I N H A L T S V E R Z E I C H N I S
I N H A L T S V E R Z E I C H N I S 2
I Einleitung 3
II Das persönliche Verhältnis Augustus zur Religion 6
III Die Religionspolitik des Augustus 10
III 1 Die Anknüpfung an Caesar und die mythologisch-genealogischen Grundlagen 10
III 2 Apollo und die Verdrängung des kapitolinischen Kultes 14
III 3 Die Restauration und Neuinterpretation der alten Tradition 15
V Quellen und Literaturverzeichnis 20
1. Quellen 20
2. Sekundärliteratur 21
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I. Einleitung
„[T]he revival of the State religion by Augustus is at once the most remarkable event in the history of the Roman religion, and the almost unique in religious history.” 1 Geprägt durch Bürgerkriege und Orientierungslosigkeit war die Zeit, die diesem Ereignis vorausging, für viele Zeitgenossen eine einschneidende Negativerfahrung. Als ein bedeutendes Element wurde dabei der Verfall, der sich in der späten Republik bezüglich der römischen Staatreligion beobachten lässt, angesehen, denn die politische Katastrophe führte man größtenteils auf den Zorn der Götter zurück, dem man sich hilflos ausgeliefert fühlte. Jener wiederum fand in der damaligen Meinung seine Ursache in der inkorrekten Befolgung des religiösen Rituals und dem Missbrauch der sakralen Ämter zu rein machtpolitischen Zwecken. 2 Besonders eindringlich beschreibt Horaz die Verzweiflung und die Ängste, von denen die Menschen zu jener Zeit ergriffen wurden. 3 Da Frömmigkeit und die regelrechte Ausübung der Riten im römischen Verständnis die Grundpfeiler für die Befriedung der Götter bildeten und damit gleichzeitig Garant für das Wohl des Staates waren, blieb es gängige Auffassung, dass, solange die pax deorum nicht wiederhergestellt war, keine Aussicht auf bessere Zeiten bestand. 4 Vage Hoffnungen brachte allerdings der Sieg des jungen Octavian über Marcus Antonius und Kleopatra im Jahre 31 v. Chr. bei Actium, da sich hier erste Anzeichen für einen möglichen, dauerhaften Frieden und zudem eine klare politische Richtung erkennen ließen. 5 Vor allem der römische Dichter Vergil feiert den Adoptivsohn Caesars in seinem Hauptwerk 6 als einen neuen Aeneas, der auserwählt sei, anknüpfend an die großen Heroen der Republik, Rom in eine neue Epoche zu führen. 7 Neben solch enthusiastischen Stimmen finden sich jedoch auch Auffassungen, die einer eher pessimistischen Rückschau Rechung tragen. So kann Livius’ Römische Geschichte 8 trotz seiner malerischen Stilisierung einer vergangenen, traditionsbewussten Gesellschaft nicht als ein Plädoyer
1 North, John A.: Religion and Politics, from Republic to Principate. In: JRS 76 (1986), S. 252. 2 Vgl. Altheim, Franz: Römische Religionsgeschichte. Bd. III: Die Kaiserzeit. Berlin, Leipzig 1933 (= Sammlung Göschen, Bd. 1072), S. 15-16; Bergemann, Claudia: Politik und Religion im spätrepublikanischen Rom. Stuttgart 1992 (= Palingenesia: Monographien und Texte zur Klassischen Altertumswissenschaft, Bd. 38), S. 87-150; Ogilvie, Robert M.: …und bauten die Tempel wieder auf. Die Römer und ihre Götter im Zeitalter des Augustus. München 1984, S. 119- 120.
3 Horatius Flaccus, Quintus: Odes and epodes. Ed. and transl. by Niall Rudd. Cambridge u.a. 2004 (= The Loeb classical library, Bd. 33).
