Proseminar: Alfred Döblin SS 20001 Leitung: Dr. Gerhard Lauer
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Gliederung:
1. Einleitung
2. Nietzsche und der Nietzscheanismus
2.1. Rezeption Nietzsches
2.2. Der Nietzscheanismus
2.3. Döblin und Nietzsche
2.4. Nietzscheanismus und Expressionismus
3. Die Figur
3.1. Figuren und Handlungsentwicklung in „Die drei Sprünge des Wang-lun“
3.2. Die Figur Wang-lun
3.2.1. Darstellung des Wang-lun
3.2.2. Führungsfunktion des Wang-lun
3.2.3. Kommunikative Prozesse
3.3. Figuren und Handlungsentwicklung in „Berlin Alexanderplatz“
3.4. Die Figur Franz Bieberkopf
3.4.1. Bieberkopf und Umwelt
3.4.2. Wahrnehmung Franz Bieberkopfs
3.4.3. Untergang und Neugeburt Bieberkopfs
4. Die Figuren und Nietzscheanismus
5. Schluss
Literaturverzeichnis
3
1. Einleitung
Die Epoche des literarischen Expressionismus ist von einer thematischen Vielfalt, von ver- schiedenstenMotiven und stilistischen Ausdrucksmöglichkeiten gezeichnet. Sie übernimmt ästhetisch-philosophische Denkansätze in einer Weise, dass sich die Forschung beinahe grenzenlos darüber ergehen kann, die Masse der Einzelaspekte theologisch, philosophisch und sozialtheoretisch zu analysieren. Aber auch signifikante "Einheitsprinzipien, wie z.B. das des neuen Menschen, der sozialen Revolte oder der Ich-Dissoziation" 1 sind Gegenstand der wissenschaftlichen Reflexion des literarischen Expressionismus.
Oft ist die Affinität des Expressionismus zu Friedrich Nietzsche untersucht worden, der mit seiner monumentalen, experimentellen Lebenstheorie der Selbst-Überwindung und Vitalität als einer der bedeutendsten gedanklichen Paten der Zeit nach 1900 zu sehen ist. Doch muss man vorsichtig sein, nicht darauf zu verfallen das Werk Nietzsches mit der expressionistischen Reflexion bezüglich Nietzsche zu verwechseln, wenn man die Einflüsse des Philosophen auf die Epoche untersucht. Man muss hier unterscheiden zwischen der Wahrnehmung der Philosophen und der Dichter; während "sich Philosophen um die richtige Deutung seiner [d.i. Nietzsche] Werke bemühten, stellten ihn Dichter in den großen poetischen Weltdiskurs", es "nahm sich jeder von Nietzsche, was er brauchen konnte" 2 . So wurden Schlagwörter wie der Übermensch, die nicht vorhandene, objektive Wahrheit und die subjektive Selbst-Überwindung schnell auf den Rücken der Literatur gespannt und zum Zugwerk der Dichtung.
Daher kann die Analyse nicht von Nietzsches Theorem selbst auf den Expressionismus schließen, sondern sollte die verwandte Deutung und Terminologie aufgrund der Rezeption der Hauptgedanken Nietzsches unter dem Begriff des Nietzscheanismus sehen. Wenn sich die Arbeit zur Aufgabe setzt, eine Stringenz zwischen der Figurenkonzeption in Alfred Döblins "Die drei Sprünge des Wang-lun" und "Berlin Alexanderplatz" und des Nietzscheanismus zu suchen und darzulegen, muss die allgemeine, expressionistische "Nietzscheverwendung" als zeitgenössisches Syntagma von Charakter, Topologie, Handlungs- und Er-fahrungshorizont im Vordergrund stehen. Dass Döblin nicht mit allen Teilen Nietzsches Gedankengerüsts konform ging und sogar teilweise vehemente Kritik an diesem übte, täte daher
1 Oehm, Heidemarie: Subjektivität und Gattungsform im Expressionismus. München: Wilhelm Fink Verlag
1993. S.7
2 http://ursulahomann.de/FriedrichNietzscheUndDieLiteratur/kap008.html
4
der Untersuchung keinen Abbruch, da sie nicht die theoretisch-ästhetische Ebene der Nietzsche - Döblin Relation betrachtet.
Das Ziel dieser Arbeit ist eine Darlegung, ob und inwieweit die Figuren, vornehmlich die Protagonisten Wang-lun und Franz Bieberkopf, der oben genannten Werke terminologisch und gedanklich mit der nietzscheanistisch-expressionistischen Ästhetik übereinstimmen und an welchen Punkten sie auseinanderdriften. Dabei wird die gesamtexpressionistische Wahrnehmung Nietzsches als Kriterium gelten, ob Döblins Werk in einer Reihe mit der "experimentellen Reflexionsprosa" und der depersonalen Poetik 3 zu sehen ist, oder nicht, und wenn, wie die Figurendisposition und - konzeption darin zu sehen ist.
