0 Einleitung 2
1 Hartmann von Aues Kenntnisstand 3
2 Aristoteles 4
2.1 Das Unglück des Helden 4
2.2 Die sprachliche Form 5
2.3 Die Einsicht in die Handlung 6
2.4 Die Formung der Charaktere 7
2.5 Die Einheit der Handlung 8
2.6 Nachahmungsweisen 9
2.7 Die göttliche Rolle 10
2.8 Die Verhältnisse zwischen den Charakteren 12
2.9 Die Wiedererkennung 13
2.10 Die Ausdehnung des Epos 15
3 Horaz 16
3.1 Wirklichkeit vs. literarische Fiktion 16
3.2 Bekannte Ereignisse 17
3.3 Der Einklang von Sprache und Lage 18
3.4 Nutzen und Erfreuen 21
4 Schlussbetrachtung 22
5 Literaturverzeichnis 23
5.1 Primärquellen: 23
5.2 Sekundärquellen: 23
1
Einleitung
Wer sich mit literaturtheoretischen Grundlagen des Mittelalters befasst, stößt unweigerlich auf den griechischen Aristoteles (384-322 v. Chr.) sowie den römischen Horaz (65-8 v. Chr.), die mit ihren Poetiken die Tragödie, Komödie bzw. das Epos über Jahrhunderte hinweg nachhaltig beeinflussten. Der Grund für eine Auseinandersetzung mit besagten Autoren liegt damit auf der Hand. Beide Werke gelten als die wichtigsten antiken Poetiken, wobei sie sich (trotz identischen Titels) keineswegs gleichen. So besitzt die Poetik des Aristoteles den Charakter einer klar strukturierten Abhandlung in gelehrtem Tonfall, wohingegen Horaz´ Brief an die Pisonen eher einer Rede gleicht, die ebenso vertraulich wie unsystematisch anmutet (Schäfer 1984, S. 56). Die Humanisten des 16. und 17. Jahrhunderts sahen in ihnen eine gegenseitige Ergänzung und Bestätigung. Unter anderem glaubten sie, in Horaz´ Ars Poetica die aristotelische Mimesis-Theorie zu entdecken, in Aristoteles´ Poetik hingegen die von Horaz gepriesene Doppelfunktion von Unterhaltung und Nutzen (Schäfer 1984, S. 62). Es scheint somit, als gingen beide Werke in der Literaturtheorie eine bedeutungsvolle Symbiose ein. Ihr Einfluss auf die Werke zahlreicher Autoren ist fraglos groß, so dass auch eine (in)direkte Verarbeitung beider Schriften in den Werken Hartmann von Aues nahe liegt. In dieser Arbeit soll nun sein wohl auf der Schwelle zum 13. Jh. verfasster Artusroman Iwein als Untersuchungsobjekt für Aristoteles´ und Horaz´ Literaturtheorien dienen. Ich gehe also von der These aus, dass ihre normativen Poetiken im Iwein Anwendung finden. Einen ersten Hinweis darauf liefert der Literaturexkurs im Tristan, in dem Gottfried von Straßburg die Machart von Hartmanns Iwein lobt: Hartmann der Ouwaere, âhî, wie der diu maere beide ûzen unde innen mit worten und mit sinnen durchverwertet und durchzieret! wie er mit rede figieret der âventiure meine! wie lûter und wie reine sîniu cristallînen wortelîn beidiu sint und iemer müezen sîn! (4621-30)
2
Zunächst werde ich mich mit der Frage auseinandersetzen, inwiefern Hartmann Kenntnisse über die besagten Poetiken aufgewiesen haben könnte. Daran anschließend erfolgt eine umfassende Analyse von Hartmanns Iwein hinsichtlich Aristoteles´ und Horaz´ Forderungen.
Hartmann von Aues Kenntnisstand
Ein erstes vages Indiz darüber, ob die Poetiken Aristoteles´ und Horaz´ in der Literatur Hartmann von Aues Anwendung finden, bildet die Frage nach seiner Kenntnis dieser Werke. Die Forschung ist sich einig, dass Hartmann keinesfalls die Poetik des Aristoteles rezipiert haben kann:
Von den Schriften des A. waren bis zum 12. Jh., im wesentlichen in der Übersetzung und Kommentierung des Boethius, nur die ’Kategorien’ und ’De interpretatione’ bekannt, die zusammen mit der ’Isagoge’ des Porphyrius (233-304 n. Chr.), einer Einleitung zu den ’Kategorien’, zu der Boethius noch einen Kommentar schrieb, als ’logica vetus’ bezeichnet wurden. Im Laufe des 12. Jh.s trat durch neue Übersetzungen die sog. ’logica nova’ (…) hinzu, womit das gesamte ’Organon’ des A. in lat. Sprache vorlag. (Ruh 1978, S. 438) Eine Kenntnis der Ars Poetica erscheint hingegen möglich, zumindest existieren einige Anhaltspunkte, die die Kenntnis dieses Werkes nicht unrealistisch erscheinen lassen. So beschreibt sich Hartmann in einer Vielzahl seiner Prologe als gebildeter Ritter - als Beispiel sei hier der Iwein-Prolog angeführt: Ein rîter der gelêret was Unde ez an den buochen las, swenner sîne stunde niht baz bewenden kunde, daz er ouch tihtennes pflac (daz man gerne hoeren mac, dâ kêrt er sînen vlîz an: er was genant Hartman und was ein Ouwaere), der tihte diz maere. (21-30)
3
Nun stellt sich die Frage, inwiefern diese Selbstdarstellung seiner Person auch der Realität entspricht. Zweifelsohne kann seine Gelehrtheit nicht als bewiesen erachtet werden, es existieren jedoch Indizien, die die These seiner Gelehrtheit untermauern:
Die psychologischen Kategorien in der ‚Klage’ und der theologische Hintergrund im ‚Gregorius’ stützen den Anspruch, daß ihm mehr als die elementaren Grundbegriffe zeitgenössischer Bildung bekannt sind. (Cormeau/Störmer 1998, S. 37)
Ebenso lässt sich aus seiner Übersetzung und Bearbeitung französischer Texte eine entsprechende Sprachkenntnis erschließen, die den Eindruck eines gebildeten Dichters sicher nicht schmälert (Cormeau/Störmer 1998, S. 37). Demnach ist es, obgleich der Stand seiner Gelehrtheit nicht nachgewiesen werden kann, keineswegs unwahrscheinlich, dass Hartmann von Aue eine überdurchschnittliche Bildung zu Teil gekommen ist. Diese ist wiederum ein Indiz für Hartmanns Rezeption der Ars Poetica, da dieses Werk als eine der wichtigsten antiken Poetiken zu betrachten ist. Mit anderen Worten: ein gelehrter Dichter des Hochmittelalters, wie Hartmann es wohl war, wird mit großer Wahrscheinlichkeit Horaz´sche Kenntnisse aufgewiesen haben.