4 Vgl. Liebeschuetz, John H.W.G.: Continuity and Change in Roman Religion. Oxford 1991, S. 55-56. 5 Vgl. ebd., S. 56; Ogilvie, Tempel, S. 119, Altheim, Religionsgeschichte III, S. 41.
6 Vergilius Maro, Publius: Aeneis. Lateinisch und deutsch. Eingel. u. übertr. von August Vezin. Münster 2 1956 (= Klassiker des Abendlandes).
7 Vgl. Altheim, Religionsgeschichte III, S. 27, 41.
8 Livius, Titus: Ab urbe condita. Bearb. von Andreas Hensel und Gerhard Fink. Göttingen 1998 (= Exempla, Bd. 17).
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für eine Restauration jenes Ideals gelesen werden. Dennoch finden sich auch hier Anklänge, die Augustus in die Nähe der großen Gestalten der republikanischen Zeit rücken. 9 Beiden gemeinsam ist demnach eine gewisse romantische Grundtendenz 10 , die sich sowohl in der Idealisierung der Vergangenheit als auch in der Hervorhebung der Person des Augustus äußerte. Während Livius einer Wiederbelebung der alten Kulte eher kritisch gegenübersteht, vermag dagegen die von der stoischen Philosophie der späten Republik beeinflusste Arbeit des Schriftstellers Varro über die Gesamtheit der römischen Religion 11 durchaus als ein Einsatz für deren Restauration angesehen werden 12 , wie auch schon Cicero resümierte. 13 Des Weiteren schaffte ebenso die allgemeine pro-religiöse Stimmung, die sich aus der radikalen Unsicherheit des Volkes heraus konstituierte, eine mögliche Basis für eine umfassende Reform der römischen Staatsreligion, wie sie sich unter dem Principat letztlich vollziehen sollte. 14 Dabei ist jedoch zu betonen, dass es sich nicht um eine bloße Restauration handelte, die ausschließlich die Regeneration der alten Kulte im Blick hatte. Vielmehr brachte die Veränderung der Staatsform auch zwingend eine Umgestaltung des religiösen Systems mit sich, da im Hinblick auf die nunmehr stattfindende politische Zentralisierung auf die Person des Princeps Neuinterpretationen unumgänglich waren. 15 Diese neuartige Konzentration muss das Interesse gleichwohl auch auf die persönliche Einstellung des Augustus selbst zur römischen Religion lenken. Mit jener kontrovers diskutierten Problematik beschäftigt sich das zweite Kapitel der vorliegenden Arbeit.
Darüber hinaus wurde im dritten Teil die Darstellung wichtiger Aspekte der Augusteischen Religionspolitik realisiert, wobei der Fokus auf den mythologisch-genealogischen Grundlagen, der Bevorzugung des Apollo sowie der Wiederherstellung und der Neuinterpretation der alten Traditionen liegt.
Die Auswahl der antiken Quellen beschränkt sich dabei vorrangig auf Suetons Augustus-Vita 16 , die res gestae 17 und die Römische Geschichte von Cassius Dio 18 .
9 Vgl. Liebeschütz, Continuity and Change, S. 61-62.
10 Die romantische Grundtendenz der späten Republik erwähnt Speyer, W.: Das Verhältnis des Augustus zur Religion. In: ANRW II 16,3 (1986), S. 1786 (dort weitere Literaturangaben).
11 Cardauns, Burkhart: M. Terentius Varro, Antiquitates rerum divinarum. Band I: Die Fragmente. Wiesbaden 1976 (=Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz / Einzelveröffentlichung).
12 Vgl. Liebeschütz, Continuity and Change, S. 62; Altheim, Religionsgeschichte III, S. 22-24. 13 Vgl. Cic. Acad. post. 1, 9.
14 Vgl. Ogilvie, Tempel, S. 119-120.
15 Vgl. Beard, Mary: Kaiserzeit. In: Graf, Fritz (Hg.): Einleitung in die lateinische Philologie. Stuttgart, Leipzig 1997, S. 493.
