Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Die Nachricht über den „wunderseltzamen Fisch“
2.1. Allgemein 1
2.2. Innere und äußere Form 2
2.3. Inhalt 3
2.4. Kontext 5
2.5. Mediale Variationen 8
3. Fazit 12
A. Literaturverzeichnis I
B. Transkription III
C. Flugblatt „wunderseltzamer Fisch“ IX
1. Einleitung
Berichte über Wunderzeichen und Wunderwesen gehörten in der frühen Neuzeit zum Repertoire der Printmedien. Sie erfüllten unterhaltende, konfessionelle und, soweit es diese Gattung zulässt, auch informierende Aufgaben. Die vorliegende Hausarbeit untersucht eine spezielle Ausprägung dieser Wunderzeichenliteratur: Druckwerke, die über einen „wunderseltzamen Fisch" berichten. Sie erschienen an verschiedenen Orten in Zentraleuropa, vermutlich ab dem im Jahr 1623. Allen gemeinsamzumindest innerhalb der überlieferten Flugblätter - ist eine inhaltlich ähnliche, wenn auch in Details abweichende grafische Darstellung des Fisches. Der Inhalt dieser Nachricht, dargelegt mittels einer exemplarischen Quelleninterpretation und soweit erforderlich die Darstellung ihrer Verbreitung bilden den Kern dieser Arbeit.
2. Die Nachricht über den „Wunderseltzamen Fisch“
2.1. Allgemein
Im Jahre 1623 wurde ein „wunderseltzamer Fisch" in einem Fluss im heutigen Polen gesehen. Das ist der übereinstimmende Inhalt mehrerer Flugblätter zu diesem Thema. Die vorliegenden und dieser Arbeit zu Grunde liegenden Flugblätter sind der Sammlung von John Roger Paas 1 entnommen. Darin finden sich ein Flugblatt in polnischer Sprache, drei in deutscher und zwei in französischer. Weitere Hinweise auf die mediale Berichterstattung in einer Messrelation liefert Ulrich Rosseaux. 2 Vor einer Rekonstruktion der Verbreitungswege möchte ich den Inhalt eines der Flugblätter erläutern. Ich beziehe mich dabei auf das Exemplar P-1034 aus den German Political Broadsheets 3 , da es von den erhältlichen Exemplaren in deutscher Sprache am meisten Informationen über seinen Herkunft bietet; es werden Drucker, Druckort und -jahr genannt. Zum Einsatz kommt dabei die Quellenkritik, die sich zuerst mit der inneren und äußeren Form beschäftigt, daraufhin das Gesagte mit einer
1 PAAS, John-Roger: The German political Broadsheet 1600 - 1700 Bd. 4, 1994, S. 170-172, 411-414.
2 ROSSEAUX, Ulrich: Die Kipper und Wipper als publizistisches Ereignis, 2001, S. 407.
3 PAAS, John-Roger: The German political Broadsheet 1600 - 1700 Bd. 4, 1994, S. 172; siehe Anhang C.
1
Inhaltsangabe zusammenfasst und es in den historischen Kontext einordnet. Eine persönliche Einschätzung bildet den Abschluss.
2.2. Innere und äußere Form
Die vorliegende Quelle ist ein Flugblatt, datiert vom Verfasser auf das Jahr 1624. Der Druckort ist mit Prag angegeben, der Drucker nennt sich Jacob Schmariß. Ob dieser Name nur als Synonym gebraucht ist oder ob sein Träger tatsächlich gelebt hat, ließ sich nicht ermitteln, da unter dieser Autorenbezeichnung nur ein weiteres Flugblatt zum Thema des „wunderseltzamen Fisch“ gefunden werden konnte. 4 Verortet in den historischen Kontext lässt sich nach Michael Schilling 5 jedoch sagen, dass der anonyme Druck sehr beliebt war und deshalb auch hier nicht abwegig ist. Denn er versprach Schutz vor der Zensur der Obrigkeit, die unter anderem (fiktive) Wundergeschichten - und in diese Gattung dürfte der vorliegende Fall gehörenverfolgte.
