2
Inhalt:
Inhalt: 2
Einleitung 3
1. Kapitel Das Wesen eines religiösen Zeichens 6
2. Kapitel Legitimation von religiösen Zeichen bei den christlichen
Glaubensrichtungen 9
3. Kapitel Moskau: das dritte Rom 11
3. Kapitel Die Hundertkapitelsynode 1551 13
4. Kapitel Konservativismus der russisch orthodoxen Kirche 15
5. Kapitel Raskol 19
6. Kapitel Legitimationsprobleme und die Aufspaltung der Raskol niki 21
7. Kapitel Absolutheit des religiösen Zeichens 24
Bibliographie: 27
3
Einleitung
Der Titel dieser Arbeit lautet „Ausdruck von Frömmigkeit in der russischen Kultur". Diese Benennung umfasst eine sehr große Bandbreite von Themen und wirkt dadurch, denkt man sich tiefer in die Thematik hinein, etwas schwammig und unklar.
Um dieses Auseinanderstreben zu begrenzen, wird es hilfreich sein, zunächst den zentralen Begriff der Frömmigkeit zu klären..
Schlägt man „Frömmigkeit“ im Lexikon nach, so findet man sinn- und sachverwandte Wörter wie „Religiosität, Gottesfurcht, Gottesglaube, Gläubigkeit“. 1 Weiterhin wird Frömmigkeit als „die innere Haltung des Anhängers einer Religion, in der die Verehrung des Göttlichen und die Bereitschaft des Frommen enthalten sind, wegen seines Glaubens Opfer zu bringen.“ beschrieben. Hinzukommt die Erklärung, dass die Frömmigkeit das „Denken, Fühlen und Handeln“ eines Gläubigen prägt. 2
Da es hier um die russische Kultur geht, dürfte es von Interesse sein, „Frömmigkeit“ auch ins Russische zu übersetzen. Schlägt man es im zweisprachigen Wörterbuch nach, so findet sich als Übersetzung „набожность“. Im russischen einsprachigen Wörterbuch findet sich zu „набожный“ der Eintrag: „религиозный, верующий, ревностно исполняющий все религиозные обряды“. 3
Demnach beschreibt Frömmigkeit, wie im Deutschen so auch im Russischen, eine bestimmte positive und intensive Beziehung eines Menschen zu Religion, und damit zum transzendent Göttlichen, und die Bereitschaft, diese nicht nur anzuerkennen, sondern sie in ihrer Lehre und praktischen Ausübung anzunehmen.
Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Ausdruck der Frömmigkeit in der russischen Kultur, also mit ihrer materiellen Manifestation, mit ihren äußerlich wahrnehmbaren Merkmalen. Da aber Frömmigkeit die unabdingbare Komponente jeder ernsthaft ausgeübten Religion ist,
1
LexiRom Version 2.0, nachgeschlagen unter „Frömmigkeit
2
Meyers Großes Universal Lexikon, Band 5, nachgeschlagen unter „Frömmigkeit“
3
Словарь русского языка, nachgeschlagen unter «набожный»
4
manifestiert sich der abstrakte Begriff der Frömmigkeit in den Bräuchen, Ritualen und
Symbolen, die jede Religion ausbildet.
5
Große Teile der Mitglieder vieler Religionen, vor allem aus den Reihen der Weltreligionen, begreifen und proklamieren ihren Glauben und damit auch den Ausdruck ihres Glaubens als den einzig richtigen. Unter diesen Glaubensbekenntnissen mit Exklusivitätsanspruch befindet sich auch das Christentum. Interessant ist aber, dass auch Christen untereinander, je nachdem welcher Glaubensgemeinschaft, Katholiken, Protestanten oder Orthodoxe, sie angehören, um die Wahrhaftigkeit ihrer Art des Christentums streiten.
Sehr oft wird diese Wahrhaftigkeit an den äußeren Anzeichen einer Religion festgemacht.
In dieser Arbeit soll nun versucht werden, das Wesen eines religiösen Zeichens überhaupt zu umreißen und die Geschichte religiöser Symbole in der russisch- orthodoxen Kirche im Zusammenhang mit der Geschichte der übrigen christlichen Konfessionen zu beleuchten. Im Verlauf der verschiedenen Kirchengeschichten gab es ähnliche Probleme und Konflikte um den wahrhaften Ausdruck des Glaubens. So hatte z.B. die protestantische Bewegung im 16. Jahrhundert ähnliche Schwierigkeiten mit der Legitimation ihrer religiösen Praxis wie die Anhänger des Staroobrjadčestvo im 17. und 18. Jahrhundert. Da die Legitimation des materiellen Ausdrucks einer Religion ein wesentliches Moment für ihr Bestehen ist, geht diese Arbeit vor allem auf das Problem der Legitimation von religiösen Zeichen und Riten in der Geschichte der russisch- orthodoxen Kirche, aber auch in den anderen christlichen Konfessionen, ein .
6
1. Kapitel
Das Wesen eines religiösen Zeichens
Wie schon in der Einleitung dargelegt, ist Frömmigkeit als die Bereitschaft eine Religion anzunehmen und auszuüben zu definieren.
Dabei ist für das Wesen aller Religionen das Herausbilden von Bräuchen und Ritualen kennzeichnend. 4 Ein Ritual aber ist nichts Anderes als eine symbolische Handlung.