16 Sueton: Augustus. Lateinisch / Deutsch. Hrsg. von D. Schmitz. Stuttgart 1988.
17 Augustus: Res gestae – Tatenbericht. Lateinisch/Griechisch/Deutsch. Hrsg. von M. Giebel. Stuttgart 1975. 18 Cassius Dio: Römische Geschichte. Band III: Bücher 44-50. Übers. von O. Veh. Zürich, München 1986; Cassius Dio: Römische Geschichte. Band IV: Bücher 51-60. Übers. von O. Veh. Zürich, München 1986.
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Seitens der Forschung ist das in den folgenden Ausführungen bearbeitete Feld sehr gut beleuchtet, sodass auf ein breites Spektrum an Sekundärliteratur zurückgegriffen werden konnte. Hauptsächlichen Einbezug fanden vor allem die Arbeiten Mary Beards 19 , Wolfgang Speyers 20 , John Scheids 21 , John Liebeschütz’ 22 , Kurt Lattes 23 , Franz Altheims 24 und die Beiträge des von Gerhard Binder herausgegebenen Sammelbandes 25 , wobei auch die bisweilen voneinander abweichenden
Meinungen der einzelnen Autoren hinsichtlich spezieller Probleme berücksichtigt wurden. Bezüglich der Thematik des Mars-Ultor-Tempels waren besonders die Veröffentlichungen Paul Zankers 26 und Joachim Ganzerts 27 hilfreich. Ferner sind die Publikationen Robert Ogilvies 28 und John North’ 29 zu erwähnen.
19 Beard, Mary: Kaiserzeit. In: Graf, Fritz (Hg.): Einleitung in die lateinische Philologie. Stuttgart, Leipzig 1997, S. 492-519.
20 Speyer, W.: Das Verhältnis des Augustus zur Religion. In: ANRW II 16,3 (1986), S. 1777-1805. 21 Scheid, John: Augustus and Roman Religion: Continuity, Conservatism, and Innovation. In: The Cambridge Companion to the Age of Augustus. Cambridge 2005, S. 175-195.
22 Liebeschuetz, John H.W.G.: Continuity and Change in Roman Religion. Oxford 1991.
23 Latte, Kurt: Die augusteische Restauration. In: Binder, Gerhard (Hg.): Saeculum Augustum. Band II: Religion und Literatur. Darmstadt 1988 (= Wege der Forschung, Bd. 512), S. 21-51.
24 Altheim, Franz: Römische Religionsgeschichte. Bd. III: Die Kaiserzeit. Berlin, Leipzig 1933 (= Sammlung Göschen, Bd. 1072).
25 Gagè, Jean: Die Priesterämter des Augustus. In: Binder, Gerhard (Hg.): Saeculum Augustum. Band II: Religion und Literatur. Darmstadt 1988 (= Wege der Forschung, Bd. 512), S.52-87; Lambrechts, Pierre: Die „apollinische“ Politik des Augustus und der Kaiserkult. In: Binder, Gerhard (Hg.): Saeculum Augustum. Band II: Religion und Literatur. Darmstadt 1988 (= Wege der Forschung, Bd. 512), S. 88-107; Schilling, Robert: Der römische Hercules und die Religionsreform des Augustus. In: Binder, Gerhard (Hg.): Saeculum Augustum. Band II: Religion und Literatur. Darmstadt 1988 (= Wege der Forschung, Bd. 512), S. 108-142.
26 Zanker, Paul: Augustus und die Macht der Bilder. München 2 1990; Zanker, Paul: Forum Augustum. Das Bildprogramm. Tübingen 1972. (= Monumenta artis antiquae, Bd.5).
27 Ganzert, Joachim: Im Allerheiligsten des Augustusforums. Fokus „Oikoumenischer Akkulturation“. Mainz am Rhein 2000.
28 Ogilvie, Robert M.: …und bauten die Tempel wieder auf. Die Römer und ihre Götter im Zeitalter des Augustus. München 1984.