Das zu interpretierende Flugblatt liegt mir als Kopie aus den German Political Broadsheets vor und beruht nach Aussage des Autors John-Roger Paas auf Originalmaterial. Der Text erscheint aufgrund seiner sprachlichen Form, auf die ich später noch eingehen werde, authentisch. Er berichtet über den Fang eines Fisches, der in einem polnischen Fluss gefangen wurde und eine Vielzahl seltsamer Zeichen aufweist. Der Autor hat allerdings weder den Akt des Fangs noch den Fisch mit eigenen Augen gesehen, er beschränkt sich auf eine Nacherzählung von einem Ereignis aus dem Jahr 1623 ohne genaue Quellenangabe, was die unpersönliche Aussage „[...] weil man Neulich gefangen frisch/ein recht schröcklichn Wunderfisch [...]“ bestätigt. Auch fehlen Hinweise auf Personen, die diesen Fang bezeugen könnten. Dies war in der frühen Neuzeit eine gerne verwendete Praxis, um der eigenen Erzählung Glaubwürdigkeit durch die Erwähnung Dritter zu geben.
4 Nach Recherche in PAAS, John-Roger: German Political Broadsheet, KÖHLER, Hans-Joachim: Flugschriften des späteren 16. Jahrhunderts, www.vd17.de.
5 SCHILLING Michael: Bildpublizistik der frühen Neuzeit, S. 13
Gründe nach Schilling für die anonyme Veröffentlichung von Flugblättern sind erstens Schutz vor der Zensur der Obrigkeit, zweitens die Befürchtung der Autoren, ihr literarischer Ruf nimmt wegen der Produktion des gesellschaftlich nicht hoch angesehenen Mediums Flugblatte Schaden; drittens wegen der Depersonalisierung des Inhalts und damit der Beanspruchung größerer Allgemeingültigkeit und viertens waren unbekannte Verfassernamen dem Absatz teilweise hinderlich.
2
Daraus ergibt sich, das der Drucker Schmariß zwar Zeitzeuge - das Ereignis passierte ein Jahr vor seinem Druck - jedoch nicht Augenzeuge war. Er will mit seinem Flugblatt belehren und deutet seinen Bericht als Aufforderung Gottes zu gesteigerter Frömmigkeit und Buße sowie einer Kritik an der katholischen Kirche. Er beginnt seine Nachricht nicht mit ihrem Inhalt, sondern berichtet die ersten drei Absätze über die Gutmütigkeit Gottes und spricht eine Warnung an die Christenheit aus. Die anschließende Beschreibung des gefangenen Fisches dient zur Bestätigung der vorher aufgestellten Thesen. Weitere Zweifel an dem Wahrheitsgehalt des Flugblattes lässt die Bezeichnung „Newe Zeytung“ in der Titelzeile aufkommen. Schon im 17. Jahrhundert galten diese Schriften als Sensationslektüre mit beschränkter Selbstverpflichtung zur Publikation der Wahrheit. 6 Für den Druckerverleger waren Flugblätter in erster Linie Mittel zum Zweck und dieser Zweck war das Verdienen von Geld. Er bestimmte den Inhalt nach wirtschaftlichen Erfordernissen. Schriften mit Berichten über Wunderzeichen und anderem sensationellen Inhalt verkauften sich besonders in den ländlichen Gegenden, die allgemein von einem ereignislosen Alltagsleben geprägt waren, gut. 7 Das sich daraus ergebende Fazit der Herstellung dieses Flugblattes aus wirtschaftlichen Gründen ist also keineswegs abwegig. Die Quelle lässt sich der Einteilung von Ernst Bernheim folgend unter dem Ordnungspunkt „Überrest" einstufen. Sie wurde geschaffen zur zeitnahen Information, nicht aber als Informationsgrundlage für nachfolgende Generationen.
