Freundschaftsfähigkeit Ein Literaturüberblick zum Zusammenhang von Freundschaft und Persönlichkeit
Inhalt
1 EINLEITUNG 3
1.1 ZIEL DER VORLIEGENDEN ARBEIT 3
2 DER ZUSAMMENHANG VON FREUNDSCHAFT UND PERSÖNLICHKEIT 4
2.1 ZUM BEGRIFF FREUNDSCHAFTSFÄHIGKEIT 5
2.2 VERSUCH EINER DEFINITION VON FREUNDSCHAFT 7
3 PERSÖNLICHKEIT IN DER FREUNDSCHAFTSFORSCHUNG 9
3.1 THEORETISCHE ERKLÄRUNGSANSÄTZE 10
3.1.1 Eysenck s Persönlichkeitstheorie 10
3.1.2 Die Theorie der persönlichen Konstrukte 11
3.1.3 Die Austauschtheorie im Freundschaftskonzept 12
3.1.4 Die Freundschaftstheorie von Wright 13
3.2 DIFFERENTIALPSYCHOLOGISCHE ASPEKTE VON FREUNDSCHAFT 15
3.2.1 Eigenschaften und Attribution in der Freundschaft 16
4 PERSÖNLICHKEITSMERKMALE IM FREUNDSCHAFTSPROZEß 17
4.1 VORBEDINGUNGEN FÜR DIE ENTSTEHUNG VON FREUNDSCHAFT 18
4.1.2 Das Selbstkonzept 21
4.1.3 Ähnlichkeit als Attraktionsbedingung 23
4.1.3.1 Die Filtertheorie von Duck 26
4.1.3.2 Die Locus-of control-Variable 27
4.2 FREUNDSCHAFTSRELEVANTE VARIABLEN 28
4.2.1 Alter 28
4.2.2 Geschlecht 31
4.2.3 Soziale Motive 34
4.3 DIE ENTWICKLUNG VON FREUNDSCHAFT 36
4.3.1 Hilfsbereitschaft und soziale Unterstützung 36
4.3.2 Soziale Fertigkeiten 38
4.3.2.1 Widerstandsfähigkeit 39
4.3.2.2 Kommunikationsfähigkeit 40
4.3.3 Das Konzept des Self-Monitoring 41
4.4 DIE AUFRECHTERHALTUNG VON FREUNDSCHAFT 44
4.4.1 Intimität und die Fähigkeit zur Selbstenthüllung 44
4.4.2 Vertrauen als Persönlichkeitsvariable 46
4.5 ISOLIERUNG UND EINSAMKEIT 47
4.6 STREIT IN DER FREUNDSCHAFT 52
4.6.1 Das Ende einer Freundschaft 53
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Freundschaftsfähigkeit Ein Literaturüberblick zum Zusammenhang von Freundschaft und Persönlichkeit
5 VORSTELLUNGEN VOM IDEALEN FREUND 55
6 ZUSAMMENFASSENDE BEWERTUNG DER LITERATUR 58
6.1 DIE SCHWIERIGKEIT EINER DEFINITION VON FREUNDSCHAFT 58
6.2 FREUNDSCHAFT UND PERSÖNLICHKEIT IN DER FORSCHUNGSLITERATUR 60
6.3 PERSÖNLICHKEITSVARIABLEN IM FREUNDSCHAFTSPROZEß 68
6.4 ABSCHLIEßENDE BETRACHTUNG 71
6.5 TABELLARISCHER ÜBERBLICK IN CHRONOLOGISCHER REIHENFOLGE 76
7 KURZZUSAMMENFASSUNG 77
8 LITERATUR 79
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Freundschaftsfähigkeit – Ein Literaturüberblick zum Zusammenhang von Freundschaft und Persönlichkeit
1 Einleitung
Der Mensch ist als „soziales Wesen“ (Lersch, 1964) darauf angewiesen, mit anderen Menschen zu interagieren. Diese Beziehungen zu anderen Individuen bilden für die meisten von uns einen wichtigen, wenn nicht sogar den wichtigsten Bestandteil unseres Lebens, wobei nicht nur die Beziehungen zur eigenen Familie eine Rolle spielen, sondern auch der Kontakt zu Freunden, Nachbarn oder Kollegen einen entscheidenden Einfluß auf das psychische Wohlbefinden des Menschen hat.
Lersch (1964) spricht in diesem Zusammenhang vom Gesellungsdrang, der jedem Menschen innewohnt, allerdings nicht in jedem mit der gleichen Stärke wirksam ist. Es gibt Individuen, die nicht nur ein stärkeres Bedürfnis haben, im dauernden Dialog mit anderen zu leben, sondern auch leichter mit anderen in Kontakt kommen können. Andere wiederum leben isoliert von ihren Mitmenschen, teilweise, weil sie das Mit-einanderleben auf ein Minimum beschränken wollen und nur mit Auswahl gesellig sind (Lersch, 1964), teilweise aber auch, weil sie aufgrund ihres Wesens Schwierigkeiten haben, mit anderen Individuen Freundschaften zu schließen. Aber, wie Kon (1979, S.176) feststellte: „Alle Menschen brauchen Freunde“ .
Freundschaften nehmen im sozialen Miteinander der Menschen also einen besonderen Stellenwert ein, vor allem, wenn man bedenkt, wieviel Zeit man im Laufe seines Lebens mit Freunden verbringt. Kon (1979, S.8) bezeichnet Freundschaft zum Unterschied von den funktionellen oder geschäftlichen Beziehungen als ein „ganz und gar persönliches Verhältnis“ , in dem Freunde einander uneigennützig und von Herzen helfen.