29 North, John A.: Religion and Politics, from Republic to Principate. In: JRS 76 (1986), S. 251-258.
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II. Das persönliche Verhältnis Augustus’ zur Religion
Inwieweit Augustus bezüglich seiner Religionspolitik vorrangig politisch-strategische Ziele verfolgte, die seinen eigenen Glauben deutlich übertrafen, ist in der Forschung nicht eindeutig umrissen. Sehen ihn manche Wissenschaftler eher als machtpolitischen Menschen, der die Religion ganz in den Dienst seiner cupidio dominandi 30 stellte, so gibt es auf der anderen Seite auch Stimmen, die ihm ein tieferes religiöses Verständnis nicht absprechen wollen. 31 Eindeutige Rückschlüsse auf die wahre Einstellung Augustus’ zur römischen Religion können die gegensätzlich wirkenden Darstellungen seines Charakters auch nicht geben, nicht zuletzt aufgrund ihrer staatlich-offiziellen und ausschnitthaften Eigenschaften. 32 Antike Quellen betonen die große pietas des Princeps 33 , verschweigen jedoch auch nicht einige ‚Fehltritte’. So beschreibt Sueton die Ausrichtung eines Festes, bei dem alle Anwesenden in der Verkleidung eines Gottes auftraten und sich dabei zweifelhaften Vergnügen hingaben. Augustus selbst – damals noch Octavian – erschien im Gewand des Apollo. 34 Die Bekanntwerdung dieses Treffens löste allgemeinen Unmut in der Öffentlichkeit aus und machte Octavian offenbar zeitweise zum Zielobjekt von Anfeindungen mit religiös-moralischem Hintergrund. 35 Dieses Ereignis mag einerseits geeignet sein, seine starke Entfremdung gegenüber den altrömischen Göttern zu bezeugen. 36 Führt man diese kompromittierende Beschreibung jedoch auf die Polemik der Gegner des jungen Caesars – allen voran Marcus Antonius – zurück, kann es ebenso als ein als erstes Zeichen für seine enge Verbindung mit dem griechischen Gott gewertet werden. 37 Weiterhin betont Sueton die Affinität des Princeps zur Theatralik und sein schauspielerisches Talent. Sei es die dramatische Ablehnung der Diktatur, die ihm im Jahr 22 v. Chr. vom Volk angetragen wurde 38 oder einige seiner letzten Worte, die er an seine Freunde richtete 39 : all diese Indizien lassen durchaus den Schluss zu, dass „die Maske“ einen unabdingbaren Teil der „Persönlichkeit“ 40 des Augustus darstellte. Auch Tacitus weist ausdrücklich auf die Verstellungskunst des Princeps hin. 41
30 Tac. ann. 1, 10,1.
31 Vgl. dazu: Scheid, Continuity, S. 176-177. Letztere Ansicht vertreten u.a. Ogilvie, Tempel, S. 120 und Altheim, Religionsgeschichte III, S. 75. Speyer, Augustus, S. 1786 sieht dagegen das machtpolitische Streben als überwiegend an.
32 Vgl. Speyer, Augustus, S. 1779.
33 Vgl. Scheid, Continuity, S. 176.
34 Vgl. Suet. Aug. 70, 1.
35 Vgl. Suet. Aug. 70, 2.
36 Vgl. Speyer, Augustus, S. 1794.
37 Vgl. Altheim, Religionsgeschichte III, S. 65 und Lambrechts, Politik, S. 90.
38 Vgl. Suet. Aug. 91, 2.
39 Vgl. ebd. 99, 1.
40 Speyer, Augustus, S. 1786.
41 Vgl. Tac. ann. 1,10.
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Quote paper:
Henriette Kunz, 2006, Die Religionspolitik des Augustus, Munich, GRIN Publishing GmbH
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