Gliederung und Inhaltsverzeichnis
1 E i n l e i t u n g S e i t e 3
2 Biographie, Schaffen und geistige Entwicklung 4
3 Deutung Vicos 9
4 Grundpfeiler der vichianischen Philosophie 10
4.1 Das Axiom verum et factum
4.1.1 Verum et factum in der Scienza Nuova 10
4.1.2 Die Anfänge des Axioms in der Schrift 12
De nostri temporis studiorum ratione
4.1.3 Formulierung des Axioms im Liber Metaphysicus 13
4.1.4 Vicos Entdeckung 15
4.2 Weitere grundlegende Begriffe 15
5 Die Scienza Nuova
5.1 Entstehungsgeschichte, Grundgedanken und Aufbau 19
5.2 Das Frontispiz 21
5.3 Die Anfänge des menschlichen Geistes 23
5.4 Der zyklische Verlauf - corso und ricorso 24
5.5 Sprachbetrachtung und Sprachphilosophie 25
5 6 D a s R e c h t S e i t e 3 0
5.7 Der wahre Homer 31
6 Zusammenfassung 32
7 Bibliographie 33
Robert Mintchev - „Giambattista Vico als Sprach- und Geschichtsphilosoph“
1 Einleitung
In dieser Stadt glaube ich, mein Werk in die Wüste geschickt zu haben. Ich fliehe alle belebten Orte, um denen nicht zu begegnen, welchen ich es geschickt habe. Wenn dies aber notwendig einmal geschieht, dann grüße ich nur flüchtig. Bei dieser Gelegenheit gibt mir niemand auch nur ein Zeichen, daß er es erhalten hat - und dadurch bestätigen mir alle, daß ich es in die Wüste geschickt habe. 1
Dies schrieb Giambattista Vico am 25. November 1725 in einem privaten Brief an den Kapuzinerpater Bernardo Mario Giacco und es verdeutlicht recht gut die Situation des italienischen Philosophen nach Veröffentlichung seines Hauptwerkes, der Scienza Nuova. Vico, der heute als Begründer der Geschichtsphilosophie und Gesellschaftswissenschaften gilt, von einigen sogar als Vorreiter späterer Bewegungen wie Pragmatismus, Historismus, Existentialismus oder Strukturalismus gesehen wird, war zu Lebzeiten hingegen nur wenig bekannt, galt als Prophet und spekulativer Dunkelmann, eine Dunkelheit, die ihn selbst zum Mythos machte.
Vico war eine rätselhafte Gestalt, eingehüllt in Mythenbildungen, dessen Wirkung erst Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts einsetzte, der erst etwa einhundert Jahre nach seinem Tod anerkannt und in die italienische Philosophentradition aufgenommen wurde. Vico war Philosoph und Jurist, Dichtung und Recht galt sein besonderes Interesse. Er schrieb über Mythen und Metaphern, Sprache und den Verlauf der Geschichte. Bei Vico findet sich eine ganz besondere Form von Theologie, Geschichtsforschung, Philosophie und Sprachbetrachtung. Viele meinen, Vico wäre seiner Zeit voraus gewesen. Was macht diesen Metaphysiker so besonders, über den Benedetto Croce sagte, bei ihm finde sich „das ganze neunzehnte Jahrhundert in nuce“? 2
Die Arbeit beleuchtet das Leben und Schaffen Giambattista Vicos, indem es auf seine geistige Entwicklung und insbesondere auf sein Hauptwerk, die Scienza Nuova, mit seiner Sprachphilosophie eingeht, die ja schon zur damaligen Zeit Gedankengänge enthielt, die noch kein Sprachphilosoph vorher verfolgt hatte, um etwas Licht in diese rätselhafte, aber dennoch hochinteressante Persönlichkeit zu bringen.
1 Zitiert nach Otto, S.: Giambattista Vico. Stuttgart (1989), S. 9.
2 Burke, P.: Vico. Frankfurt am Main (1990), S. 7.
III
Robert Mintchev - „Giambattista Vico als Sprach- und Geschichtsphilosoph“
2 Biographie, Schaffen und geistige Entwicklung
Schon bei der Geburt Vicos fangen die Widersprüche an, welche sich durch die gesamte Interpretation und Rezension seiner Werke fortführen wird. Vico wurde am 23. Juni 1668 in der Via San Biagio di Librai in Neapel geboren. In seiner 1728 veröffentlichen Autobiographie La vita di Giambattista Vico scritta da se medesimo, auf welche sich dieses Kapitel im Wesentlichen stützt, gibt er seine Geburt zwei Jahre später an.
