Die „männliche Wunde“ - Ursprung und Konsequenzen
Zur Entwicklung der männlichen Geschlechtsidentität
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 2
2. Greenson’s Modell der frühkindlichen Identifizierungsprozesse des Jungen 4
3. Das Modell der „männlichen Wunde“ von Hudson/Jacot 6
4. Diskussion und Kritik 12
4.1 Die fehlende Erklärung des Ursprungs der „Wunde“ 12
4.1.1 Das Ausklammern der Probleme der (männlichen) Sexualitätskonstitution
und die Bedeutung der Rekategorisierung 13
4.1.2 Die Vernachlässigung historischer und soziokultureller Einflüsse
f ür die Konstitution der männlichen Geschlechtsidentität 25
4.2 Die „Wunde“ als Legitimierung männlicher Hegemonie 31
4.2.1 Der „männliche Mann“ als Basis des gesellschaftlichen Fortschritts
und der Kultur 32
4.2.2 Die Abwertung von Frauen und „unmännlichen Männern“ 36
5. Zur (Re-)Produktion hegemonialer Männlichkeit 42
6. Schlussbetrachtung 49
Literaturverzeichnis 52
1
1. Einleitung
Die männliche Geschlechtsidentität ist keinesfalls eine dem kleinen Jungen angeborene Qualität, sondern „Ausdruck [und Produkt] einer Geschichte, in der sich auf komplizierte Weise mehrere endogene und exogene Faktoren auf der Ebene der psychischen Realität überlagern und verdichten“ 1 . Wie aber konstituiert sich die Geschlechtsidentität und welches sind die Faktoren, die dabei eine besondere Funktion einnehmen und die männliche Psyche prägen? Auf welchem Wege erwirbt das männliche Kind die Eigenschaften bzw. die Dispositionen zu den Eigenschaften, die im bipolar gesetzten Geschlechterverhältnis gemäß dem Konzept der hegemonialen Männlichkeit als „typisch männlich“ gelten? Bestehen innerhalb der Entwicklung der männlichen Geschlechtsidentität und demzufolge der Männlichkeit Zwangsläufigkeiten oder ließe sich - theoretisch - Männlichkeit vollkommen frei konstruieren?
All dies sind Fragen, die in Theorien zur Männlichkeit und zur Bildung der Geschlechtsidentität zu beantworten versucht werden. Dabei geht es um das Erlangen eines Verständnisses von den Ursprüngen (scheinbar) ausschließlich männlicher „Phänomene“ wie bestimmten Denk- und Wahrnehmungsstrukturen und deren Ausdrucksformen und Bedeutung bezüglich Wissenschaft und Kultur sowie Beziehungsmustern, aber auch hinsichtlich Neigungen zu aggressiven Affekten wie Wut, Hass und Gewaltbereitschaft, die sich oftmals gegen Frauen richten. Von der Analyse letzterer und der Rückverfolgung ihres Entstehens bis in die früheste Kindheit sollen Erkenntnisse gewonnen werden, ob und unter welchen Bedingungen sich männliche Gewalt gegen Frauen eindämmen lässt. Eine spezielle Richtung der Theorien, die sich mit der Konstitution von Männlichkeit beschäftigen, wird durch „Ent-Identifizierungstheorien“ vertreten, die der Ablösung des kleinen Jungen aus der Mutter-Kind-Symbiose für eine „erfolgreiche“ männliche Identitätsentwicklung den zentralen Stellenwert einräumen. Diese Ansätze gehen zurück auf die Thesen von Greenson, in denen er „die Beendigung der Identifizierung mit der Mutter und ihre besondere Bedeutung für den Jungen“ 2 konstatiert. Darauf beziehen sich auch Hudson/Jacot in ihrem Modell der „männlichen Wunde“ 3 , in dem sie die beiden Schritte der „Ent-Identifizierung“ des Jungen mit der Mutter und die „Gegen-Identifizierung“ mit dem Vater als „existentiellen Abgrund“ 4 , aber auch als immerwährende „Quelle psychischer Energie“ 5 des Jungen bzw. Mannes bezeichnen.
