Inhaltsverzeichnis
INHALTSVERZEICHNIS 1
EINLEITUNG 2
1 EINORDNUNG IN DEN ALTTESTAMENTLICHEN KALENDER 3
1.1 Grundlegendes zum alttestamentlichen Kalender 3
1.2 Exilische Zeit 5
1.3 Nachexilische Zeit 9
2 EINORDNUNG IN DEN JÜDISCHEN KALENDER 14
3 DIE ENTWICKLUNG IM ANTIKEN JUDENTUM 18
4 DER VERSÖHNUNGSTAG IM MITTELALTER 21
5 DIE TRADITION DES VERSÖHNUNGSTAGES HEUTE 24
6 ZUSAMMENFASSUNG 30
7 LITERATURVERZEICHNIS 32
1
Einleitung
Jom Kippur ist einer der höchsten Feiertage im Judentum, oft wird er auch als Versöhnungstag bezeichnet, wenngleich im Text selbst dieses Wort nicht vorkommt, sondern 16-mal von Sühne gesprochen wird. Es wäre also unter Umständen angemessener ihn als Tag der Sühne zu bezeichnen. Verbreitet und wichtig geworden ist Jom Kippur jedoch als Tag der Versöhnung. Seine Ursprünge scheinen nicht wirklich geklärt zu sein, da sich viele Riten aus vermutlich verschiedenen Zeiten in ihm wieder finden lassen.
Diese Arbeit will untersuchen wie sich der Versöhnungstag der Juden im Laufe der Zeit entwickelt hat, auf welche Ursprünge er zurück geht und inwieweit sich alte Traditionen und Riten bis in unsere heutige Zeit gehalten haben, verändert wurden oder in Vergessenheit geraten sind.
Hierfür werden einzelne große Abschnitte der jüdischen Geschichte herausgegriffen und dahingehend untersucht, wie geschichtliche Ereignisse und veränderte Gegebenheiten die Traditionen des Jom Kippur Festes beeinflussten.
Es ist darauf hinzuweisen, dass diese Arbeit keinen Anspruch auf vollständige Richtigkeit erhebt. Da insbesondere für die Darstellung der heutigen Traditionen des Jom Kippur, genauer Untersuchungen direkt in jüdischen Gemeinden notwendig wären. So kann diese Arbeit immer nur einen Ausschnitt beziehungsweise einen Durchschnitt von der sich entwickelnden Festtradition widerspiegeln und versucht dies, zum Teil an biblischen Materialien und später mit Hilfe der wenigen Literatur, für die Entwicklung zur Zeit des Mittelalters, darzustellen.
2
1 Einordnung in den alttestamentlichen Kalender
1.1 Grundlegendes zum alttestamentlichen Kalender
Zu Zeiten des Alten Testaments war Israel eine klar agrarisch orientierte Gesellschaft und so wurde das Leben durch die sich verändernde Natur strukturiert. In Festen verknüpften die Menschen die natürlich geprägten Zeiten mit historischen Ereignissen, in denen sie ihrem Gott auf besondere Weise nahe waren. 1 Viele Feste hatten demnach agrarischen Charakter und standen in Verbindung zu landwirtschaftlichen Ereignissen. Das Alte Testament selbst enthält also keinen altisraelitischen oder judäischen Kalender, sondern beinhaltet verschiedene Systeme von Monatsnamen und Jahrsanfängen. Das Jahr wurde durch die unterschiedlichen Feste, die sich aus der Landwirtschaft, der Viehzucht und astronomischen Beobachtungen ergaben, strukturiert. Eine besondere Rolle bei dieser Strukturierung spielte der Mondzyklus, in welchem besonders der Voll- und Neumond Beachtung fand. Aber auch durch die Äquinoktien im ersten und siebenten Monat wurde das Jahr in zwei Hälften geteilt. 2 Der alttestamentliche Zeitbegriff unterscheidet sich von unserem heutigen Verständnis. Im hebräischen wird unter der Zeit nicht die messbare Einheit sondern die Bündelung von Erfahrungen verstanden. Zeit ist immer auch Zeit für etwas, sie ist gewidmete Zeit. Für die Menschen im Alten Israel war es wichtig, auch der Gemeinschaft Zeit zu widmen. So gelten die Feste als gemeinschaftliche Zeit 3 und haben im jüdischen Glauben eine große Bedeutung, denn an ihnen, kann die Glaubensentwicklung des Volkes abgelesen werden, weil die Erfahrungen, welche die Menschen mit ihrem Gott machten, ihre Widerspieglung in den Festen fanden. 4 In denen brachte das Volk Israel die Freude über ihren Gott und seine Taten zum Ausdruck, ebenso wurde in den Festen das Weinen und Klagen über die richtenden und strafenden Taten Gottes deutlich, die jedoch nicht der Vernichtung sondern der Erneuten Hinwendung zu Gott dienen sollten. 5
