Die ersten Buchmessen der Nachkriegszeit in Leipzig und Frankfurt
Inhaltsverzeichnis
Abk ürzungsverzeichnis 3
1. Einleitung 4
2. Zwischen Trauma und Verarbeitung - erste Schritte im sowjetisch besetzten
Leipzig 5
3. Die ersten deutschen Nachkriegsmessen in Leipzig 8
3.1 Die erste Buchmesse in Leipzig 1946 und die (Neu)Entwicklung des
deutschen Buchhandels 8
3.2 Die Leipziger Buchmessen von 1947. 12
4. Neuanfang und Wiederaufbau im amerikanisch besetzten Frankfurt 15
5. Die ersten Buchmessen im Frankfurt der Nachkriegszeit. 18
5.1 Die „Friedens“-Mustermesse vom Herbst 1948. 18
5.2 Das „neue Buchwesen“ und die ersten eigenständigen Buchmessen
in Frankfurt ab 1949. 19
6. Ausblick 22
7. Resümee 24
Literaturverzeichnis. 26
Anlage 1 28
Anlage 2 29
2
Abkürzungsverzeichnis
BRD Bundesrepublik Deutschland bspw. beispielsweise CDU Christlich Demokratische Union DDR Deutsche Demokratische Republik Dr. Doktor ebd. ebenda etc. et cetera e.V. eingetragener Verein f. folgende (Seite) ff. fortfolgende (Seiten) GmbH Gesellschaft mit beschränkter Haftung Hrsg. Herausgeber NS Nationalsozialismus NSDAP Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei OEEC Organization for European Economic Cooperation S. Seite SMA Sowjetische Militäradministration SPD Sozialdemokratische Partei Deutschland u.a. unter anderem US United States z.B. zum Beispiel
3
1. Einleitung
Die Messetradition in den Städten Frankfurt am Main und Leipzig blickt auf eine lange und ereignisreiche Geschichte zurück. Waren beide Städte seit jeher Konkurrenten auf dem Gebiet des Handels und der Messen, so verlief ihre Entwicklung nach dem Sturz der Schreckensherrschaft Hitlers im Dritten Reich vollkommen verschieden.
Zuvor hatte Leipzig das Messegeschehen in den deutschen Territorien fast zweieinhalb Jahrhunderte lang dominiert 1 . Vor allem die Messen rund um das Buchwesen waren hierbei traditionsreich und weithin berühmt, wenngleich deren Durchführung in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts abflaute und schließlich bis 1946 zugunsten der Veranstaltung von Konsumgütermessen in den Hintergrund trat 2 . Nach dem 2. Weltkrieg begann in Leipzig sehr früh ein Bestreben nach der Widererweckung des traditionellen Messewesens. Die Frankfurter ließen diesbezüglich etwas länger auf sich warten 3 . Grundsätzlich abhängig waren diese Entwicklungen von den jeweiligen Besatzungsmächten. War die amerikanische Besatzungsmacht in Frankfurt zunächst vorrangig daran interessiert eine selbständige politische Ordnung wie auch die Grundversorgung der Bevölkerung wiederherzustellen, so trachtete die sowjetische Besatzungsmacht Leipzigs hauptsächlich nach Reparationen und verfolgte überwiegend eigene Interessen. Dies kam der Messeentwicklung im Osten des aufgeteilten deutschen Landes zwar zunächst zu Gute, hatte jedoch auf lange Sicht nicht den von den Messeinitiatoren erwünschten Effekt der Wiederbelebung gesamtdeutscher Aktivitäten. Anders verlief die Entwicklung im Westen des Landes, wo zwar erst später wieder Messeaktivitäten aufgenommen wurden, dafür jedoch eine wesentlich schnellere Internationalisierung zu verzeichnen war.