Diese beiden Ansätze - von Greenson und Hudson/Jacot - sollen hier beschreiben und auf überzeugende Argumente als auch Defizite hin untersucht werden. Dabei wird sich zeigen, ob
1 Pohl, Rolf: Feindbild Frau. Männliche Sexualität, Gewalt und die Abwehr des Weiblichen. Hannover: Offizin
2004. S. 27.
2 Greenson, Ralph R.: Die Beendigung der Identifizierung mit der Mutter und ihre besondere Bedeutung für den
Jungen. In: Greenson, Ralph R.: Psychoanalytische Erkundungen. Stuttgart: Klett-Cotta 1968. S. 257-264.
3 Hudson, Liam u. Jacot, Bernadine: Wie Männer denken. Intellekt, Intimität und erotische Phantasien. Frankfurt
a.M., New York: Campus 1993. S. 7.
4 Hudson/Jacot. S. 64.
5 Hudson/Jacot. S. 67.
2
es den Ent-Identifizierungstheorien gelingt, die Männlichkeitsentwicklung angemessen und vollständig zu begreifen. Die „männliche Wunde“, ihr Ursprung und ihre Konsequenzen sollen dabei den Fokus bilden, wobei den im Folgenden dargelegten Überlegungen ein mehrfaches Verständnis zugrunde liegt: auf der einen Seite sollen der Ursprung der „Wunde“ und deren Folgen innerhalb des Modells für das individuelle männliche Subjekt beschrieben werden, auf der anderen Seite geht es darum, welche historischen Voraussetzungen bei der (vermeintlich notwendigen und unabwendbaren) Entstehung dieser „Wunde“ eine Rolle gespielt haben bzw. zur Behauptung deren Modell geführt haben, welche Konsequenzen sich ergeben, wenn die Geschlechterhierarchie aus der Sicht dieses Modells betrachtet wird und in welchen Wechselwirkungen die Behauptung einer „Wunde“ zu vorherrschenden Bedingungen in der Gesellschaft und im Geschlechterverhältnis steht. Zum Schluss sollen die gewonnenen Erkenntnisse in Beziehung gesetzt werden zu Fragen nach neuen zukünftigen Deutungsmustern von Männlichkeit sowie nach der Möglichkeit der Entwicklung positiv veränderter Weiblichkeitsbilder und Beziehungsmuster seitens der Männer im Zusammenhang mit etwaigen Aussichten auf eine Eindämmung der männlichen Weiblichkeitsabwehr.
3
2. Greenson’s Modell der frühkindlichen Identifizierungsprozesse des Jungen
In seiner Theorie der Ent-Identifizierung fokussiert sich Greenson explizit auf die psychische Entwicklung des Jungen in der präödipalen Phase. Seine These zur männlichen Geschlechtsidentität lautet, dass ein „gesundes Männlichkeitsbewusstsein“ für den kleinen Jungen nur durch das Aufgeben seines primären Identifizierungsobjekts - der Mutter - und ein anschließendes Identifizieren mit dem Vater zu erreichen ist. Zudem sei es genau dieser Prozess, den Mädchen nicht zu durchlaufen hätten, der als Ursache für spezielle Probleme des Mannes mit seiner Geschlechtsidentität bzw. der Konstitution der männlichen Geschlechtsidentität gilt. 6 Die „Beendigung der Identifizierung“ sei ein Kampf des Jungen um die Herauslösung aus der Mutter-Kind-Symbiose, die von Greenson für die Entfaltung von Individuations- und Autonomiefähigkeiten als unabdingbar angesehen wird. Die Loslösung von der Mutter entscheide zudem über den Erfolg der sich anschließenden Identifizierung mit dem Vater, wobei Greenson anmerkt, dass dabei die Persönlichkeit und das Verhalten beider Elternteile von entscheidender Bedeutung sind. 7 Gelingt die Loslösung von der mütterlichen Identifikation beispielsweise nicht aufgrund einer besitzergreifenden Mutter oder scheitert die Gegenidentifizierung an einem schwachen Vater, so ergeben sich daraus schwerwiegende Folgen für den Jungen. Im ersten Fall würde sich keine Ausbildung der Fähigkeit, zwischen Identifizierung