Humboldt-Universität zu Berlin, Institut für Sozialwissenschaften
HS Zum Verständnis persönlicher Beziehungen
Sommersemester 2006
Gabe und Gegengabe im europäischen Mittelalter -
Klassische und moderne Austauschtheorie
unter historisch-literarischem Aspekt
von: Katrin Eichhorn
Inhaltsverzeichnis
I. Gegenstand der Arbeit 2
II. Geben und Nehmen 4
1. Ethnologie und Anthropologie: 4
1.1. Marcel Mauss’ „Die Gabe“ 4
1.2 Rezeption 6
2. Moderne Austauschtheorie 7
3. Mediävistik: Dichter und Mäzen im europäischen Hochmittelalter 11
III. Fazit 18
IV. Bibliographie 19
I. Gegenstand der Arbeit
Der Wechselwirkung von Gabe und Gegengabe in zwischenmenschlichen Beziehungen ist als Untersuchungsfeld in der Soziologie aus verschiedenen Blickwinkeln Aufmerksamkeit zuteil geworden. Inwieweit sie auch in der höfischen Gesellschaft des europäischen Hochmittelalters nachgewiesen werden kann, wird im Folgenden erörtert.
Die vorliegende Seminararbeit ist die Erweiterung und Spezifizierung der Thematik, die ich mit meinem Essay für das Hauptseminar „Zum Verständnis persönlicher Beziehungen“ vorgestellt habe. In diesem Essay wird mit Hilfe der Verknüpfung dreier wissenschaftlicher Gebiete, namentlich der Soziologie, der Geschichtswissenschaft und der Literaturwissenschaft das Sujet der interpersonalen Agitation auf eine Ebene außerhalb gegenwärtiger soziologischer Beobachtungsräume gebracht und untersucht, ob und inwieweit austauschtheoretische Konzepte mit der Germanistik und der Mediävistik in Verbindung zu bringen sind. Die klassische Ethnologie und Anthropologie sowie die moderne Austauschtheorie werden - mit besonderem Fokus auf das Verhältnis der Fürsten zu ihren höfischen Literaten - am Beispiel der fürstlichen Hofgesellschaft angewandt.
Diese Arbeit vertieft die Blickpunkte des vorangegangen Essays, indem die Teilaspekte spezifischer beleuchtet werden. Zunächst findet ein ausführlicher Blick auf die klassische Ethnologie und Anthropologie statt, wobei insbesondere Marcel Mauss’ Werk Die Gabe in den Mittelpunkt rückt. Auch deren Rezeption durch anderen Soziologen, Ethnologen bzw. Psychoanalytiker wird gesondert berücksichtigt.
Im darauf Folgenden wird die moderne Austauschtheorie unter besonderer Beachtung des Soziologen Peter M. Blau vorgestellt. Seine Theorie des Sozialen Austauschs ist neben Marcel Mauss’ Gabe die Hauptgrundlage meiner Betrachtung der mittelalterlichen höfischen Gesellschaft vor dem Hintergrund der Soziologie. Innerhalb des Forschungsfeldes der Mediävistik untersuche ich die Anwendbarkeit beider soziologischer Schwerpunkte auf das Gebiet des europäischen Hochmittelalters. Gibt es dort das wechselseitige System von Gabe und Gegengabe? Neben soziologischer wird besonders mediävistische und literaturwissenschaftliche Fachliteratur herangezogen, um den Hin- bzw. Nachweisen des Phänomens zu folgen.
II. Geben und Nehmen
1. Ethnologie und Anthropologie:
1.1. Marcel Mauss’ „Die Gabe“
1925 erschien erstmals der Essai sur le don des französischen Ethnologen und Anthropologen Marcel Mauss. Sir Edward Evan Evans-Pritchard, britischer Ethnologe und bedeutender Vertreter des Strukturfunktionalismus in der social anthropology, beschreibt diesen Essay als „die erste systematische und vergleichende Studie über das weit verbreitete System des Geschenkaustauschs und die erste Deutung seiner Funktion im Bezugsrahmen der gesellschaftlichen Ordnung. Mauss zeigt hier, was die eigentliche Natur und fundamentale Bedeutung solcher Institutionen wie des Potlatsch und des Kula ist […].
Der Vergleich (oder die Gegenüberstellung) von archaischen Institutionen, über die er schreibt, und unseren eigenen ist in seinem ganzen Essay implizit enthalten. Er fragt nicht nur, wie wir diese archaischen Institutionen verstehen können, er fragt zugleich, wie ihr Verständnis uns helfen kann, unsere eigenen um so tiefer zu erfassen […].“1 In Bezug auf Marcel Mauss erweitert Friedrich Rost, dass das Geschenk bzw. die Gabe von der Soziologie und der Kulturanthropologie als Mittel zur Einleitung, Aufrechterhaltung und Verstärkung von sozialen Beziehungen sowie zur Beeinflussung des eigenen sozialen Status untersucht werde2.
[...]
1 E. E. Evans-Pritchard, aus dem Vorwort zu Marcel Mauss, Die Gabe. Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften, Frankfurt a. M. 1990, S.11f.
2 Vgl. Friedrich Rost, Theorien des Schenkens. Zur kultur- und humanwissenschaftlichen Bearbeitung eines anthropologischen Phänomens, Essen 1994, S. 36.
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Katrin Eichhorn, 2006, Gabe und Gegengabe im europäischen Mittelalter - Klassische und moderne Austauschtheorie unter historisch-literarischem Aspekt, Munich, GRIN Publishing GmbH
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