Inhalt
1. Einleitung 3
2. Gesellschaftsportrait und Charaktere in Père Goriot 5
2.1 Die Pension Vauquer als Symbol für die Gesellschaft in seiner
Artenvielfalt 5
2.2 Physiognomie als Hinweis auf den Charakter der Figur 8
2.3 Die gesellschaftliche Umgebung als Espèce Sociale 9
3. Dynamik der Schichten und Figuren 12
3.1 Soziologische Dynamik in den Gesellschaftsschichten 12
3.2 Mystische Dynamik durch Enérgie und Hasard 13
4. Balzacs Autorenkonzept vom visionären Sekretär 16
4.1 Realistische Elemente habitudes und der mœurs 16
4.2 Der voyant und wertender secrétaire 18
5. Schluss: Père Goriot als ein Amalgam aus Soziologie und Mystik 20
6. Bibliografie 21
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1. Einleitung Der literarische französische Realismus unter Stendhal, Balzac und Flaubert versteht sich als „littérature du vrai“ 1 . Diese Forderung des Realismus, die gesamte Wirklichkeit in all ihren Spielarten zu erfassen und darzustellen bildet das Gegenteil zu den romantischen Richtlinien.
Friedrich bezeichnet Balzac als den größten Gesellschaftsanalytiker der Restaurationszeit und der Julimonarchie 2 . Balzac fasst bezeichnenderweise seine Romane der Comédie Humaine unter dem Überbegriff Etudes sociales zusammen, der die Etudes de mœurs (zu deren Scènes de la vie privée Père Goriot gehört), die Etudes philosophiques und die Etudes analytiques einschließt. Figuren, Handlungen und Zustände werden in Père Goriot nicht nur durch Balzacs individuelle Biografie geprägt (Rastignacs Lebenslauf besitzt große Ähnlichkeit mit Balzacs 3 ), sondern auch durch den engen Bezug zu zeitgenössischen herrschenden wirtschaftliche, politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen, die sich mit der Französischen Revolution 1789 entscheidend zugunsten des Bürgertums und zu Lasten des Adels gewandelt haben. Der Dynamismus dieses gesellschaftlichen Wandlungsprozesses in der nachrevolutionären demokratischen Epoche und seine Auswirkungen übt nach Friedrich (83) einen großen Reiz auf die literarische Schaffenskraft eines Balzac aus. Balzac verankert seinen Realismus, den er als eine histoire des moeurs versteht, fest in der Wirklichkeit. „All is true“ 4 , proklamiert er in Père Goriot. Dass er sein Werk nicht als Fiktion verstanden wissen will „ce drame n’est ni une fiction, ni un roman“ (PG 22), zeigt deutlich sein Interesse an der Wahrhaftigkeit seiner Darstellungen. Père Goriot (1835) bildet eine eigenständige gesellschaftliche Wirklichkeit und stellt die zeitgenössische französische Gesellschaft besonders durch die vorkommenden Charaktere idealtypisch dar. Noch heute ist der Roman für Historiker und Soziologen interessant, als äußerst komplexes Amalgam aus einer detaillierten Beschreibung zeitgenössischer Lebensumstände und der Behandlung sozialer Problematiken. 1 Klaus Heitmann: Der französische Realismus von Stendhal bis Flaubert. Wiesbaden: Akademische Verlagsgesellschaft Athenaion 1979, S. 7. Das Werk wird im folgenden unter Heitmann zitiert. 2 Hugo Friedrich: Drei Klassiker des Französischen Romans. 5., verbesserte Auflage. Frankfurt: Klostermann 1973, 75. Das Werk wird im folgenden unter Friedrich zitiert.
3 Rastignac ist im gleichen Jahr wie Balzac geboren, sein Ankunftsjahr in Paris ist ebenfalls mit dem Balzacs identisch, beide brechen das angefangene Jurastudium ab, wollen in der Gesellschaft reüssieren und besitzen eine Schwester mit Namen Laure.
4 Honoré de Balzac: Le Père Goriot. Paris: Editions Gallimard 1971, 22. Das Werk wird im folgenden unter der Sigle PG zitiert.
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Im Gegensatz zu Stendhal haben wir es bei Balzac nicht mit einer „engen“ literarischen Spiegelung der Wirklichkeit zu tun, sondern einem „Paralleluniversum“ und einem eigenen „Stück Wirklichkeit“ 5 . Eine rein soziologische Lesart von Balzacs Père Goriot als bloße „Milieustudie“ schließt sich jedoch aus, wie im Folgenden aufgezeigt werden soll.
5 Klaus Podak: „Glühendes Leben“. SZ vom 15.05.1999.
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2. Gesellschaftsportrait und Charaktere in Père Goriot Balzac zeigt seine Faszination für alle Formen des menschlichen Lebens in seinem Anspruch, die Gesellschaft in ihrem Ganzen darzustellen, „La réalite complète dans la complète fiction“ 6 . Durch die Widmung des Père Goriot an Saint-Hilaire betont Balzac gerade diesen Anspruch auf eine universelle Erfassung der Gesellschaft, denn Saint- Hilaires Lehre von der „unité de composition“ 7 spricht von einer mystischen Ursubstanz, die sich in der gesamten Gesellschaft widerspiegelt. Dieser Ursubstanz nachzuspüren ist Balzacs erstes Ziel als Schriftsteller. Die Vorstellung von einer Urmaterie, durch die im Verlauf ihrer Bewegung das Produkt der Gesamtheit der Schöpfung entstanden ist, und auch die von Balzac favorisierte Lehre vom theosophischen Illuminismus, in der der Mensch als energiegeladene Figur dargestellt wird, widerspricht der christlichen Schöpfungslehre. Balzac als überzeugter Katholik vereinbart unvereinbare Glaubensrichtungen miteinander. So auch sein Realismus, der gleichermaßen von soziologischen, wissenschaftlichen, wie mystischen Vorstellungen beeinflusst wird (nach Heitmann 44).