und Objektliebe zu unterscheiden, einstellen, unter den Bedingungen des zweiten Falls könnten zwar Selbst- von Objektrepräsentanzen differenziert werden, jedoch nicht in Bezug auf das Herausbilden einer eindeutigen Geschlechtsidentität, geschlechtsspezifische Kategorisierungen blieben demnach wohl aus. 8 Aus diesen Beispielen bezieht Greenson eine Bestätigung für die Unverzichtbarkeit der Ent-Identifizierung des Jungen von der Mutter für die Entwicklung seiner Männlichkeit, da sonst keine „realistische Geschlechtsidentität“ 9 entstehen könne. Allgemein seien für die Entwicklung der Geschlechtsidentität drei Faktoren bedeutsam: Die Erfassung eigener anatomischer Gegebenheiten des Kindes, die eindeutige Zuordnung zu einem Geschlecht durch die Eltern gemäß den anatomischen Strukturen und eine „biologische Kraft“, die sich zwar darin zeige, dass einige Kinder ihrer Anatomie und der Geschlechtszuschreibung durch die Eltern „entgegenwirken“ würden, die aber in ihrer Beschaffenheit nicht näher von Greenson beschrieben wird. Diese Schritte befänden sich bei der Bildung der Geschlechtsidentität in Interaktion und würden gleichermaßen für beide Geschlechter gelten. Die Ausnahme bestehe in jenem 4. Faktor, der eben nur von Jungen geleistet werden müsse und in der dargelegten „Identifizierungsumkehr“ bestehe. 10 Die besondere Schwierigkeit dabei sei es auf die „Lust und Sicherheit spendende“ 11 Mutter zu
6 Vlg. Greenson. S. 257.
7 Vlg. Greenson. S. 258.
8 Vlg. Greenson. S. 261.
9 Ebd.
10 Vgl. Greenson. S. 263.
11 Ebd.
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verzichten und stattdessen die Identifizierung „mit dem weniger zugänglichen Vater“ 12 zu suchen. Dabei sei es wiederum wichtig, dass die Mutter sich nicht für die Gegenidentifizierung hinderlich verhält, sie soll im Gegenteil den Jungen dazu ermutigen und sich bei Gelingen über seine „jungenhaften Merkmale“ 13 freuen. Der Vater müsse seinerseits eine „lohneswerte Motivation“ für die Gegen-Identifizierung darstellen, womit wohl gemeint ist, dass er „Männlichkeit“ ausstrahlen muss, wobei die Liebe und Achtung der Mutter ihm gegenüber dabei eine große Rolle spiele. 14
Für die Mädchen hingegen existierten all diese Hindernisse auf dem Weg zu einer sicheren Geschlechtsidentität nicht, da zwar auch sie zur Individuation die Identifizierung mit der Mutter aufgeben müssten, aber diese „hilft [dem Mädchen], seine Weiblichkeit zu begründen“ 15 . Aufgrund der Beschaffenheit der frühkindlichen Identifizierungsprozesse schließt Greenson, „dass sich Männer ihrer Männlichkeit weit unsicherer sind als Frauen ihrer Weiblichkeit“ 16 . Mit diesem Umstand verbunden seien auch der unterschwellige Neid und die Verachtung des Mannes gegenüber Frauen. Diese Affekte würden einer „früheren, unbewussten Ebene“ 17 entspringen und stellen offensichtlich gewissermaßen als „Störfaktor“ eine große Gefahr für die männliche Geschlechtsidentität dar, und verleihen ihr ein gewisses Maß an Brüchigkeit. Obwohl Frauen Männer auch wegen bestimmter anatomischer Attribute und Privilegien auf sozialer Ebene beneiden würden, sei der unbewusste Neid der Männer auf die Frauen weitaus zerstörerischer als der offene, bewusste Neid der Frauen. 