2
1. Einleitung
1.1. Weltwissen
Ein Sprechakt ist eine Handlung, die nur mittels einer sprachlichen Äußerung vollzogen wird. Die Sprechakttheorie "gab den Anstoß, dass in der Linguistik nun ein Paradigmenwechsel zu Gunsten der Pragmatik erfolgte." 1 "Die Pragmatik (Sprachpragmatik, Pragmalinguistik) untersucht, welchen Gebrauch die Sprachteilnehmer von den sprachlichen Zeichen machen." 2 Saussure verbindet das sprachliche Zeichen mit der Vorstellung, den Inhalt (signifiant) mit dem Ausdruck (signifié). Doch die Bedeutung eines sprachlichen Zeichens ist nicht in diesem selbst begründet, sondern basiert auf unserer Erfahrung. Unser Gehirn ist quasi in diesem Sinne eine "tabula rasa", als es sich nur etwas vorstellen kann, wovon es aufgrund unserer individuellen Erfahrung bereits ein Abbild in unserem Gehirn gibt. Dieses "Erfahren der realen Welt" kann man auch "Weltwissen" oder "Gebrauchskontext" nennen (vgl.: P. Ernst: "German. Sprachwiss.", 2004, S. 231 - 232).
Natürlich erfährt jedes Individuum die Welt anders. Dafür gibt es physische, kulturelle, psychische und weltanschauliche Gründe. Für die physischen Unterschiede möchte ich nur auf Blinde und Taube verweisen. Von Geburt auf Vollblinde können sich zum Beispiel nicht vorstellen, was eine Farbe ist, selbst das Nicht-Sehen-Können empfinden sie nicht als Schwärze, sondern einfach als Nichts. Ebenso wissen Taube nicht, was mit dem Begriff Laut gemeint ist, weil sie es nie erfahren haben. Hingegen kann die Existenz von Göttern und Geistern der Realität zugerechnet werden für diejenigen, die sie als existent erfahren haben und somit ihre Bedeutung kennen (vgl.: P. Ernst: "German. Sprachwiss.", 2004, S. 232).
Man unterscheidet ferner zwischen Alltagswissen und individuellem Erfahrungswissen, wobei das Alltagswissen allen Angehörigen einer Gemeinschaft zur Verfügung steht. Es wird davon ausgegangen, dass alle Elemente einer Gemeinschaft, z. B. eines Staates, über dieses Alltagswissen verfügen (vgl.: P. Ernst: "German. Sprachwiss.", 2004, S. 232). Da dieses
1 Bartsch, Elmar/Marquart, Tobias: "Grundwissen Kommunikation", Ernst Klett Verlag GmbH Stuttgart, 1. Aufl., 2005, Seite 24.
2 Ernst, Peter: "Germanistische Sprachwissenschaft", Facultas Verlags-AG, Wien, 2004, Seite 231.
3
Alltagswissen jedoch sozial und kulturell determiniert ist, kann man sich vorstellen, dass es in der Praxis zu erheblichen Problemen kommen kann. Es ist paradox, wenn man bedenkt, dassbetrachtet man die Geschichte und die Gegenwart - oft dieses Alltagswissen von kleinen elitären Gruppen der breiten Masse oktroyiert worden ist, und noch immer wird. Ein Beispiel dafür wären etwa die christliche Missionierung, die südafrikanische Gesellschaft während der Zeit der Apartheid, aber auch unsere so genannten demokratischen, multikulturellen Gesellschaften des 20. und 21. Jahrhunderts, in welchen der kulturelle Background und somit das Alltagswissen einer großen zugewanderten Bevölkerungsschicht einfach ignoriert werden, bzw. das der autochthonen Bevölkerung eigene Alltagswissen automatisch auch für die Zugewanderten als gültig angenommen wird. Das Erfahrungswissen hingegen ist individuell, und die Grenzen zwischen diesem und dem Alltagswissen sind fließend (vgl.: P. Ernst: "German. Sprachwiss.", 2004, S. 232), wodurch vielleicht die Hoffnung berechtigt ist, dass die verschiedenen kulturell bedingten Alltagswissen einander durchdringen und sich gegenseitig bereichern, anstatt durch eine einseitige Verschiebung teilweise ausgelöscht zu werden.