Er wurde in bescheidene Verhältnisse geboren. Sein Vater, Antonio de Vico, kam aus Maddaloni, war Bauernsohn und besaß eine einfache Buchhandlung. Seine Mutter, Candida Masullo, kam aus Neapel. Er war das sechste von acht Kindern. Im Alter von sieben Jahren stürzte er im Buchladen seines Vaters von einer Leiter und er blieb fünf Stunden bewusstlos, ein Unfall, durch den Vico seinen Hang zur Melancholie und Reizbarkeit erklärt. In den folgenden drei Jahren der Rekonvaleszenz betrieb Vico ein ausführliches Selbststudium, was ihm bei seiner Rückkehr 1678 in die Grammatikschule ermöglichte, eine Klasse zu überspringen. Nach einem Schulwechsel betrieb er ein erneutes Selbststudium des grammatischen Lehrbuchs De institutione grammatica des portugiesischen Jesuiten Emmanuel Alvares, auf den er als Lehrer traf und dem er sich zu unterlegen fühlte. Auch führte ihn seine erste ausführliche Lektüre zum Logikhandbuch des Petrus Hispanus und der Logischen Summe des Paulus Venetus, was ihn jedoch erstmals überforderte, weshalb er zunächst ein halbes Jahr von den Studien abließ, dann aber vom Logikstudium zur Metaphysik des Duns Scotus und zur Philosophie Platons überging, was auch mit seinem Eintritt in die Accademia degli Infuriati 1679 zusammenhängt, wo er Duns Scotus persönlich traf, wie auch Franciscus Suárez, dessen Philosophie er später ebenfalls studierte. Auch genoss Vico eine klassisch humanistische Bildung, erlernte das Verfassen lateinischer Prosa und Verse. 1683 eröffnet sich ihm ein weiteres Beschäftigungsfeld: Jurisprudenz an der Königlichen Universität zu Neapel. Nebenbei schrieb er lateinische Poesie für die neapolitanische Aristokratie.
1684, im Alter von 18 Jahren, verteidigte er seinen Vater erfolgreich vor Gericht. Sogar der Anwalt der Gegenseite war so von Vico begeistert,
durch dessen Auseinandersetzung er den Beifall […] erwarb, sowie beim Herausgehen die Umarmungen des Herrn Francesco Antonio Aquilante empfieng, eines alten Sachverwalters bei jenem Gerichtshofe, der sein Gegner gewesen. 3
3 Vico, G.: Das Leben des Verfassers von ihm selbst geschrieben. Leipzig (1822), S. 39.
IV
Robert Mintchev - „Giambattista Vico als Sprach- und Geschichtsphilosoph“
Aber es plagten ihn Armut und Krankheit. Folgerichtig brach er sein Studium ab und nahm ein Angebot des Bischofs von Ischia an, dessen Neffen in Vatolla bei Salerno in die Rechtswissenschaften einzuführen. So weilte Vico bis 1693 auf dem Schloss in Cilento. Gleichsam verfügte er über reichlich Zeit für juristische und theologische Forschung und die Lektüre großer Autoren wie Augustinus, Vergil, Horaz, Dante, Boccaccio, Petrarca oder Cicero in der Franziskanerbibliothek des Klosters Santa Maria della Pietà. Hier schulte er seine scharfe Beobachtungsgabe für innere Zusammenhänge und Inhalte zwischen den Zeilen. Auch entwickelte er hier erste Grundzüge seiner Metaphysik, wobei er „vernünftiges Prinzipienwissen mit geschichtlicher Erfahrung verknüpfen“ 4 will. Begeistert vom Historiker Tacitus, der die Menschen betrachtet wie sie waren und vom Metaphysiker Platon, der mit seiner idealen Gerechtigkeit den Menschen betrachtet wie er sein soll, begann in Vico der Gedanke zu erwachen […], ein ewig ideales Recht zu begründen, das da geübt würde in einer universalen Gemeinheit nach der Idee oder dem Plane der Vorsehung, zu Folge welcher Idee sofort alle Staaten aller Zeiten, aller Nationen gegründet sind […]. 5
Vico entwickelt den Plan, eine storia ideale eterna zu begründen, nach der die allgemeine Geschichte aller Zeiten ablaufen soll.