18 Diese von Greenson beschriebene Zerstörungskraft richtet sich offensichtlich nicht nur gegen die eigene, die männliche Geschlechtsidentität. Sie ist vielmehr eine Facette derselben, soll die Geschlechtsidentität in Abgrenzung des Weiblichen schützen und verrät dabei die eigene Fragilität, die durch diesen Schutz- und Abwehrmechanismus gezeichnet ist, insbesondere wenn sie sich direkt gegen Frauen richtet. Die (fragile) Geschlechtsidentität, die die Männlichkeit eigentlich begründen soll, stellt ihre eigene Fragilität selber her. Diese „Schwäche“ widerspricht auf den ersten Blick dem Entwurf der hegemonialen Männlichkeit, in dem der Mann als „Erzeuger - Beschützer - Versorger“ 19 erscheint. Greenson schließt seine Ausführungen zu den Identifizierungsprozessen des Jungen mit dem implizierten Aufwerfen der Frage nach jener Abwehr des Weiblichen durch den Mann, der Frage, inwieweit die Gegen-Identifizierung als Endpunkt eines „schwierigen, unsicheren Pfad[s]“ 20 eine (unfreiwillige) Abwehr der aus der Identifizierung mit der Mutter entstandenen Selbstrepräsentanzen darstellt und sich daraufhin Verachtung und Neid gegenüber allem Weiblichen einstellen. Diese weitreichende Überlegung wird aber wiederum
12 Ebd.
13 Ebd.
14 Vgl. Greenson. S. 264.
15 Greenson. S. 257.
16 Ebd.
17 Greenson. S. 259.
18 Vlg. ebd.
19 Pohl gemäß Gilmore. S. 23.
20 Greenson. S. 261.
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eingeschränkt durch die Bemerkung, dass die Identifizierung mit dem Vater vermutlich leichter falle, wenn die frühe Identifizierung mit der Mutter zugelassen werde. 21 Wodurch wird der Junge also zur Ent- und Gegen-Identifizierung motiviert? Gibt es eine „ideale“ Entwicklung, bei der keine Abwehr des Weiblichen entsteht, wenn „das frühe Bedürfnis des Knaben, sich mit der Mutter zu identifizieren, befriedigt wurde“ 22 ? Oderwenn dies nicht der Fall ist - warum ist mit der Ausbildung der männlichen Geschlechtsidentität dann immer eine latente Tendenz zum Frauenhass verbunden? Diesen Fragen soll im Folgenden nachgegangen werden, dazu wird zunächst das Modell der „männlichen Wunde“ von Hudson/Jacot betrachtet, bevor im späteren Verlauf diskutiert wird, ob sich gemäß der Ent-Identifizierungstheorien einleuchtende und überzeugende Antworten ergeben haben.
3. Das Modell der „männlichen Wunde“ von Hudson/Jacot
Hudson/Jacot gebrauchen ihr Modell der „männlichen Wunde“ in erster Linie, um eine „erklärungsbedürftige Form von Verbogenheit“ 23 der männlichen Imagination aufzudecken zu wollen. Der zwischen den beiden bereits von Greenson beschriebenen Schritten der Ent-Identifizierung von der Mutter und der Gegen-Identifizierung mit dem Vater im Unbewussten ausgelöste „existentielle Abgrund“ wird hier als „männliche Wunde“ bezeichnet, die zur Ausbildung spezieller Stärken und Schwächen der männlichen Identität führe. Das Modell der „männlichen Wunde“ stelle eine Hypothese zu biologischem und sozialem Geschlecht dar 24 , die durch besondere Nähe zur Psychoanalyse gekennzeichnet sei 25 . Dabei geht es darum, dass der kleine Junge aufgrund der Trennung von seiner Mutter eine „Quelle des Unbehagens“ 26 erfahre und somit in der frühkindlichen Entwicklung psychisch einen anderen Weg zu gehen hätte als das Mädchen. Daraus resultierten lebenslang bestimmte Spannungen, für die es kein Äquivalent in der Ausbildung der weiblichen Geschlechtsidentität gebe. 27 Die „Wunde“ mache den Mann zu einem „Getriebenen“ 28 und versorge ihn mit „imaginativer Energie“ 29 , führe aber auch zu einer Spaltung des männlichen Geistes, infolge dessen Belebtes als unbelebt und Unbelebtes als lebendig angesehen werde. 30 Das Ergebnis aus diesem Umstand seien für Männer typische Denkweisen und Verhaltensmuster. Die innere Spaltung bringe bestimmte „Nutzen“ und „Kosten“ mit sich, die