1.1 Ziel der vorliegenden Arbeit
Freundschaft ist ein Begriff, der nicht mit einfachen Worten zu erklären ist. Jeder Mensch hat seine eigene Auffassung von den Bedingungen, die jemanden als Freund qualifizieren und von dem, was Freundschaft für ihn bedeutet. Doch trotz seiner begrifflichen Schwer-Erfaßbarkeit ist Freundschaft ein Thema, das in den vergangenen Jahren zum Gegenstand der sozialpsychologischen Forschung geworden ist. Diese relativ „junge Forschungsrichtung“ (Auhagen & Mikula 1988) hat erst in den letzten zehn Jahren, im Anschluß an die Kleingruppenforschung, die Aufmerksamkeit von Wissenschaftlern verschiedener Gebiete erregt. Insbesondere über die Entstehung zwischenmenschlicher Beziehungen, Attraktionsbedingungen und Funktionen von
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Freundschaftsfähigkeit – Ein Literaturüberblick zum Zusammenhang von Freundschaft und Persönlichkeit
Freundschaft gibt es zahlreiche Veröffentlichungen und Versuche, das Phänomen „Freundschaft“ theoretisch zu strukturieren.
Da aber jeder Mensch eine eigene Persönlichkeit besitzt und infolgedessen auch individuelle Vorstellungen von Freundschaft entwickelt, erweist es sich dagegen hinsichtlich der Differenziertheit verschiedener Freundschaftsformen und –typen als schwierig, eine allgemeine Aussage zu diesem Thema zu machen. Angesichts der Tatsache, daß manche Menschen aufgrund ihres Wesens gesellig sind, andere wiederum, gewollt oder ungewollt, in Einsamkeit leben, stellt sich die Frage, inwieweit Persönlichkeitsmerkmale einen Einfluß auf die Gestaltung von Freundschaft haben bzw. welche Eigenschaften einen Menschen „freundschaftsfähig“ machen.
Anfang der siebziger Jahre kamen allerdings Zweifel auf, ob und wie man Persönlichkeitsvariablen zur Vorhersage sozialen Verhaltens nutzen kann. (Köhler, 1991) So stellen McAdams, Healy & Krause (1984) fest, daß die Freundschaftsliteratur im allgemeinen wenig zu sagen hat über die Beziehung zwischen individuellen Differenzen in Persönlichkeit und Freundschaft. Auch Auhagen (1991) betont, daß in den letzten zehn Jahren die Schwerpunkte der Forschung eher auf Unterschieden von Persönlichkeitsvariablen und ihrem Zusammenhang mit Erleben und Verhalten in Freundschaften lagen, wobei Geschlechtsunterschiede das Hauptthema bildeten.
Die vorliegende Arbeit soll einen Überblick über Literatur geben, die in den letzten Jahren zum Zusammenhang von Freundschaft und Persönlichkeit erschienen ist. Zunächst einmal möchte ich versuchen, den Begriff „Freundschaftsfähigkeit“ verständlich zu machen und Freundschaft trotz seiner vielfältigen Erscheinungsformen zu definieren. Anhand von theoretischen Ansätzen und differentialpsychologischen Aspekten soll die Rolle der Persönlichkeit in der Freundschaftsforschung dargestellt werden. Den Einfluß verschiedener Persönlichkeitsvariablen auf die Entstehung, Entwicklung und Aufrechterhaltung von Freundschaft möchte ich mit Hilfe verschiedener Befunde und Konzepte verdeutlichen, so daß am Ende ein Überblick über die verschiedenen Veröffentlichungen zu den differenzierten Aspekten der Freundschaftsfähigkeit entsteht.
2 Der Zusammenhang von Freundschaft und Persön-
lichkeit
Jeder Mensch ist einzigartig in seinem Wesen und in seinem Verhalten in zwischenmenschlichen Beziehungen. Diese Individualität macht es für die Forschung schwie-
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Freundschaftsfähigkeit – Ein Literaturüberblick zum Zusammenhang von Freundschaft und Persönlichkeit
rig, eine einheitliche Definition für Freundschaft zu finden und eine allgemeine Aussage über den Zusammenhang von Freundschaft und Persönlichkeit zu machen. Die Psychologie der Persönlichkeit befaßt sich in erster Linie mit dem Einfluß der individuellen Eigenschaften der Freundeswahl und versucht zu erklären, wie diese Wahl vor sich geht und wodurch sie bevorzugt wird, während sich die Sozialpsychologie mit selektiven und Anpassungsprozessen im Zuge der Entstehung, Entwicklung und Fortdauer der Freundschaft beschäftigt (Kon 1979).
Der Begriff „Persönlichkeit“ wird in der Persönlichkeitspsychologie nicht bewertend sondern beschreibend verwendet. Sader & Weber (1996, S.10) bezeichnen Persönlichkeit als „den engen Bereich dessen (...), was bei uns früher „Charakter“ hieß und sich damit gewissermaßen auf den inneren personalen Kern des Individuums beschränkt.“ Bei der Beschreibung eines anderen Menschen werden in erster Linie dessen Eigenschaften genannt. Diese Eigenschaften sind ideal geeignet, Menschen zu beschreiben und voneinander zu unterscheiden, und werden daher bevorzugt in der Differentiellen Psychologie eingesetzt, um interindividuelle Unterschiede zu verdeutlichen. (Sader & Weber 1996) Welche Eigenschaften nun einen Menschen „freundschaftsfähig“ machen, ist unter Berücksichtigung der Differenziertheit von Freundschaft und unterschiedlicher situativer Bedingungen in verschiedenen Publikationen wiedergegeben.
