Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis 2
Einleitung 3
1. Die Erzählperspektive 4
2. Spannung und unheimliche Wirkung in Schillers Geisterseher 7
2.1 Raum und Zeitstrukturen. 7
2.2 Das Unheimliche 9
2.3 Spannungsanalyse 11
3. Die Analyse im Kontext. 12
4. Das Unheimliche in Freuds Psychoanalyse 15
Fazit 19
Literaturverzeichnis. 21
2
Einleitung
Der Roman der „Geisterseher. Memoiren des Grafen von O***“ erschien zuerst 1787-88 in der Zeitschrift „Thalia“ und hatte einen solchen Erfolg, dass es Schiller schon nicht mehr geheuer war, heißt es. Ein Grund dafür ist sicher das verstärkte Interesse am Geheimen und Esoterischen. Neben dem Märchen, der Dichtung der Musik und der Wissenschaft zeigt sich die Präsenz des Geheimen und Esoterischen als ein geläufiger Topos in der Kultur der Aufklärung. 1 Dies gilt vor allem für die Literatur, in der die Gattung der Schauerliteratur große Popularität erfährt. Diese, von der Romantik geprägten, Erzähltexte enthalten meist fantastische und mysteriöse Ereignisse. Sie erzeugen durch schaurige Gegebenheiten gruselige Effekte und dunkle Schauplätze, sowie Spannung und Grauen bei den Lesern. 2 Was den Schauer- und Geheimbundroman Schillers weiterhin so einzigartig macht, wird in dieser Analyse zum Vorschein gebracht. Ein besonderes Interesse gilt der Feststellung von Spannungsmomenten und deren unheimliche Wirkung. Zwar sind für die Gattung des Schauerromans Elemente wie das Übernatürliche, rätselhafte Verbrechen im unheimlichen Ambiente, wilde und fantastische Landschaften und Beschwörungsszenen etc. typisch, doch stellt sich die Frage nach der speziellen Unheimlichkeit, die auf das Altbekannte, Längstvertraute zurückzuführen ist. Um diese Frage klären zu können werden Inhalte des Romans mit dem Begriff der Unheimlichkeit in Freuds Psychoanalyse verglichen. Ob und auf welche Weise Friedrich Schiller Stilelemente wie das Unheimliche in seinem Roman einbringt und welche Vorraussetzungen für deren Wirkung auf den Leser bestehen müssen, stellt sich durch die Erforschungen heraus. Diese basieren auf dem, von Peter Wenzel herausgegebenen, Handbuch „Einführung in die Erzähltextanalyse“ und auf die Sekundärliteratur „Einführung in die Erzähltextanalyse“ von Matias Martinez und Michael Scheffel.
1 Vgl. Simonis, Linda: Die Kunst des Geheimen. Esoterische Kommunikation und ästhetische
Darstellung im 18.Jahrhundert. Heidelberg: Universitätsverlag C. Winter, 2002.
(Künftig zitiert als: Simonis: Kunst.) S.9.
2 Vgl. Krech, Annette: Schauererlebnis und Sinngewinn. Wirkungen des Unheimlichen in fünf
Meisternovellen des 19. Jahrhunderts. In: Wolfram Buddecke, Manfred Raupach und Martin Schulze
(Hrsg.): Kasseler Arbeiten zur Sprache und Literatur. Anglistik-Germanistik-Romanistik. Band 18.
Frankfurt am Main, 1992.