21 Vgl. Greenson. S. 264.
22 Ebd.
23 Hudson/Jacot. S. 7.
24 Vgl. Hudson/Jacot. S. 35.
25 Vgl. Hudson/Jacot. S. 9.
26 Hudson/Jacot. S. 7.
27 Vgl. ebd.
28 Ebd.
29 Ebd.
30 Vgl. Hudson/Jacot. S. 69.
6
für viele kulturelle Bereiche nahezu unabdingbar seien 31 . Hudson/Jacot betonen zwar, die „Wunde“ sei keine „angeboren[e] […] Grammatik“ 32 , gemäß der die männliche Geschlechtsidentität und ihre Ausdrucksformen konstituiert sind, dennoch wird die Gesamtdiskussion „männlicher Phänomene“ im Selbstverständnis der Autoren als „Beitrag zur Naturgeschichte“ 33 gesehen.
Die „Wunde“ entstehe beim männlichen Kleinkind im Alter von 2-3 Jahren. In diesem Zeitraum würde eine „Verschiebung“ 34 eintreten, die den Jungen in seiner Entwicklung aus einem bisher von beiden Geschlechtern geteilten Muster herausdränge. Alle Kinder würden in der symbiotischen Beziehung zur Mutter erstmalig Sicherheit und Trost, aber auch Schmerz und Frustration erleben. 35 Doch wenn es darum gehe, eine eigene Geschlechtsidentität zu entwickeln, bleibe das Mädchen gewissermaßen mit der „ersten Quelle des Wohlbefindens und der Wut“ identifiziert, würde sich selbst zwar ebenso ambivalent wahrnehmen, wie es auch die Mutter wahrnimmt, aber dennoch mit ihr verbunden bleiben und seine Realitätswahrnehmung an diese Verbindung knüpfen. Auch die Objektwahl werde von der Mutter übernommen und auf das „Fremde“, das Männliche, das, was das kleine Mädchen und die Mutter nicht sind, gerichtet. 36 Der Junge hingegen müsse sich von der Mutter trennen und sich mit dem Vater identifizieren, da auf anderem Weg kein „gesundes Gefühl für Männlichkeit“ 37 zu erreichen sei. Gemäß Greenson bezeichnen auch Hudson/Jacot dies als „speziellen Schicksalsschlag“ 38 .
Die Ent-Identifizierung von der Mutter erzeuge die Eigenständigkeit des Jungen, die Gegen-Identifizierung mit dem Vater würde seine Männlichkeit etablieren. 39 Um eine „Verbündung“ mit dem Vater zu erreichen, müsse er durch die Imitation der männlichen Objektwahl „innerhalb seiner Selbst eine Verlagerung“ 40 bewirken. Dadurch ergebe sich letztendlich im Zuge der Ausbildung der Geschlechtsidentität eine Umkehr dessen, was bislang als „dasselbe“ und „das andere“ angesehen wurde: Die Wahrnehmungsstruktur würde sich vom Modus der „Ähnlichkeit im Unterschied“ 41 (während der Identifizierung mit der Mutter) in die Form von „Unterschied in Ähnlichkeit“ 42 (im Zuge der Gegen-Identifizierung) verändern. Auf die Konsequenzen dieser Veränderung wird im Weiteren noch einzugehen sein. Welche Faktoren es jedoch sind, die das männliche Kleinkind zur Ent-Identifizierung mit seiner Mutter motivieren und „eine Verlagerung innerhalb seiner Selbst“ hervorzurufen, wird von Hudson/Jacot nicht erklärt. Vielmehr wird dieser entscheidende Punkt deshalb