2.1 Zum Begriff „Freundschaftsfähigkeit“
Was soll unter „Freundschaftsfähigkeit“ verstanden werden? Dieser Begriff ist zwar kein wissenschaftlicher Fachausdruck und ist als solches noch nicht in der psychologischen Literatur definiert worden, aber er drückt doch eine gewisse Richtung aus. Eine aussagekräftige Beschreibung findet sich aber bei Kon (1979, S.174):
„Freundschaftsfähigkeit schließt zum einen ein bestimmtes Niveau an Gesellig-
Beziehungen (im Gegensatz zu ihrer Fluktuation und Veränderlichkeit, zum dritten einen bestimmten Grad der Innigkeit, Intimität (im Gegensatz zu Oberflächlichkeit und psychischer Entfremdung).“ (Hervorhebungen im Original) Aus diesem Zitat geht hervor, daß Freundschaftsfähigkeit eng mit den Charaktereigenschaften bzw. der Persönlichkeit eines Individuums verbunden ist. Dies betrifft allerdings nicht nur die Entstehung einer Freundschaft, sondern auch die Entwicklung und Aufrechterhaltung einer Beziehung, die ein gewisses Maß an Vertrautheit und Inti-
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Freundschaftsfähigkeit – Ein Literaturüberblick zum Zusammenhang von Freundschaft und Persönlichkeit
mität erfordert. Nicht alle Menschen sind in der Lage, eine Freundschaft auf lange Sicht aufrechtzuerhalten, andere wiederum haben keine Probleme damit, und manchen stellt sich die Frage nach den Gründen dafür. Die Ursachen können im Verhalten dem Freund gegenüber und in den Persönlichkeitsmerkmalen der betreffenden Person gesucht werden sowie in der Auffassung des Einzelnen von Freundschaft.
Eine weitere Frage schließt sich aus der entwicklungspsychologischen Perspektive an, und zwar danach, wann ein Mensch „freundschaftsfähig“ wird. Viele Untersuchungen beziehen sich auf Freundschaftsbeziehungen im Kindesalter, aber „bislang besteht wenig Einigkeit darüber, in welchem Alter Kinder „freundschaftsfähig“ sind, aus regelmäßigen oder auch sporadischen Spielkontakten mit Gleichaltrigen „echte“ Freundschaften erwachsen“ (Heidbrink 1993a, S.108) Welche Persönlichkeitsmerkmale sind es also, die einen Menschen befähigen, Freundschaften zu schließen und auch Freundschaften zu erhalten?
Eigenschaften, die dem populären Verständnis von „Freundschaftsfähigkeit“ entsprechen, stellt Krumpholz-Reichel (1999, S.26f) in einem kurzen Überblick zusammen, wobei sie folgende Faktoren, die allerdings auf keiner empirischen Grundlage basieren, zugrundelegt:
1. Akzeptanz: Zum Freund werden kann, wer seine Mitmenschen respektiert und akzeptiert.
2. Interesse: Eine Freundschaft antragen sollte man nur einer Person, die nicht in erster Linie an sich selbst interessiert ist.
3. Hilfsbereitschaft: Ein freundschaftsfähiger Mensch hilft anderen nicht nur, wenn es ihm gerade in seinen Zeitplan paßt oder wenn es ihm persönlich von Nutzen sein kann.
4. Objektivität: Ein Freund kann nur werden, wer nicht auf Klatsch und Tratsch hört und sich auch nicht daran beteiligt.
5. Aufmerksamkeit: Gleichgültigkeit und Unaufmerksamkeit sind Merkmale von Menschen, denen an anderen nicht viel gelegen ist.
6. Verläßlichkeit: Ein Mensch kann ein guter Freund werden, wenn er sein Wort hält.
7. Selbstironie: Was einen Menschen anziehend macht, ist die Fähigkeit, sich selbst nicht allzu ernst zu nehmen.
8. Emotionalität: ein guter Freund ist einfühlsam.
9. Loyalität: Ein loyaler Mensch schenkt seine Sympathien nicht heute dem und morgen dem- je nachdem woher der Wind weht.
10. Autonomie: Der gute Freund ist ein Realist: Er weiß, was er kann und was er nicht kann, er kennt seine Stärken und seine Grenzen.
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Freundschaftsfähigkeit – Ein Literaturüberblick zum Zusammenhang von Freundschaft und Persönlichkeit
Auch soziale Fähigkeiten (engl.: social skills) hält die Autorin für notwendig, um eine Freundschaft aktiv aufrechtzuerhalten. Hierzu gehören zum Beispiel, „daß man sein Interesse am anderen zeigt, zuhören kann oder Geheimnisse für sich behält“ (Krumpholz-Reichel 1999, S.27) aber auch der Umgang mit Konflikten und Streit kann dazugerechnet werden.
2.2 Versuch einer Definition von Freundschaft
Freundschaften bilden eine Form der zwischenmenschlichen Beziehungen und erfüllen verschiedene Funktionen, die individuell sehr differenziert sein können. Es gibt jedoch eine Reihe gemeinsamer Charakteristika, die Freundschaften von anderen interpersonellen Beziehungen abgrenzen.