1.2. Sprachwissen
Um von anderen verstanden zu werden, müssen wir uns grammatikalisch richtiger Formulierungen bedienen., und somit muss jeder sprachlichen Äußerung ein grammatisches Wissen zugrunde liegen. Unser Wissen darum wollen wir Sprachwissen nennen. Unsere sprachliche Kompetenz baut aber wiederum auf unserem Weltwissen auf. Unser Weltwissen sagt uns, welche Äußerungen in welchem Kontext stehen, ohne dass expressis verbis auf diesen Kontext verwiesen werden müsse, d. h. "wir legen durch unser Weltwissen etwas in die Äußerung hinein, wir inferieren oder ergänzen die Äußerung. Was wir inferieren, hängt natürlich von unserem Weltwissen ab, das seinerseits die Grundlage der Präsupposition bildet." 3 Die Präsupposition ist demnach die Sinnvoraussetzung, die für das Verständnis relevant ist, aber in der Äußerung selbst nicht angesprochen wird. Sprachwissen ist Kompetenz, es ist das, "was ein Mensch" - unabhängig von eventuellen Störfaktoren - "prinzipiell kann, worüber er prinzipiell verfügt" 4 Dieses im Kopf eines Menschen abstrakt repräsentierte Wissen, ist allerdings kein
3 Ernst, Peter: "Germanistische Sprachwissenschaft", Facultas Verlags-AG, Wien, 2004, Seite 234.
4 Linke, Angelika/Nussbaumer, Markus/Portmann, Paul R.: "Studienbuch Linguistik", Max Niemeyer Verlag Tübingen, 5. erw. Aufl., 2004, Seite 104.
4
bewusstes Wissen, sondern ein unbewusstes, intuitives Wissen, ein funktionierendes Können (vgl.:Linke, Angelika/Nussbaumer, Markus/Portmann, Paul R.: "Studienb. Ling.", 2004, S. 104). Diese Tatsache wirft einmal mehr die Frage nach der Spracherwerbstheorie auf. Gegen eine konventionelle Spracherwerbstheorie, nach welcher ein Kind durch Imitation Sprache erlernt, würde zum Beispiel sprechen, dass ein Kind in bestimmten Spracherwerbsphasen eine systematisch falsche Sprache verwendet, wie zum Beispiel "morphologische Übergeneralisierungen", d. h. Anwendung von an sich richtigen Regeln auf Bereiche, auf die man sie nicht anwenden darf" 5 , wie etwa: sehte statt sah, oder nein sitzen statt nicht sitzen. Während die Behavioristen und die Generativen Grammatiker darüber polemisieren, was zuerst war - die Henne oder das Ei -, könnte ich mir vorstellen, dass es nicht uninteressant wäre, über diese Frage gezielte, sehr ausgeklügelte Untersuchungen mit Taubstummen anzustellen, die noch nie vorher eine Sprache erlernt haben. Nur bei solchermaßen "Unbeleckten" wäre es möglich festzustellen, ob es nun in unseren Gehirnen eine angeborene, mit dem genetischen Erbmaterial mitgegebene Universalgrammatik gibt, also abstrakte, für alle Sprachen gleichermaßen geltende Prinzipien, und Parameter, die beschränkte Paletten an Wahlmöglichkeiten innerhalb eines Prinzips sind, oder ob der Spracherwerb auf Imitation, also auf Nachahmung beruht (vgl.: Linke, Angelika/Nussbaumer, Markus/Portmann, Paul R.: "Studienb. Ling.", 2004, S. 107).
1.3. Sprachverhalten
Sprachverhalten ist die sprachliche Äußerung selbst, der Sprachgebrauch - man könnte auch die Performanz sagen. Sprachverhalten ist abhängig vom Sprachwissen, und muss dem Weltwissen angemessen sein, ja darauf Bezug nehmen. "Eine Äußerung wie Ich komme zu spät, weil die Straßenbahn nicht angesprungen ist. wäre demnach als nicht angemessen zu beurteilen, weil von den Kommunikationsteilnehmern das Wissen erwartet werden kann, dass eine Straßenbahn nicht 'anspringt' wie ein Auto." 6 Diese sprachliche Performanz wäre also dem Weltwissen nicht angemessen, und daher im Alltagsgespräch nicht üblich.
In literarischen Texten kommt es jedoch immer wieder zu solchen "Brechungen", ja diese
5 Linke, Angelika/Nussbaumer, Markus/Portmann, Paul R.: "Studienbuch Linguistik", Max Niemeyer Verlag Tübingen, 5. erw. Aufl., 2004, Seite 105.
6 Ernst, Peter: "Germanistische Sprachwissenschaft", Facultas Verlags-AG, Wien, 2004, Seite 236.
5
Überschreitungen der konventionell gesteckten Grenzen, das Spiel mit Worten und dem Weltwissen, macht geradezu den Reiz mancher literarischer Werke aus. Als Beispiel dafür möchte ich Richard Obermayers Roman "Der gefälschte Himmel" 7 nennen und einige Textstellen daraus zitieren: "Es lag ein Engel tot in steinernen Gliedern an der langen Bucht, ..." oder: "Zypressen und andere Bäume hatten sich nach den Echos in den Wäldern versammelt. Der Süden stellte sich ein. ..." Obwohl grammatikalisch korrekt, kann man ganz eindeutig feststellen, dass ein Himmel, den man fälschen kann, Bäume, die sich nach Echos orientierend im Wald versammeln, oder ein Süden, der sich einstellt, weder unserem Weltwissen noch unserem Alltagswissen entsprechen. Wir müssen daher bewusst vorläufig die Poesie aus unserem Diskurs ausklammern.