Dafür muss eine Bedeutungs- und Begriffsdefinition hinsichtlich des "Nietzscheanismus" und der "Figur" vorgenommen werden um das Untersuchungsfeld genau abzugrenzen
2. Nietzsche und der Nietzscheanismus 4
2.1. Rezeption Nietzsches
Eine erste Nietzsche - Euphorie erfasste die literarischen Produzenten des Fin-de-siècle. Einerseits steht die Wahrnehmung eher auf Seiten der Abenteuerlichkeit und Neuheit der Gedankengänge Nietzsches, doch wurde Nietzsches Sprache und Stil im Zusammenhang mit Philosophie zum prägenden Moment. Sie stachelte die „ Jugend mit den Wörtern ‚Genie‘, ‚Instinkt‘, , Heros‘ an. Er proklamierte die Zweckfreiheit des Lebens, verherrlichte dessen rauschhaft - immanente Steigerungsfähigkeit. 5 [...] Jeder junge Gott oder Tor glaubte sich nun berufen, der ganzen Welt seinen Trotz ins Gesicht zu speien. Jede Liebesnacht wurde den jungen Stürmern, die nach Leben lechzten, zu einer mystischen Offenbarung, die Dirne wurde aus purstem Idealismus zur Göttin erhöht“ 6 . Die Wirkungsgeschichte Nietzsches, nicht nur im Zeitrahmen um 1900, umfasst ganze Bibliotheken. Um klarer zu machen, welche Ausmaße die Begeisterung und Ablehnung gegenüber dem Altphilologen hatten ist Hillebrand ein guter
3 Oehm, Heidemarie: Subjektivität und Gattungsform im Expressionismus. München: Wilhelm Fink Verlag
1993. S.190
4 Nach dem Buch von: Nolte, Ernst: Nietzsche und der Nietzscheanismus.Durchgesehene und erweiterte Auflage. München: F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung 2000
5 Hillebrand, Bruno: Einleitung. In: Nietzsche und die deutsche Literatur. I. Texte zur Nietzsche-Rezeption
1873-1963. Hg. v. Hillebrand, Bruno. Tübingen: Max Niemeyer Verlag 1978. S.6f
5
Bezeuger: “ Die Nietzsche-Einwirkung seit 1890 ist ein Stück Geistesgeschichte, vergleichbar in etwa mit dem Einfluss Rousseaus zu seiner Zeit“ 7
Dass dabei keine intensive werkimmanente Auseinandersetzung mit dem Gedankengerüst vonstatten ging, muss hier nochmals hervorgehoben werden. Man täte sowohl Nietzsche als auch der Epoche unrecht, wenn man der einen Seite unterstellt, sie hätte kein Wort von Nietzsche verstanden und nur emotionelle Gelüste gedanklich unter dem Namen Nietzsches ausgelebt oder dem Weimarer unterstellt, sein Gedankenansatz sei ein hohler, romantisierender und allein von Pathos geprägter.
„ Der Weg Nietzsches ins Bewusstsein breiter Leserschichten ist hier zu suchen, nicht führte er durch die anstrengende Lektüre von Nietzsches Schriften“ 8 . Eher war die Wahrnehmung auf Schlagworte konzentriert, die das Theorem Nietzsches verfälschten und es in andere Lebensfelder transponierten. Ein grässliches Ausmaß bekommt dies in der Zeit des Nationalsozialismus unter Hitler, in der Nietzsche quasi zum ideologischen Schild und Propagandainstrument degradiert wird. Schlagworte aus dem Werk Nietzsches wurden zu Vehikeln „ jener allgemeinen Rezeption“ 9 .
Eine Zweite große Welle von Nietzsche - Anhängern brachte die Zeit um 1910, also lange nachdem Döblin seine Nietzsche - Aufsätze „ Der Wille zur Macht als Erkenntnis bei Friedrich Nietzsche“ und „ Nietzsches Morallehre“ verfasste und sich gedanklich schon wieder von Nietzsche wegbewegte, namentlich die Kunstepoche des Expressionismus.