Der Begriff „Freund“ wird im allgemeinen relativ locker gebraucht, um diverse Arten von Beziehungen zu beschreiben. Es gibt eine Vielzahl unterschiedlich ausgeformter freundschaftsähnlicher Verhaltensformen, die jeweils an eine spezifische soziale Umgebung gebunden sind. So gibt es zum Beispiel Freundschaft unter Arbeitskollegen, Schulkameraden, Nachbarn sowie ortsunabhängige Freundschaften aus frühen Jugendtagen. Auch in der Intensität und Belastbarkeit gibt es vielfältige Unterschiede, ebenso wie in der Auffassung der einzelnen Individuen vom Freundschaftsbegriff. Für den einen ist ein Freund jemand, mit dem er gemeinsame Aktivitäten durchführt, für den anderen ist ein Freund wiederum jemand, der eine gewisse „Seelenverwandschaft“ mit ihm aufweist.
Aufgrund dieser Vielfältigkeit und Differenziertheit von Freundschaft reicht eine einfache Definition kaum aus, so daß in der Forschungsliteratur verschiedene Versuche unternommen wurden, Freundschaft zu definieren.
Kon (1979, S.9) erklärt Freundschaft als ein
„tiefes und intimes Gefühl, ein geistiges Verhältnis, das nicht nur auf gegensei-
tiger Hilfe, sondern auch auf geistiger Verwandtschaft, Offenheit Vertrauen und
Lieben aufgebaut ist.“ Auch Hays (1988) beschreibt die Differenziertheit des Begriffes „Freund“. Er sagt, daß ein Freund zum Beispiel ein zufälliger Kamerad sein kann, mit dem wir einmal pro Woche „racketball“ spielen, oder ein intimer Vertrauter, mit dem wir unsere privatesten Gedanken und Gefühle teilen, jemand mit dem wir täglich interagieren oder jemand, der am anderen Ende des Landes lebt. Die Natur und Struktur von Freundbeziehungen, so Hays (1988) weiter, variiert stark an verschiedenen Punkten der individuellen Lebenszyklen, ist von verschiedenen soziokulturellen Hintergründen sowie
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Freundschaftsfähigkeit – Ein Literaturüberblick zum Zusammenhang von Freundschaft und Persönlichkeit
vom Geschlecht beeinflußt, und ebenso von verschiedenen Entwicklungsstufen der Freundschaft abhängig. Die Basis von Freundschaft sieht Hays, so wie alle zwischenmenschlichen Beziehungen, in einer wechselseitigen Abhängigkeit (Interdependenz) zwischen Individuen. Außerdem betont er, daß im Gegensatz zu Verwandtschaft oder Arbeitsbeziehungen die Interdependenz zwischen Freunden freiwillig ist. Hierbei bezieht er sich auf die Definition von Wright (1974), der die freiwillige Interdependenz („voluntary interdependence“) als Schlüssel zum behavioralen Kriterium von Freundschaft vorschlägt. So definiert Hays also Freundschaft als
„voluntary interdependence between two persons over time, that is intended to facilitate social-emotional goals of the participants, and may involve varying types and degrees of companionship, intimacy, affection, and mutual assistance.“ (Hays 1988, S.395) Aber, so stellt der Autor zusammenfassend fest, es gibt keinen universell „richtigen“ Typ von Freundschaft oder idealen Endpunkt, der zu Freundschaft führen könnte. Eine aktuelle Definition von Freundschaft findet sich bei Auhagen (1991, 1993). Auhagen beschreibt als Ziel jeder Freundschaft, ein Gegenüber zu finden, das mit der eigenen Persönlichkeit verträglich ist, also daß individuelle Eigenschaften von Personen mit der Funktion der angestrebten Freundschaft, aber auch mit eigenen unbefriedigten Bedürfnissen korrespondieren. Da ein Freund alleine die hohen Erwartungen an Freundschaft nicht erfüllen kann, decken wir, so Auhagen (1991) weiter, durch verschiedene Freundschaften unsere Bedürfnisse ab. Aus diesem Grund suchen wir uns meistens Menschen aus, von denen wir Positives erwarten. Außerdem sollten Freundschaften unser Selbst bestätigen, uns das Gefühl geben, liebenswert zu sein. Freundschaften sind also, wie Auhagen betont, freiwillig und individuell.
Die gleiche Autorin spricht in einer späteren Veröffentlichung (1993) vom sogenannten „Freundschaftsparadox“ (Auhagen 1993, S.215). Hiermit meint sie, daß diese Sozialbeziehung nur wenige ausdrückliche Vorgaben an ihre Beteiligten macht, obwohl Freundschaften trotzdem unverwechselbare Charakteristika innewohnen. Ein Merkmal der Freundschaft ist also, daß sie nur wenige wirklich eindeutige Merkmale besitzt.