Was die Alltagssprache betrifft, ist die sprachliche Äußerung zwar von unserem Weltwissen und Sprachwissen abhängig, ist aber nicht damit gleichzusetzen. Unser Sprachwissen manifestiert sich vielmehr in unserem Sprachverhalten, denn es gleicht die sprachlichen Äußerungen an die jeweilige Äußerungssituation an. Nicht die grammatische Form steht dabei im Vordergrund, sondern die Frage nach dem Sprachgebrauch, nach dem was üblich oder höflich ist. Bereits Ludwig Wittgenstein (1989 - 1951) meinte: "Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache." 8
Die Aufgabe der Pragmalinguistik ist es, vom Sprachverhalten auf das Sprachwissen zu schließen. Reale Äußerungen in tatsächlichen Situationen sind die Basis der Untersuchung. Somit sind für die Sprechakttheorie singuläre Äußerungen relevant, die als Ausgangspunkte für die Schlussfolgerungen herangezogen werden. Bei der Gesprächsanalyse sind es gesprochene Gespräche, die als Grundlage der Recherchen dienen, während es für die Textlinguistik geschriebene Texte sind (vgl.: P. Ernst: "German. Sprachwiss.", 2004, S. 234 - 235).
1.4. Deixis
Unter Deixis (griech. = Zeigen) versteht man die Zeigefunktion der Sprache. In einem Satz ist dies der sprachliche Hinweis auf eine bereits erwähnte Sache, die also dem Adressaten daher
7 Obermayer, Richard: "Der gefälschte Himmel" (Roman), Residenz-Verlag Salzburg, 1998.
8 Ernst, Peter: "Germanistische Sprachwissenschaft", Facultas Verlags-AG, Wien, 2004, Seite 241.
Quote paper:
Dr. phil. Daria Hagemeister, 2006, Die Sprechakttheorie, Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Vorschläge und Kritiken zur Sprechaktklassifikation
Scholary Paper (Seminar), 16 Pages
Von Austin zu Searle: Die Entwicklung der Sprechakttheorie
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 19 Pages
Korrumpierte Idyllen in Flauberts "L'Education Sentimentale&q...
Romance Languages - French Literature
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 27 Pages
Die Sprechakttheorie nach Austin und Searle
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 28 Pages
Ausarbeitung zum Referat "Hypothesen zum Zweitspracherwerb"
German - German as a Foreign Language / Second Language
Presentation (Elaboration), 16 Pages
Die Theorie der Konversations-Implikaturen nach H. Paul Grice - Vom Sa...
Termpaper, 18 Pages
Sprache und Macht - Performative Ansätze bei Wittgenstein, Austin, Der...
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 16 Pages
Armut in der Bundesrepublik Deutschland
Sociology - Social System, Social Structure, Class, Social Stratification
Scholary Paper (Seminar), 35 Pages
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 29 Pages
Zu: "Lesen durch Schreiben" von Jürgen Reichen
Eine Methode nach der Schüler ...
German - Pedagogy, Didactics, Literature Studies
Termpaper, 27 Pages
Der Beginn des Hartmannschen Epos "Gregorius" und die Frage:...
German Studies - Older German Literature, Mediaevistik
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 39 Pages
Das politische System Frankreichs
Politics - International Politics - Region: Western Europe
Termpaper, 18 Pages
Wolframs von Eschenbach 'Parzival' - Kindheit im Mittelalter
German Studies - Older German Literature, Mediaevistik
Presentation (Elaboration), 26 Pages
Hochbegabung im Kindes- und Jugendalter - Förderungsmöglichkeit: Berat...
Scholary Paper (Seminar), 39 Pages
Daria Hagemeister's text Die Sprechakttheorie is now available as a printed book
Daria Hagemeister has published the text Die Sprechakttheorie
Daria Hagemeister has uploaded a new text
Das Konzept der Mentalität im sprachlichen Handeln
Diskursanalytische Untersuchun...
Michael de Jong
John Searle's Ideas about Social Reality: Extensions, Criticisms, and ...
Koepsell, Laurence Moss, David Koepsell
John Searle's Philosophy of Language: Force, Meaning, and Mind
Force, Meaning and Mind
Savas L. Tsohatzidis
0 comments