Halykonien. Erzählte Unter-Welten im 20. Jahrhundert __________________________
Angefertigt von:
Roman Derneff
Gliederung
1. Einleitung 4
2. Fühmann 5
3. Im Berg 7
4. Fazit 26
5. Bild- und Literaturverzeichnis 28
4
1. Einleitung
Entwürfe literarischer Anderswelten haben eine lange Tradition in Europa. Die Topographien des Untergrunds und der Gegenwelt haben nicht zuletzt durch die großen, neuzeitlichen Erschütterungen der Revolutionen und Weltkriege innerhalb der Literatur neue Dimensionen gewonnen, die sich einer traditionell motivgeschichtlichen Beschreibung zum Großteil entziehen.
Ein beredtes Beispiel hierfür ist Franz Fühmanns sogenanntes „Bergwerks“-Fragment. Ein Zeugnis für die Hoffnungen und Illusionen sowie die fatalen Widersprüche eines Menschen, der „über Auschwitz zum Sozialismus gekommen war.“ 1 Mit dem Bergwerk verband sich für Fühmann vieles. Für ihn war es ein Ort der Mythologie, in der der Bergmann - Atlas gleich - den Berg zu tragen schien, ein „jungfräulicher Ort“, in dem „jedes Streb Pionierland war“ 2 , das Einblicke in längst vergangene Zeiten bot, aber ebenso Ort, der Modellcharakter besitzend, einem die Möglichkeit bot, den Prozess des Eindringens in unbekannte Bezirke zu studieren. In aller erster Linie war für Fühmann die Grube jedoch „der Ort der Wahrheit, in der jeder Handgriff gnadenlos gewogen“ 3 wurde.
Zugleich verband sich für ihn mit dem Bergwerk eine heimliche Kindheitssehnsucht, die Welt des Arbeiters, seine schwere physische Arbeit, welche sich in diesem speziellen Fall immer im Angesicht des Todes vollzog. Die Vielschichtigkeit seiner Betrachtungen, die sich aus dem Studium VHLQHU/DQGVFKDIW ergab, machte es Füh-mann unmöglich „nur“ einen Bergwerksroman zu schreiben. „Die große Metapher Bergwerk. Die philosophische Dimension. Fühmann holte weit aus.“ 4 Als Pendant zu „Zweiundzwanzig Tage oder die Hälfte des Lebens“ konzipiert, umfasst das Werk eine Vielzahl von Gedanken, die den Dichter in seinem letzten Lebensjahrzehnt bewegt haben. Selbst nach langwieriger, intensiver Beschäftigung mit Fühmanns Spätwerk ist es mir nicht gelungen die darin angelegte Dimensionsvielfalt gänzlich zu erfassen. Ein Scheitern?
Ziel des Beleges ist es, bestimmende Elemente des Fragments herauszuarbeiten und zu analysieren, schon hier mit der Feststellung, dass man dem Ausspruch der Lyrikerin und Freundin Fühmanns - Margarete Hansmann: „Jeder hat seinen Fühmann“ nur beipflichten kann.
1 Franz Fühmann: Im Berg. Bericht eines Scheiterns [Fragment 1983], Rostock 1993, S.30
2 ebd. Fühmann, S.23
3 ebd. Fühmann, S.33
4 Damm, Siegrid: „Am liebsten tät ich auf die Strasse gehen und brüllen“, in: Sinn und Form 2/1993, S.364
5
2. Franz Fühmann
Will man in „das Bergwerk von Franz Fühmann“ einfahren, so ist es unabdingbar sich des Werdens seiner Person, wie auch seines eigenen Anspruchs sich selbst gegenüber (zu Beginn und während der Arbeit am Werk) bewusst zu sein: November 1973, VII. Schriftstellerkongress: Ein in seiner Physis sichtbar JHZDQGHOWHU
Franz Fühmann tritt vor die Öffentlichkeit. Korrektur und Disziplinierung der eigenen Lebensführung?! Ein Gichtanfall 1967, die Umstellung auf vegetarische Kost, eine gelungene Alkoholentziehungskur 1968,... - erste sichtbare Anzeichen eines :DQG OXQJVSUR]HVVHV, der sich jedoch nicht nur auf physischer Ebene vollzieht:
„..., nun wäre ich sagen wir 1968 gestorben, wäre ich in die Grube JHIDKUHQ, als der,
der ich ja noch heute in der Literaturgeschichtsschreibung meines Landes fortlebe, als der Vergangenheitsbewältiger mit der schönen Sprache und den lieben Kinderbüchern und den treffenden Nachdichtungen. Hätte es nicht eben jene Erschütterung vom August 1968 gegeben, mit dem Willen, ‚jetzt möchte ich sehen, was ist’, um mit Rosa Luxemburg zu sprechen.“ 5
Das Ungarn-Tagebuch gerät derart zum Ausgangspunkt für einen konsequenten Neuanfang. Was als beschwingtes, fröhliches, luftiges Reisebüchlein für DDR-Reisende geplant war, entwickelte sich schnell zu einer tiefgründigen und kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Person, in der er einen Schlussstrich unter die Vergangenheit zieht, ohne sie zu vergessen und hierbei endgültig den festen Vorsatz fast: „vom hymnischen Stil abzugehen und Idealbilder nicht vor die Realität zu setzen.“ 6 Doch womit hatte Fühmann eigentlich abgeschlossen? Mit einer Vergangenheit, deren „Irrwege“ sein Freund HAP Grießhaber sehr treffend als Frakturen bezeichnete, Frakturen an Fühmanns Selbst: „Jesuitenschule, Hitlerjugend, Nazisoldat, russische Kriegsgefangenschaft, Antifaschule, Stalinfunktionär, Bitterfelder Weg,....“ 7 In der Retrospektive eine „/DQGVFKDIW mit Brüchen, Sprüngen, Klippen, Kanten und trotzdem die Einheit eines ganzen Lebens; ein ganz merkwürdiges Ding...“ 8 .
