Elemente, zwischen denen bestimmte Relationen vorliegen. Sie untersucht so das Zusammenwirken der durch ihre Einzelfunktionen beschriebenen Elemente eines Systems (griech. Gebilde, Zusammenstellung) miteinander und mit der Aussenwelt sowie der Beziehungen zwischen gekoppelten Systemen.
Die Luhmannsche Systemtheorie präsentiert sich als eine eigenständige, umfassend (auf über 10 000 Druckseiten) gearbeitete, auf hohem Abstraktionsniveau angesiedelte „Supertheorie“ (so Luhmann) mit universalem Anspruch. 1 Ihre Methode ist die einer konsequent funktionalen Analyse; immer geht es um Funktionen, nicht um Strukturen. 2
In der Ausarbeitung der Theorie haben sich zwei wichtige Paradigmenwechsel vollzogen: im ersten Schritt (um 1960) wurde die traditionelle Vorstellung, ein System bestünde aus einem Ganzen und seinen Teilen, durch die Grenze zwischen System und Umwelt ersetzt. Der zweite Schritt (seit den siebziger Jahren) vollzieht die Wende zur selbstreferentiellen, autopoietischen Geschlossenheit (s.unten). 3
Da die Systemtheorie Luhmanns - ganz der Theorie entsprechend - sich nicht von dem einen Element zum andern hin hierarchisch baut, sondern einem Mosaik gleicht, bei dem jedes Steinchen - für sich schier unverständlich - alle andern ein wenig erhellt, nähert man sich ihr am besten über deren wichtigste Grundbegriffe an: 4
1 Allerdings zielt der Anspruch nicht auf Vermittlung eines archaisch-ontischen Wahrheitsbegriffs - was Luh-
mann als „alteuropäisches Denken“ bezeichnen würde - sondern meint schlicht den allumfassenden Gegens-tandsbereich (sogar inklusive des bei Luhmann theorieimmanenten „blinden Flecks“ des ebenso theorieimma-
nenten Beobachters).
2 Dieser Funktionalismus Luhmanns hat besonders drei Quellen: Erstens die ethnologische Soziologie ALFRED
R. RADCLIFFE-BROWNS und BRONISLAW MALINOWSKIS, deren Werke er schon in den Fünfziger Jahren gelesen
hatte. Zweitens hatte ERNST CASSIRER aus seiner Beschäftigung mit der Mathematik und den Grundlagen exak-
ter Wissenschaftlichkeit heraus dazu angeregt, Substanzbegriffe in Funktionsbegriffe aufzulösen. Drittens ist der
Funktionalismus eine der Hauptströmungen der Soziologie von EMILE DURKHEIM über TALCOTT PARSONS (bei
welchem Luhmann studiert hatte, siehe Biographie) bis in die Gegenwart.
3 Anregungen kamen anfangs von der Thermodynamik, später von der Biologie (der Begriff „Autopoiesis“
stammt vom Kognitionsbiologen H.R. MATURANA), Neurophysiologie, Informationstheorie, Kybernetik, etc.
4 Die im folgenden verwendeten Diagramme sind entnommen aus: Becker, Frank; Reinhard-Becker Elke: Sys-
temtheorie, Eine Einführung für die Geschichts- und Kulturwissenschaften, Frankfurt/Main 2001.
2
ALLGEMEINE THEORIE UND THEORIE DER GESELLSCHAFT
System
Systeme sind Mengen von Elementen, zwischen denen Wechselbeziehungen bestehen. Alles, was nicht Element des Systems ist, bildet dessen Umwelt. Allerdings bildet das System durch Selbstbeschreibung seine Grenzen: „Die Theorie selbstreferentieller Systeme behauptet, dass eine Ausdifferenzierung von Systemen nur durch Selbstreferenz zustandekommen kann, das heißt dadurch, daß die Systeme Konstitution ihrer Elemente und ihrer elementaren Operationen auf sich selbst ... Bezug nehmen. Systeme müssen, um dies zu ermöglichen, eine Beschreibung ihres Selbst erzeugen und benutzen; sie müssen mindestens die Differenz von System und Umwelt systemintern als Orientierung und als Prinzip der Erzeugung von Information verwenden können.“ 5 Damit aber gehört die das System im engeren Sinne umgebende Umwelt konstitutiv mit zum System.
Komplexität
Die Komplexität bezeichnet die Intensität der Vernetzung. Je höher also die Anzahl der möglichen systeminternen Relationen zwischen den Elementen, umso komplexer das System. Reduziert wird die Komplexität einerseits auf das notwendige Minimum, da alle Komplexität darüber hinaus unnötigen Aufwand und Energieverlust bedeuten würde (so nimmt z.B. das menschliche Auge nur den Spektralbereich zwischen ultraviolett und infrarot wahr), andererseits als evolutionäre Überlebensstrategie: „Komplexität heißt Selektionszwang, Selektionszwang heißt Kontingenz, und Kontingenz heißt Risiko“ 6 .
5 Unbelegtes Zitat Luhmanns in: Lutz, Bernd (Hg.): Metzler Philosophen Lexikon, Von den Vorsokratikern bis
zu den Neuen Philosophen, Stuttgart 1995.
6 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme, 1984, 45.
3
Soziale Systeme
Durch Emergenz bildet sich aus mehreren Systemen ein System höherer Ordnung, das mehr ist, als die blosse Summe seiner Teile. Die Elemente der sozialen Systeme bestehen aus Kommunikationen, nicht aus Menschen. Auch sind psychische Systeme nicht mit Menschen gleichzusetzen, da der Mensch ein Konvolut von Systemen ist und, streng systemtheoretisch betrachtet, gar nicht existiert. 7
7 Aus solchen und ähnlichen Aussagen entwickelte sich in den Siebzigerjahren eine fachliche Kontroverse zwi-
schen J. HABERMAS und Luhmann, dem neben allgemeiner Ferne zu Fragen pragmatischer Lebewelt auch Tech-
nokratie und Inhumanität vorgeworfen wurden.
4
Arbeit zitieren:
Magister Dominic Lüthi, 2004, Die Systemtheorie Niklas Luhmanns, München, GRIN Verlag GmbH
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