Er war sein einziger Aufenthalt außerhalb Neapels, ja sogar seines Viertels. Auch lernte er in seinem Leben lediglich Latein und Griechisch, was dem Zeitgeist der Aufklärer widersprach, die viel reisten und Texte in vielen Sprachen studierten. Bei seiner Rückkehr 1693 fühlte er sich wie „ein Fremder in seinem Vaterlande.“ 6 Er begegnete den Ideen des Kartesianismus, als Metaphysiker wurden seine Ideen nicht gehört. Die Klassiker wie Platon, denen er sich in den letzten Jahren widmete, schienen vergessen, und das, obwohl die Inquisition in Neapel sehr mächtig war. 1691 beispielsweise wurde vier Männern der Prozess gemacht, die behaupteten, die Welt bestünde aus Atomen und es habe noch andere Menschen vor Adam gegeben, was bedeutete, dass die Bibel nur unvollständig Auskunft über die Ursprünge der Menschheit gäbe. Zwei der Männer waren eng mit Vico befreundet, woraus sich schließen lässt, dass auch Vico unorthodoxere Auffassungen gehabt haben könnte, als er dies offen eingestand. Auch Descartes wurde von Vico gelesen, so hatte er bei seiner Rückkehr erfahren, dass dessen Physik „alle früheren Systeme weit hinter sich gelassen habe, so daß in ihm 7 das brennende Verlangen erwuchs, Kenntnis davon zu erlangen.“ 8 Später hielt Vico, wie sich noch zeigen wird, wenig von Descartes, bewunderte aber weiterhin seine geometrische
4 Otto, S. (1989), S. 16.
5 Vico, G. (1822), AB S. 45f.
6 Ebd., S. 63.
7 Gemeint ist Vico.
8 Autobiographie, zitiert nach Burke, P. (1990), S. 24.
V
Robert Mintchev - „Giambattista Vico als Sprach- und Geschichtsphilosoph“
Methode. Überhaupt verkehrte er viel in Clubs, Salons und Akademien, wie der Accademia degli Investigatori, so dass er keineswegs so fremd und zurückgezogen, so ein einsamer Denker sein konnte, wie er es selbst von sich behauptete.
1696 erschien seine erste Publikation, eine lateinische Vorrede (Vico hatte seit seiner Rückkehr inzwischen ganz auf das Griechische und Toskanische verzichtet) zu einem Band mit Lobreden an den Grafen von San Stefano, den Vizekönig Neapels, mit dem Vico seinen Ruf als Gelehrten und Autodidakt begründete. 1699 wurde er an den Lehrstuhl für Rhetorik der Königlichen Universität berufen (wenige Monate zuvor scheiterte sein Gesuch als Stadtschreiber). Ein sehr schlecht bezahlter Job, den er aber über vierzig Jahre innehaben sollte, so dass er nebenher Nachhilfeunterricht gab und weiter für die Aristokratie Gedichte verfasste. Im selben Jahr wurde er auch Mitglied der Accademia Palatina, für die er als Historiker einen Essay über den Niedergang des römischen Reiches verfasste. Auch schrieb er in diesem Rahmen über die Fürstenverschwörung in Neapel 1701, nach dem Vorbild von Sallusts De Catilinae coniuratione. Gleichsam war er als Dichter in der Accademia Arcadia. Ebenfalls 1699 heiratete er Katharina Destito, sie hatten acht Kinder, zwei Töchter und sechs Söhne, von denen fünf überlebten. Vico erwähnt, dass seine Frau Analphabetin war, und somit nicht in der Lage, die häuslichen Dinge sorgfältig zu erledigen, und er nicht nur Brot und Kleidung verdienen, sondern sich noch um viele andere Dinge kümmern musste, die seine Familie nötig hatte, womit Vico wohl unterstreichen möchte, dass er viel beschäftigt war.