2.3 Inhalt
Das Flugblatt besteht aus einem Bildteil, der knapp die Hälfte des Platzes beansprucht. Über ihm befindet sich die Überschrift und Einleitung zum Thema, darunter die Erklärung und Deutung der Nachricht in 13 durch Absätze getrennten Kapitel.
Das Bild zeigt einen Fisch mit menschlichem Haupt, ein lateinisches Kreuz ragt aus dem Mund. Auf dem Kopf trägt er eine Krone, darauf befinden sich drei Kreuze.
6 Ders.: S. 127.
7 FAULSTICH, Werner: Medien zwischen Herrschaft und Revolte, S. 118, 120.
3
Eines mit drei Querbalken, das Pabstkreuz und zwei mit je zwei Querbalken, die Patriarchatskreuze. Der Rumpf ist mit Schuppen bestückt, in ihm sind drei Pistolen und ein Schwert, eine Hellebarde und zwei „Fähnlein" mit den Lettern „FRP" und „ADIH" zu sehen. Abkürzungen, die konfessionelle oder herrschaftliche Bedeutung besitzen können, auf jeden Fall in einen zeitnahen Zusammenhang stehen. 8 Auch ein Totenkopf mit Lorbeerkranz ist zu sehen. Allesamt Zeichen für ein bevorstehendes Unheil, sehr wahrscheinlich Krieg. Auf dem Rücken befindet sich außerdem eine Kanone, Pfeile weisen anstatt der Flossen vom Rumpf weg. Da sie im Text als „Türckische Pflitschpfeil" beschrieben sind, liegt eine Anspielung auf den Konflikt mit dem Osmanischen Reich nahe. Den fabulösen Gesamteindruck des Fisches vervollständigen seine beiden Beine - Extremitäten, die einem Fisch fehlen - und die hier in Adler- und Löwenform ausgeprägt sind.
Die Überschrift berichtet in großen Lettern von einem „grossen Wunder vnnd Mirackel“. Eine Zeile darüber, in kleineren Buchstaben, erfolgte bereits die Rechtfertigung für diese Nachricht, es ist eine „wahrhaffte Newe Zeytung vnd eine warnung Gottes“. Der weitere Inhalt der Überschrift gibt das Ereignis in kurzen Worten wieder. Es wurde ein sehr großer und „erschröcklicher“ Fisch in der Weichsel nahe der polnischen Hauptstadt Warschau gefangen. Sie schließt mit der Bemerkung „Im Thon: Es ist gewißlich an der zeit“, die als Vorausahnung des kommenden Weltuntergangs oder jüngsten Gerichts gesehen werden kann. Der erste Absatz schließt an diese Warnung an, er warnt alle Christen vor der bevorstehenden letzten Stunde und fordert sie auf, die sichtbaren Anzeichen - wie den im folgenden beschriebenen Fisch - zu beachten. Im zweiten Absatz versucht der Autor sein Worte zu festigen, spricht von der „verstockten Welt", die nicht Buße vor dem „barmherzigen Gott" ablegen möchte. Die Barmherzigkeit Gottes ist wiederum Thema des dritten Absatzes, hier deutet der Autor die Wunderzeichen als Verkündung des göttlichen Zorns über die Menschen. Im vierten Absatz kommt der in der Überschrift angesprochene Fisch hinzu. Er wird als erneutes Zeichen Gottes gesehen, das eigene Leben zu bessern. Es folgt darauf eine Beschreibung des Fundortes: der Fluss „Weissel", also die heutige Weichsel, bei Warschau. Neben den
8 Eine allgemeingültige Bedeutung dieser Abkürzungen ist nach Konsultation diverser konfessioneller und weltlicher Lexika zu speziellen Begriffen und Abkürzungen auszuschließen.
4
Arbeit zitieren:
Michael Ludwig, 2003, Der "wunderseltzame Fisch", München, GRIN Verlag GmbH
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