31 Vgl. Hudson/Jacot. S. 8.
32 Vgl. Hudson/Jacot. S. 10
33 Ebd.
34 Hudson/Jacot. S. 57.
35 Vgl. ebd.
36 Vgl. Hudson/Jacot. S. 58.
37 Hudson/Jacot gemäß Greenson. S. 58.
38 Ebd.
39 Vlg. Hudson/Jacot. S. 59.
40 Ebd.
41 Ebd.
42 Ebd.
7
offengelassen, da laut den Autoren dies „bisher niemand [wisse]“ 43 . Dennoch werden kurz drei Möglichkeiten angesprochen, wobei Hudson/Jacot vor allem eine biologische Ursache für wahrscheinlich halten, die sich in einer bereits intrauterin angelegten, geringeren Frustrationstoleranz seitens des Jungen ausdrücke: „Männliche und weibliche Kleinkinder sind mit anderen Worten möglicherweise biologisch programmiert, auf einen gegebenen mütterlichen Einfluss unterschiedlich zu reagieren.“ 44
Ein alternativer Erklärungsansatz bezieht sich mehr auf die Interaktion zwischen Mutter und Kind, indem die Motivation zur Ent-Identifizierung auf das spezifische Verhalten von Müttern gegenüber Söhnen zurückgeführt wird, das sich vom Umgang mit Töchtern unterscheidet. Jedoch werden selbst hierfür „biologische Gründe“ angenommen. Im Unterschied zum Jungen selber würde die Mutter von Beginn an um seine Anatomie wissen und somit biologische Unterschiede vergrößern, da sie in ihrer Wahrnehmung und ihren Handlungen selber von kulturellen Stereotypen von Männlichkeit und Weiblichkeit geprägt sei, kurz: sie behandelt ihren Sohn vom Tag seiner Geburt an als „Mann“. 45 Der dritte Ansatz kommt einer psychoanalytischen Erklärung am nächsten. Dabei wird der Grund für die Ent-Identifizierung oder zumindest deren Beschleunigung im erotischen Begehren der Mutter gegenüber dem Jungen gesucht. Die Angst vor einem Verschlungen-Werden durch die Mutter oder der Schock über die intuitive Erfassung der Verschiedenheit des Körpers der Mutter von dem eigenen würde eine Abwendung auf Seitens des Jungen bewirken. 46 Keine dieser Möglichkeiten wird jedoch systematisch von den Autoren entwickelt oder weiterverfolgt.
Jenseits dieser Erklärungsversuche sei es jedoch deutlich, dass anhand der von Greenson festgestellten Schritte der Ent- und Gegen-Identifizierung im wesentlichen drei verschiedene Muster entstehen könnten, denn anders als bei Greenson hängt eine „erfolgreiche“ Ent-Identifizierung bei Hudson/Jacot nicht zwingend mit einer anschließenden Gegen-Identifzierung zusammen: Das erste denkbare Muster sei das „konventionelle“, bei dem sich das biologisch männliche Kind von der Mutter ent- und mit dem Vater gegen-identifiziere, im zweiten vorstellbaren Schema würde weder eine Ent-, noch eine Gegen-Identifizierung des Jungen vorgenommen, und im dritten möglichen Fall käme es zwar zur Ent-, aber nicht zur Gegen-Identifizierung des Jungen mit seinem Vater. Dabei produziere das erste Muster den „männlichen [Mann]“ 47 , der sich als männlich wahrnehme und dementsprechend agiere, das zweite Muster führe zur „Verweiblichung“ 48 , indem der Junge eine weibliche Geschlechtsidentität annehme, die seiner Anatomie entgegenstehe, und das Resultat des dritten Musters sei der „androgyne Mann“, der ein Gefühl von Geschlechtslosigkeit