Die Frage danach, wie es zu den soeben dargelegten Entwicklungen kam und in welchen Zusammenhängen diese betrachtet werden können, soll Gegenstand dieser Arbeit sein. Sie gibt einen Einblick in die unterschiedlichen Wege der Buchmessen im Leipzig und im Frankfurt der Nachkriegszeit. Dabei wird aufgezeigt, welche
1 Sohl, Klaus: Die Messestadt Leipzig - Konkurrentin Frankfurts. In: Rainer Koch (Hrsg.): Brücke zwischen den Völkern - Zur
Geschichte der Frankfurter Messe. 3 Bände. Band 2: Patricia Stahl (Hrsg.): Beiträge zur Geschichte der Frankfurter Messe.
Frankfurt am Main: Union Druckerei und Verlag, 1991. S. 356
2 Saur, Klaus G.: Leipzigs Buchmessen von 1946 bis 1989. Eine persönliche Retrospektive. In: Stephan Füssel / Georg Jäger /
Hermann Staub (Hrsg.): Börsenverein des deutschen Buchhandels 1825-2000. Frankfurt am Main: Marketing und
Verlagsservice des Buchhandels GmbH, 2000. S. 716
3 Die erste Buchmesse in Leipzig fand bereits 1946 statt, während in Frankfurt erstmals 1948 eine Buchmesse nach dem Kriege
durchgeführt wurde. Siehe hierzu: Sohl: Die Messestadt Leipzig - Konkurrentin Frankfurts. Frankfurt am Main 1991. S. 352
4
regionalen Entwicklungen die unterschiedlichen Pfade in die Zukunft beeinflusst haben. Daneben wird fokussierte, wie wenig Einfluss das schwer angeschlagene und zu großen Teilen mit einer schwerwiegenden Schuld beladene Buchwesen Deutschlands auf diese Entwicklungen in Abhängigkeit von der jeweiligen Besatzungsmacht hatte. Dabei wird auch der Frage nachgegangen, welche Unterschiede es zwischen Leipzig und Frankfurt gab und welche Entwicklungen in der direkten Folge des Krieges Grundsteine für die bis heute durchgeführten Messen gelegt haben.
2. Zwischen Trauma und Verarbeitung - erste Schritte im sowjetisch besetzten
Leipzig
Mit dem Einmarsch der Amerikaner in Leipzig 4 endete für die Stadt nicht nur der Schrecken des zweiten Weltkrieges, sondern auch ihre Bedeutung als jahrhundertealtes Zentrum des deutschen und europäischen Buchhandels 5 . Leipzig, das neben München und Stuttgart als eine „große buchhändlerische Austausch- und Vermittlungsstelle“ 6 galt, war bis zum Anbruch des Dritten Reiches Standort zahlreicher Verlage, Druckereien und Buchhandlungen gewesen. Zudem war Leipzig die Wiege des 1825 gegründeten Börsenvereins der Deutschen Buchhändler und seit 1913 Standort der ersten deutschen Zentralbibliothek - der Deutschen Bücherei - mit dem angeschlossenen Deutschen Buchmuseum 7 .
Mit Machergreifung der Nationalsozialisten war eine langsame jedoch merkliche Politisierung des Berufsstandes erfolgt, die in einer weitgehend systemkonformen Ausrichtung des Börsenvereins der Deutschen Buchhändler gipfelte, welche später auch als „Selbstgleichschaltung“ betitelt wurde 8 . Darüber hinaus war im gesamten reichsdeutschen Buchhandel eine überwiegend das System unterstützende Einstellung nachzuvollziehen 9 .
Mit Anbruch des Krieges musste auch der Buchhandel hinter die übergeordneten Ziele des NS-Regimes zurücktreten 10 . So war bereits ab 1941 eine starke Verknappung von Rohstoffen zu verzeichnen, die zu einer Kontingentierung des
4 Leipzig stand bis Anfang Juli 1945 unter amerikanischer Besatzung, ging dann jedoch in sowjetische Besatzung über. Siehe
hierzu: Zwahr, Hartmut: Die erste deutsche Nachkriegsmesse 1946. Wiedererweckung oder Neubelebung? In: Stephan Füssel /
Georg Jäger / Hermann Staub (Hrsg.): Börsenverein des deutschen Buchhandels 1825-2000. Frankfurt am Main: Marketing und
Verlagsservice des Buchhandels GmbH, 2000. S. 587
5 Barbian, Jan Pieter: Der Börsenverein in den Jahren 1933 bis 1945. In: Stephan Füssel / Georg Jäger / Hermann Staub (Hrsg.):
Börsenverein des deutschen Buchhandels 1825-2000. Frankfurt am Main: Marketing und Verlagsservice des Buchhandels
GmbH, 2000. S. 91
6 ebd.
