Universität Karlsruhe
Institut für Geschichte
Oral History und Technikgeschichte
Biographieforschung und Geschichtswissenschaft
Verfasserin: Sandra Schmidt
März 2006
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Entwicklung der Oral History in den USA, Polen und Deutschland 4
2.1 Beginn in den USA: Thomas/Znaniecki 4
2.2 Entwicklung in der polnischen Soziologie 7
2.3 Deutscher „Sonderweg“ 9
3. Zwischenbilanz zu Beginn der 80er Jahre 12
4. Perspektivenwechsel zu Beginn der 80er Jahre und die Folgezeit 14
5. Theoretischer Ansatz - Probleme und Perspektiven 17
5.1 Narratives Interview 17
5.2 Methodische und theoretische Probleme 19
5.3 Diskussion um mögliche Lösungsansätze 22
6. Fazit 24
Literatur 25
Internet: 26
1. Einleitung
„Eine demokratische Zukunft bedarf einer Vergangenheit, in der nicht nur die Oberen hörbar sind.“1 In dieser Aussage des Historikers und Sozialwissenschaftlers Lutz Niethammer verdeutlicht sich die Hoffnung auf eine stärkere Konzentration auf die Methode der Oral History. Denn die Methode bietet die Möglichkeit, eine Geschichte der „Unteren“ zu erforschen. Die deutsche Geschichtswissenschaft wurde durch den Historismus geprägt und ist damit an die Geschichte der großen Persönlichkeiten – insbesondere der bedeutenden Staatsmänner – gewöhnt. Die mündliche Geschichte und insbesondere das Erinnerungsgespräch können sich der Alltags- und Lebenswelt vor allem der unteren Bevölkerungsschichten nähern. Seit Beginn der 80er Jahre ist dies auch in Deutschland geschehen, doch es bedarf immer noch einer stärkeren und konzentrierteren Beschäftigung mit der Oral History und ihrem wissenschaftlichen Instrumentarium und ihrer Vorgehensweise. Noch immer kommen biographische Befragungen und narrative Interviews innerhalb der deutschen Soziologie weitaus größere Bedeutung zu als in der Geschichtswissenschaft. Die Deutsche Gesellschaft für Soziologie hat sogar eine eigene Sektion „Biographieforschung“.
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Geschichte der Oral History und mit deren Verhältnis zur Geschichtswissenschaft. Verdeutlichend zum deutschen „Sonderweg“ wird zunächst auf die Vorreiter USA und Polen eingegangen. Anschließend soll untersucht werden, warum es in Deutschland eine solche Reserviertheit gegenüber dieser Methode gab – erst mit der Nachkriegszeit kam Interesse am Erinnerungsinterview als historischer Dokumentationstechnik auf – und noch immer eine grundlegende Skepsis von Seiten der Forscher die Weiterführung und Ausschöpfung der Möglichkeiten hemmt.
Grundsätzlich ist die Oral History ein retrospektives Erhebungsverfahren, bei dem es um ehemalige Ansichten und Bedeutungen von vergangenen Ereignissen geht. Auf die miteinhergehenden Probleme dieser Methode soll hier im Speziellen eingegangen werden. Zudem werden Diskussionen und mögliche Lösungsansätze vorgestellt.
Auffällig ist bei der Beschäftigung mit der Geschichte der Oral History, dass es nur wenige Monographien zu diesem Thema gibt und Erscheinungen aus dem letzten Jahrzehnt sehr rar sind. Daher wurden für diese Arbeit vorrangig die Aufsätze aus der Zeitschrift für Biographieforschung und Oral History (BIOS) verwendet.
2. Entwicklung der Oral History in den USA, Polen und Deutschland
In fast jedem Land gibt es eine eigene Tradition der Geschichts- und Sozialwissenschaften. Das Geschichtsverständnis prägte und prägt den Umgang mit Methoden wie Quellenkritik und ist bedeutend für die Offenheit gegenüber neuen Methoden und Techniken. Polen und die USA stechen als Vorreiter der Oral History Methode hervor, Deutschland dagegen ist als „Sonderfall“2 bis heute durch eine tief liegende Skepsis gegenüber der mündlichen Geschichte gekennzeichnet.
2.1 Beginn in den USA: Thomas/Znaniecki
Das in den USA entstandene und publizierte Werk „The Polish Peasant in Europe and America“ (1918-1920) von William I. Thomas und Florian Znaniecki ist der umstrittene Klassiker der biographischen Methode. Das Werk, das Licht werfen sollte auf die Entwicklungen der unteren Sozialschichten der polnischen Gesellschaft, wirkte trotz einiger zu kritisierender Punkte inspirierend auf die amerikanische Soziologie.3
Das Werk beginnt mit einem grundlangentheoretischen Einleitungskapitel („methodological note“), dann folgen Darlegungen über soziale Organisation und Desorganisation im ländlichen Polen und unter den polnischen Immigranten in den USA. Die Darlegungen werden von vielen Dokumenten belegt. Schließlich folgt eine mehr als 300seitige Autobiographie des jungen polnischen Emigranten Wladek Wiszniewski.
[....]
1 Niethammer, Lutz (Hrsg.): Lebenserfahrung und kollektives Gedächtnis. Die Praxis der „Oral History“. Frankfurt am Main 1980. S. 7.
2 Briesen, Detlef; Gans, Rüdiger: Über den Wert von Zeitzeugen in der deutschen Historik. Zur Geschichte einer Ausgrenzung. In: In: Fuchs-Heinritz, Werner u.a. (Hrsg.): Zeitschrift für Biographieforschung und Oral History, Heft 1. Leverkusen 1993. S. 1-32. S. 2.
3 Kohli, Martin: Wie es zur "biographischen Methode" kam und was daraus geworden ist. Ein Kapitel aus der Geschichte der Sozialforschung. In: Flora, Petra u.a. (Hrsg.): Zeitschrift für Soziologie, 10, 3. Stuttgart 1981. S. 273-293. S. 274.
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Bakkalaurea Artium Sandra Schmidt, 2006, Biographieforschung und Geschichtswissenschaft, Munich, GRIN Publishing GmbH
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