Inhaltsverzeichnis
Kapitel
1. Einleitung
2. Amerikanisierung oder Modernisierung?
2.1. Professionalisierung
2.2. Personalisierung
2.3. Kommt es nun ausschließlich auf den Kandidaten an?
3. Die TV-Duelle in den Bundestagswahlkämpfen
3.1. Geschichte der Fernsehdebatten
3.2. Die TV-Duelle 2002 und 2005
3.3. Das Format der TV-Duelle
4. Nutzung, Wahrnehmung und Wirkung der TV-Duelle 2002 und 2005
4.1. Nutzung
4.2. Wahrnehmung und Wirkung
5. Fazit
Literatur
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1. Einleitung
In der Fachliteratur wird zurzeit heftig diskutiert. Zwei Thesen stehen dort zur Disposition: Es wird von „Amerikanisierung“ oder „Modernisierung“ des deutschen Wahlkampfs gesprochen. Egal, wie man nun die neuen Entwicklungen im modernen Wahlkampf bezeichnen möchte, dahinter verbergen sich vor allem drei Facetten:
Personalisierung, Mediatisierung und Professionalisierung. Alle drei Komponenten sind nicht völlig neu für die Bundestagswahlkämpfe, doch ihre Bedeutung ist in den neunziger Jahren dramatisch gewachsen. Vieles wird dabei von Dick Morris 1 , dem wohl bekanntesten amerikanischen Politikberater, abgeschrieben. In seinem Buch 2 hat er die Geheimnisse der erfolgreichen Clinton-Wahlkampagne gelüftet. Man verkürzt jedoch die so genannte Amerikanisierung der Wahlkämpfe, wenn man in ihr nur eine populistische Verflachung sieht. Experten sehen in dieser Entwicklung auch den Einfluss gesellschaftlicher Veränderungen auf den Wahlkampf.
Wahlkampf ist demnach nicht mehr alleine Sache der Partei oder der Parteizentralen, die eine Wahlkampfkommission einsetzen. Die Parteien ziehen Experten hinzu, die ihnen und ihren Kandidaten beratend zur Seite stehen. Neben den Demoskopen und Sozialwissenschaftlern kommen diese Fachleute zunehmend aus Werbung, Journalismus und Management. Dieser Trend, der sich bis ins Jahr 2002 abzeichnete, wurde allerdings im Bundestagswahlkampf 2005 etwas abgeschwächt.
Wahlkämpfe werden zunehmend auf den Spitzenkandidaten einer Partei ausgerichtet. Die Sachthemen treten immer mehr in den Hintergrund, der Spitzenkandidat verkörpert die Politik und die Ziele seiner Partei. Strategisch ist hier die Person des Amtsinhabers im Vorteil. Personen repräsentieren politische Botschaften. Je größer das Potenzial an Wechselwählern ist, umso stärker ist der Drang zur Personalisierung. Die Spitzenkandidaten stecken dabei in einer Doppelrolle: Sie sind Hauptdarsteller und zugleich Inhalt der Kampagne. Zu den strategischen Vorbedingungen gehört, dass der Kandidat die geschlossene Unterstützung der Partei und der Anhängerschaft besitzt.
1 Dick Morris war Wahlkampfmanager von Bill Clinton bei den Präsidentschaftswahlen 1992 und 1996.
2 Morris, Dick: Behind the oval office. New York 1997
3
Zum ersten Mal kam es im Jahr 2002 zu einem Fernsehduell zwischen dem amtierenden Bundeskanzler und seinem Herausforderer. Dies stellt zweifelsohne ein Höhepunkt der Personalisierung dar. Im Folgenden sollen vor allem die Nutzung, Wahrnehmung und Wirkung der TV-Duelle im Kontext der Amerikanisierung oder Modernisierung analysiert werden.
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2. Amerikanisierung oder Modernisierung?
2.1. Professionalisierung
Der abgeschlossene Wahlkampf bot in der Retrospektive eigentlich nicht viel Neues. Er war nicht spannender, innovativer oder moderner als die Bundestagswahlkämpfe 1998 und 2002. Die vor allem in den Medien angeprangerte „Amerikanisierung“ des deutschen Wahlkampfs - von wissenschaftlichen Kampagnenbeobachtern lieber als Modernisierung bezeichneten Entwicklungen u. a. zur Professionalisierung des Wahlkampfmanagments und zunehmender Personalisierung - verfestigte sich bei oberflächlicher Betrachtung weiter.
Doch Medienereignisse wie z.B. der Wahlparteitag der CDU, mit „stramm organisiertem Frohsinn“, „einer unbekannten Rockband, die eine bekannte kopierte“, und vor allem „Jubel, Jubel, Jubel“ (Schwarz 2005, S. 4), verdecken, dass sich etwas im Wechselspiel zwischen der Politik und ihrer Inszenierung verändert hat: Der aktuelle Bundestagswahlkampf war seit Jahren der erste Wahlkampf, den nicht die so genannten „Spin Doktoren“ 3 beherrschten.