„Das Paradox der Freundschaft besagt: Eines der wichtigsten Merkmale dieser Beziehung ist, daß sie so wenige eindeutige inhaltliche Vorgaben an ihre Beteiligten macht.“ (Auhagen 1993, S.216) Unter Berücksichtigung dieser Aspekte kommt Auhagen schließlich zu folgender Definition von Freundschaft:
„Freundschaft ist eine dyadische, persönliche, informelle Sozialbeziehung. Die beiden daran beteiligten Menschen werden als Freundinnen oder Freunde be-
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Freundschaftsfähigkeit – Ein Literaturüberblick zum Zusammenhang von Freundschaft und Persönlichkeit
zeichnet. Die Existenz der Freundschaft beruht auf Gegenseitigkeit. Die Freundschaft besitzt für jede/n der Freundinnen/Freunde einen Wert, welcher unterschiedliches Gewicht haben und aus verschiedenen inhaltlichen Elementen zusammengesetzt werden kann. Freundschaft wird zudem durch folgende weitere essentielle Kriterien charakterisiert: Freiwilligkeit – bezüglich der Wahl, der Gestaltung, des Fortbestandes der Beziehung; zeitliche Ausdehnung – Freundschaft beinhaltet einen Vergangenheits- und einen Zukunftsaspekt; positiver Charakter – unabdingbarer Bestandteil von Freundschaft ist das subjektive Element des Positiven; keine offene Sexualität.“ (Auhagen 1993 S.217)
3 Persönlichkeit in der Freundschaftsforschung
Erst in den letzten zehn Jahren hat die empirisch-sozialwissenschaftliche Psychologie, insbesondere die Sozialpsychologie, ein größeres Interesse an zwischenmenschlichen Beziehungen entwickelt. Auf diesem Gebiet bezieht sich die Forschung nicht überwiegend auf Beziehungen sondern auf Interaktionen (Hinde, 1993). In bezug auf die Persönlichkeitsvariablen, die in Zusammenhang mit Erleben und Verhalten in Freundschaften eine Rolle spielen, lag der Schwerpunkt der Forschung in erster Linie auf Geschlechtsunterschieden (Auhagen 1991).
Schon Duck (1977) stellte fest, daß dieses Gebiet experimentell schwer faßbar ist und „daß die Schwierigkeiten, die beim Nachweis dieser Beziehungen aufgetreten sind, nicht nur auf methodischen Schwächen beruhen, sondern viel grundlegender auf einer unzulänglichen Verwirklichung dieser beiden Phänomene durch die Forscher.“ (Duck, 1977, S.140) Ein Forscher, der den Zusammenhang zwischen Persönlichkeit und zwischenmenschlicher Anziehung untersuchen möchte, so Duck weiter, muß zum einen entscheiden, welche Art der zwischenmenschlichen Beziehungen untersucht werden soll, und zum anderen, wie Persönlichkeit begrifflich bestimmt und erfaßt werden kann, da es bisher weder eine eindeutige Übereinkunft darüber gibt, was Persönlichkeit ist, noch was die richtigen Meßmethoden sind.
Einen aktuellen Überblick über die Forschung auf diesem Gebiet findet sich bei Köhler (1991), der in seinem Beitrag die Differenzierung von Freundschaft mit Hilfe von Persönlichkeitsmerkmalen exemplarisch vorzustellen versucht. In diesem Zusammenhang stellt der Autor fest, daß man sich bei der empirischen Differenzierung wie auch bei der Erfassung von Persönlichkeitsunterschieden auf die Sprache verläßt. So fragt er sich beispielsweise, ob unterschiedliche Persönlichkeiten über und in ihren Beziehungen gleich oder unterschiedlich sprechen und ob „Kommunikation für alle oder nur einige eine primäre Rolle bei der Entstehung, Aufrechterhaltung und Beendigung von Freundschaften spielen.“ (Köhler 1991, S.262). Weiterhin nimmt der Autor an,
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daß Persönlichkeit und Beziehung, wenn man Eigenschaften und Beziehung in einen Entwicklungszusammenhang stellt, sich wechselseitig beeinflussen. Doch da sich die Beziehung bzw. Freundschaft und die Persönlichkeiten der beteiligten Individuen selber ändern, wird ein empirisches Verständnis dieser wechselseitigen Modifikation erschwert. So kommt er zu der abschließenden differentialpsychologischen Frage der Freundschaftsforschung:
„Wie unterscheiden sich Freundschaftspersönlichkeiten?“ (Köhler 1991, S.262)
3.1 Theoretische Erklärungsansätze
Um den Zusammenhang von Freundschaft und Persönlichkeit zu verstehen, ist es zunächst einmal sinnvoll verschiedene Theorien zu betrachten, die Aufschluß darüber geben, inwieweit Persönlichkeitseigenschaften für eine freundschaftliche Beziehung relevant sind. Obwohl eine Vielzahl von Theorien für das Verständnis von Freundschaft interessant sind, sollen hier nur die wichtigsten kurz dargestellt werden. Die größte Beachtung verdient hier laut Kon (1979) das Studium der Intro- und Extraversion, abgeleitet aus der traditionellen Persönlichkeitstheorie von Eysenck (1968), da eine derartige Typologie vor allem gerade kommunikative Eigenschaften der Persönlichkeit registriert und dabei doch relativ allgemein bleibt.
Daneben bezeichnen Sader & Weber (1996) die Persönlichkeit eines Individuums als sein Konstruktsystem. Besonders aufschlußreich ist in Hinblick darauf die Theorie der persönlichen Konstrukte (Kelly 1955), die zu den kognitiven Theorien gerechnet wird. Für Kelly erhöhen persönliche Beziehungen die Fähigkeiten des Individuums, Ereignisse in seiner oder ihrer Welt vorherzusagen und zu kontrollieren. (McAdams 1988). Eine der klassischen Theorien, die in der Sozialpsychologie zur Erklärung von Freundschaft zu Rate gezogen wird, ist die Austauschtheorie (Thibeaut & Kelley 1959), die Freundschaft als Austauschprozeß von Kosten und Belohnungen verstehen läßt.
