Universität Konstanz, Geisteswissenschaftliche Sektion
Proseminar: Der ‚Tristan’ Gottfrieds von Straßburg
Wintersemester 2005/2006, 3. Fachsemester
Tristanstoff vs. Artusstoff
von: Sebastian Runkel
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die verschiedenen Interpretationen
2.1. Die Konkurrenzbeziehung der Stoffe
2.1.1. Joan M. Ferrante
2.1.2. William C. McDonald
2.1.3. Eckhard Höfner
3. Die Minnekonzeption im jeweiligen Stoff
3.1. Die Minnekonzeption im Artusstoff
3.2. Die Minnekonzeption im Tristanstoff
4. Die Transformation des unhöfischen Bereiches
5. Der Cligès – ein Anti-Tristan?
6. Schluss
7. Bibliographie
1. Einleitung
In dieser Hausarbeit geht es vornehmlich um die Frage, in welchem Verhältnis der Tristan- und der Artusstoff zueinander stehen. Sind es gegensätzliche, miteinander konkurrierende oder miteinander zu vereinbarende, nebeneinander stehende Stoffe? Wenn ich vom Tristanstoff gesprochen habe, dann meine ich diesen in der Verarbeitung durch Gottfried von Straßburg, teilweise auch durch Thomas. Das gilt gleichermaßen für den Artusstoff, da ich hier hauptsächlich auf Chrétien de Troyes referieren möchte. Er ist der berühmteste Autor, der dem Tristanstoff sehr kritisch gegenüberstand. Dass es ein Verhältnis der Konkurrenz zwischen den beiden Stoffen gibt, ist unumstritten1. Jedoch gehen die Meinungen in der Forschung spätestens bei der Frage auseinander, wie ausgeprägt diese Konkurrenzrelation ist und auf welcher Ebene sie sich abspielt2. Um eine Lösung für dieses Problem zu finden, möchte ich zunächst die verschiedenen Standpunkte der Forschung darstellen. Danach sollen zwei für unsere Fragestellung wichtige Punkte behandelt werden. Es handelt sich hierbei um die Minnekonzeption im jeweiligen Stoff und ferner um den Raum der Unhöfischkeit, der im Artusroman durch den Bereich des Waldes ausgefüllt wird. Was bei Gottfried dieser Raum des Unhöfischen ist, werde ich später erläutern.
Schließlich möchte ich mich noch mit dem Cligès beschäftigen. Dieser Roman von Chrétien de Troyes wird in der Forschung häufig als sogenannter „Anti-Tristan“ bezeichnet3, da der Autor hier den Tristanstoff kritisiert. Dies tut er, indem er sich inhaltlich an der Tristan- Thematik orientiert und verschiedene Strukturelemente übernimmt. Doch er verarbeitet diese Elemente so, dass ein Gegenbild zum Tristan entworfen wird, welches den richtigen Umgang mit der Liebe aufzeigen soll. Diese Sichtweise wird noch zu prüfen sein. Um die Unterschiede, beziehungsweise die Gegensätze der beiden Stoffe erklären zu können, kommt man nicht umhin, die höfische Gesellschaft, das Leben am Hof – auch hier gibt es Unterschiede zwischen dem Hof von König Artus und dem Hof von Marke – und auch die damals allgemein verbreitete Minne-Ehe-Rittertum-Vorstellung zu beleuchten4. Daher werde ich an den Stellen, wo es mir nötig erscheint, auf diese Punkte eingehen. Um ein vollständiges Bild zu zeichnen, müsste die Stoffgeschichte miteinbezogen werden. Aufgrund des Rahmens dieser Arbeit werde ich aber darauf verzichten. Wie oben bereits erwähnt, beschäftige ich mich vorrangig mit den Autoren Gottfried von Straßburg und Chrétien de Troyes. Das muss für das Konzept und die Argumentationsstruktur im Hinterkopf behalten werden.
2. Die verschiedenen Interpretationen
Da in der Forschung kein Konsens über die Frage des Verhältnisses von Tristan- und Artusstoff besteht, möchte ich nun kurz auf die verschiedenen Positionen und Argumente einiger Forscher eingehen und versuchen, diese einer Kritik zu unterziehen. Zunächst möchte ich kurz erläutern, welche Argumente für die Konkurrenzrelation vorzubringen sind und daran anknüpfend, die verschiedenen Sichtweisen dieser Relation darstellen.
2.1. Die Konkurrenzbeziehung der Stoffe:
Zunächst wenden wir uns dem Erec zu. Hier findet man zum ersten Mal bei Chrétien de Troyes eine Anspielung auf den Tristanstoff. Deutlichstes Beispiel ist wohl die Bemerkung anlässlich der Hochzeitsnacht Enides: „Bei dieser ersten Vereinigung wurde Enide nicht geraubt und keine Brangäne an ihre Stelle gebracht“5. Chrétien setzt an dieser Stelle der Liebe von Isolde und Tristan – welche zwangsläufig zum Ehebruch führen muss6 - eine Liebe entgegen, die teleologisch in die Ehe überführbar ist. Somit wird hier der Tristan als Gegensatz zur höfischen Welt empfunden, speziell die Minnekonzeption. Allerdings ist dieser Gegensatz im Erec noch relativ unterentwickelt7, eher kommentierend8.
Im Cligès tritt die Konkurrenz der beiden Stoffe dann deutlich zutage, weshalb dieser Roman auch häufig als Anti-Tristan bezeichnet wird. Anders als im Erec sind es hier nicht einzelne Textstellen, die negative Anspielungen auf den Tristanstoff enthalten, sondern der Roman orientiert sich inhaltlich an diesem und übernimmt sogar ganze Strukturelemente9. Jedoch werden gerade die Punkte, die im Tristan der höfischen Welt entgegenstehen, so verarbeitet, dass sie scheinbar in das Bild der klassischen, intakten höfischen Welt integrierbar sind. Hierauf soll aber später noch genauer eingegangen werden.
2.1.1. Joan M. Ferrante
[...]
1 Vgl. Huber, Christoph: Gottfried von Straßburg – Tristan, Berlin 2000, S. 15.
2 Vgl. Höfner, Eckhard: Zum Verhältnis von von Tristan- und Artusstoff im 12, Jahrhundert, in: Zeitschrift für französische Sprache und Literatur 92 (1982), S. 289f.
3 Ebd. S. 308f.
4 Vgl. McDonald, William C.: Arthur and Tristan – On the intersection of Legends in German Medieval Literature, New York 1991, S. 16.
5 V. 2076f., zit. Nach: Mertens, Volker: Der deutsche Artusroman, Stuttgart 1998, S. 44.
6 Vgl. Höfner: Tristan- und Artusstoff, S. 289 u. Johnson, Peter L.: Gottfried von Straßburg: Tristan, in: Interpretationen – Mittelhochdeutsche Romane und Heldenepen, Stuttgart 1993, S. 240f.
7 Weber, Hubert: Chrestien und die Tristandichtung, Frankfurt 1976, S. 18.
8 Mertens: Artusroman, S. 44.
9 Ebd. S. 45.
Arbeit zitieren:
Sebastian Runkel, 2006, Tristanstoff vs. Artusstoff, München, GRIN Verlag GmbH
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