Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 2
2 Der Roman 2
3 Großstadtdarstellung im Fabian 3
4 Fabian - ein Großstadtroman? 11
Literaturverzeichnis 13
1
1 Einleitung
Die Geschichte der Großstadt als Sujet der Literatur umfasst einen langen Weg von den Anfängen unserer christlichen Zeitrechnung bis zum heutigen Tag. Sieht Horaz die Stadt anfangs wegen ihrer allgegenwärtigen Hektik und Eile als schreienden Gegensatz zu jeglicher Möglichkeit der schriftstellerischen Betätigung und denkt nicht einmal daran, diese als möglichen Gegenstand literarischer Auseinandersetzung überhaupt in Betracht zu ziehen, so bildet sich die Großstadt im weiteren Verlauf der menschlichen Historie zu einem der großen Gegenstände der Literatur heraus. 1
Diese Entwicklung wird zu Beginn der Moderne durch das glückliche Aufeinandertreffen zweier Umstände entscheidend begünstigt: Die Literatur löst sich von ihren traditionellen Aufgaben der Erbauung und Unterhaltung und beginnt mit der Entwicklung eines eigenen künstlerischen Selbstbewusstseins, und es entsteht ihr mit der Herausbildung der modernen Großstädte ein Gegenstand, auf welchen sie dieses richten kann. 2
Die Arten der Darstellungsformen der Großstadt, derer sich die Literatur dabei bedient hat, sind dabei vielfältig und reichen von Panoramen als Gesamtschauen der Städte über Sittenbilder als moralische Tableaus, pittoresken Darstellungen, perspektivischen Aufnahmen bestimmter Aspekte bis hin zu den skizzenhaften, filmischen Blicken voller Collagen und Montagen.
In dieser Hausarbeit soll nun, nach einer kurzen Vorstellung des Romans selbst, ein Blick auf die Darstellung der Großstadt Berlin geworfen werden, wie sie uns Erich Kästner präsentiert und wie sie seinem Protagonisten Jakob Fabian erscheint, bevor in einer, diese Arbeit abschließende, Betrachtung eine Untersuchung erfolgt, in wie weit der Roman Fabian ein Großstadtroman ist.
2 Der Roman
Erich Kästner erzählt in seinem Roman Fabian die Geschichte des 32-jährigen Germanisten Jakob Fabian, welcher in Berlin zu Beginn der 30er Jahre des vergangenen Jahr-hunderts zunächst als Reklamefachmann für einen Zigarettenhersteller tätig ist. In seiner
1 Vgl. Angelika Corbineau-Hoffmann: Kleine Literaturgeschichte der Großstadt. Darmstadt. 2003, S. 7.
2 Vgl. Corbineau-Hoffmann (2003), S. 7.
2
Freizeit zieht er durch (vor allem das nächtliche) Berlin, seine diversen Klubs, Kabaretts und andere Etablissements, beobachtet und studiert dabei die Menschen, pflegt die Gespräche mit seinem Freund Stephan Labude und gibt dem Leser so einen Überblick über Leben und Zustände in den verschiedenen Milieus dieser Stadt. Dabei lernt er seinen Freundin, Cornelia Battenberg kennen, die ihn jedoch, kurz nachdem er seine Anstellung verloren hat, für ihre Karriere als Schauspielerin wieder verlässt. Als sich auch noch Labude das Leben nimmt, kehrt Fabian zurück in seinen Heimatort, wo er kurz darauf beim Versuch, einen in den Fluss gefallenen Jungen zu retten, ertrinkt - er konnte selbst nicht schwimmen.
Der Roman gibt dabei in der sehr kurzen erzählten Zeit von 10 Tagen nur einen Ausschnitt aus dem Leben des Protagonisten wieder. Dabei bedient sich Kästner eines heterodiegetischen personalen Er-Erzählers mit fester interner Fokalisation, alle Eindrücke, alles Erlebte wird so wiedergegeben, wie es Fabian erfährt, alles wird aus seiner Sichtweise heraus betrachtet und dem Leser zugänglich gemacht.