Als Lehrstuhlinhaber musste er jedes Jahr die Orazione inaugurale halten, eine öffentliche Festvorlesung. Von 1699 bis 1708 nutzt dies Vico auch besonders zu einer Darlegung seiner Philosophie, seiner Ansichten über Zweck und Methodik der Bildung und ihre Rolle in Politik, Religion und Gesellschaft. Besonders hervorgehoben werden muss dabei die siebte, auch verschriftlichte, Rede De nostris temporis studiorum ratione die einen ersten Angriff auf den Kartesianismus und auf Descartes darstellt und der Vorläufer seines 1710 veröffentlichten Liber Metaphysicus ist, sein erstes größeres Werk De antiquissima Italorum sapientia ex linguae latinae originibus eruenda, über die uralte Weisheit der Italer. Es gilt als Grundschrift, und Weiterentwicklung der Rede, denn es enthält das in der Rede angedeutete Axiom verum et factum und das Grundziel, „auf ein Princip alles menschliche und göttliche Wissen zurückzuführen.“ 9 Die Schrift 10 rief selbstredend heftige Kritik bei den Kartesianern hervor,
9 Vico, G. (1822), AB S. 77.
VI
Robert Mintchev - „Giambattista Vico als Sprach- und Geschichtsphilosoph“
die Vico sehr kränkte und der er 1711 und 1712 mit den Risposte entgegnete. Weitere geplante Teile zur Naturphilosophie und zur Ethik hatte Vico nunmehr nie ausgearbeitet.
Zwischen 1714 und 1716 schrieb Vico an der Biographie des Marschalls Antonio Caraffa. Seine Studien führten ihm dabei zu seinem vierten Vorbild: Hugo Grotius. 11 An diesem faszinierte Vico besonders, dass er die „gesamte Philosophie und Theologie in das System des ganzen Rechts“ 12 bringe, quasi ein „universales Rechtssystem [in das] die ganze Philosophie und die ganze Philologie miteinbezogen sind“ 13 schaffe. So kommt Vico selbst zu der Erkenntnis, dass Wissenschaft ein harmonisierendes System benötigt, welches Philosophie mit Jurisprudenz und Philologie, also Sach- und Sprachgeschichte, verbindet. Damit ist eine Suche beendet, die Vico mit seinen Eröffnungsvorlesungen begann, in seinem Liber Metaphysicus ausbaut und in seiner Universitätsrede von 1719 neu konturiert. Vico [sah] endlich ein, daß es noch in der Welt der Wissenschaften kein System gebe, in dem die beste Philosophie […] zusammenstimmte mit einer Philologie, die da wissenschaftliche Nothwendigkeit brächte in ihre beyden Theile, welches sind die zwo Geschichten, die eine der Sprachen, die andere der Sachen […]:
Und mit dieser Erkenntnis entband sich gänzlich in der Seele Vicos dasjenige, was er gesucht in seiner Seele bei den ersten Auguralreden; und nur noch in groben angedeutet hatte in der Abhandlung De nostri Temporis Studiorum Ratione, ein wenig feiner jedoch in der Metaphysik. Bei einer öffentlichen feierlichen Eröffnung der Studien im Jahre 1719 stellte er nun folgenden Entwurf auf: Omnis divinae atque humanae Eruditionis Elementa tria, Nosse, Velle, Posse: quorum Principium unum mens; cuius oculus Ratio; cui aeterni veri Iumen praebet Deus. 14
So kommt Vico zu seiner ars critica, zu einer Philosophie des Geistes, die alle Wissenschaften harmonisieren und mit einem „göttlichen Licht“ durchdringen soll, 15 denn mit der Fackel dieser neuen ars critica entdeckt er ganz andere als die bisher in der Einbildung bestandenen Ursprünge beinahe aller Disciplinen, seyen es Wissenschaften oder Künste, welche nöthig sind, um nach lichtvollen Ideen und eigenthümlichen Audrücken über das natürliche Recht der Nationen zu forschen. 16
1720 bis 22 erscheint in drei Teilen Il diritto universale 17 , worin er an die Rede des Vorjahres anknüpft und was ihn schließlich zu einem bekannteren und angesehenen Mann macht. Es ist ein erster Versuch, sein System zu verwirklichen. Das von ihm beschriebene Recht gründet sich philosophisch gesehen auf der natürlichen Gleichheit der Menschen, sowie auf ihren Bedürfnissen nach sowohl Geselligkeit als auch göttlicher Vorsehung. Vico geht dabei zurück