Ein Symbol oder eine symbolische Handlung repräsentiert stets etwas. Seine aüßere Form hat immer einen bestimmten Inhalt, eine Bedeutung und nach Meinung Florenskijs auch immer eine Funktion. 5
An dieser Stelle drängt sich die Frage auf, ob religiöse also kultische Zeichen sich von anderen nichtreligiösen Zeichen unterscheiden. Und wenn ja, in welcher Weise? Wenn man in der Tradition de Saussures die Unterscheidung des arbiträren Zeichens im Gegensatz zum motivierten Symbol annimmt 6 , entsteht die Schwierigkeit der Zuordnung des religiösen Zeichens zu einem von beiden. Ist die äußere Form eines religiösen Zeichens willkürlich oder ist seine Form durch seinen Inhalt bestimmt. Und, verändert sich der Inhalt, wenn sich die äußere Form verändert? Nimmt man, wie Florenskij, an, dass die äußere Form eines religiösen Zeichens nicht willkürlich sein kann, ansonsten sei es keines, ist die logische Schlussfolgerung, dass das religiöse Zeichen ein Symbol, also durch sein Referenzobjekt motiviert, ist, d.h. Analogien mit ihm aufweist. 7 Nach Meinung Florenskijs in Hinsicht auf die Ikone und der Luthers in Hinsicht auf das Abendmahl 8 ist das religiöse Zeichen gleichzeitig sein Referenzobjekt und verweist nicht nur darauf. Das Vorhandensein des religiösen Zeichens ist auch immer die Anwesenheit des Göttlichen, des Heiligen. Nach dieser Auffassung kann ein reliogiöses Zeichen also kein Symbol sein, dessen Form zwar durch sein Referenzobjekt motiviert ist, auf dieses jedoch nur verweist und nicht identisch mit ihm ist. 9
4 Microsoft Encarta 97 Enzyklopädie, nachgeschlagen unter „Religion“
5
Florenskij, Pavel: Die Ikonostase. S 72
6
Nöth, Winfried: Handbuch der Semiotik. S 142
7
Nöth, Winfried: Handbuch der Semiotik. S 181
8
Nöth, Winfried: Handbuch der Semiotik. S 424
9
Nöth, Winfried: Handbuch der Semiotik. S 142/ S 181- 182
7
Als Beispiel dafür lässt sich das schon erwähnte Abendmahl anführen. Gläubige Christen sind der Überzeugung, dass, wenn sie dieses Sakrament feiern, das Brot und der Wein nicht nur Symbole für den Leib und das Blut Christi sind, sondern in diesem Moment tatsächlich zu Leib und Blut Christi werden.
Auf wunderbare Weise findet während der Proskomidie, die der Priester unter Gebet nach sehr genauen Regeln durchführt, eine Verwandlung des Brotes und des Weines in Leib und Blut Christi statt. Dabei bedeutet das Sakrament der Eucharistie den „mit materiellen Zeichen vollzogenen Zuspruch der durch Christus dargebotenen Gnade Gottes, die zugleich Gemeinschaft mit ihm und den anderen Gläubigen stiftet.“. 10 Es ist also eine Handlung, in der Gott direkt wirkt.
Hildegard von Bingen hat die Notwendigkeit der Aufnahme von Brot und Wein damit erklärt, dass der Mensch als fleischliches Wesen nicht fähig wäre, das, was er mit dem Brot und dem Wein zu sich nimmt, in reiner Form aufzunehmen. Das, was dem Körper zugeführt wird, erlangt der Geist auf eine dem Menschen nicht fassbare Weise. Deshalb wird die Eucharistie als ein Mysterium bezeichnet. 11
Das Mysterium, also etwas Geheimnisvolles, in der Eucharestie und in den restlichen Sakramenten bildet für den Menschen die Tatsache, dass von Menschen geschaffene Gegenstände und von Menschen ausgeführte Handlungen auf wunderbare Weise von etwas transzendent- Göttlichem beseelt werden.
Dafür, dass religiöse Zeichen nicht nur reine Form mit einer ideelen Bedeutung sind, spricht sich auch Florenskij in seiner Abhandlung „Die Ikonostase“ aus. Für ihn sind Symbole allgemein und auch religiöse Zeichen nicht mit Inhalt gefüllt, repräsentieren nicht nur etwas, sondern sind in gewisser Weise schon das, was sie zu vertreten suchen. Eine Ikone, zum Beispiel, stimmt für ihn mit den „Umrissen einer himmlischen Vision“ überein und wird im menschlichen Bewusstsein identisch mit dieser Vision. Und ohne dieses „geistige Bild“ wird die Ikone zu einem einfachen Brett. Wenn sie also aufhört eine himmlische Vision zu sein hört sie auch auf Ikone, und damit ein religiöses Zeichen, zu sein.
10
Onasch, Konrad: Lexikon Liturgie und Kunst der Ostkirche, nachgeschlagen unter „Sakrament“. S 334
11
Hildegard von Bingen: Scivias II 6. In: Gamber, Klaus: Orientierung an der Orthodoxie. S 83- 84
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Katharina Friesen, 2001, Ausdruck von Frömmigkeit in der russischen Kultur - Religiöse Zeichen und ihre Legitimation, Munich, GRIN Publishing GmbH
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