1 Vgl. Müllner/Dschhulnigg (2002), S.9.
2 Vgl. Berlejung (2004), S.16-21.
3 Vgl. Müllner/Dschhulnigg (2002), S.9.
4 Vgl. Körting (1999), S.1.
5 Vgl. Die neue Echter Bibel (1995), S.278.
3
Die meisten Feste wurden aufgrund der landwirtschaftlichen Orientierung im Frühling und Herbst gefeiert, da der Winter keinen agrarischen Anlass für ein Fest bot. Diese natürlichen Rhythmen blieben Grundlage des israelitischen Festkalender, auch wenn zunehmend eine Historisierung der Feste eintrat und weniger dass landwirtschaftliche Ereignis, als die Zuordnung zu einem historischen Ereignis im Mittelpunkt stand.
Die drei Wallfahrtsfeste Pessach, Schawuot und Sukkot wurden beispielsweise den Ereignissen des Auszug aus Ägypten, der Gabe der Tora am Sinai und der Wüstenwanderung zugeordnet. 6
„Die Festlegung der Festtermine der vier Jahresfeste wird in der Forschung recht einhellig als Ergebnis späterer Entwicklungen angesehen, da erst der späte Festkalender Lev 23, und der Opferkalender Num 28–29 den Festen ein genaues Datum geben, sie aufeinander abstimmen, und mit dem 1..7., einem Neujahrs- und Neumondtag, und dem 10.07., dem Versöhnungstag, zwei weitere Festtage hinzufügen.“ 7
Hier wird schon deutlich, dass die Bedeutung der Festkalender nicht eindeutig ist. Gerade weil das Alte Testament mehrere Festkalender, mit nicht unerheblichen Unterschieden, beinhaltet. Alle drei großen, oben genannten Wallfahrtsfeste bilden vermutlich den Grundstock des biblisch jüdischen Festjahres. In den großen Festkalendern Lev 23 und Num 28, welche die wichtigsten Jahreskalender sind, weil sie das abschließende Stadium des israelischen Festkalenders bis ins zweite Jahrhundert vor Christus repräsentieren, kommen noch weitere Feste hinzu. 8
Die früheren Festkalender sind in Ex 23,14-19 und Ex 34,18-26 aufgeschrieben. Auch der Festkalender aus Dtn 16 gibt nur über ein Fest im Herbst Auskunft, während dessen Die Festkalender aus Lev 23 und Num 28-29 die drei Feste, Rosh ha Shana, Jom Kippur und das Laubhüttenfest im Herbst benennen. Alle drei Herbstfeste sind im Monat Tischri zu feiern. Die Texte zum Tag des Lärmblasens und zum Jom Kippur kommen demnach erst mit den priesterlichen Schriften auf. 9
6 Vgl. Müllner/Dschhulnigg (2002), S.9.
7 Berlejung (2004), S.27.
8 Vgl. Müller/Dschulnigg (2002), S.17.
9 Vgl. Körting (1999), S.1.
4
„Zudem kann man bezweifeln, dass Ex 23,14-17 je als Festkalender in einer Kultgemeinde fungiert habe, und annehmen, dass es sich um einen paradigmatischen Text handelt, der die Parameter des korrekten israelischen Festkults vorgibt, die in den darauf aufbauenden Texten Ex 34 und Dtn 16,1-17 weiter entwickelt werden.“ 10
Es wird also deutlich, dass noch viele Fragen bezüglich der biblischen Festkalender offen bleiben. Auch wenn die scheinbare Weiterentwicklung ersichtlich ist, kann nicht mit Sicherheit davon ausgegangen werden, dass sie die tatsächliche Kultpraxis der Länder Israel und Juda widerspiegeln. Mit dem Wissen um diese Unsicherheiten, sollen die Texte zur Kultpraxis des Jom Kippur, im Folgenden in die verschieden Festkalender eingeordnet werden.