Professionalität und Transparenz im Wahlkampf und seiner Organisation entsprach in den neunziger Jahren dem linksliberalen Begriff von Modernität. Das Anwerben externer Idealisten und Spezialisten versprach die Abkehr von verkrusteten Parteiapparaten. Die Offenheit gegenüber den Medien sollte jene Mischung aus frischem Wind und Bürgernähe suggerieren, die den konservativen Machthabern angeblich verloren gegangen war.
Seinen politischen Aufschwung erfuhr das Beraterwesen durch Bill Clintons erstaunlichen Sieg von 1992, als er als nahezu unbekannter Kandidat mit Hilfe seiner Wahlkampfmaschinerie amerikanischer Präsident wurde. 1996/97 setzte die Blair-Truppe erfolgreich auf das Rezept, und auch die SPD bei der Bundestagswahl 1998. Gemeint ist eine professionell organisierte Kampagne unter Berücksichtigung der Bedingungen, die sich aus den signifikanten Veränderungen bei Wähler und
3 Engl. spin: frei übersetzt:, die Kunst, der Wirklichkeit den eigenen politischen Dreh zu verpassen.
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Medienlandschaft ergeben haben 4 . Der US-amerikanische Wahlkampf, der sich solchen Herausforderungen schon früher stellen musste, bot reichlich Anregungen dafür, wie eine solche Kampagne auszusehen hat. Moderner Wahlkampf in diesem Sinne bedingt die Anwendung von Erkenntnissen und Methoden der Markt- und Meinungsforschung. Das aktive Wahlkampfmanagment erfordert die Zentralisierung der Wahlkampfkampagne, um alle Maßnahmen zu steuern und die Risiken unterschiedlicher Politikdarstellung auszuschalten. Die Kampagnenzentrale hält demnach alle Fäden in der Hand, sie koordiniert die Aktivitäten von Parteivertretern mit denjenigen, die an externe Auftragnehmer vergeben werden. Die Kampagne steht unter dem Primat des einheitlichen und einigen Auftritts, der über die Massenmedien vermittelt werden soll. Zugleich versichert sich die Politik professioneller Unterstützung. Die differenzierten Aufgaben werden in die Hände von Spezialisten gelegt, um den Aufmerksamkeitseffekt zu maximieren und so weit wie möglich zu bestimmen, wie Politik in der Öffentlichkeit präsentiert wird (vgl. Althaus 2001, Noelle-Neumann/Kepplinger/Donsbach 1999).
Auch die 1998 im Bundestagswahlkampf von der SPD eingerichtete „Kampa“ war so strukturiert. So stark war das suggestive Erfolgsversprechen, das von der Methode der Kampa ausging, dass CDU und CSU 2002 mit der „Arena02“ ihre eigene Kampagnenzentrale aufmachten. Leiter war Ex-BamS-Chef Michael Spreng. Während sowohl die CDU als auch FDP, Grüne und PDS 5 (Fengler/Jun 2003, S. 169) 2002 noch fleißig abkupferten, hatte die SPD ihre Kampa bereits entkernt: Die entscheidenden Weichen im Wahlkampf stellte nun wieder das Kanzleramt 6 .
4 Die Bindungen der Wählerinnen und Wähler an die Parteien beginnen lockerer zu werden. Die Zahl derjenigen
Deutschen, die keine Parteienidentifikation aufweist, wird immer größer (vgl. Roth 1998, S.44). sozialer Wandel
bricht die traditionellen Milieus auf und die Gesellschaft differenziert sich, es entstehen verschiedene
Lebensstilgruppen, die aber als weniger stabil gelten als einstmals die sozialen und politischen Milieus (vgl.
Oedegaard 2000, S.212-234). Wahlentscheidungen scheinen also kurzfristiger wandelbar. Für die Parteien
wächst damit die Unsicherheit über ihre Wählerschaft und zugleich die Herausforderung an ihre Bemühungen im
Wahlkampf.
5 Es sollte an dieser Stelle angemerkt werden, dass FDP, Grüne und PDS zwar die erfolgreiche Strategie der
Kampa im Bundestagswahlkampf 1998 gründlich studierten, jedoch keine externen Wahlkampfzentralen
einrichteten.
6 Kampas kehren das Verhältnis von Bühne und Kulisse um: Üblicherweise beherrschen die Politiker den
Wahlkampf, während Apparat und Helfer im Hintergrund bleiben. Doch der Erfolg bei der Wahl 1998 rückte
plötzlich auch die Strategen ins Rampenlicht. Dies nährte wahrscheinlich den Verdacht, sie hielten die Fäden in
der Hand (was teilweise auch so war), an denen die Politiker zappelten. Das mochten weder Politiker noch
Bürger auf Dauer ertragen (vgl. Schwarz 2005, S. 4).
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Arbeit zitieren:
Jens Allendorff, 2005, Personalisierung als Facette der Modernisierung? Die TV-Duelle im Bundestagswahlkampf 2002 und 2005, München, GRIN Verlag GmbH
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