Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Genettes Distanz unter Bezugnahme auf Berlin Alexanderplatz 5
2.1 Theoretische Grundlagen: Von diegesis und mimesis zum narrativen
und dramatischen Modus 5
2.2 Der narrative Modus oder die Erzählung von Ereignissen 7
2.3 Der dramatische Modus: die drei Formen der Personenrede 11
3. Die Perspektive und ihre Zuordnung in Berlin Alexanderplatz 15
4. Schluss: Genettes Erzählung als moderne Erzähltheorie 20
Literaturverzeichnis 21
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1. Einleitung
Gérard Genette diskutiert seine Erzähltheorie Discours du récit (1972), bzw. Noveau discours du récit (1983) vor dem Hintergrund von Prousts A la recherche du temps perdu 1 . Döblins Berlin Alexanderplatz 2 ist als „Kompendium moderner Erzählverfahren“ 3 nicht nur ebenso gut wie die Recherche geeignet, Genettes Theorie zu veranschaulichen, sondern es finden sich darüber hinaus Erzählstrukturen wieder, die in ihrer Komplexität Anlass für eine Prüfung dieses Analysemodells geben.
Genette ordnet den Discours nach den Prinzipien der grammatischen Konjugation, entlehnt ihr auch die Einteilung in die Kategorien erzählte Zeit oder Tempus, Erzählweise oder Modus, und Person oder Stimme. 4 Die Besonderheiten des Modus unter Bezugnahme auf BAP herauszuarbeiten und gleichzeitig die Vereinbarkeiten, bzw. Unvereinbarkeiten zwischen Genettes „Theorie“ und Döblins „Praxis“ offenzulegen sind Ziel dieser Arbeit. Der Modus ist der natürliche Ausgangspunkt für diese kritische Untersuchung, da er als Bindeglied zwischen Tempus und Stimme fungiert. Theoretisch ein autonomes Gebilde, ist der Modus in der erzählerischen Praxis von den Elementen Tempus und Stimme gleichermaßen durchdrungen wenn nicht abhängig. Aus diesem Grund werden sich Begriffe aus den Kategorien Tempus und Stimme wiederfinden, ohne dass sie diesen explizit zugeordnet werden.
1 Im Folgenden RTP.
2 Im Folgenden BAP.
3 Boris Körkel: Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz als Reaktion auf die Erzähl- oder Romankrise und als Epos der Moderne. Juli 1999. 14. Mai 2003.
4 Gérard Genette: Die Erzählung. Übers. v. Andreas Knopp, mit einem Nachwort hrsg. V. Jochen Vogt, 2. Auflage, München 1998. S. 18f.
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Während die Verbkonjugation gut auf die Kategorie des Tempus 5 anwendbar und in den narrativen Diskurs übertragbar ist, zeigen sich Schwierigkeiten bei der Übertragung des grammatischen in einen narrativen Modus, da eine Erzählung selten im Konjunktiv verfasst wird, was ihrer Funktion, über ein bzw. mehrere Ereignisse (nicht Möglichkeiten) zu berichten zuwiderläuft. Somit ist der Indikativ nach Genette der einzige vorstellbare und charakteristische Modus der Erzählung. 6 Die Präsentationsformen des Erzählten unterteilt Genette in die Parameter Distanz und Fokalisierung.
5 Genette unterteilt ihn in Ordnung, Dauer, und Frequenz.
6 Genette, Erzählung, S. 115.
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2. Genettes Distanz unter Bezugnahme auf Berlin Alexanderplatz
2.1 Theoretische Grundlagen: Von diegesis und mimesis zum
narrativen und dramatischen Modus
Die narrative Bedeutung des Modus stützt Genette auf die grammatische Definition Maximilien Littrés. Demnach wird eine Sache mehr oder weniger nachdrücklich erzählt, reguliert durch Informationsfreigabe oder –zurückhaltung. 7 Genette führt hier den Begriff Distanz ein, wobei er die Distanz der Erzählung zum Erzählten oder Nichterzählten meint, beziehungsweise den Grad an Mittelbarkeit 8 . Zu dem Subjekt Franz und seiner Geschichte wird durch regelmäßige an Bänkelsang erinnernde Kapiteleinleitungen und wiederholte Erzählerkommentare die bereits im Untertitel mit dem distanzierenden „vom“ aufgebaute Distanz dauernd erneuert.