(Künftig zitiert als: Krech: Schauererlebnis.) S.181
3
1. Die Erzählperspektive
Von großer Bedeutung bei jeder Erzählung ist der Beginn. Hier entscheidet sich − vom Leser aus gesehen − , ob der Roman gekauft und gelesen wird und so im Bewusstsein des Lesers „weitergeht“. 3
„Friedrich Schiller: Der Geisterseher. Aus den Memoires des Grafen von O***.“ Schon durch den Titel des erfolgreichen Schauer- und Geheimbundromans von Friedrich Schiller wird eine Sensationserwartung erzeugt, indem das Übernatürliche und Rätselhafte angedeutet wird. Dies sorgte vor allem zu Zeiten des großen Interesses an Geisterbeschwörungen und den Betrügereien Cagliostros für einen breiten Umsatz. 4 Es zeigt sich, dass schon in der Einleitung, die von großer Bedeutung für die Analyse der Erzähltheorie ist, Spannung erzeugt wird und durch sie eine bestimmte Erwartungshaltung auf Seiten des Lesers entsteht.
„Ich erzähle eine Begebenheit, die vielen unglaublich erscheinen wird, und von der ich großenteils selbst Augenzeuge war. Den wenigen, welche von einem gewissen politischen Vorfalle unterrichtet sind, wird sie - wenn anders diese Blätter sie noch am Leben finden - einen willkommenen Aufschluß darüber geben; und auch ohne diesen Schlüssel wird sich den übrigen, als ein Beitrag zur Geschichte des Betrugs und der Verirrung des menschlichen Geistes, vielleicht wichtig sein. Man wird über die Kühnheit des Zwecks erstaunen, den die Bosheit zu entwerfen und zu verfolgen imstande ist; man wird über die Seltsamkeit der Mittel erstaunen, die sie aufzubieten vermag, um sich dieses Zwecks zu versichern. Reine, strenge Wahrheit wird meine Feder leiten; denn wenn diese Blätter in die Welt treten, bin ich nicht mehr und werde
durch den Bericht, den ich abstatte, weder zu gewinnen noch zu verlieren haben.“ 5
Wie sich schon aus dem Leitwort „Memoiren“ im Titel des Romans ergibt, wird der Roman aus der Perspektive des Augenzeugen erzählt. Es handelt sich also um die Ich-Erzählsituation (first-person narrative situation) 6 , da die Figur des Grafen von O*** das Geschehen miterlebt und stets unmittelbar an den Erfahrungen des Prinzen
3 Fill, Alwin: Das Prinzip der Spannung. Sprachwissenschaftliche Betrachtungen zu einem universalen
Phänomen. Tübingen: Gunter Narr Verlag, 2003. (Künftig zitiert als: Fill: Prinzip der Spannung.) S.82.
4 Vgl.: Kanzog, Klaus: Erzählstrategie. Eine Einführung in die Normeinübung des Erzählens.
Heidelberg: Quelle & Meyer, 1976. (Künftig zitiert als: Kanzog: Erzählstrategie.) S.18.
5 Schiller, Friedrich: Der Geisterseher. Aus den Memoires des Grafen von O***. Mayer, Mathias
(Hrsg.) Stuttgart: Phillip Reclam, 1996. (Künftig zitiert als: Schiller: Geisterseher.) S.7.
6 Wenzel, Peter: Einführung in die Erzähltextanalyse. Kategorien, Modelle, Probleme. In: Ansgar
Nünning (Hrsg.): WVT-Handbücher zum literaturwissenschaftlichen Studium. Band 6.
Wissenschaftlicher Verlag Trier, 2004. (Künftig zitiert als: Wenzel: Erzähltextanalyse.) S.113.
4
teilnimmt. Dies ändert sich erst mit der veränderten Erzählsituation im Zweiten Buch, in dem ein Briefwechsel zwischen dem Baron von F*** und dem Grafen von O*** stattfindet und sich somit die Fokalisierung auf die Stimme des Barons von F*** beschränkt, der in seinen Briefen von den weiteren Erlebnissen des Prinzen erzählt. Im ersten Buch des Romans zeigt sich jedoch schon im ersten Satz die Perspektive des Erzählers und dessen Anspruch auf den Wahrheitsgehalt der Geschichte. Der Schilderer, der Graf von O***, spricht direkt den Gegenstand seiner Erzählung − eine Begebenheit - an, die durch das Reizwort „unglaublich“ zu einer Spannungssteigerung auf Seiten des realen Lesers führt.
