Inhalt
1 Einleitung - Zum Begriff des Systems
2 Systeme in Kafkas Werk
2.1 Parallele Systeme
2.2 Die Rationalisierung des Selbst
2.3 Der Individuum und das Kollektiv
3 Das Bürokratische System
3.1 Der automatische Apparat
3.2 Der unsichtbare Apparat
4 Das Subjekt als Fehler im System
5 Schlussbetrachtung
6 Literaturverzeichnis
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Diese Arbeit beschäftigt sich mit Systemen in Kafkas Werk. Zunächst sollen einige Bezugspunkte Kafkascher Systeme herausgestellt werden, die eine Art Matrix ergeben, anhand derer man weitere Untersuchungen anstellen kann. Oft stellen sich Kafkas Systeme als automatisch ablaufende Netzwerke von Operationen heraus, die meist in ihrer Ausprägung als Bürokratie beschrieben werden. Diese Darstellungen sollen vor dem Hintergrund gesellschaftstheoretischer Ansätze wie Michel Foucaults Panoptismus oder Norbert Elias’ Über den Prozeß der Zivilisation. Zuletzt soll der Aspekt der Systemstörung untersucht werden: Wo bekommt die Ordnung Risse, durch die das Chaos hereinbrechen kann? Welche Rolle spielt das Subjekt dabei? Hier dient vor allem Horkheimer/Adornos Dialektik der Aufklärung als Vergleichsfolie.
1 Einleitung: Zum Begriff des Systems
Der Begriff des Systems wird in den Geisteswissenschaften, vor allem in der Soziologie, stets in Verbindung mit Niklas Luhmanns System-theorie gebracht. Luhmanns Theorie stützte sich ursprünglich auf sys-temtheoretische Untersuchungen im Bereich der Naturwissenschaften und wandte sie auf soziale Systeme an. Dank ähnlicher Übertragung auf andere Bereiche (z.B. der Wirtschaftswissenschaften) versteht man heute unter Systemtheorie die interdisziplinäre Erforschung der strukturellen und funktionalen Eigenschaften sowohl natürlicher, sozialer als auch technischer Systeme.
Der im Folgenden benutzte Begriff des Systems soll sich weniger auf diese Systemtheorie beziehen, sondern meint in einem viel grundlegenderen Sinne lediglich eine Ordnung, nach der etwas organisiert wird.
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Freilich wird die Untersuchung von Systemen und Systemstörungen in Kafkas Werk mitunter Bereiche streifen, die auch Untersuchungsge-genstand der Systemtheorie sind, so etwa das Phänomen der Selbstorganisation von Systemen. Jedoch soll hier nicht der Versuch unternommen werden, diese Phänomene strukturell zu analysieren. Eine Erforschung von Kafkas Arbeiten vor dem Hintergrund der System-theorie wäre sicher interessant, soll aber nicht Thema dieser Hausarbeit sein. So steht System hier als Synonym für Ordnung im Gegensatz zum Begriff der Unordnung.
2 Systeme in Kafkas Werk
Bei der Untersuchung von Systemen in Kafkas Werk geht es zunächst darum, einige Merkmale Kafkascher Systeme herauszuarbeiten, um sie danach miteinander in Verbindung zu bringen.
2.1 Parallele Systeme
In der Strafkolonie lassen sich zwei unterschiedliche Systeme beobachten, die sich speziell in den Merkmalen unterscheiden, welche die Gerichtsbarkeit betreffen. Auf der einen Seite gibt es die alte Ordnung, die vom verstorbenen Kommandanten sowie vom Offizier verkörpert wird, der dem Reisenden die Maschine vorführen will. Diese Ordnung repräsentiert die koloniale Rechtsprechung, einer eigentümlichen Mischung von feudalen Merkmalen wie Folter, Ausbeutung und Ungerechtigkeit mit dem modernen Streben nach Systematik. Die in der Erzählung beschriebene Maschine stellt sich als Ergebnis einer rationalen Leistung dar, dazu gedacht, die von Willkür und Irrationalität geprägte alte Ordnung zu perfektionieren und berechenbarer zu machen. Die Maschine soll Gerechtigkeit produzieren, und nicht nur das:
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Sie soll obendrein sogar für „Verklärung“ 1 , also „Erlösung“ 2 von den irdischen Qualen sorgen, und in der Tat gibt uns der Erzähler keinen Hinweis darauf, dass die Maschine ihre Arbeit bislang nicht erfüllen konnte. Dabei ist den Befürwortern der alten Ordnung durchaus bewusst, „daß unser Verfahren nach altem Brauch ein unmenschliches ist.“ 3 Doch unmenschlich ist in diesem Sinne nicht gleichbedeutend mit ungerecht, denn der Begriff der Menschenrechte ist ein Produkt der Aufklärung.
