Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis 2
1 Melancholietradition und Melancholie in Wilhelm Meisters
Lehrjahren 3
2 Aurelie als Melancholikerin 5
2.1 Das Leiden Aurelies 5
2.2 Auftreten Aurelies und Auslöser der Melancholie 5
2.3 Liebeswunde und Todessehnsucht 7
3 Identifikation mit dem Theater 11
3.1 Ophelia 11
3.2 Orsina 12
4 Scheiternde Therapieversuche 15
4.1 Wilhelms Freundschaft 15
4.2 Bibliotherapie 17
5 Versöhnlicher Abschied aus den Lehrjahren 20
6 IV Literaturverzeichnis
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1 Melancholietradition und Melancholie in ‚Wilhelm Meisters
Lehrjahren’
In ‚Wilhelm Meisters Lehrjahre’ treten eine Vielzahl von Melancholikern auf, die an einer „pathologisch ausartenden Melancholie“ 1 leiden oder denen zumindest schwermütige und depressive Züge anhaften. Wilhelm, Mignon, der Harfner, Spereta, Laertes, Aurelie, der Graf und die Gräfin weisen mehr oder weniger ausgeprägte melancholische Verstimmungen auf. Goethe greift in seinen Werken, insbesondere in den ‚Lehrjahren’, auf die unterschiedlichsten Melancholiekonzepte zurück. Hippokrates und Theophrast liefern mit den Schriften ‚Corpus Hippocraticum’ und ‚Problemata’ die antiken Grundlagen für die Entwicklung der Melancholieauffassung in Mittelalter und Neuzeit. Die pseudoaristotelischen ‚Problemata’ gewinnen der Melancholie positive Züge ab, indem sie zwischen krankhafter und charakterbildender Melancholie unterscheiden. In der italienischen Renaissance dominiert diese Auffassung der Melancholie als Voraussetzung für Kreativität und Schöpfungskraft. Melancholie wird zunehmend als Seelenstimmung angenommen und im 18. Jahrhundert erreicht der empfindsame Melancholiekult, von der englischen Literatur ausgehend, Deutschland und Frankreich. 2
Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der Melancholie Aurelies. Diese Figur, die durchaus das vierte und fünfte Buch der ‚Lehrjahre’ prägt, ist in der Forschung bisher verhältnismäßig wenig Aufmerksamkeit geschenkt worden. Ingrid Ladendorf macht treffende Beobachtungen, verwendet jedoch an keiner Stelle den Melancholiebegriff, der für die Interpretation Aurelies unumgänglich ist. 3 Anders verfährt Monika Fick, die zwar hauptsächlich die Beziehungen Aurelies zu Lothario und Wilhelm untersucht, dabei jedoch auf die Krankheit Aurelies zurückgreift. 4 Thorsten Valk 5 und Franziska Schößler 6 weisen nachdrücklich auf die Wichtigkeit der Melancholie und ihre Bedeutung im Zusammenhang mit Aurelie hin.
1 Vgl. Valk: Melancholie im Werk Goethes, S. 167.
2 Vgl. Valk: Melancholie im Werk Goethes, S. 16-51, zur antiken Melancholieauffassung zusätzlich: Flashar: Melancholie und Melancholiker, S. 21-50, 60-73.