Dem Bezieher wird durch den fiktiven Erzähler ein objektiver Wahrheitsgehalt suggeriert, der auf der Ebene der „kommunizierten Kommunikation“ besteht. Dies bedeutet, dass nicht der Autor selbst für den Wahrheitsgehalt der in seinem Text aufgestellten Behauptungen verantwortlich ist, sondern dieser sich ausschließlich auf die fiktive Erzählerperson beschränkt. 7 Diese kennzeichnet im Weiteren die Begebenheit als einen vergangenen, geraume Zeit zurückliegenden „politischen Vorfall“ und setzt somit gleichzeitig ein ausreichendes Interesse an dem Vergangenen voraus. Es zeigt sich jedoch, dass auch die Leser, die nicht über das Vergangene unterrichtet wurden „willkommen“ sind, da die Erzählung als ein Beitrag zur Geschichte des Betrugs und der Verirrung des menschlichen Geistes dient. 8 Zusammengefasst spricht der fiktive Erzähler damit zwei unterschiedliche Leserkreise an, welche differente Interessen verfolgen. Denen, die bereits über Vorinformationen verfügen, wird „Aufschluß“ über die „Begebenheit“ versprochen, den übrigen das Interesse am menschlichen Handeln fakultativ entgegengebracht. 9 Dieses Interesse wird im folgenden Satz verstärkt, indem der Erzähler die „Kühnheit des Zweckes“ und die „Mittel“, die der „Bosheit“ zugeordnet sind, anspricht und zugleich den Interessenmittelpunkt der Erzählung aufzeigt. Die Einsicht in das menschliche Handeln wird so als Relation zwischen Mittel und Zweck verstanden, die unmittelbar an die historische Tatsache und dem Beispiel der „Begebenheit“ gekoppelt ist. 10
7 Vgl.: Martinez, Matias / Scheffel, Michael: Einführung in die Erzähltheorie. München: C.H. Beck
Verlag, 1999. (Künftig zitiert als: Martinez: Einführung.) S.17.
8 Vgl.: Klaus Kanzog, S.14 f.
9 Vgl.: Ebenda, S.14.
10 Vgl.: Ebenda, S.15.
5
Das persönliche Interesse an dieser Begebenheit grenzt der Erzähler aus, indem er erklärt, dass die Erzählung erst nach seinem Tod veröffentlicht werde und somit kein Gewinn oder Verlust für ihn bestehe. Hierin zeigt sich ein weiterer Anspruch auf den Wahrheitsgehalt, der durch die Bestätigung „reine, strenge Wahrheit wird meine Feder leiten“ bestärkt wird und den Leser suggestiv beeinflussen soll. Durch Anspielungen wie, „man wird über die Seltsamkeit (...) erstaunen“ erzielt der Erzähler einen Spannungsaufbau und lenkt die Neugier des Lesers auf jene „unglaublichen“ Vorkommnisse. Ob der Leser auf den Fiktionscharakter eingeht und für die Dauer der Lektüre der Täuschung unterliegt, dass die Erzählungen auf wahren Begebenheiten beruhen, bleibt ihm überlassen. Fakt ist jedoch, dass durch die Erzählperspektive die Spannung beim Leser gesteigert wird und die Problematik der ästhetischen Illusionsbildung gegeben ist. Nach Richard Alewyn ist die personale Erzählweise somit auch charakteristisch für den Schauerroman, da sie das Empfinden der Figuren aus deren Geist heraus authentisch und kommentarlos präsentieren kann und sich der Leser so besser in die Lage der Figuren versetzen kann. 11
11 Krech: Schauererlebnis. S. 181.
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Arbeit zitieren:
Janna Brundirs, 2005, Spannung und Unheimlichkeit - Wirkungsmomente im Schauer- und Geheimbundroman 'Der Geisterseher' von Friedrich Schiller, München, GRIN Verlag GmbH
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