7 ebd.
8 ebd., S. 94
9 ebd., S. 91
10 siehe hierzu auch: Sohl: Die Messestadt Leipzig - Konkurrentin Frankfurts. Frankfurt am Main 1991. S. 357
5
Papiers führte und die Buchproduktion damit empfindlich negativ beeinflusste 11 . Zudem wurden in den Messehallen der Stadt mit zunehmender Kapazität Flugzeug-und Motorenwerke untergebracht. Ab Frühjahr 1942 gab es schließlich keine Konsumgütermessen mehr und im Dezember 1943 wurden bei einem verheerenden Luftangriff 80 Prozent aller Messegebäude und Anlagen, besonders aber das so genannte „graphische Viertel“ - ein Viertel mit ungewöhnlich hoher Konzentration von Verlagen, Druckereien und Buchhändlern - zerbombt oder schwer beschädigt 12 . Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gingen im schwer getroffenen Leipzig sowohl seelische als auch wirtschaftliche „Aufräumarbeiten“ los. Der Nationalsozialismus hatte im Buchwesen - teils aufgezwungen sowie teils selbst auferlegt - tiefe Spuren hinterlassen, was die Bewältigung einer großen Schuld einforderte 13 . Die brancheninterne Zeitschrift des Buchwesens, das „Börsenblatt für den deutschen Buchhandel“, war bis auf weiteres eingestellt worden, da es zu Kriegszeiten widerspruchslos als Sprachrohr des faschistischen Regimes gedient hatte 14 . Die Leipziger Messe traf ein ähnliches Schicksal. 1937 von Goebbels übernommen und neu besetzt, war das Reichsmesseamt nach Ende des Krieges praktisch nicht mehr existent.
Im seit jeher agilen und regen Leipzig begannen jedoch sehr zügig neue Messeaktivitäten. Bereits im Juni des Jahres 1945 gab es eine erste Bewegung, als sich der ehemalige Präsident des Reichsmesseamtes Dr. Raimund Köhler dazu entschloss, eine „Nachkriegsmessen-Denkschrift“ zu verfassen 15 . Köhler bittet mit dieser um die Erlaubnis zur Wiederbelebung der Leipziger Messe und verweist auf positive Faktoren, die mit einer solchen einhergehen könnten. So führte er Argumente ins Feld, wie bspw. den leichteren Übergang von der Kriegs- zur Friedenswirtschaft, die Wiederbelebung des deutschen und internationalen Warenverkehrs, den Wiederaufbau zerrissener Kundenbeziehungen, mögliche Produktionsplanung und Neubelebung der Preise. Nachdem das Ersuchen an einer Absage der amerikanischen Besatzungsmacht zunächst scheiterte, stimmte die ab Juli
11 Barbian: Der Börsenverein in den Jahren 1933 bis 1945. Frankfurt am Main 2000. S. 91
12 Sohl: Die Messestadt Leipzig - Konkurrentin Frankfurts. Frankfurt am Main 1991. S. 357 f., siehe auch: Barbian: Der
Börsenverein in den Jahren 1933 bis 1945. Frankfurt am Main 2000. S. 92
13 An dieser Stelle soll auf die einzelnen Aspekte der Aktivitäten des Deutschen Buchhandels im Dritten Reich sowie auf die
Repressalien des NS-Regimes gegenüber nonkonformen Buchhändlern, Verlagen und Druckereien nicht näher eingegangen
werden. Aufschlussreiche weiterführende Literatur zu diesem Thema: Barbian: Der Börsenverein in den Jahren 1933 bis 1945.