43 Ebd.
44 Ebd.
45 Vgl. Hudson/Jacot. S. 60.
46 Vgl. Hudson/Jacot. S. 61.
47 Ebd.
48 Ebd.
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verspüre. 49 Neben den drei Grundmustern seien noch weitere Kombinationen möglich, beispielsweise eine Gegen-Identifizierung mit dem Vater ohne vorausgegangene Ent-Identifizierung mit der Mutter. Dies könne dann geschehen, wenn sich beide Eltern in ihrer Persönlichkeit sehr ähneln, beide in die Pflege des Kindes involviert seien und für das Kind keine klare Zuordnung von „männlichen“ und „weiblichen“ Eigenschaften möglich sei. Auch hier würde keine eindeutige männliche Geschlechtsidentität herausgebildet, vielmehr existierten schwach ausgeprägte männliche und weibliche Charakteristika in der Identität des Jungen nebeneinander. 50 Normalerweise sollte es gemäß Hudson/Jacot jedoch gerade die Vaterrolle sein, die dem Jungen helfe, verschiedene an den Eltern wahrgenommene Qualitäten durch das „männliche“ Auftreten des Vaters intuitiv geschlechtsspezifisch zuzuordnen. 51 Demnach erfahren nur „männliche Männer“ die „Wunde“ mit all ihren Auswirkungen oder - anders herum betrachtet: Nur die „Wunde“ bringt „echte“, „männliche Männer“ hervor mit all den Eigenschaften, die gesellschaftlich normiert als „männlich“ gelten, und dies wohl nur unter dem Einfluss eines ebenso „männlichen“ Vaters. Wie jedoch bei der Entstehung der „Wunde“ im Einzelnen biologische, psychologische und kulturelle Faktoren aufeinander einwirkten und zu den verschiedenen Ergebnissen führten, „weiß [wie bereits bei der Frage nach den Gründen der Ent-Identifizierung] niemand“ 52 und deswegen sei es „abwegig, detaillierte Erklärungen vorzutragen“ 53 . Dementsprechend bleibt ein weiterer entscheidender Punkt ungeklärt, aber laut Hudson/Jacot sei es auch ohne eine systematische Verfolgung dieses Problems unübersehbar, dass die Auswirkungen der Ent-und Gegen-Identifizierung beim „männlichen Mann“ in der Adoleszenz und im Erwachsenenalter deutlich zum Tragen kommen, mehr als zum Zeitpunkt der Entstehung der „Wunde“ selber. 54 Möglicherweise ist es diese von den beim erwachsenen Mann sichtbar werdenden „Ergebnissen“ ausgehende Betrachtungsweise, die aus der Sicht der Autoren eine kritische Auseinandersetzung mit den ursprünglichen Entstehungsfaktoren der „Wunde“ bzw. der männlichen Geschlechtsidentität und ihrer Vernetztheit untereinander marginal erscheinen lässt.
Die für den „männlichen Mann“ „positiven“ sowie „negativen“ Konsequenzen der „Wunde“ bezeichnen Hudson/Jacot als „Kosten“ und „Nutzen“. 55 Demnach müsse der „männliche Mann“ für gewisse „Vorzüge“ „bezahlen“.
Im Zusammenhang mit den „Kosten“ schreiben die Autoren, dass der Junge, der eine eindeutig männliche Geschlechtsidentität entwickele (bzw. entwickeln wolle), vom Trost der Mutter abgeschnitten sei und somit etwas anderes „in sich [hat]“ 56 als Mädchen und wohl auch „weibliche“ und „androgyne“ Männer, wobei wie bereits erwähnt kein Hinweis darauf