Demgegenüber steht das neue System, das sowohl vom neuen Kom-mandanten als auch vom Reisenden dargestellt wird. Diese Ordnung basiert auf humanistischem Gedankengut, auf den Prinzipien einer aufgeklärten, zivilisierten Gesellschaft. Kafka beschreibt jedoch nicht, wie das alte System aufgrund seiner moralischen Defizite dem neuen unterliegt und deshalb abgelöst wird. Vielmehr nimmt er das Verhältnis der Maschine zu ihren Erbauern und Betreibern in Augenschein. Das Paradoxon, das entsteht, als die Maschine die Ordnung richten soll, aus der sie selbst entstanden ist, kann sie nur durch ihre eigene Zerstörung lösen.
Wenngleich wir davon ausgehen können, dass das alte System In der Strafkolonie spätestens mit dem Tod des Offiziers und der Destruktion der Maschine vom neuen System abgelöst wird, so verwundert es doch, dass der neue Kommandant die alte Ordnung nicht schon längst vor der Ankunft des Reisenden außer Kraft gesetzt hat. Alte und neue Ordnung scheinen also eine ganze Weile nebeneinander existiert zu haben, zudem deutet das Ende der Erzählung an, dass die alte Ordnung
immer noch als eine Art böser Traum, als „Prophezeiung“ 4 über der Strafkolonie schwebt und womöglich irgendwann zurückkehren wird. Solche parallelen Systeme, die auf eigentümliche Weise miteinander verzahnt sind, finden sich in einer Reihe von Kafkas Arbeiten, beispielsweise in Der Proceß. Hier existiert neben der Ordnung von Josef K.’s Büro die Ordnung des Gerichts, das dem Protagonisten den Prozess macht. Beide sind sowohl eingebettet in eine noch größere Ordnung als auch miteinander verbunden. Doch ist ihre Beziehung zuein-ander nicht statisch: Langsam scheint die Welt des Gerichts Eingang in Kafkas geordnete Bürowelt zu finden, wie etwa die Prüglerszene in der Besenkammer des Büros verdeutlicht. Demgegenüber kann man in Das Schloß zwei Systeme beobachten, deren Verhältnis zueinander nur schwerlich zu beurteilen ist: Sind Schloss und Dorf zwei getrennte Systeme? Ist das eine System Teilmenge des anderen? Gibt es gar nur ein System, das lediglich zwei Namen besitzt?
2.2 Die Rationalisierung des Selbst
Dass es sich bei der Erzählung Der Bau um die Beschreibung eines Systems handelt, ist offensichtlich: Der Erzähler, ein kleines bis mittelgroßes Raubtier (das anhand Kafkas Beschreibung nicht näher zu bestimmen ist), schildert seinen Bau als eine Konstruktion von Gängen und Plätzen, also einem System. Dieses scheint in erster Linie der Lebenssicherung zu dienen, denn der Erzähler ergeht sich in langen Ausführungen über die etlichen Sicherheitsvorkehrungen, die er mit seinem Bau getroffen hat. Dabei wird klar, dass der Bau eine Metapher für das Selbst des Erzählers ist.
Bei seinem Bau handelt es sich um ein aus sich um ein aus sich selbst hervorgebrachtes, analytisches System, das den Gesetzen der Logik folgt und nach diesen konstruiert ist. Das Wesen hatte keinen Bau vorgefunden, es mußte ihn sich nach den ihm innewohnenden Plänen gestalten. Es brauchte keine Anleitung und keine weitere Führung. Deshalb kann man sagen, daß der Bau die äußere Erscheinung der inneren Bewegung seines Erbauers ist. 5
Da es sich um eine von Kafkas Tierfabeln handelt, kann man wohl allgemeiner formulieren, dass der Bau eine Metapher nicht nur für das Innenleben des Erzählers, also des Raubtieres, sondern für das Innenleben des Menschen, das Konstrukt des menschlichen Bewusstseins darstellt. Dieses ist per Definition ein rein rationales: Die Naturanlage des systematischen Denkens, der Vernunft, verlangt nach ihrer Realisierung in Form von […] fortschreitender Unabhängigkeit von der Natur. Gleichzeitig kommt in diesem System die Natur dann nur noch als Terrain für Jagd vor, als Baustoff, als Nahrungsquelle und als überwältigte Materie, die keine Geheimnisse mehr bergen darf. 6 Der Rationalisierungsprozess, den der Mensch mit der Errichtung seines Bewusstseins vollzieht, bedeutet die Vermeidung alles Irrationalen. Aus diesem Grunde ist der Erzähler bestrebt, alle Unwägbarkeiten in seinem Bau auszuschließen. Obwohl er sich bewusst ist, dass eine völlige Abschottung seines Baus nicht möglich ist, versucht er, den Kontakt zur Außenwelt nach Möglichkeit zu unterbinden. Kommunikation findet daher nicht statt. Die Isolation, die sich daraus ergibt,
Arbeit zitieren:
Thorsten Felden, 2005, Das Gespenst in der Maschine - Systemstörungen im Werk Franz Kafkas, München, GRIN Verlag GmbH
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Thorsten Felden hat den Text Das Gespenst in der Maschine - Systemstörungen im Werk Franz Kafkas veröffentlicht
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Caspar Battegay, Felix Christen, Wolfram Groddeck
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