Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung. 4
II. Religionsgeschichtliche Rezeptionsbedingungen des Willehalm. 4
1. Wolframs von Eschenbach Willehalm - zur Entstehung des Werks. 5
2. Das höfische Publikum 5
3. Das Quellenproblem des Willehalm. 6
3.1. Die Quellen des Willehalm 6
3.2. Implikationen für die Interpretation. 6
III. Die Schlacht um Orange 7
1. Die Darstellung im Willehalm 7
2. Guillaume von Orange und das christliche Geschichtsbild 8
3. Das islamische Geschichtsbild. 8
3.1. Die beginnende Reconquista (die Zeit Willehalms) 9
3.2. Die Kreuzzüge (die Zeit Wolframs) 9
4. Zusammenfassung. 10
IV. Sicht des Islams im Willehalm: Staat, Religion und Lebensweise 10
1. Ausbreitungsgebiet, Staat und Verfassung 10
1.1. Das muslimische „Reich“ und seine ethnische Zusammensetzung 10
1.1.1. Die Darstellung im Willehalm. 10
1.1.2. Bezug zum zeitgenössischen christlichen Geschichtsbild 11
1.1.3. Die Ausbreitung des Islams im Hochmittelalter 11
1.2. Regierungsform, Organisation und Verfassung des muslimischen Reiches. 11
1.2.1. Die Darstellung im Willehalm. 11
1.2.2. Bezug zum zeitgenössischen christlichen Geschichtsbild 12
1.2.3. Der muslimische Staat im Mittelalter 13
2. Lebensstandard und Wissenschaft 13
2.1. Wohlstand und Lebensweise. 13
2.1.1. Die Darstellung im Willehalm. 13
2.2.2. Bezug zum Urteil der christlichen Zeitgenossen Wolframs 14
2.2.3. Muslimischer Wohlstand 14
2.2. Wissenschaft 14
3. Religion, Kultus und Ethik des Islams. 15
3.1. Die islamischen Götter und ihre Macht 15
3.1.1. Die Darstellung im Willehalm. 15
1
3.1.2. Bezug zum Urteil der christlichen Zeitgenossen Wolframs 16
3.1.3. Islamische theologische Entwürfe der Zeit. 17
3.2. Der Koran. 17
3.3. Frömmigkeit und Kultus im Islam 17
3.3.1. Die Darstellung im Willehalm. 17
3.3.2. Bezug zum Urteil der christlichen Zeitgenossen Wolframs 18
3.3.3. Frömmigkeit und Kultus im Islam 19
3.4. Ethos und Forderungen der islamischen Religion 19
3.4.1. Die Darstellung im Willehalm. 19
3.4.1.1. Treue zu Religion und Volk - Rache 19
3.4.1.2. Sippe 20
3.4.1.3. Minne 20
3.4.1.4. Rittertugend und Verhalten im Krieg. 21
3.4.1.5. Zusammenfassung. 22
3.4.2. Bezug zum Urteil der christlichen Zeitgenossen Wolframs 22
3.4.3. Bezug zur islamischen Wirklichkeit 23
4. Zusammenfassung: Die Islam-Kenntnisse im Willehalm und im westlichen Europa des
Hochmittelalters 23
4.1. Die Genauigkeit der Kenntnisse 23
4.2. Die Herkunft der Kenntnisse 23
V. Das Verhältnis von Christen und Heiden im Willehalm 24
1. Wertungen der Muslime. 24
1.1. Hindernisse, die einer Annäherung entgegenstehen 24
1.2. Momente der Annäherung 25
1.2.1. Wertungen und Erzählweise 25
1.2.2. Ethische Disqualifizierung der Kampfhandlungen 25
1.3. Zeitbezug und Zusammenfassung. 26
2. Die Grundlage für Momente der Annäherung 27
2.1. Minne und Rittertugend 27
2.2. Sippe 28
2.3. Das Religiongsgespräch. 28
2.3.1. Zeitgenössische Religionsgespräche am Beispiel der Kaiserchronik. 29
2.3.2. Das Religionsgespräch zwischen Gyburg und Terramer. 30
2.3.3. Vergleich und Zusammenfassung. 30
2.4. Klage und Glaubensgewißheit im Willehalm. 31
2
2.4.1. Perspektive des Erzählers. 31
2.4.2. Der Weg Gyburgs 31
2.4.3. Der Weg Willehalms. 32
2.5. Zusammenfassung. 33
3. Gottes hantgetat und Gottes Kinder im Willehalm im Vergleich zur Theologie der Zeit 33
4. Geschichtliche Wirklichkeit und Gottes helfendes Eingreifen 34
V. Würdigung und Ausblick 35
VI. Abkürzungen und Literaturverzeichnis 36
1. Quellentexte 36
2. Selbständige Veröffentlichungen. 36
3. Aufsätze und Lexikonartikel. 37
4. Hilfsmittel 39
VII. Anhang: Auszug aus der Kaiserchronik 40
3
3. Das Quellenproblem des Willehalm
3.1. Die Quellen des Willehalm
Wie die meisten anderen hochmittelalterlichen deutschen Romane geht auch der Willehalm auf eine altfranzösische Vorlage zurück: auf das Heldenepos Aliscans. Es ist Teil eines Epenkranzes um den historischen Guillaume von Orange (gest. 812/813), der im 12. und 13. Jahrhundert entstanden ist. Das Werk wurde in vielen, untereinander deutlich divergierenden Fassungen überliefert; die direkte Vorlage Wolframs ist nicht erhalten. 9 Außerdem lehnt sich Wolfram bewußt an das Rolandslied des Pfaffen Konrad an, das um 1170 verfaßt wurde 10 und von den Kämpfen erzählt, die eine Generation vor Willehalm zwischen Karl dem Großen und Baligân stattgefunden haben. 11
3.2. Implikationen für die Interpretation
Angesichts dieser Quellenlage ergeben sich Schwierigkeiten für das Verständnis des Willehalm: beginnende Reconquista 12 und Kreuzzüge einerseits, Aliscans, Rolandslied und Wolframs eigene Meinung andererseits scheinen unentwirrbar durcheinander zu gehen, was das historische Urteil natürlich erschwert.