Zusätzlich wird die Gradualisierung von Distanz durch Perspektivierung des Erzählten 9 , die verschiedenen, mehr oder weniger beschränkten Blickwinkel der Figur(en) ermöglicht. In BAP ist die zentrale Figur der mit einer beschränkten Perspektive ausgestattete Franz Biberkopf.
Genette orientiert sich an Platons Einteilung der Erzählweise in diegesis und mimesis. 10 Er verwirft jedoch den heute missverständlichen und missverstandenen Begriff mimesis im Sinne von Nachahmung und bezweifelt die generelle Fähigkeit der Erzählung zur Nachahmung von Sprachlichem und Nichtsprachlichem. Entweder, so Genette, sei die Erzählung immer diesseits dieser Nachahmung als eigentliche Erzählung oder jenseits von ihr als Dialog, denn keine Erzählung könne ihre Geschichte tatsächlich nachahmen, es komme bestenfalls zu einer Mimesis- Illusion. 11
7 Ebd.
8 Martinez, Matias; Michael Scheffel: Einführung in die Erzähltheorie. 3. Auflage, München 2002, S. 47.
9 Ebd.
10 Genette, Erzählung, S. 116.
11 Ebd., S. 117.
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Genette führt das neue Begriffspaar vom distanzierenden narrativen Modus und dem distanzlosen dramatischen Modus ein. Mit dem dramatischen Modus findet Genette den klaren Ersatzbegriff für die rein sprachliche mimesis, wie sie Platon gemeint hat. Er hebt den seiner Meinung nach unumgänglichen Gegensatz zwischen Erzählung und Drama hervor. Erzählungen haben im Gegensatz zu Dramen durchaus nicht nur Dialog- oder Monologszenen zum Gegenstand, sie differenzieren zwischen der Erzählung von Worten und der Erzählung von Ereignissen.
Mit solchen eindeutigen Kategorisierungen wird in BAP gespielt. Es kann oft nicht festgestellt werden, ob es sich nun um einen gesprochenen Dialog oder erzählte Situationen handelt.
Die Eva sitzt an Franzens Bett, Wischow kommt und kommt wieder: Wer ist das gewesen, Mensch, wie ist das gekommen? Franz rückt nicht raus. Er hat einen eisernen Kasten um sich gebaut, da sitzt er drin und lässt keinen ran.
Die Eva, Herbert und dessen Freund Emil sitzen zusammen. Seit Franz in der Nacht überfahren angekommen ist, ist ihnen der Mann nicht klar. Der ist doch nicht bloß vom Auto angefahren worden, da steckt doch was dahinter, was hat der um 10 Uhr da im Norden zu suchen, der handelt doch keine Zeitungen um 10 Uhr, wo da oben kein Mensch mehr läuft. Herbert bleibt für sich dabei: Franz hat ein Ding drehen wollen, dabei ist ihm das passiert, und jetzt schämt er sich, weil es mit seinem dreckigen Papierzeug nicht gegangen ist und dann stecken noch andere dahinter, die er nicht verraten will. Eva ist seiner Meinung, er hat ein Ding drehen wollen, aber wie ist denn das passiert, jetzt ist er ein Krüppel. Werden wir schon raus
12
kriegen.
Trotz der fehlenden Anführungszeichen ist der Satz „Wer ist das gewesen...“ eindeutig dem dramatischen Modus und Wischow als Sprecher zuordenbar. Doch bereits die folgenden Sätze „Franz rückt nicht raus“, „Er hat einen eisernen Kasten um sich gebaut, [...]“ und „Eva ist seiner Meinung, er hat ein Ding drehen wollen“ funktionieren sowohl im narrativen Modus, in diesem Fall kommentiert der Erzähler überraschend umgangssprachlich, als auch dramatischen Modus als Evas Gespräch mit Wischow. Eine eindeutige Einordnung in narrative bzw. dramatische Erzählweise wird erschwert wenn nicht unmöglich gemacht, was an den fließenden Übergänge zwischen narrativem und dramatischem Modus liegt.
12 Alfred Döblin: Berlin Alexanderplatz. 42. Auflage, München 2002, S.224.
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Sabine Friedlein, 2003, Anmerkungen zu Genettes 'Die Erzählung' unter Bezugnahme auf 'Berlin Alexanderplatz' mit Schwerpunkt auf den Modus , Munich, GRIN Publishing GmbH
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