Als Theorie der Freundschaft dient das Modell von Wright (1984), ein auf sich selbst bezogenes Freundschaftsmodell, das laut Auhagen (1991) die einzige echte Freund-schaftstheorie darstellt.
3.1.1 Eysenck’s Persönlichkeitstheorie
„Persönlichkeit ist die relativ stabile Organisation motivationaler Disposition einer Person, die durch die Interaktion zwischen biologischen Trieben und der
sozialen und physischen Umwelt entstehen.“ (Arnold, Eysenck, Meili 1996,
S.1577)
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Bezugnehmend auf diese Definition bezieht sich der Begriff „Persönlichkeit“ in erster Linie auf die affektiv-konativen Eigenschaften, Gefühle, Einstellungen, Komplexe und unbewußte Mechanismen sowie die Interessen und Ideale, die das charakteristische oder das deutliche Verhalten und Denken des Menschen bestimmen.
Eysenck (1968) nimmt beispielsweise an, daß eine Reihe stabiler persönlicher Eigenschaften existieren, die verschiedene Grade von Allgemeingültigkeit aufweisen, aber nicht direkt beobachtet werden können. Persönlichkeit wird demzufolge aufgefaßt als „die Meßwerte einer Person in bezug auf alle meßbaren Faktoren oder allgemeinen Eigenschaften“ (Arnold et al., S.1996). Als Hauptdimensionen der Persönlichkeit werden emotionale Labilität oder Angst (Neurotizismus) und Extraversion – Introversion allgemein anerkannt. Eysenck stellt die Dimensionen emotionale Stabilität vs. emotionale Labilität sowie Extraversion vs. Introversion in Form eines Koordinatensystems dar, auf dem jedes Individuum an einem bestimmten Punkt eingeordnet werden kann, da die beiden Dimensionen, nach Angaben des Autors voneinander unabhängig sind. Unter Extraversion werden hierbei Persönlichkeitseigenschaften wie Geselligkeit, Kontaktfreudigkeit, Aufgeschlossenheit zusammengefasst, während Introversion in diesem Sinne, angelehnt an die Jung’sche Persönlichkeitstypologie, Zurückgezogenheit und Verschlossenheit bedeutet. Eysenck geht darüber hinaus davon aus, daß an der Entwicklung der Persönlichkeit sowohl die Erbanlagen wie auch die Einflüsse der Umwelt beteiligt sind.
3.1.2 Die Theorie der persönlichen Konstrukte
Kelly (1955) legt in seiner Theorie zugrunde, daß jedes Individuum seine Umwelt, insbesondere die der zwischenmenschlichen Beziehungen, vorhersagen und erklären möchte. Die dazu notwendigen Determinanten werden von Kelly als persönliche Konstrukte bezeichnet, womit die Überzeugung einer Person darüber gemeint ist, wie zwei Dinge einander gleichen und wie sie sich von anderen Dingen unterscheiden (Zimbardo 1995). Nach Kelly sind persönliche Konstrukte nicht nur Etiketten, die verwendet werden, nachdem eine Person gesehen hat, was eine andere tut, sondern sie beeinflussen, was ein Individuum sieht, wenn es die Welt betrachtet, und wirken sich dementsprechend auf sein Verhalten aus. Konstrukte sind also Mittel, die Welt zu konstruieren, indem sie dem Individuum ermöglichen, die Richtung seines Verhaltens festzulegen. Dieses „Glaubens- und Überzeugungssystem“ (Zimbardo 1995) einer Person bestimmt also, wie sie denkt, fühlt und handelt, und vor allem, wie sie mit neuen Situationen umgeht. Für Kelly ist die Persönlichkeit eines Menschen demnach die Gesamtheit seiner persönlichen Konstrukte. In bezug auf die Freundschaft muß ein
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Individuum also versuchen, die Welt mit den Augen des anderen zu sehen, um dessen persönliches Konstruktsystem zu verstehen und seine Sichtweise zu begreifen.
Sader & Weber (1996) stellen heraus, daß der Begriff „Persönlichkeit“ für Kelly die Abstraktion der Aktivitäten einer Person bedeutet sowie die daran anschließende Verallgemeinerung zu allen Problemen und ihrer Beziehung zu anderen Menschen, bekannten wie unbekannten, oder auch zu anderen Dingen, die ihr wertvoll erscheinen. Kon (1979) bewertet die Theorie der persönlichen Konstrukte dahingehend, daß die die Dynamik der freundschaftlichen Beziehungen und des subjektiven Freundschaftsbedürfnisses des Individuums mit dem Entwicklungsniveau und den Eigenschaften seines Bewußtseins in Zusammenhang bringt. Aus dem Problem der Ähnlichkeit und der Unterschiede von Freunden, so Kon weiter, ist in der heutigen Zeit ein Problem der Ähnlichkeit ihrer persönlichen Konstrukte geworden, also der Begriffe, mit deren Hilfe Individuen ihre eigenen psychischen Eigenschaften, Rollenbeziehungen und Wechselbeziehungen mit anderen Personen besser erfassen können. In der Entwicklung einer Freundschaft ist laut Kon das Bedürfnis nach einer solchen Ähnlichkeit allerdings qualitativ unterschiedlich.