3 Ladendorf: Zwischen Tradition und Revolution, S.59-73.
4 Fick: Das Scheitern des Genius.
5 Valk: Melancholie im Werk Goethes.
6 Schößler: Goethes Lehr- und Wanderjahre.
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Wie äußert sich die Melancholie Aurelies? Welche Faktoren tragen zur Linderung oder Forcierung bei? Wie ist Aurelies Scheitern trotz Therapieversuchen zu bewerten? Um diese Fragen zu beantworten, wird zu Beginn der Arbeit Aurelies Auftreten untersucht, an Hand dessen erste auffällige Melancholieverweise sichtbar werden. Ebenso soll der Auslöser ihrer Krankheit sowie deren Auswirkungen beleuchtet werden. Im Folgenden widmet sich die Arbeit Aurelies Liebeswunde und Todessehnsucht. Die Folgen der Beziehung zu Lothario und die nicht erwiderte Liebe sollen hierbei in Hinblick auf ihre Melancholie untersucht werden. Außerdem wird die Todessehnsucht als Krankheitssymptom des Melancholikers im Vergleich mit literarischen Leidensgenossen herausgestellt. Aurelies Schauspiel und insbesondere die Verkörperung Ophelias und Orsinas geben im zweiten Kapitel Aufschluss über ihr Selbstverständnis. Die Wirkung der Identifikation mit den von ihr gespielten Charakteren hinsichtlich ihrer Krankheit soll aufgezeigt und interpretiert werden. Das letzte Kapitel befasst sich mit den Therapieversuchen. Es stellt sich die Frage, inwieweit Wilhelm als Freund und Vertrauter Einfluss auf den Krankheitsverlauf Aurelies nehmen kann. Abschließend wird die vom Arzt empfohlene Bibliotherapie im Zusammenhang mit ihrem Tod diskutiert.
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2 Aurelie als Melancholikerin
2.1 Das Leiden Aurelies
2.2 Auftreten Aurelies und Auslöser der Melancholie
Aurelie wird in ‚Wilhelm Meisters Lehrjahren’ bereits bei ihrem ersten Auftreten als leidende Figur eingeführt. Ihr „geistreiches Gesicht“ ist durch „einen entschiedenen Zug des Kummers“ 7 gezeichnet. Diese Tatsache nimmt Wilhelm bei der ersten Begegnung nicht wahr, während dem Leser hingegen die Anspielung auf vorangegangenes Leid nicht entgeht. Im weiteren Verlauf des vierten Buches scheint Aurelie teilnahmslos und in sich gekehrt und Valk weist auf eine Unterhaltung mit Wilhelm hin, bei der Aurelie „ans Fenster trat und den gestirnten Abendhimmel anschaute“ (Lj. 255). 8 Er bringt diese Szene mit einem Traum Wilhelms in Verbindung, in dem dieser Aurelie vor sich sieht. Abgeschieden von den anderen Traumgestalten, die sich im Garten unterhalten, blickt Aurelie aus dem Fenster eines Gartenhauses (Lj. 444,445). Weiterhin deutet Valk diese Teilnahmslosigkeit als „Hinweis auf ihr distanziertes Weltverhältnis“ und ihre „seelische Isolation“ 9 . Die Fensterscheibe trennt Aurelie symbolisch von der Außenwelt. 10 Wilhelm kann Aurelie in seinem Traum weder ansprechen noch ihr Gesicht sehen. Sie bleibt abgewandt, wodurch der Eindruck entsteht, dass sie am wirklichen Leben nicht teilhaben will oder kann. Ihre Melancholie äußert sich somit in Abgeschiedenheit und Einsamkeit. 11
Ein weiterer Aspekt, der auf melancholische Züge verweist, ist die typische Melancholiker- Haltung, die Aurelie einnimmt: „Noch immer hatte Aurelie ihr Haupt von ihren Armen unterstützt und ihre Augen [...] gen Himmel gewendet“ (Lj 256, 263). Der von den Händen gestützte Kopf ist seit Jahrhunderten in Kunst und Literatur ein Motiv, das Melancholikern anhaftet. Die Bildtradition reicht bis in die Antike zurück und seit dem 15. Jahrhundert lebt diese Tradition wieder auf und lässt Melancholiker in der beschriebenen Haltung darstellen. 12 Wiederum ist ihr Blick in den Himmel gerichtet und distanziert sich mit dieser Geste vom weltlichen Geschehen. In diesem Zusammenhang zeichnet wiederkehrendes Kopfweh Aurelie als Melancholikerin aus (Lj. 260).
7 Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre. Hrsg. v. Ehrhard Bahr. 3. Buch, S. 251 (Lj.251).
8 Vgl. Valk: Melancholie im Werk Goethes, S. 201f.
9 Ebd., S. 202.
10 Vgl. Ebd., S.202.
11 Vgl. Schings: Melancholie und Aufklärung. Einsamkeit als Erkennungszeichen der Melancholie: S. 45, 218. 12 Vgl. Klibansky, Raymond: Saturn und Melancholie. S. 409-412.