10 Mehr über De nostris temporis studiorum ratione und das Liber Metaphysicus später in dieser Arbeit.
11 Als die anderen drei Vorbilder nennt Vico Platon, Tacitus und Francis Bacon.
12 Autobiographie, zitiert nach Otto, S. (1989), S. 20.
13 Burke, P. (1990), S. 33.
14 Vico, G. (1822), AB S. 91.
15 Vgl.: Otto, S. (1989), S. 20.
16 Vico, G. (1822), AB S. 106.
17 Das Universalrecht. Die drei Teile sind 1720 De uno universi iuris principio et fine uno (Über das einzige Prinzip und den einzigen Zweck des Universalrechts), 1721 De constantia iurisprudentis (Über die Beständigkeit des Rechtsgelehrten) und 1722 Notae in duos libros.
VII
Robert Mintchev - „Giambattista Vico als Sprach- und Geschichtsphilosoph“
in die Zeit, als die Menschen noch wie wilde Tiere lebten, um dann chronologisch die Entstehung verschiedener Gesellschaftsformen (wie Familie, Aristokratie oder Demokratie) und deren jeweils eigene Rechtformen zu beschreiben. Er entwickelt dabei die These, Recht verändere sich, wenn sich auch andere Aspekte einer Kultur verändern, das wahre Recht bestehe aus Recht in zeitlicher und geschichtlicher Verschränkung, ist also wandelbar. Die Schrift ist ebenso Bindeglied zwischen Liber Metaphysicus und Scienza Nuova.
1723 bewarb er sich für eine Rechtsprofessur, die ihm statt 100 ganze 600 Scudi jährlich eingebracht hätte. Die Kandidatur blieb erfolglos, Vico zog sich zurück und widmete sich seiner wissenschaftlichen Arbeit. 1725 erschien die erste Fassung seiner neuen Wissenschaft, die Principi d’una scienza nuova intorno alla natura delle nazioni, per i quali si ritruovano altri princìpi del diritto naturale delle genti. Die Arbeit daran führte er immer weiter fort, die zweite Fassung stellte er 1730 fertig. 1731 erschien als Auftragsarbeit die Fortsetzung seiner Autobiographie, 18 1732 seine Schrift De mente heroica, in der Vico fordert, nach dem heroischen Geiste zu streben, der in einem steckt, und das Erhabene zunächst im Göttlichen und dann in der Natur sucht, um so als Endziel die Weisheit der menschlichen Welt durchdringen zu können. Seine Festreden an der Universität hielt er weiter, auch veröffentlichte er eine Überarbeitung seines Rhetoriklehrbuches und verfasste weiter Huldigungsgedichte für die neapolitanische Aristokratie. 1735 wurde er Königlicher Historiograph des Bourbonenkönigs Charles, nachdem dieser das Königreich Neapel erobert hatte. Vico starb am 23. Januar 1744. Wenige Wochen später wurde die dritte Fassung seiner Scienza Nuova gedruckt. Über seine Lebensumstände gibt auch seine Autobiographie kaum Auskünfte. Er erwähnt lediglich seine schlechte Gesundheit und den Lärm des Haushalts. Dies aber nur in dem Zusammenhang, dass es seine Studien störte. Mit seinen Werken ging er sorglos um, verschenkte viele. Sicher auch bewusst, denn er sagte, von allen Werken „meines sorgenvollen Geistes möchte ich keines der Nachwelt aufbehalten wissen, als die Neue Wissenschaft.“ 19 Nach seinem Tod hinterließ er ein „unverstandenes Werk, nahezu hundert Gemälde aus dem 15., 16., und 17. Jahrhundert - sowie über hundert Dukaten Schulden.“ 20
18 Die Auftragsarbeit, aufgrund unterschiedlicher Angaben ist am ehesten anzunehmen, dass sie wohl in drei Teilen 1725, 28 und 31 erschienen ist, wurde von Graf Porcia, einem literarisch interessiertem Soldat im Dienst der Republik Venedig, angeordnet. Dort sammelte man solche Autobiographien mehrerer geistiger Köpfe, um so deren Arbeitsmethoden und Hindernisse festzustellen, damit das Bildungswesen reformiert werden könne.