3.1.3 Die Austauschtheorie im Freundschaftskonzept
In der aktuellen Attraktions- und Freundschaftsforschung wird als theoretischer Rahmen häufig die Theorie von Thibeaut & Kelley (1959) zitiert. Diese Autoren glauben, daß das Wesen einer Beziehung in der Interaktion liegt. Wenn Menschen interagieren, so hat ihr Verhalten Konsequenzen für jeden von ihnen, das bedeutet, daß die Handlungen der einen Person das Verhalten und die Reaktionen der anderen Person beeinflussen. Diese sogenannte Austauschtheorie geht also davon aus, daß das Verhalten eines Individuums in erster Linie von den antizipierten Kosten und Belohnungen bestimmt ist. Mit anderen Worten, sie versuchen, Freundschaften auf der Grundlage von „Aufwand und Ertrag für die interagierenden Mitglieder“ (Mann 1994, S.72) zu erklären. Als Ertrag gilt, laut Mann, hierbei die Bedürfnisreduzierung oder auch Befriedigung, die aus der Beziehung entstehen. Die Kosten dagegen beinhalten Unannehmlichkeiten, wie beispielsweise Übermüdung, Langeweile etc.
In bezug auf die Attraktivität von Interaktionen und Beziehungen betonen Thibeaut & Kelley (1959), daß dafür nicht die absolute Güte des erwarteten oder tatsächlichen Nettoergebnisses maßgeblich ist, sondern dessen Verhältnis zu einem dem Anspruchsniveau ähnlichen Vergleichsstandard oder –niveau. (vgl. Mikula & Stroebe 1991) Dieses Vergleichsniveau bestimmt die Ergebnisqualität, auf die ein Individuum
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Anspruch zu haben glaubt. Je höher dieses Ergebnis, tatsächlich oder antizipiert, über diesem Niveau liegt desto „belohnender“ und attraktiver wird diese Beziehung bewertet.
3.1.4 Die Freundschaftstheorie von Wright
Laut Auhagen (1991) geht der wohl interessanteste und konsequenteste Ansatz der Freundschaftsforschung auf Paul H. Wright (1969, 1984) zurück, der sich seit über zwanzig Jahren mit diesem Thema beschäftigt. Eine seiner grundlegenden theoretischen Ausführungen ist ein auf sich selbst bezogenes Freundschaftsmodell: „a selfreferent model of friendship“ (Wright 1984). Diese Ausführungen werden von Auhagen (1991, S.28) als die „einzig echte Freundschaftstheorie“ beschrieben.
Der Mittelpunkt dieses Modells ist der Begriff „Selbst“, den Wright als einen allgegenwärtigen Referenzpunkt der Persönlichkeit beschreibt, da dieses Selbst einzigartig und permanent präsent ist und sich nicht ändert:
„The self is a conception made up of the individual’s sense of distinctiveness, unity, continuity, causal power and uniqueness. As such, the self is omnipresent and does not change. (Wright 1984, S.117) Doch die meisten Individuen haben eigene Vorstellungen über ihr eigenes Selbst und schreiben ihm Attribute zu.
„Da das Selbst als ein Bezugspunkt außerordentlich wichtig ist, entwickeln Personen Verhaltenstendenzen, die Motiven in bezug auf das Selbst entsprechen: Wahrung der Individualität, Bestätigung hoch eingeschätzter Attribute des Selbst, positive Selbstbewertung, Entwicklung des Selbst in positiver Richtung, Vermeidung von Situationen, die der positiven Selbstbewertung schaden.“ (Auhagen 1991, S.7) Wright bezieht sich in seinem Modell auf die Austauschtheorie von Thibeaut & Kelley (1959) wobei er davon ausgeht, „daß Freundschaften nur geschlossen und erhalten werden, weil sie belohnend sind, und sie sind belohnend, weil sie mithelfen, die Ziele und Motive des Selbstkonzeptes zu erreichen.“ (Auhagen 1991, S.8).
„The central point to be made is that friendships are, indeed, formed and maintained because they are rewarding, but the rewardingness need not imply selfishness, self-centredness or exploitation on the part of the persons involved. Rather, the rewardingness follows from the facilitated expression of behavioral tendencies related to the self and its attributes. (Wright 1984, S.117) Die von Wright genannten Kriterien der Freundschaft sind „voluntary interdependence“, also eine freiwillige Interdependenz sowie der „person-qua-person“-Faktor, der ein Betonen der gegenseitigen Individualität bedeutet. Je stärker die Ausprägungsgrade dieser Charakteristika sind , so Wright (1984), desto enger ist die Freundschaft.