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Die beschriebene, für Melancholiker typische Ausdrucksgeste wird durch das auftretende Kopfweh hervorgerufen. 13 Wenn Buschendorf in seinem Werk über die ‚Wahlverwandtschaften’ auf den Bildcharakter des Romans verweist, kann dies gleichzeitig für die ‚Lehrjahre’ gelten. Laut Buschendorf begegnet die Geste in Goethes Roman als Leitmotiv, das an Werke wie Dürers ‚Melencolia I’ und Castigliones ‚Die Melancholie’ anknüpft, die als Vorbild der Melancholiedarstellungen gelten. 14
Aurelie offenbart ihrem Freund Wilhelm den Auslöser ihrer Krankheit. Sie klagt über die schlechte Erziehung durch ihre Tante, bei der sie nach dem Tod ihrer Mutter aufgewachsen ist. Das zügellose Leben ihrer Tante, „die sich zum Gesetz machte, die Gesetze der Ehrbarkeit zu verachten“ (Lj. 261), beeinflusst Aurelie nachhaltig. Als kleines unschuldiges Mädchen musste sie die sexuellen Ausschweifungen ihrer Tante ertragen und miterleben, wie diese die Männer „herbeireizte“ und sich jahrelang erniedrigte (Lj. 262). Diese Kindheits- und Jugendjahre markieren den Ursprung der Melancholie Aurelies. Sie wird durch die Ereignisse, die sie sichtlich überforderten, traumatisiert, da sie zu jung war um sie zu verarbeiten. 15 Über den Vater Aurelies erfährt der Leser lediglich, dass dieser seine Kinder schlug und somit keine Vertrauensperson darstellte (Lj. 279). Demnach fehlte Aurelie eine Bezugsperson und vor allem musste sie auf Zuneigung verzichten, die sie als Kind dringend gebraucht hätte. 16 Die Liebhaber ihrer Tante belegt Aurelie zurückblickend mit den Attributen „dumpf, dringend, dreist, ungeschickt“, „satt, übermütig, leer und abgeschmackt“ (Lj. 262). Aus den Kindheitserfahrungen resultiert ein Männerhass, der ihr ganzes Leben begleiten wird. „So lernte ich Ihr Geschlecht kennen, mein Freund, und wie rein haßte ich’s“, bemerkt sie Wilhelm gegenüber (Lj. 262). In Philine vermag Aurelie das Verhalten ihrer Tante und den ihrer Meinung nach unzüchtigen Umgang mit Männern wiederzuerkennen. Die weltoffene Philine umgarnt die Männerwelt und spielt ihre Reize offensichtlich aus. Ingrid Ladendorf bemerkt das gespannte Verhältnis zwischen Aurelie und Philine, deutet jedoch Aurelies Hass als mögliche Eifersucht auf das freizügige, sinnliche Leben, das Philine führt. 17 Bedenkt man jedoch Aurelies „Sexualphobie“ 18 und den damit verbundenen Männerhass, scheint die Annahme abwegig, da Aurelie sich der Sinnlichkeit verweigert und sich daher bewusst vom
13 Vgl Buschendorf: Goethes mythische Denkform,, S. 140f; vgl. Valk: Melancholie im Werk Goethes, S. 202. 14 Vgl. Buschendorf: Goethes mythische Denkform, S. 138-143: Buschendorf und Valk weisen darauf hin, dass sich beide Werke in Goethes Besitz befanden.
15 Vgl Valk: Melancholie im Werk Goethes, S. 203; S. 6: „persöhnliche Traumata, die in sexuellen Konflikten gründen und zu obsessiver Triebabwehr führen“, zählen zu symptomatischen Ursachen für Melancholie. 16 Vgl. Valk: Melancholie im Werk Goethes, S. 203.
17 Vgl. Ladendorf: Zwischen Tradition und Revolution, S.99.
18 Valk: Melancholie im Werk Goethes, S. 207.
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Nina Stein, 2006, Aurelie als Melancholikerin in Wilhelm Meisters Lehrjahren, Munich, GRIN Publishing GmbH
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