Universität Flensburg, Institut für Germanistik
Seminar „Neue Erzählformen des Spielfilms“
Wintersemester 2005/06
Das Konzept der Person in den Filmen Lost Highway
und Mullholland Drive vom Regisseur David Lynch
von: Nils-Holger Koch
Inhaltsangabe
1. Einleitung 3
2. Erzählperspektive in der Literatur 4
2.1. Erzählsituation nach Genette 4
2.2. Erzählsituation nach Stanzel 6
3. Wer erzählt hier denn eigentlich? -Vom Konzept der Person in den Filmen „Lost Highway“ und „Mullholland Drive“ von David Lynch 10
Die Erzählsituation in Mullholland Drive nach Franz Karl Stanzel 11
Die Erzählsituationen nach Gérard Genette 11
Die Erzählsituation in Lost Highway nach Franz Karl Stanzel 14
Die Erzählsituation in Lost Highway nach Gérard Genette 14
4. Lynchs Kritik an Hollywood 17
5. Die Krankheit als formgebendes Mittel am Beispiel Lost Highway 19
6. Zusammenfassung und Schlussbetrachtung 23
Literatur 24
1. Einleitung
Der Titel unseres Seminars im Wintersemester 2005/06 lautete „Neue Erzählformen des Spielfilms“. Der Gegenstand meiner Hausarbeit für dieses Seminar werden die Filme „Lost Highway“ und „Mullholland Drive“ von dem amerikanischem Regisseur David Lynch sein. Aufgabe meiner Arbeit wird sein, zu klären welches erzählperspektivische Konzept David Lynch in diesen Filmen verfolgt. Zu Beginn der Arbeit möchte ich zunächst einmal klären welche Konzepte der Person bzw. der Erzählperspektive es in der Literatur gibt. Als nächstes werde ich dann beschreiben inwieweit die Konzepte für die literarischen Texte auf die filmischen Texte von David Lynch zu übertragen sind. Der zweite Teil meiner Arbeit handelt von der formalen Umsetzung von Inhalt am Beispiel der dissoziativen Identitätsstörung1 im Film Lost Highway und von Lynchs Kritik am heutigen Hollywood.
2. Erzählperspektive in der Literatur
2.1. Erzählsituation nach Genette
Gérard Genette unterscheidet in seiner Ausführung zwei Typen von Erzählungen: solche, in denen der Erzähler in der Geschichte, die er erzählt, nicht vorkommt, abwesend ist, und solche, in denen der Erzähler als Figur in der Geschichte, die er erzählt, anwesend ist2. Den ersten Typ nennt Genette heterodiegetisch (von griech. heteros = der andere), den zweiten Typ homodiegetisch (von griech. homo- = gleich, ähnlich). Den Begriff Diegese (frz. diégèse, nach neugriech. διήγηση, diíjisi, „die Erzählung“, „Erörterung“, „Ausführung“) nimmt Genette auf und entwickelt ihn weiter. So spricht er nämlich von einem Sonderfall. Diesen Sonderfall definiert Genette folgendermaßen: Die Abwesenheit eines Erzählers ist absolut. Die Anwesenheit hat ihre Grade3. Bei manchen homodiegetischen Erzählungen ist der Erzähler selbst der Held der Handlung. Bei anderen wiederum ist er nur in einer Nebenrolle vertreten. Ist der Erzähler selbst auch Held der Handlung (höchster Grad des homodiegetischen), nennt Genette diese Erzählposition als Sonderfall der homodiegetischen Position „autodiegetisch“.
Unter dem Stichwort ′Fokalisierung′ beschäftigt sich Gérard Genette mit der Frage, aus welchem Blickwinkel eine Geschichte erzählt werden kann. Wie ich später noch erläutern werde hat Stanzel in seinem Modell der Erzählsituationen den Blickwinkel (unter dem Begriff Perspektive) und die Erzählerstimme (als Person) zusammengefasst. Genette plädiert für eine Trennung dieser beiden Kategorien, um eine Erzählung in ihrer Komplexität genauer analysieren zu können. Er trennt also die Frage "Wer nimmt wahr?" ganz klar von der Frage "Wer spricht?" Um die erste geht es bei den Fokalisierungstypen.
Nach Genette schaltet der Autor den Erzähler als eine Mittlerinstanz zwischen die erzählte Geschichte und den Leser ein. So kann er ihn mit verschiedenen "Wissenshorizonten" ausstatten, die es ihm erlauben, die narrativen Informationen mehr oder weniger stark zu filtern. Je breiter dieser "Wissenshorizont" des Erzählers ist, desto mehr erfährt der Leser über die die Geschichte. Die Informationsregulierung erfolgt also durch die Wahl oder auch Nicht-Wahl eines einschränkenden Blickwinkels oder Fokus.
Die drei unterschiedlichen Fokalisierungstypen bestimmt Genette als Verhältnis zwischen dem Wissensstand des Erzählers und dem seiner Figuren. Bei der ersten Form, der unfokalisierten Erzählung (oder auch Erzählung mit einem Null-Fokus), sagt der Erzähler mehr als alle seine Figuren wissen können. Er erlegt sich keinerlei einschränkenden Blickwinkel auf und kann den Leser umfassend, auch über das Gedanken- und Gefühlsleben der verschiedenen Figuren, informieren. Im zweiten Fall, bei der internen Fokalisierung, sagt der Erzähler genau so viel wie seine Figur weiß. Sein Blickwinkel ist auf den Horizont einer Figur (fest) oder auch verschiedener Figuren (variabel bzw. multipel) beschränkt. Bei einer multiplen Fokalisierung werden die Informationshorizonte verschiedener Charaktere zu ein und demselben Ereignis wiedergegeben (Bsp.: Rashomon). Der dritte Fokalisierungstyp, die externe Fokalisierung, ist dadurch gekennzeichnet, dass der Erzähler weniger sagt als die Figur weiß. Er ist gezwungen, sie von außen zu beobachten, ohne ihre Gedanken oder Gefühle zu kennen.
[...]
1 Die Dissoziative Identitätsstörung , ist eine dissoziative Störung, bei der die Identität betroffen ist. Sie ist die schwerste Form der Dissoziation und bezeichnet die Fähigkeit bzw. Veranlagung, mehrere (Teil-) Persönlichkeiten auszubilden. Dabei ist es möglich, dass diese Persönlichkeiten abwechselnd auftreten und dabei jeweils ein Bewusstsein der Existenz der anderen Alternativen-Persönlichkeiten haben, wie auch, dass sie fragmentiert, also völlig voneinander abgetrennt auftreten können und somit die eine von der Existenz der anderen nichts weiß. Früher wurde oft irrtümlich ein Zusammenhang zur Schizophrenie hergestellt. (http://de.wikipedia.org/wiki/Dissoziative_Identitätsstörung Zugriff am 28.9.06)
2 Genette, Gérard: Die Erzählung, S.175
3 Ebd., S. 175
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Nils-Holger Koch, 2006, Das Konzept der Person in den Filmen Lost Highway und Mullholland Drive vom Regisseur David Lynch, Munich, GRIN Publishing GmbH
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