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In Wrights Modell sehen Menschen sich in Freundschaften als individuelle Persönlichkeiten und ihr Verhalten gegenüber dem anderen ist stark auf diese individuellen Anteile konzentriert, weniger auf rollenspezifische. Das bedeutet also, daß Freundschaft einen selbstreferentiellen Charakter hat und somit Erfüllung oder Ausdruck des individuellen Bedürfnisses darstellt, die eigene Einzigartigkeit und Bedeutung zu verstärken, sich zu entfalten oder Bedrohungen abzuwenden. (Hinde 1993). Jeder Mensch ist demzufolge bemüht, ein möglichst positives Bild von seinem/ihrem Selbst zu haben und daß es seinem Selbst als wichtigstem Bezugspunkt der Persönlichkeit gutgeht. Freundschaften werden also geschlossen um mitzuhelfen, die Ziele und Wünsche bezüglich des eigenen Selbstbildes zu verwirklichen. (Auhagen 1993)
Weiterhin werden in Wrights Modell Beeinträchtigungen von Freundschaft, zum Beispiel Konflikte oder Streit, unter dem Begriff „maintenance difficulty“ , also Schwierigkeiten des Erhaltens, zusammengefasst, die Wright als potentielles Nebenprodukt von Interdependenz bezeichnet. Mit dem Wachsen der Freundschaft, so Wright, steigt auch der Grad von freiwilliger Interdependenz. Für die auf sich selbst bezogene Tendenz von Freundschaft sind in diesem Modell unterschiedliche Werte bzw. Belohnungen bedeutsam: Zum einen der sogenannte „ego support value“, womit gemeint ist, daß ein Freund dem anderen vermittelt, eine kompetente und wichtige Person zu sein. Zum anderen spricht Wright vom „self affirmation value“, also eine verstärkte Wahrnehmung der als positiv empfundenen Anteile des eigenen Selbst durch den Freund/die Freundin. Daneben gibt es den sogenannten „stimulation value“, in dem der Freund/die Freundin neue Ideen in die Freundschaft einbringt und somit das eigene Wissen erhöht, sowie den „security value“, in dem der Freund/die Freundin bereit ist, konkrete Ressourcen bereitzustellen.
Das Ende einer Freundschaft begründet Wright mit verminderter Interdependenz sowie nachlassender Belohnung der Beziehung. Allerdings, so Wright, werden einige Freundschaften selbst- unterstützend, das bedeutet, sie halten sich selbst aufrecht, auch wenn identifizierbare Belohnungen, die zu ihrer Entwicklung geführt haben, nicht länger verfügbar sind. Denn Freunde, vermutet der Autor, zählen nicht nur die Kosten ihrer Beiträge zur Beziehung und erwarten auch nicht eine gleiche oder vergleichbare Erwiderung ihrer aufgewendeten Bemühungen oder Gefälligkeiten.
Zur Rolle der Persönlichkeitsvariablen in der Attraktion behauptete Wright schon in einem früheren Bericht (1969), daß man mit Menschen, die keine extremen Persönlichkeitsdimensionen aufweisen, leichter auskommen kann und eher als Freunde ausgewählt werden. Diese Position ist allerdings dahingehend schwierig, daß es scheint,
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als hätten Personen, die extreme Persönlichkeitszüge zeigen, keine Freunde. Dies sei aber, so Wright, nicht der Fall, sondern er nimmt eher an, daß mit solche Individuen schwer auszukommen ist. Bezogen auf sein Modell hieße das also, daß Personen mit extremen Persönlichkeitseigenschaften zur „maintenance difficulty“ in gewisser Weise beitragen.
3.2 Differentialpsychologische Aspekte von Freundschaft
Innerhalb der Freundschaftsforschung taucht häufig die Frage danach auf, inwieweit Persönlichkeitsmerkmale einen Einfluß auf die Gestaltung von Freundschaften haben. Bereits in der Attraktionsforschung entstand ein Interesse an den Gemeinsamkeiten zwischen Personen. (Auhagen, 1991). Eine ähnliche Einstellung zu grundlegenden Werten gilt zumindest für den Beginn von Beziehungen als fördernd. (vgl. Mikula 1977).
Bereits Kon (1979) stellte fest, daß es hierbei aber nicht mehr um die „äußeren“ Voraussetzungen geht, die die Herausbildung freundschaftlicher Beziehungen begünstigen oder beeinträchtigen, sondern um den Inhalt der Werte, die ihre Grundlage bilden, vor allem aber auch, daß zwischenmenschliche Beziehungen, insbesondere Freundschaft und Liebe, aber nicht nur durch persönliche Eigenschaften eines der Teilnehmer erklärt werden kann.
„Das Studium dieser Eigenschaften und der ihnen zugrundeliegenden psycho-
logischen Gesetzmäßigkeiten fängt erst an und bildet eine der Hauptaufgaben
der modernen Psychologie“ (Kon 1979, S.181) Auch Köhler (1991, S.262) stellt die Frage nach den „Freundschaftspersönlichkeiten“ und betont, daß die persönlichen Charakteristika der Individuen, im Vergleich mit anderen Faktoren, grundsätzlich als Einflußgröße berücksichtigt werden sollten. Er weist aber darauf hin, daß ein solcher Versuch mit Schwierigkeiten verbunden ist, da der Stellenwert des Eigenschaftsansatzes in der Sozialpsychologie in den letzten zwanzig Jahren heftigen Einschätzungsschwankungen unterworfen war. Der Autor bezieht sich dabei auf Marlowe & Gergen (1969), die feststellten, daß die meist untersuchten situativen Variablen der Sozialpsychologie in Hinblick auf die relevante Persönlichkeitsdimension durchgeführt wurden, und demzufolge zu dem Schluß kamen, daß eine Betrachtung situativer Variablen ohne Rücksicht auf die Interaktion zwischen Situation und Persönlichkeit recht erfolglos bleiben müsse. Mehrere kritische Übersichten, so Köhler weiter, stellten heraus, daß nur wenige, teilweise fragwürdige Hinweise dafür sprächen, daß Persönlichkeitsfaktoren für die Vorhersage sozialen Ver-
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Petra Schima, 2001, Freundschaftsfähigkeit - Ein Literaturüberblick zum Zusammenhang von Freundschaft und Persönlichkeit, Munich, GRIN Publishing GmbH
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