Elektra
von Roman Derneff
Quis est iste, qui se profitetur omnibus
legibus innocentem? Ut hoc ita sit, quam
angusta innocentia est ad legem bonum esse !
Quanto latius officiorum patet quam iuris
regula! Quam multa pietas, humanitas, liberalitas, iustitia, fides exigunt, quae omnia extra publicas tabulas sunt!
Seneca, De Ira 2, 28
Gliederung
I. Einleitung
II. Zur attischen Tragödie
III. Sophokles
IV. Der Mythos
V. Die Elektra des Sophokles
VI. Fazit
VII. Literaturverzeichnis
I. Einleitung
Das Bestreben des Seminars "Literarische Antikerezeption: Tragödie", dem diese Arbeit zugrunde liegt, war es, der Transformation der altgriechischen Tragödie im modernen Drama nachzuspüren. Grundlage dafür, war ein konkretes Eingehen auf die antike Vorlage, auf ihr Verhältnis von Mythos und Tragik, von Stoff/Motiv und Stückstruktur. Alle behandelten, modernen Dramen griffen dabei auf die Tragödien des Sophokles zurück (Antigone, Oedipus Rex, Philoktet, ... etc.).
Dieser Beleg beschäftigt sich mit einem der Spätwerke des Sophokles, mit der Tragödie "Elektra", also mit einer antiken Vorlage. Im Vordergrund steht genau das soeben angesprochene Verhältnis zwischen überliefertem Artriden-Mythos (der schon zuvor durch Aischylos´ "Orestie" seine Bearbeitung gefunden hatte) und einer in seinem Aufbau merklich anders gestalteten Fassung durch Sophokles.
Eine wichtige Frage besteht hierbei darin, wie man dem Stoff in seiner bestehenden Form am ehesten gerecht wird. Neben einer genauen Arbeit am Text, die ohnehin maßgebend für jedwede Interpretation ist, erscheint es notwendig, sich kurz und bündig mit der attischen Tragödie auseinanderzusetzen.
Hierbei muß vor allem das Umfeld der Tragödienaufführung genauer betrachtet werden, in die es eingebettet war. Ebenso ist es notwendig, den Dichter, der hinter dem Werk steht zu sehen, da "wir wohl nicht einmal die Hälfte vom Sinn der Tragödien erfassen würden, wen wir (sein) Leben" unberücksichtigt ließen. Mit ‚Leben′ ist hier "das umfassende Sein, die Position im Bezugsgeflecht von Mensch und Ideen" gemeint.
Im Anschluß wird es mein Bemühen sein, die belegten Elemente des mythischen Stoffs darzustellen, um sie dann mit der sophokleischen Bearbeitung ins Verhältnis zu setzen.
Dabei wird notwendigerweise auch auf Form und Wesen einer klassischen Tragödie eingegangen, bedauerlicherweise schon hier mit der Feststellung, daß deren "Gesamtkunstwerkscharakter" heute nachzuvollziehen, kaum noch möglich sein wird.
II. Zur attischen Tragödie
Stellt man sich der Herausforderung der Interpretation einer klassisch-griechischen Tragödie, so steht man vor dem Dilemma, das Verstehen der Tragödie aus ihrer Zeit heraus bewerkstelligen zu müssen. Wie bereits einleitend angemerkt, ist es das Ziel dieses Abschnitts auf die Rezeptionsgrundlagen einer solchen Dichtung etwas genauer einzugehen.
Geht man von den drei Großen - Aischylos, Sophokles und Euripides - der attischen Tragödie und ihren Werken aus, so muß hier versucht werden ein Einblick in das Leben, oder genauer in das kulturelle Verständnis der Athener des 5. Jh. v.u.Z. , für die die Stücke geschrieben wurden, zu gewinnen. Dies wird nur erreicht, wenn man sich den Grund vor Augen führt, weshalb gerade diese Epoche so kreativ war. Als eine nicht unwichtige Komponente ist hier sicher die Wahrung und der Ausbau der kulturellen Identität der Griechen gegenüber den Persern zu nennen.
War seit dem gescheiterten Aufstand der kleinasiatischen Griechen 494 das griechische Mutterland zunächst durch den Abwehrkampf gegen die persische Invasion bestimmt, so ergriff nach 479 gerade Athen mit dem Offensivkrieg gegen persische Außenposten die militärische Initiative. Mit der Gründung des attisch-delischen Seebundes 477 war der Machtfaktor Athen geboren, in dessen Zug vor allem innenpolitische Veränderungen eintraten, die hier nur kurz skizziert werden sollen.
Nach der Ausschaltung des Areopags durch die Übertragung aller politischen Befugnisse auf andere Gremien, der Einführung von Tagegeldern für Ratsmitglieder und der Zulassung der Zeugiten (3. Klasse) zum Archontat ist die athenische Demokratie Anfang der 50iger Jahre vollendet. Hinzu treten zwei weitere Fakten: erstens die Bürgerrechtsgesetze des Perikles, die seiner Kolonisationspolitik vor allem im ägäischen Raum entsprachen, und zweitens die Verlagerung der Seebundskasse von Delos nach Athen, die den dortigen Politikern einen direkten Zugriff ermöglichte . All dies förderte das Prestige und die Schaffenskraft der Polis und damit natürlich auch das Selbstbewusstsein seiner Einwohner, selbst wenn es nur Metöken waren.
Diesbezüglich scheint die rhetorische Frage des Komödiendichters Eupolis ‚Was ist den Athenern zu tun unmöglich?′ , nur allzu berechtigt.
Wenn man so mächtig ist wie das damalige Athen, so weit den anderen voraus, dann multipliziert sich das eigene Vermögen mit den Effekten des bereits Geschaffenen.
[...]
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Roman Derneff, 2001, Sophokles - Elektra, Munich, GRIN Publishing GmbH
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