2.1 Die Pension Vauquer als Symbol für die Gesellschaft in seiner „Artenvielfalt“
In Père Goriot symbolisiert die Pension Vauquer die gesellschaftliche „masse bourgeoise“, die durch Victorine Taillefer und Eugène de Rastignac mit der „masse aristocratique“ verbunden ist. Der Erzähler kommentiert es in Père Goriot folgendermaßen: „Une réunion semblable devait offrir et offrait en petit les élèments d’une société complète (PG 40)“. Diejenigen, die sie verlassen, sind gesellschaftlich entweder auf- oder abgestiegen. Gesellschaftlich in das höhere aristokratische Milieu aufgestiegen sind am Ende Victorine und Eugène de Rastignac, Absteiger, zumindest im gesellschaftlichen Ansehen, sind die Verräter Poiret und Michonneau. Vautrin nimmt als verratener Unhold eine Sonderstellung ein.
Die Individuen der Gesellschaft selbst untergliedert Balzac ähnlich der Tierwelt in typische Arten.
6 Wolfzettel, Friedrich (Hrsg.): 19. Jahrhundert: Roman. Tübingen: Stauffenburg 1999, 118. Das Werk wird im folgenden unter der Sigle WZ zitiert.
7 Honoré de Balzac: „Avant-Propos de ,La Comédie humaine‘“ in La Comédie humaine. Band 1. Paris: Éditions Gallimard 1976, 7. Das Werk wird im folgenden unter der Sigle AP zitiert.
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Les différences entre un soldat, un ouvrier, un administrateur, un avocat, un oisif, un savant, un homme d’État, un commerçant, un marin, un poète, un pauvre, un prêtre, sont, quoique plus difficiles à saisir, aussi considérables que celles qui distinguent le loup, le lion, l’âne, le corbeau, le requin, le veau marin, la brebis, etc. (AP 8).
Die Bewohner sind auf den ersten Blick dementsprechend kolportagenhafte Typen mit oft der Tierwelt zugeordneten Eigenschaften. Es gibt die verschlagene Wirtin Vauquer, die einen Elsterblick („œil de pie“ (PG 42)) besitzt, den obrigkeitshörigen truthahnhalsigen (PG 34) Beamten Poiret, die hinterhältige „Fledermaus“ (PG 81) Michonneau, die durch Unglück verarmte Adlige Victorine, den aufstrebenden luchsäugigen (PG 141) Studenten Eugène de Rastignac, den Kriegsgewinnler Goriot. Doch abgesehen von Victorine entwickeln sich aus den Typen komplexe Charaktere, unverwechselbare Individuen. Victorine stellt den idealisierten Typus der tugendhaften, unter den ungerechten gesellschaftlichen Verhältnissen leidenden Frau dar, in ihrer passiven Anmut, Güte und Großherzigkeit die Verkörperung des „Angel in the House“ (nach Coventry Patmore). An Victorine wird fallbeispielhaft aufgezeigt, wie sehr Eugène in seiner Entschlusskraft wankt. Aus enttäuschter Liebe wirbt er um Victorine und steht kurz davor, die von Vautrin vorgeschlagenen Mordintrige zu billigen. Dass gerade Victorines „reinen Seele“ erst durch Mithilfe des Bösen in der Person Vautrins zu Gerechtigkeit verholfen wird, muss als starke Gesellschaftskritik aufgefasst werden. Vautrins Charakter ist schwer fassbar, er wird oft als Fabelwesen „Sphinx“ tituliert (PG 142, 143), da gerade er durch unmoralische Taten Gutes bewirkt. Hier gerät die Vorstellung vom Idealtypus bereits an seine Grenzen. Denn Vautrin ist ebenso wenig die rein diabolische Vice-Figur wie Rastignac der moralisch Überlegene, dazu wird seine Figur mit zu großer akribischen Hingabe gezeichnet. Rastignac ist der Typus des aufstrebenden Studenten, wie er uns in Stendhals „Le Rouge et le Noir“ in der Person Julien Sorels begegnet. Im Gegensatz zu ihm besitzt Eugène dank seiner adligen Abstammung die Möglichkeit, durch Beziehungen gesellschaftlich aufzusteigen, das Stendhalsche „Genie“ des rücksichtslosen Emporkömmlings fehlt ihm anfangs, vielmehr hadert er oft mit seinen Entschlüssen, ist bei manchen Gelegenheiten verunsichert, kurz, er entspricht mehr dem romantischen „Werther“ Goethes. Er strotzt anfangs noch vor Idealismus, auch Liebesidealismus, den er aber im Laufe der Erzählung zusammen mit seiner Naivität ablegt. Sein Erfolg bestätigt ihn darin:
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Sabine Friedlein, 2004, Balzacs Realismuskonzeption im Kontext von Père Goriot, Munich, GRIN Publishing GmbH
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