Es muß aber im Blick auf Aliscans festgehalten werden, daß ein Vergleich im Wortlaut nicht möglich ist, eben weil die direkte Vorlage fehlt. Darum kann in diesem Fall nur mit sehr grobem Raster interpretiert werden, etwa hinsichtlich der gesamten Anlage oder ganzer Handlungsstränge. Hierbei fällt allerdings auf „daß Wolfram die Vorlage so tiefgreifend verändert hat, daß am Ende eine völlig neue Dichtung dastand.“ 13 Auch kann schon vorab auf die große Eigenständigkeit
9 Es wird zugrunde gelegt und nach Versen zitiert: Anonym, La versione franco-italiana della 'Bataille d'Aliscans', hg. v. CHRISTIANE HOLTUS, Tübingen 1985. 10 Vgl. KARTSCHOKE im Nachwort zum Rolandslied (s.o. Anm. 3), S. 790. 11 Vgl. 5114 (Wolfram kennt den Ort der früheren Schlacht), vgl. außerdem etwa 10812-15, 17822-24 mit V. 7162 im Rolandslied u.ö. 12 Der Beginn der eigentlichen Reconquista wird erst mit der Eroberung Toledos 1085 angesetzt. Vgl. GERHARD ENDREß, Der Islam. Eine Einführung in seine Geschichte, zweite, überarbeitete Auflage, München 1991, S. 128f. 13 HEINZLE, Kommentar (s.o. Anm. 4), S. 797. BUMKE, Literatur (s.o. Anm. 5, S. 47) verweist auf die Möglichkeit, daß Wolfram seine Quelle überhaupt nicht lesen konnte und sie ihm deshalb paraphrasierend vorgetragen wurde.
Erzählerkommentare wie „des sin aventiure mich wiste“ (421) suggerieren Zwang durch die jeweilige Vorlage, gehören aber wie autobiografische Notizen zu den Eigenarten wolframscher Erzählweise; auch im Parzival wird sehr frei mit den Quellen umgegangen (vgl. im Willehalm noch 1620f. oder 5314). Zu Einzelheiten vgl. BUMKE, Wolfram (s.o. Anm. 5), S. 194, 196f., 199-203, 206f., 209f., 213f. und 233-236.
6
Wolframs im Bereich von Wertungen und Sinngebung verwiesen werden. 14 Es wird daher nicht möglich sein, etwaige Härten im Text durch Abhängigkeit von der Quelle zu entschuldigen. 15 Als Hintergrund wichtiger ist das Rolandslied, das durch viele Anspielungen stets präsent ist und insofern auch fortwährend und bewußt vom Willehalm kommentiert wird. Das gilt um so mehr, als das Werk Konrads auch dem Publikum Wolframs bekannt gewesen sein muß. 16
III. Die Schlacht um Orange
1. Die Darstellung im Willehalm
Wolfram stellt die Kämpfe, die Willehalm und seine Gefährten austragen, wie einen Kreuzzug dar.
Dementsprechend soll die Fahne des Christenheeres „daz kriuze tragen“ (33223). Diesen Brauch üben deutsche und französische Könige erst seit den Kreuzzügen, es handelt sich also um einen Anachronismus. 17 Mehrfach wird außerdem betont, daß jedem Helden das Kreuz angeheftet ist: „ir traget sines todes wapen gar“ (1716, vgl. 1917, 30419, 22-28, 40617-20, 4075f.). Zugleich werden die Kämpfe regelrecht zur Weltenschlacht stilisiert und mit dem Krieg Karls des Großen gegen Baligân verglichen (vgl. 17822-24, 18028-30). Die Heiden haben sich die Eroberung des ganzen Christenreiches vorgenommen: Terramer will erst Aachen und dann Rom nehmen, um alle Christen zu töten und das Heidenreich zu vergrößern (vgl. 3404-11). 18 Andererseits ist fast das ganze römische Reich aufgeboten, um gegen die Heiden zu kämpfen (vgl. 39624f.). Durch die Verbindung von Kreuzzug und Weltenschlacht ergibt sich ein dritter Aspekt: Die Schlacht wird als Kampf der Religionen verstanden. Die Heiden wollen die Christen bekehren (vgl. 176 und 34511-13); am Ende ist für den Heiden Matribleiz an der Niederlage klar zu erstehen, daß die Heidengötter schwächer sind als der Dreieinige (vgl. 46312f.).
