „kollektive, organisierte Aktionsformen“ (vgl. Dubet, S. 1180), d.h. in kooperativen Revolten, hervorbrachte. Dagegen existieren heute in den Gewalthandlungen unter den Jugendlichen kein Klassenbewusstsein, keine Solidarität und keine Organisation mehr. Die Wut der Jugendlichen ist deshalb heute ziel- und planlos.
Die Gemeinsamkeit der Gewalt der Jugendlichen und der Arbeiter im 19. Jahrhundert ist daher zwar über das Gefühl der Wut über Ausgeschlossenheit zu erklären. Der größte Unterschied in diesem Vergleich liegt wohl aber darin, dass die Arbeiter ihre Ausgrenzung durch Ausbeutung befürchteten, aber eigentlich sich selbst als „wesentliche Mitglieder der Gesellschaft wahrnahmen“ (vgl. Dubet, S. 1180), während die Jugendlichen der Vorstädte sich bereits als ausgeschlossen betrachten. Dubet meint: „Sie weisen sich keinen Platz in der Gesellschaft zu.“ (vgl. Dubet, S. 1180). Zwangsläufig begreifen sich daher delinquente Jugendliche eher als Teil einer zu zu beobachteten Subkultur im 21. Jahrhundert. Dubet betont: „Die Subkultur der jugendlichen Vorstadtbewohner ist nicht exotisch, marginal oder traditionell, sie entsteht in Form der Anpassung an die Zwänge der relativen Armut und des wirtschaftlichen Ausschlusses.“ (vgl. Dubet, S. 1181). Er erklärt damit Gewalt als Teil dieser Subkultur, die ihren Widerstand gegen die Gesellschaft ausdrückt. Kulturelle Identität, d.h. Normen und Werte der Migranten werden nicht anerkannt, verwandeln sich in stolzes Bewusstsein, in Subkulturen. Gewalt stellt daher eine Antwort auf Rassismus, Armut und fehlender Integration dar. Pädagogische Programme, z.B. Freizeitzentren, verstärken die Ausgrenzung, da sie keinen Beitrag zu Integration leisten, z.B. keine Arbeitsplätze schaffen.
Dies lässt die daraus resultierende Jugendgewalt zum Thema der Sozialpolitik werden, wirft Fragen an die Integrationspoltik auf.
Arbeit zitieren:
Udo Lihs, 2006, Der Fall 'Rütli Schule' - Sozialstrukturelle Erklärungsansätze für die Entstehung von Jugendgewalt, München, GRIN Verlag GmbH
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