3 Großstadtdarstellung im Fabian
Schon zu Beginn des ersten Kapitels gibt Kästner in Form der Schlagzeilen der Abendblätter dem Leser einen Ausblick, welchen Informationsmengen der in der Großstadt lebende Mensch tagtäglich ausgesetzt ist: „Englisches Luftschiff explodiert über Beauvais, Strychnin lagert neben Linsen, Neunjähriges Mädchen aus dem Fenster gesprungen, [...] Das tägliche Pensum. Nichts Besonderes“ 3 . Zwar muss sich diese Informationsflut nicht zwangsläufig auf die Einwohner der Großstadt beschränken, zumal gerade die der Presse gewidmeten Teile des Romans eher als kritische Betrachtung des Journalismus als der Darstellung des Großstadtlebens angesehen werden 4 , doch kann man angesichts des Umstandes, dass gerade in den zwanziger Jahren die Zeitungen in Berlin, wo zu dieser Zeit die weltweit schnellsten Rotationspressen standen, ihre große Ära hatten, hier teilweise in vier täglichen Ausgaben erschienen und „nur in der Großstadt zur Ver-
3 Zitiertwird mit der Sigle F nach der Ausgabe Erich Kästner: Fabian. Die Geschichte eines Moralisten. München 13 1998. Hier S. 11.
4 Vgl. Erhard Schütz: Romane der Weimarer Republik. München. 1986. S. 151 - 152.
3
fügung [standen]“ 5 , davon ausgehen, dass insbesondere die Bewohner der Großstadt dieser Art des massierten Einflusses von Sinnesreizen ausgesetzt waren.
Gleichzeitig werden durch die Einschätzung Fabians „Das tägliche Pensum. Nichts Besonderes“ (F 11) die Bedeutungsunterschiede zwischen wichtigen und unwichtigen Nachrichten beseitigt, alles wird auf ein Niveau gebracht, die Inhalte werden ad absurdum geführt 6 , was gleichzeitig den Schutzmechanismus des menschlichen Wesens gegen die tägliche Fülle an Informationen und Reizen symbolisiert. Das Außergewöhnliche wird dem Belanglosen gleich gesetzt und mit Gleichgültigkeit nur noch oberflächlich wahrgenommen. Der großstädtische Mensch ist der Masse der Sinneseinflüsse nicht mehr gewachsen und schützt sich durch eine Blasiertheit, die ihn die Unterschiede der Informationen zwar wahrnehmen, die Bedeutung und den Wert der Unterschiede jedoch als nichtig empfinden lässt. 7
Kennzeichnend für den Roman ist das „von Anfang an [...] durch die aneinander gereihten Schlagzeilen vorgegebene [...] schnelle [...] Erzähltempo“ 8 . Dieses zieht sich durch den gesamten Handlungsverlauf und findet weitere Unterstützung durch die Überschriften zu Beginn eines jeden Kapitels, welche den Inhalt des jeweiligen Abschnitts in Form von Schlagzeilen über Zeitungsartikeln im Stile der Boulevardpresse wiedergeben, dabei jedoch so vage und uneindeutig bleiben, dass der Leser im Grunde nichts daraus entnehmen kann. Dieses hohe Erzähltempo lässt den Leser teilnehmen an der Hektik des großstädtischen Geschehens und Lebens. Alles geschieht mit Eile, alles muss schnell erledigt werden, als ob es irgendetwas Wichtiges zu versäumen gäbe, so wie Kästner es den Justizrat Labude in Bezug auf die begrenzte Lebenszeit treffend formulieren lässt: „Alle Hände voll zu tun. Tag und Nacht.“ (F 83). Diese Geschwindigkeit des Lebens wird an einigen Stellen von Kästner direkt ausgedrückt: „Er zündete sich eilig eine Zigarette an“ (F 11), „Er folgte drei hastig marschierenden Arbeitern“ (F 12), „In zehn Minu-
5 Ladenthin,Volker: Die große Stadt bei Erich Kästner. In: Euphorion 90 (1996) Heft 3, S. 320.
6 Vgl. Jürgs, Britta: Neusachliche Zeitungsmacher, Frauen und alte Sentimentalitäten. In: Neue Sachlichkeit im Roman. Neue Interpretationen zum Roman der Weimarer Republik. Hg. v. Sabina Becker und Christopher Weiß. Stuttgart; Weimar. 1995. S. 197.
7 Vgl. Corbineau-Hoffmann (2003), S. 11. Und: Becker, Sabina: Urbanität und Moderne. Studien zur Großstadtwahrnehmung in der deutschen Literatur 1900 - 1930. St. Ingbert. 1993. S. 43.
8 Jürgs, Britta (1997), S. 197.
4
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Thomas Werner, 2006, Die Darstellung der Großstadt in Erich Kästners Roman "Fabian. Die Geschichte eines Moralisten", Munich, GRIN Publishing GmbH
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