19 Vico, G. (1822), AB S. 116f.
20 Otto, S. (1989), S. 23.
VIII
Robert Mintchev - „Giambattista Vico als Sprach- und Geschichtsphilosoph“
3 Deutung Vicos
Der Grund des Vico - Mythos scheint auf der Hand zu liegen. Durch seine Dunkelheit und Mehrdeutigkeit, ganz einfach durch die Vielfalt seines Schaffens, bietet er sich für viele verschiedene Deutungen an. So verstehen die verschiedenen Rezipienten Vico so, wie sie es können und wollen, gemäß ihren eigenen Schwerpunkten. So kann man ihn beispielsweise als philosophischen Geisteswissenschaftler betrachten, der den Anfang des geschichtlichen Bewusstseins untersuchte. Dies verfolgen Croce und seine Schüler. Auch kann man Vico wie Auerbach und Rüfner als Barockmetaphysiker ansehen und dessen theologischphilosophische Motive betonen und dabei die mystische Harmonie des menschlichen Schaffens und der göttlichen Vorsehung in Vicos Geschichtstheologie näher untersuchen. Oder man sieht Vico wie Grassi in der Fortsetzung des italienischen Humanismus, mit seiner spezifischen Bedeutung der Sprache, mit den ständigen Wechselbeziehungen von Gesichtspunkten der Philologie, der Rhetorik, der Poetik und der Jurisprudenz, mit seiner transzendalphilosophischen Zusammenschau der Geistesgeschichte. Vermutlich jedoch, ist Vico von allem etwas.
Coseriu hat einige Punkte zusammengestellt, warum sich die Deutung Vicos insgesamt als besonders schwierig herausstellt. 21 So sind seine Werke ein ständiger Fortschritt und eine ständige Modifizierung seiner Auffassung. Es handelt sich dabei aber nicht nur um eine lineare Entwicklung, sondern auch um zwei gegensätzliche Auffassungen, die durch seine „Entdeckungen“ erst neu geordnet wurden. Auch schreibt Vico oftmals in einem komplizierten, ja sogar dunklen und verwirrten Stil, mit zahlreichen Wiederholungen ohne terminologische Einheitlichkeit, er chiffriert sich quasi selbst, vor allem in den verschiedenen Fassungen der Scienza Nuova. Sein Stil wird in den verschiedenen Ausgaben nicht klarer, sondern durch die Freude über seine neuen Entdeckungen und Erkenntnisse immer metaphorischer. Auch ist der Untersuchungsgegenstand bei Vico nicht klar abgegrenzt. Vico betreibt eine Philosophie der Geschichte, eine Philosophie der geschichtlichen Tätigkeiten des Menschen, eine Sprachphilosophie, sogar eine Psychologie und Rhetorik, allgemein also eine philosophische Anthropologie. So weist Coseriu auf Schwierigkeiten bei der Verbindung zwischen Vicos verschiedenen Teilaspekten hin, so bei seinen Phasen der Geschichte, die philosophisch gesehen auf die ideale Geschichte hindeuten, die Vico aber auch für die konkrete Geschichte geltend machen will. Die Verbindung von Realem und Idealem ist zwar
21 Vgl.: Coseriu, E.: Die Geschichte der Sprachphilosophie von der Antike bis zur Gegenwart. Teil II: Von Leibniz bis Rousseau. Tübingen (1972), S. 75ff.
IX
Arbeit zitieren:
Robert Mintchev, 2005, Giambattista Vico als Sprach und Geschichtsphilosoph, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Lehrwerksanalyse Green Keystones year 4
Englisch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Hausarbeit (Hauptseminar), 18 Seiten
"Paul Vier und die Schröders" - Die Außenseiterproblematik i...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 30 Seiten
The Great War and its effects in D. H. Lawrence's Lady Chatterley&...
Hausarbeit (Hauptseminar), 19 Seiten
Die Beziehung zwischen Mann und Frau bei D.H. Lawrence am Beispiel der...
Hausarbeit (Hauptseminar), 25 Seiten
Buchbesprechung: Steinhöfel, Andreas: Defender. Geschichten aus der Mi...
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Rezension / Literaturbericht, 8 Seiten
Die Hauptfigur in Benjamin von Stuckrad-Barres "Soloalbum" -...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 26 Seiten
Lernersprache: Theorien zu ihrer Entwicklung aus sozialpsychologischer...
Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)
Hausarbeit (Hauptseminar), 25 Seiten
Das Erdbeben von Lissabon und die Frage nach dem Übel in der Welt
Krüger, Voltaire, Rousseau im ...
Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft
Seminararbeit, 26 Seiten
Die Höflichkeit in den arabischen Ländern
Ein Vergleich mit Deutschland
Kulturwissenschaften - Mittlerer Osten
Seminararbeit, 16 Seiten
Scherzkommunikative Applikationen bei Mann und Frau
Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)
Hausarbeit, 19 Seiten
Robert Mintchev's Text Giambattista Vico als Sprach und Geschichtsphilosoph ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Robert Mintchev hat den Text Giambattista Vico als Sprach und Geschichtsphilosoph veröffentlicht
Robert Mintchev hat einen neuen Text hochgeladen
Ingenium und Topik im Werk des jungen Giambattista Vico
Spätbarockes Vorspiel zur Sien...
Heinrich F. Jennes
Time and Idea: The Theory of History in Giambattista Vico
A. Robert Caponigri, Lisa Caponigri
Giambattista Vico: Keys to the New Science: Translations, Commentaries...
Thora Ilin Bayer, Donald Phillip Verene
Giambattista Vico: Keys to the New Science: Translations, Commentaries...
Thora Ilin Bayer, Donald Phillip Verene
Italienisches Konzert, Französische Ouverture, Vier Duette, Goldberg-V...
Johann Sebastian Bach, Rudolf Steglich
Italienische Flötenmusik des 19. Jahrhunderts für Flöte und Klavier
Spielpartitur
Franz Schubert, Angelica Celeghin
Stefan Luboschik
Als Hauptseminararbeit reichlich unqualifiziert..
Scheinbar ohne konkrete Problemstellung, ohne argumentativen Aufbau. - Der Autor bemühte sich nicht zu erläutern, wozu welche Kapitel vorgesehen wurden.
Der Autor ergeht sich in Behauptungen, die...
zum Teil FALSCH (wie soll Vico, geb. 1668, Duns Scotus, gest. 1308, persönlich getroffen haben?),
zum Teil FRAGWÜRDIG sind ("Die Klassiker wie Platon...schienen vergessen, und das, obwohl die Inquisition in Neapel sehr mächtig war." - Dies legt nahe, dass der Inquisition daran gelegen wäre, dass "Klassiker wie Platon" nicht in Vergessenheit gerieten. - Bedenkt man, dass (neu-)platonische Denkungsarten die Lehren Bacons und Galileis unterfütterten oder motivierten und dass Werke beider Denker in den Index Librorum Prohibitorum aufgenommen worden waren, so erscheint die Behauptung "Klassiker wie Platon...schienen vergessen, und das, OBWOHL die Inquisition in Neapel sehr mächtig war" überaus erklärungsbedürftig!),
zum Teil UNGEDEUTET bleiben (nett und gleichsam sehr trivial ist die Feststellung, dass Vicos tatsächliches Geburtsjahr von dem in seiner Autobiographie angegebenen um zwei Jahre abweicht; das Woher oder Wozu dieser Abweichung wäre interessanter, bleibt indes ungeklärt; stattdessen wird ganz reißerisch auf "Widersprüche", die Vico und seiner Rezeption wesentlich eignen sollen, verwiesen.).
Nicht zuletzt ist die sprachliche Aufbereitung dieser 'Kompilation' von Meinungen zu Vico dürftig; Wortwiederholungen und wenig Gespür für Interpunktion nerven; eine einheitliche Diktion von Eigennamen (lateinische oder 'originalsprachliche') wäre wünschenswert; eine einheitliche Zitierweise wäre nicht nur wünschenswert, sondern unerlässlich (die Anmerkung 2 hätte scheinbar ebenso wie Anm. 1 mit "Zitiert nach" einsetzen müssen).
Der obige Ausschnitt aus dieser Hauptseminararbeit - zugegebenermaßen habe ich nicht 11,99 EUR für den Rest investiert - lässt wenig Gutes erwarten. - Die Benotung mit 1,0 erscheint mir mehr als nur fraglich.
am Saturday, March 01, 2008-