0. Einleitung
Diese Arbeit behandelt das Thema Seligpreisungen, wobei als Textgrundlage die entsprechende Perikope des Matthäusevangeliums dient. Die weniger umfangreiche Parallelstelle des Synoptikers Lukas wird hingegen vernachlässigt. Es wird, neben einer Einzelexegese der entsprechenden Verse, auf die verschiedenen Formen der Seligpreisungen eingegangen. Dabei werden
ursprünglichere von den später durch den Evangelisten hinzugesetzten Seligpreisungen unterschieden. Hierbei ist von Interesse, welches theologische Verständnis den Judenchristen Matthäus bei seiner Redaktionsarbeit geleitet hat. Bleibt die bedingungslose Heilszusage vor den Forderungen bestehen?
1. Übersetzungsvergleich: Mt 5, 1-12
1 Die Bibel nach der Übersetzung M. Luthers.
2 Die Bibel nach der Zürcher Übersetzung.
1
Bei dem Vergleich der Übersetzungen entdeckt man Unterschiede zwischen der Luther- und der Zürcher Bibel.
So formuliert Luther in Vers vier anstelle der Trauernden umfassender und allgemeiner als die Zürcher Bibel: er spricht von den Menschen, die Leid tragen. Auch erkennt man einen Unterschied in Vers fünf. Dort wird die Verheißung - im Gegensatz zur Lutherübersetzung - in der Zürcher Bibel in Form eines
2
Reflexionszitates zugesagt. Reflexionszitate nehmen Bezug auf alttestamentliche Texte, die Matthäus als Judenchrist wohlbekannt und wichtig sind. Diese tauchen im matthäischen Evangelium immer wieder auf. 3 Aus diesem Grunde ist diese Übersetzung von Vers fünf m. E. näher am Ursprungstext und an Matthäus’ Verständnis der Heilsgeschichte.
Ein weiterer wichtiger Übersetzungsunterschied ist in Vers neun auffindbar. Während in der Lutherübersetzung die Friedfertigen adressiert werden, sind in der Zürcher Übersetzung die Friedensstifter angesprochen. 4 Dieser Ausdruck betont das aktive Handeln der Menschen, die sich für den Frieden einsetzen. Allerdings scheint die Formulierung der Verheißung in Vers neun in der Zürcher Bibel weniger umfassend. Dort ist lediglich die Rede von den Söhnen Gottes. Luther hingegen schließt beide Geschlechter in die Heilszusage mit ein, indem er von den Kindern Gottes spricht.
Nach der Betrachtung und Beurteilung der unterschiedlichen Übersetzungen wird die Übersetzung der Zürcher Bibel der Lutherübersetzung vorgezogen und dieser Arbeit zu Grunde gelegt. M. E. bleibt diese näher an dem Ursprungstext als die Übersetzung der Lutherbibel. 5
2. Literarkritik
2.1 Gliederung
In Vers eins und zwei des fünften Kapitels des Matthäusevangeliums wird der Leser zunächst in die Situation eingeführt. Neben dem Ort werden die anwesenden Personen genannt. Man erfährt, dass Jesus auf einen Berg steigt. Außer ihm sind die Jünger und eine Volksmenge anwesend. Dies stellt einen Hinweis darauf dar, dass sich die Bergpredigt nicht nur an die Jünger richtet, sondern an jeden, der Jesus
3 Vgl. Conzelmann, H.; Lindemann, A.: Neues Testament. S. 329.
4 Die Übersetzung Friedensstifter wird allerdings lediglich als Fußnote, die die wörtliche Übersetzung
nennt, in der Zürcher Bibel erwähnt.
5 Schließlich verfolgte Luther mit seiner Übersetzung das Ziel, die Bibel für alle Menschen lesbar und
verständlich zu übersetzen. Er hatte sicherlich nicht die Intention, die Bibel wissenschaftlich
einwandfrei zu übersetzen.
3
Christus nachfolgen will. 6 Die nachfolgende programmatische Predigt ist keine „[…] Sonderlehre für wenige [..]“ 7 , sondern für alle gültig.
Der Einleitung folgen die Verse drei bis elf mit insgesamt neun Seligpreisungen. Eine Einheit bilden die ersten acht Seligpreisungen (V. 3-10). 8 Dies ist daran erkennbar, dass in den jeweils ersten Satzteilen bestimmte Personengruppen seliggepriesen werden und in den darauffolgenden zweiten Satzteilen den Seliggepriesenen in der Form von kausalen Nebensätzen Verheißungen zugesagt werden. Sie weisen demnach die gleiche Struktur auf.
In den Versen drei und zehn wird jeweils die gleiche Verheißung „[…] denn ihrer ist das Reich der Himmel“ 9 formuliert. Diese Gestaltung deutet auf einen Rahmen hin, der die ersten acht Seligpreisungen umschließt und verbindet, so dass diese als eine Einheit zu betrachten sind. Ein weiterer Hinweis, der für eine Einheit dieser Verse spricht, ist die Tatsache, dass alle in der dritten Person Plural formuliert sind. Die Einheit der ersten acht Seligpreisungen lässt sich wiederum in zwei Strophen von jeweils vier Versen unterteilen. Beide nehmen am Ende das Thema Gerechtigkeit auf. Ihnen liegt jeweils eine nahezu gleiche Wortanzahl zu Grunde 10 , so dass von einer kunstvollen Gliederung und Anordnung der Seligpreisungen die Rede sein kann.
Die neunte Seligpreisung ist dem nächsten Abschnitt der Perikope zuzuordnen. Für diese Annahme sprechen einige Hinweise. So weist diese Seligpreisung - im Vergleich zu den vorangegangenen - eine andere Struktur auf. Auf den ersten Satzteil, in dem die Seligpreisung selbst steht, folgt kein Kausalsatz, sondern ein Konditionalsatz, der keine Verheißung enthält. Außerdem ist die neunte - auch umfangreichere - Seligpreisung in der zweiten Person Plural formuliert. Dies ist eine direkte Ansprache an die Zuhörerschaft.
Der letzte Vers dieser Perikope, Vers zwölf, stellt einen Abschluss der Seligpreisungen in Form eines Aufrufes dar. Es wird ein imperativischer Appell zur Freude ausgesprochen, welcher offensichtlich ein Bruch innerhalb der gesamten
6 Vgl. Eichholz, G.: Bergpredigt. S. 24.
7 Feldmeier, R.: „Salz der Erde“. 23.
8 Vgl. Fiedler, P.: Matthäusevangelium. S.107.
9 Zürcher Übersetzung. Mt 5, 3 + 10.
10 Vgl. Eichholz, G.: Bergpredigt. S. 32.
4
Arbeit zitieren:
Susanne Peschutter, 2006, Exegetische Analyse der Seligpreisungen (Mt 5, 1-12), München, GRIN Verlag GmbH
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