Frankfurt am Main 2000. S. 91-117; Klönne, Arno: Jugend im Dritten Reich. Die Hitlerjugend und ihre Gegner. Köln:
PapyRossa, 2003.
14 Beispiele hierfür finden sich ebenfalls in: Barbian: Der Börsenverein in den Jahren 1933 bis 1945. Frankfurt am Main 2000.
S. 91-117
15 Er tat dies auf eine Initiative des Messehausbesitzers Richard Pudor und des Messehausverbandes e.V. in Leipzig hin. Siehe
hierzu: Zwahr: Die erste deutsche Nachkriegsmesse 1946. Frankfurt am Main 2000. S. 588
6
1945 hierfür zuständige Sowjetische Militäradministration dem Vorhaben, nicht ohne den Hintergrund eigener Interessen, zu 16 . Die Unternehmung verband die Interessen von Siegern und Besiegten auf einmalige Art und Weise. Zum einen konnte die Messe der SMA den direkten Zugriff auf Reparationsgüter ermöglichen und die Wirtschaft wieder in Gang setzen 17 . Sie konnte zum anderen aber auch Antriebskraft und Enttrümmerungshilfe zum Aufbau einer antinazistischen Ordnung nicht nur in Leipzig sein.
Dem Schreiben von Köhler folgte am 06. August 1945 eine erste Messeinformation der Stadt Leipzig an die Öffentlichkeit mit dem aussagekräftigen Titel: „Wiedererweckung der Leipziger Messe“ 18 vom damaligen Oberbürgermeister Leipzigs, Dr. Erich Zeigner. Die Tatsache, dass Zeigner unter anderem durch Einflussnahme der SMA in das Amt des Oberbürgermeisters berufen worden war, lässt dabei Rückschlüsse auf die große Einflussnahme der SMA auf die Politik und damit auf das gesamte damalige Geschehen zu. Ein deutlicher Hinweis darauf ist auch die Tatsache, dass Köhler, der seit 1935 inaktives Mitglied der NSDAP gewesen war, trotz seines deutlichen Bestrebens, nicht wieder zum Präsidenten des Messeamtes berufen wurde 19 .
Der beschlossene Wiederaufbau der Messe hatte zu diesem Zeitpunkt lediglich das Ziel eine „Messe des Wiederaufbaus“ zu schaffen, mit den Anforderungen zonenintern den Handel und die Industrie der sowjetischen Besatzungszone zu reanimieren. Um der Institution Messe zu entsprechen war jedoch auch der grenzüberschreitende Warenaustausch mit anderen Zonen und dem Ausland wieder anzukurbeln. Für die SMA galt es hier folglich risikoreiche Entscheidungen zu treffen, bezüglich der „Kompetenz- und Handlungsr[ä]um[e] der Messeakteure“ 20 sowie bezüglich der Freiheiten des Verkehrs von „Gütern, Dienstleistungen, Kapital und Personen“ 21 , welche zum einen die Messe zwar fördern, zum anderen aber auch die Besatzungsherrschaft der Sowjetischen Militäradministration nicht negativ beeinflussen sollte. Die Messebetreiber Leipzigs hingegen verfolgten das klare Ziel, über die Maßnahmen der Wiederbelebung hinaus eine gesamtdeutsche Messe zu
16 Die positive Resonanz auf den gestellten Antrag ist daneben auch dem Engagement des durch die SMA eingesetzten
Oberbürgermeisters Dr. Erich Zeigner zu verdanken. siehe hierzu: Zwahr: Die erste deutsche Nachkriegsmesse 1946. Frankfurt
am Main 2000. S. 591 f.
17 Zwahr: Die erste deutsche Nachkriegsmesse 1946. Frankfurt am Main 2000. S. 593 f.
18 ebd., S. 586; siehe auch Anlage 1
19 ebd., S. 595
20 ebd., S. 596
21 ebd.
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Arbeit zitieren:
M. A. Anja Gruber-Wiedemann, 2006, Die ersten Buchmessen der Nachkriegszeit in Leipzig und Frankfurt, München, GRIN Verlag GmbH
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