1.2 Exilische Zeit
Schon im Jahre 597v.Chr. nahm der babylonische Kronprinz Nebukadnezar die Stadt Jerusalem ein, viele Bewohner der Hauptstadt Judas wurden in die Verbannung geschickt. Wenige Jahre später wandten sich die Judäer, von den Ägyptern ermutigt, gegen die Babylonier, mussten jedoch erneut eine Niederlage hinnehmen. Jerusalem wurde gebrandschatzt. So wurde der Tempel zerstört und zehntausende Judäer wurden in das Babylonische Exil verschleppt.
Der Staat Judäa fand also im Jahre 578v.Chr. sein Ende, die exilische Zeit begann. Auch wenn später wieder ein Teil der Exilanten zurückkehrte, konnte bis heute nicht wieder die zuvor vorhandene Einheit Israels hergestellt werden. Denn die Exilszeit war gleichbedeutend mit einer Zerstreuung. Die jüdische Kultur entwickelte sich nun an verschiedenen Orten. Die bis dahin gültige vorderasiatische Nationalreligion entwickelte sich zur Bekenntnisreligion, die nicht mehr an nationale Grenzen gebunden war. Die militärische Niederlage konnte so als Möglichkeit zu einer umfassenden Erneuerung gesehen werden, denn in dieser Zeit entstanden Normen, welche die Zugehörigkeit zum Volk Gottes verdeutlichen. 11
Ezechiel ist ein Prophet der Exilszeit, welcher einer priesterlichen Familie entstammte, schon 597v.Chr. mit ins Exil verschleppt wurde und die Zerstörung der Stadt und des Tempels aus
10 Berlejung in: Gertz (2006), S.74.
11 Vgl. Sasse (2004), S.1-2.
5
dem Exil erlebte. Seine Wirkungszeit wird von 529-571 angegeben. 12 Ezechiels Welt- und Gottesbild erschütterte mit seiner Deportation und der Zerstörung Jerusalems. Nach seiner Berufung zum Propheten klärte er die theologische Problematik jedoch in Visionen und teilte sie dann dem Volk mit. Im Buch Ezechiel wird immer wieder sein zweipoliges Denken deutlich, in dem die Herrlichkeit des Gottes Israel wiederkehrend dem Elend und Schicksal Jerusalems gegenüber steht. So haben die Kapitel 1-32 Unheil und Strafe zum Inhalt, die Kapitel 33-48 hingegen thematisieren das Heil, die Möglichkeit zur Umkehr in den Kapiteln 33-39 und die Vision des neuen Jerusalems in den Kapiteln 40-48, welche mit dem Buchanfang korrespondieren , weil hier wieder Jerusalem und der Tempel in den Mittelpunkt rücken und zum Zentrum der gottesfürchtigen Welt werden. 13
Bei Ezechiel verweist eine Textstelle auf ein Sühneritual, welches auf Jom Kippur hindeuten kann. Diese Sühnestelle ist im Abschnitt der abschließenden Vision zu finden.
„So spricht Gott der HERR: Am ersten Tag des ersten Monats sollst du nehmen einen jungen Stier, der ohne Fehler ist, und das Heiligtum entsündigen. Und der Priester soll von dem Blut des Sündopfers nehmen und die Pfosten am Tempel damit besprengen und die vier Ecken des Absatzes am Altar samt den Pfosten am Tor des inneren Vorhofs. So sollst du auch tun am ersten Tag des siebenten Monats wegen derer, die sich verfehlt haben aus Versehen oder Unwissenheit; damit entsühnt ihr den Tempel.“ 14
Hier wird das Heiligtum durch einen kleinen Blutritus entsühnt, da das Ritual nicht im Tempelgebäude selbst sondern nur im Innenhof vollzogen wird.