Aristoteles
Findet Horaz´ Ars Poetica Anwendung in einem literarischen Werk, so ist aller Voraussicht nach auch Aristoteles´ Poetik gegenwärtig. Obgleich letztere von Hartmann nicht rezipiert wurde, so liegt doch ein indirekter Einfluss auf Hartmanns Werke nahe, da sich Horaz in hohem Maße auf Aristoteles bezogen hat. Aus diesem Grunde soll der Iwein im folgenden Abschnitt zunächst auf Aristoteles´ Erkenntnisse hin untersucht werden.
Das Unglück des Helden
Eine gute Tragödie zeichnet sich laut Aristoteles durch eine Vielzahl an Faktoren aus, so auch durch die Umkehrung von Glück bzw. Unglück, die auf eine spezifische Weise zu erfolgen hat. Männer, die keinerlei Makel aufweisen, sollen ebenso wenig vom Glück ins Unglück
4
stürzen, wie Schufte. Ebenfalls sollen Schufte keinen Wandel vom Unglück ins Glück erleben. Stattdessen sollen jene Männer einen Umschlag ins Unglück durchleben, die sittliche Größe besitzen, allerdings nicht frei von Fehlern sind. Ein solcher Fehler soll dann auch den Grund für das eintretende Unglück darstellen (Fuhrmann 1994, S. 39). Hartmanns Iwein ist ein angesehener Ritter, der jedoch im Verlaufe der Handlung Fehler begeht. Aufgrund der Tatsache, dass er heimlich den Artushof verlässt und am Zauberbrunnen das Unwetter hervorruft macht er sich der Verweigerung der Heerfolge, Treulosigkeit sowie des Friedensbruchs schuldig, wobei diese Schuld jedoch für die Erzählung noch keine prägnante Bedeutung aufweist (Mertens 1998, S. 69 f.).
Das scheint (…) den Erzähler ebenso wenig wie König Artus zu kümmern, hier zählt der Erfolg, der von Artus bestätigt wird: der Märchenheld hat die Probe bestanden und die Prinzessin gewonnen. (Mertens 1998, S. 70) Das zweite Fehlverhalten, das in der unbeabsichtigten Nichteinhaltung von Laudines Einjahresfrist besteht, ist hingegen auf erzählerischer Ebene deutlich sinnstiftender, da es letztlich als Auslöser für seine Odyssee fungiert, die ihn vorübergehend auch in den Wahnsinn treibt und sein Verhältnis zum Rittertum verändert. So betreibt er das Rittertum im Laufe des Romans nicht mehr zum Selbstzweck, sondern als Hilfe und Rettung für seine Mitmenschen (Wehrli 1988, S. 536). Die charakterliche Beschaffenheit des Helden sowie die dramaturgische Struktur hinsichtlich des Glück-Unglück-Wandels weisen somit einen indirekten Bezug zu den Forderungen Aristoteles´ auf.
Die sprachliche Form
Der sprachlichen Form der Tragödie weist Aristoteles die Eigenschaften zu, klar und gleichzeitig nicht banal zu sein. Dies ist jedoch eine durchaus schwierige Gratwanderung, da sie immer dann am Klarsten ist, wenn ihre Worte allesamt einfacher und konventioneller (also banaler) Art sind. Um nun die Banalität zu vermeiden muss die sprachliche Form auch fremdartige, unkonventionelle Ausdrücke beinhalten (beispielsweise in Form einer Glosse oder Metapher), allerdings nicht ausschließlich, da das Werk sonst einem Rätsel oder Barbarismus gleichkäme (Fuhrmann 1994, S. 71 f.). Es muss somit ein Gleichgewicht aus einfachen wie fremdartigen Begriffen vorliegen, um eine gemäß Aristoteles vollkommene sprachliche Form zu gewährleisten. Diese liegt - obwohl von Aristoteles auf die Tragödie bezogen - durchaus im Artusroman Iwein vor, was auch in Gottfried von Straßburgs bereits
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Arbeit zitieren:
Sebastian Schult, 2006, Antike poetologische Spuren im "Iwein", München, GRIN Verlag GmbH
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