Die beginnende Reconquista wird demnach als Protokreuzzug verstanden. Darin werden natürlich für die Gegenwart Wolframs zugleich die Kreuzzüge aufgewertet, auch sie gelten als Kampf der
14 Dieser Zug gilt wohl für alle hochmittelalterlichen Bearbeitungen von Vorlagen: Poetisches Können wurde im Mittelalter nicht an der Wahl des Stoffes, sondern an seiner Darbietung gemessen. 15 Gegen STEIN (s.o. Anm. 6, S. 65), der so verfährt. 16 Vgl. KLAUS KIRCHERT, Heidenkrieg und christliche Schonung des Feindes. Widersprüchliches im Willehalm Wolframs von Eschenbach, in: Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen, 231. Bd., 146. Jg. (1994), S. 260-270, S. 266. 17 Vgl. HEINZLE, Kommentar (s.o. Anm. 4), S. 1037. Historisch korrekt wäre für die Zeit Karls, daß die Ritter für ihren Kaiser/ Heerführer in die Schlacht ziehen. Vgl. dagegen archaische Züge im Rolandslied: „Karle, mînem hêrren,/ diente ich ie mit êren“ (V. 2071f.). 18 Vgl. hierzu im Rolandslied über Paligân: „zu Ache wil er dingen./ er geweltiget Rôme unt Laterân“ (V. 7302f.). Auffällig ist, daß Wolfram den Sitz des Papstes übergeht.
7
Heiden gegen die Christen, der heidnischen Religion gegen die christliche. Drittens wird das siegreiche Ende der Kreuzzüge poetisch vorweggenommen und garantiert.
2. Guillaume von Orange und das christliche Geschichtsbild
Alle drei Aspekte entsprechen dem christlichen Geschichtsbild der Zeitgenossen Wolframs. In päpstlichen Kreuzzugsaufrufen ist eine Linie von den Kämpfen in Spanien zu den Kreuzzügen im Orient erkennbar. Das Versprechen der Absolution für die Krieger und die religiöse Legitimation der Unternehmungen ließen sich gut übertragen. 19
Bis in die Gegenwart hinein wird christlicherseits die Schlacht von Tours und Poitiers (732) als der entscheidende Schlag der Christenheit gegen die Muslime verstanden, was sich mit Wolframs Vorstellung vom Weltenkrieg deckt. Meist weniger stark gewichtet werden allerdings die Kämpfe, die unter Karl dem Großen und Ludwig I. gegen die Mauren ausgefochten wurden. Das gilt aber nicht für die Zeit, in der Wolfram schrieb. Im 12. und 13. Jahrhundert waren die Legenden um Guillaume von Orange ein regelrechtes Modethema. Sie schlossen sich stilisierend an das Leben des historischen Markgrafen Wilhelm von Toulouse an, der unter Karl dem Großen und dessen Sohn Ludwig dem Frommen in der Tat gegen die Sarazenen kämpfte. Er starb 812/ 813 in dem von ihm gestifteten Kloster Gellone. 20
Auch das Rolandslied stilisiert die Kämpfe der Christen zum Kreuzzug (vgl. nur V. 147-151), zur Weltenschlacht (vgl. V. 3500-05) und zum Gottesurteil über die rechte Religion (vgl. V. 8882-86). Indem zu Beginn allein die Religion als Grund für die Kämpfe angeführt wird (V. 83-86) und am Ende die unterlegenen Heiden konvertieren (vgl. V. 8631-40), wird dieser Aspekt sogar noch wesentlich deutlicher hervorgehoben als bei Wolfram, der von keinen Bekehrungsabsichten auf christlicher Seite berichtet und neben die religiöse Motivation das rache-Motiv auf heidnischer Seite stellt. 21
3. Das islamische Geschichtsbild
Für die islamische Sicht fällt zunächst auf, daß Kreuzzüge und Reconquista differenziert wahrgenommen werden.
19 Vgl. W. MONTGOMMERY WATT, Der Einfluß des Islam auf das europäische Mittelalter, Aus dem Englischen von HOLGER FLIEßBACH und mit einem Vorwort von ULRICH HAARMANN, Berlin 1988 (Nachdrucke), S. 73. 20 Vgl. zum historischen Hintergrund des Stoffes BUMKE, Literatur (s.o. Anm. 5), S. 180f. 21 S. u. IV/ 3.4.1.1.
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Lutz Eisele, 1995, Der Willehalm Wolframs von Eschenbach als Beispiel für eine christliche Islamperspektive - Darstellung und Würdigung im Kontext der Entstehungszeit , München, GRIN Verlag GmbH
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