Auch Corinna Körting behandelt Jom Kippur unter dem Punkt, „Die Feste der Exilischen Zeit“. Sie weist jedoch darauf hin, dass die Kennzeichen der Arbeitsruhe und des Fastens an diesem Tag erst in einem späteren Entwicklungsschritt hinzugekommen sind. Die Anfänge des Jom Kippur liegen vermutlich in dem auch in Ezechiel beschriebenen Sühneritus für den Hohenpriester, welcher, wie in Lev 16 dargestellt, später zu einem jährlichen Sühneritus für Hohepriester, Volk und Heiligtum ausgeweitet wurde. 15
12 Vgl. Stuttgarter Altes Testament (2004), S.1611.
13 Vgl. Albani/Rösel (2002), S.86f.
14 Ezechiel 45,18-20.
15 Vgl. Körting (1999), S.162.
6
Arbeit zitieren:
Anne Goldbach, 2006, Jom Kippur, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Eliminationsriten im Alten Testament am Beispiel des Rituals vom Jom K...
Theologie - Biblische Theologie
Hausarbeit, 24 Seiten
Exegese von Mk 10, 46-52: Die Heilung des blinden Barthimäus
Theologie - Biblische Theologie
Seminararbeit, 20 Seiten
Die Erbsündenlehre: Grundlage und Entstehungsgeschichte
Theologie - Systematische Theologie
Seminararbeit, 22 Seiten
Eine kurze Darstellung
Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)
Seminararbeit, 15 Seiten
Verlust der Persönlichkeit und Profilierung der Person. Über "Das...
Philosophie - Epochenübergreifende Abhandlungen
Vordiplomarbeit, 32 Seiten
Das Täufertum im Europa des konfessionellen Zeitalters
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Hausarbeit, 19 Seiten
Unterrichtseinheit: Psalmen - den Gefühlen Worte geben
Theologie - Didaktik, Religionspädagogik
Unterrichtsentwurf, 10 Seiten
Verschiedene Modelle des Aufarbeitens des Gleichnisses vom barmherzige...
Theologie - Didaktik, Religionspädagogik
Hauptseminararbeit, 18 Seiten
Annette von Droste-Hülshoff: Die Judenbuche
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hauptseminararbeit, 18 Seiten
Faires Streiten trotz Wut im Bauch - Fördermöglichkeiten zur gewaltfre...
Examensarbeit, 40 Seiten
Die Bedeutung von Symbolen und die Möglichkeiten der Symboldidaktik
Theologie - Didaktik, Religionspädagogik
Hauptseminararbeit, 28 Seiten
Die Religiosität der Rockkultu...
Seminararbeit, 30 Seiten
Unterrichtsstunde Wahrscheinlichkeit: Würfeln mit zwei Würfeln
Unterrichtsentwurf Mathematik ...
Unterrichtsentwurf, 11 Seiten
Die Bedeutung der Reichstage von Worms, Speyer und Augsburg für die En...
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Seminararbeit, 17 Seiten
Das Gleichnis im Bild: Vincent van Gogh, »Der Barmherzige Samariter« (...
Theologie - Religion als Schulfach
Hauptseminararbeit, 22 Seiten
Vernichtung "lebensunwerten" Lebens während des Dritten Reic...
Pädagogik - Pädagogische Soziologie
Examensarbeit, 159 Seiten
Aggression und Gewalt bei Kindern und Jugendlichen - Was die Schule tu...
Psychologie - Lernpsychologie, Intelligenzforschung
Hauptseminararbeit, 45 Seiten
Haus Freudenberg in Berlin Zehlendorf
Kunst - Architektur, Baugeschichte, Denkmalpflege
Referat (Handout), 17 Seiten
Religion und Rockmusik - und mittendrin Jugendliche!
Theologie - Didaktik, Religionspädagogik
Seminararbeit, 35 Seiten
Anne Goldbach's Text Jom Kippur ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Anne Goldbach hat den Text Jom Kippur veröffentlicht
Anne Goldbach hat einen neuen Text hochgeladen
Konkordanz Zum Hebraischen Alten Testament = Concordance to the Hebrew...
Gerhard Lisowksy, Leonhard Rost, Paul Kahle
Hebraisches Und Aramaisches Lexikon Zum Alten Testament, Volume 4 Band...
Ludwig Koehler, Walter Baumgartner, L. Koehler
Feste, Feiern, Rituale im östlichen Europa
Studien zur sozialistischen un...
Joanna Bar, Ulf Brunnbauer, Jasna Capo-Zmegac, Ivan Colovic, Michaela Ferencovà, Christian Giordano, Klaus Roth
Miteinander Feste Feiern 1. Mit CD-ROM
Von Erntedank bis Blasius
Carmen Gremmelspacher, Susanne Hepp-Kottmann
0 Kommentare