5 rezitiert aus: Franz Fühmann: Das Bergwerk - Eine Spurensuche unter und über Tage. (Film von Karlheinz
Mund) Æ Fühmann 1982
6 ebd. Fühmann, S.33
7 Damm, Siegrid: „Am liebsten tät ich auf die Strasse gehen und brüllen“, in: Sinn und Form 2/1993, S.359
8 F. F. im Gespr. mit W. F. Schoeller ; In: Den Katzenartigen wollten wir verbrennen. Hamburg 1983, S. 373
6
Die selbstkritische und wahrheitsbesessene Haltung die Grießhaber an Fühmann so rühmte und der er auch ein Stück weit Bewunderung entgegenbrachte 9 , da sie ans Existentielle rührte, entsprang den ungeheuren Erfahrungen des Augusts ´68, die Fühmann ideologisch desillusionierten und ihm so etwas wie eine „letzte Chance“ gaben.
Das Ungarntagebuch endet mit den Worten: „Anfangen? Oder: Aufhören?“ - es wird für Fühmann sein „eigentlicher Eintritt in die Literatur“: „Von da an begann ich Bücher zu schreiben - nicht um mitzuteilen, was man schon weiß, sondern um mir selbst im Prozess des Schreibens Klarheit zu schaffen.“ 10 In den sechszehn ihm verbleibenden Jahren stellt sich Fühmann mit „störrischem, besessenem, unmenschlich-verzweifeltem Fleiß“ einer Vielzahl von Projekten und Herausforderungen. Eine ihm wichtige war GLH2UWXQJGHUHLJHQHQ3RVLWLRQDOV 3HUVRQXQG6FKULIWVWHOOHULQHLQHU*HVHOOVFKDIW, die er selbst als die seine ansah und an deren Gestaltung er GXUFKVHLQH.XQVW intensiv mitwirken wollte. Zwangsläufig musste er im Sommer ´77 (an S. Damm) die Frage stellen: :ROHEHQZLUHLJHQWOLFK?
Das Bewusstsein des „Gesellschaftsgestocktseins“ war für ihn, da er sein Künstlerdasein in Abhängigkeit vom Arbeiterstaat definierte, eine dumpf empfundene Ohnmacht, die sich „jäh“ verstärkte, umso mehr er versucht ihr kritisch zu begegnen. In seinem 2IIHQHQ%ULHIDQGHQ/HLWHUGHU+DXSWYHUZDOWXQJ%XFKKDQGHOXQG9HUODJV ZHVHQ(20.11.1977) drückt er sein Misstrauen gegenüber ein-für-allemal errungen
geglaubten Standpunkten und unumstößlichen Wahrheiten aus, die im Besitz Einzelner zu sein scheinen: „... wenn die Wahrheit als Resultat allen gehört, die guten Willens sind, sie zu besitzen, gehören zum Finden der Wahrheit alle, die guten Willens sind, sie zu suchen... Die Wahrheit des Lebens ist die Wahrheit derer, die leben.“ 11 Eigene Begriffe wie 7HLOIXQNWLRQ(UIDKUXQJ:DQGOXQJ:DKUKHLWRGHU .DWKDUVLV werden von nun an in seinem Schaffen relevant.
Fühmann gehört zu den Erstunterzeichnern gegen die Ausbürgerung Biermanns, ein Jahr zuvor hatte er seinen engen Freund Kurt Batt verloren - Opfer der Kulturpolitik. Mehr und mehr sah sich Fühmann durch sein Nicht-Konform-Gehen, sein Aus-
9 Fühmannbetrachtete zeitlebens Grießhaber als den weitaus gebenderen Part ihrer Männerfreundschaft. Grießhaber hatte eine unschätzbare Erfahrung gemacht, um die ihn F. beneidete, die des aktiven Antifaschisten.
10 ebd. FF im Gespräch mit Wilfried F. Schoeller, 1983
11 Fühmann, Franz: Offener Brief an den Leiter der Hauptverwaltung Buchhandel und Verlagswesen im Ministerium für Kultur, Klaus Höpke. In: Christa Wolf/ Franz Fühmann: Monsieur - wir finden uns wieder. Briefe 1968-1984. Berlin 1998, S. 52
7
brechen, seine Versuche einen öffentlichen Disput anzuregen ausgegrenzt. Von offizieller Seite wurde er geschnitten, Einladungen zu Lesungen wurden zurückgenommen, ja selbst ein Buch über ihn wurde als „konterrevolutionär“ aus dem Plan gestrichen. Zu diesem Zeitpunkt lag sein Urerlebnis bereits ein paar Jahre zurück, von dem er geglaubt hatte, dass „es einem nicht mehr gewehrt, hat man die Fünfzig überschritten“, doch was er erfuhr, war seine Landschaft. Eine Landschaft, deren Sein mit dem des eigenen zu korrespondieren und die das Andere zu „diesem Oben“ zu sein schien. Der Berg sollte ihn bis zu seinem Tod nicht mehr loslassen.
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Arbeit zitieren:
Roman Derneff, 2002, Franz Fühmann: Im Berg - Bericht eines Scheiterns, München, GRIN Verlag GmbH
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