49 Vgl. ebd.
50 Vgl. Hudson/Jacot. S. 62.
51 Vgl. Hudson/Jacot. S. 63.
52 Hudson/Jacot. S. 62.
53 Ebd.
54 Vgl. ebd.
55 Vgl. Hudson/Jacot. S. 8.
56 Hudson/Jacot. S. 64.
9
gegeben wird, was dieses „Abschneiden“ bewirkt, warum die Ent-Identifizierung auch automatisch das Aufgeben der Mutterliebe bedeuten soll. In jedem Fall gehe von eben diesem Defizit eine charakteristische Kombination von Eigenschaften aus. Insbesondere würden durch den „existentiellen Abgrund“ Unsensibilität, Frauenhass und sexuelle Perversionen hervorgerufen als auch die Problematik, Liebe zu geben und zu empfangen sowie bipolare Kategorisierungen alles Emotionalen, eine eingeschränkte Empathiefähigkeit und eine eingeschränkte Fähigkeit zur intersubjektiven Beziehungserfahrung. 57 Beim Heraustreten aus der „warmen, symbiotischen Präsenz seiner Mutter“ 58 würden beim Jungen Gefühle von Verlust und unterschwelliger Abneigung, Furcht und Angst vor Rache entstehen. 59 Dabei bleibt die genaue Genese dieser Affekte wiederum unklar, da ja der Trennungsgrund des Jungen von der Mutter nicht genant wird. Ergebnis dieser Affekte seien jedoch „negative Strömungen“ im Unbewussten der männlichen Psyche, die sich entweder symbolisch äußern könnten oder sich direkt gegen ihre „Quelle“, die Weiblichkeit bzw. den weiblichen Körper richteten. 60 „Unterhalb“ der normalen Interaktion mit Frauen würden diese in der männlichen Phantasie als „Wesen, die beschmutzen, köpfen und kastrieren“ 61 erscheinen. Aber wieso sind solche Bilder von Angst und Panik das Resultat der aufgelösten Symbiose? Was veranlasst den Mann, Frauen derart negativ zu betrachten, wo es doch nicht die Mutter ist, die ihm Liebe versagt und die gegen seinen Willen das symbiotische Band zerschneidet? Wieso wird eine lebensnotwendige Quelle, die sowohl erste Erfahrungen von abwechselndem Wohl- und Unbehagen bereitet, derart eindimensional von der negativsten Seite betrachtet? Auch auf diese Fragen wird an dieser Stelle keine Antwort gegeben, jedoch schreiben Hudson/Jacot, Frauenhass sei ein fester Bestandteil der männlichen Psyche, und weder ein „Nebenprodukt“ der Erziehung oder sexistischer Vorurteile. 62 Frauenhass würde „durch Ängste gespeist, die eine direkte Konsequenz der Wunde sind“ und führe „ein Schattendasein in einem Bereich, wo Vorstellungen von Trennung und Verschlungen-Werden, erotischer Erregung und Abscheu sich vermischen“ 63 . Diese Gefühle würden entweder transformiert oder destruktiv ausgelebt, zu vermeiden seien sie nicht.
Auf der „Nutzenseite“ hingegen lägen die „positiven“ Konsequenzen der „Wunde“ vor allem im Erreichen einer besonderen individuellen, unabhängigen, selbstbestimmten Kraft des Handelns, der Möglichkeit, abstrakte Leidenschaften zu entwickeln und der Tatsache, dass die „Wunde“ eine lebenslange, unerschöpfliche Quelle psychischer Energie für den „männlichen Mann“ darstelle. Indem sich der Junge aus der Symbiose löse, könne er durch das anschließende Finden eines neuen Identifikationsobjekts eine Selbstständigkeit erreichen, die dem Mädchen durch die Aufrechterhaltung der Identifizierung mit der Mutter
57 Vlg. Hudson/Jacot. S. 65.
58 Ebd.
59 Vgl. ebd.
60 Vgl. ebd.
61 Ebd.
62 Vgl. Hudson/Jacot. S. 67.
63 Ebd.
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Arbeit zitieren:
Julia Haase, 2005, Die "männliche Wunde" - Ursprung und Konsequenzen: Zur Entwicklung der männlichen Geschlechtsidentität, München, GRIN Verlag GmbH
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