2.2. Der Nietzscheanismus
Der Terminus "Nietzscheanismus" bezieht sich, wie der Name schon sagt, auf den 1844 geborenen Philosophen Friedrich Nietzsche. Die begriffliche "Endung -ismus, geprägt nach einem Denker, drückt etwas Epigonenhaftes aus" 10 , hier bezüglich des oben genannten Denkers. Der Ausdruck Nietzscheanismus "kursierte schon zu Lebzeiten Nietzsches, und zwar von Beginn seiner unauffälligen Karriere an als ein sehr streitbarer Begriff" 11 . Der Ursprung des Terminus ist auf Ola Hansson zurück zu führen, der mit dem Artikel "Nietzscheanismus in
6 Landsber, Hans F.: Friedrich Nietzsche und die deutsche Literatur. Leipzig 1902. Nietzsche und die deutsche Literatur. I. Texte zur Nietzsche-Rezeption 1873-1963. Hg. v. Hillebrand, Bruno. Tübingen: Max Niemeyer Verlag 1978. S.89f
7 Hillebrand, Bruno: Einleitung. In: Nietzsche und die deutsche Literatur. I. Texte zur Nietzsche-Rezeption
1873-1963. Hg. v. Hillebrand, Bruno. Tübingen: Max Niemeyer Verlag 1978. S.11
8 Ebd. S.12
9 Ebd. S.12
10 Niewöhner, Friedrich: Jüdischer Nietzscheanismus seit 1888. Ursprünge und Begriff. In: Jüdischer Nietzscheanismus. Hg. Stegmaier Werner und Daniel Krochmalnik. Berlin: Walter d Gruyter 1997. S.17
6
Skandinavien" (1889) in der Zeitschrift "Neue Freie Presse" (Wien) Georg Brandes als einen "Verkünder des Nietzscheanismus" 12 bezeichnete. Rudolf Steiner trug dann 1892 zu einer umfassenderen und disjunktiveren Form der Begrifflichkeit bei, indem er den "Nietzscheanismus" klar von der Theorie Nietzsches abgrenzt und ihn als das, "was die Anhänger eines 'neuen Götzen' über ihn [d.i. Nietzsche] schreiben" 13 fasst.
Nietzsche und der Nietzscheanismus 14 sind also "mehr oder weniger scharf zu trennen" 15 . Vor allem hinsichtlich der unzähligen Diskurse auf verschiedenen wissenschaftlichen, kulturellen, soziologischen, theologischen, politischen etc. Feldern, die über Nietzsche geführt worden sind (und immer noch geführt werden), ist es ratsam eine strikte Trennung zwischen der The-orie Nietzsches und der Wahrnehmung Nietzsches zu vollziehen. Oft sind Schlagwörter aus dem nietzscheschen Sprachgebrauch in politische Bewegungen und gedankliche Auseinandersetzungen übergegangen und wurden verbogen bis verfälscht.
Vor allem die erste "Nietzsche-Euphorie" bewegte sich teilweise sehr von der Grundlage des Werkes weg, man "machte Schulden, verführte Mädchen und besoff sich, alles zum Ruhme Zarathustras" 16 .
2.3. Döblin und Nietzsche
Alfred Döblin ist einer der wenigen Dichter, die sich in das Werk Nietzsches eingearbeitet haben, es analytisch untersuchten. Er ist derjenige, der sich auf sehr präzise Weise mit Nietzsche auseinander setzte und versuchte, Nietzsches interne Systematik zu sondieren. Er wird daher nach Bruno Hillebrand zu dem bedeutenden Literaten der Nietzsche - Rezeption ausgezeichnet, nicht zuletzt wegen seiner präzisen, oben schon erwähnten Nietzsche - Aufsätze; Hillebrand bezeichnet in diesem Punkt Döblin als den Literaten, „ der sich auf philosophisch präziseste Weise mit Nietzsche auseinandergesetzt hat“ 17 , er nimmt Nietzsche nicht auf intuitive, essayistische Weise wahr sondern begreift Nietzsches Denken als Denken. Er hat nicht
11 Ebd. S.17
12 Ebd. S.17
13 Steiner, Rudolf: Gesammelte Aufsätze zur Kultur- und Zeitgeschichte 1887-1901.Dornach 1989; zit. n.: Niewöhner, Friedrich: Jüdischer Nietzscheanismus seit 1888. Ursprünge und Begriff. In: Jüdischer Nietzscheanismus. Hg. Stegmaier Werner und Daniel Krochmalnik. Berlin: Walter d Gruyter 1997. S.17
14 Vgl. Nolte, Ernst: Nietzsche und der Nietzscheanismus.Durchgesehene und erweiterte Auflage. München: F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung 2000
15 Niewöhner, Friedrich: Jüdischer Nietzscheanismus seit 1888. Ursprünge und Begriff. In: Jüdischer Nietzscheanismus. Hg. Stegmaier Werner und Daniel Krochmalnik. Berlin: Walter d Gruyter 1997. S.19
16 Berg, Leo: Der Übermensch in der modernen Literatur. Ein Kapitel zur Geistesgeschichte des 19. Jahrhunderts. München 1897; zit. n.: Nietzsche und die deutsche Literatur. I. Texte zur Nietzsche-Rezeption 1873-1963. Hg. v. Hillebrand, Bruno. Tübingen: Max Niemeyer Verlag 1978. S.41
17 Nietzsche und die deutsche Literatur. I. Texte zur Nietzsche-Rezeption 1873-1963. Hg. v. Hillebrand, Bruno. Tübingen: Max Niemeyer Verlag 1978. S.41
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Christopher Klein, 2001, Nietzscheanistische Figurenkonzeption bei Alfred Döblins Protagonisten Franz Bieberkopf und Wang-lun, Munich, GRIN Publishing GmbH
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