Technische Universität Dresden, Institut für Soziologie
Philosophische Fakultät, Seminar: Kultursoziologie
Sommersemester 2006, 5. Semester
Die Soziologie des Symbols
von: Erik Buder
„So ist das soziale Leben unter all seinen Aspekten und zu allen Augenblicken seiner Geschichte nur dank eines umfangreichen Symbolismus möglich.“ Diese Worte Emile Durkheims geben bereits am Anfang dieses Essays eine Antwort auf die Frage: „Welche Bedeutungen beziehungsweise Funktionen haben Symbole innerhalb kultureller- und sozialer Beziehungen vergesellschafteter Individuen und Körperschaften?“ Soziales Leben, ein reziprokes, auf andere orientiertes Sichverhalten ist laut Durkheim durch einen umfangreichen Symbolismus real. Dies ist die Funktion des Symbols. Das Symbol als Schlüsselmoment von Vergesellschaftung.
Symbole bestimmen Gesellschaftsstrukturen in allen bekannten sozialen Verhältnissen und das nicht nur in frühen Gesellschaften. Was aber ist ein Symbol? Was macht es so mächtig? Aus einer Vielzahl von Definitionsansätzen möchte ich die Variante Ernst Cassirers aufgreifen. Dieser unterscheidet zwischen Zeichen (signal) als „part of the physical world of being“, womit er dieses als technisches Symbol den Naturwissenschaften zuweist, und dem Symbol als „part of the human world of meaning“, welches alle Formen des menschlichen Kulturlebens als symbolisch bezeichnet. Das „Symbolische“ ist also ein Begriffssystem, mit dessen Hilfe sich die Menschen die Gesellschaft und die Beziehungen die sie mit ihr haben vorstellen. Durkheim beschreibt diesen Sachverhalt als Modell von und für Wirklichkeit, bei Husserl könnte man argumentieren, dass die Intention, das Bewusstsein von etwas, ohne dem Symbolischen als Begriffssystem nicht realisiert werden könnte. Alfred Schütz bezeichnet Symbole als höherstufige Appräsentationsverweisungen welche auf eine Idee hinweisen die unsere Alltagserfahrung transzendieren. Bei Rehberg übernimmt das Symbol die Funktion eines komplexen Verweisungsmediums welches beispielsweise auf einen besonderen Lebensstil verweist (Habitus).
Wenn man sich also auf eine allgemeingültige Bedeutung des Symbols festlegen müsste könnte man sagen, ein Symbol ist eine appräsentative Verweisung, welche dazu dient aus etwas Unsichtbaren etwas Anschaubares zu machen, Symbole tragen demnach zu einer gewissen „Entzauberung der Welt“ bei (Manfred Lurker) und bestimmen so das soziale Leben in all seinen Verhältnissen. So eine starke Funktion eines Elements gesellschaftlicher Konstitution weckte mein Interesse an dieser Thematik, allerdings suchte ich vergeblich nach einer eigenständigen Disziplin, welche sich die Soziologie des Symbols (Symbolsoziologie) zum Gegenstand macht. Bei vielen soziologischen- sowie philosophischen Autoren stößt man in ihren großen Werken auf einzelne versteckte Aufsätze, in welchen das Thema Symbolismus angerissen, beschrieben und kurz abgehandelt wird. Allerdings gibt es kein großes soziologisches Werk welches sich ausschließlich mit dem Symbol an sich beschäftigt. Warum diese versteckte Distanzierung beziehungsweise Marginalisierung. Ist das Symbol doch nicht von so großer Bedeutung wie ich annehme? Ist es zu universell, zu allgemeingültig, nicht speziell genug oder abstrakt? Oder ist es zu komplex um sich ausschöpfend mit ihm beschäftigen zu können? Interessante Fragen fehlende Antworten. Dieser Essay soll dem Leser das Thema „Symbol“ schmackhaft machen, Interesse wecken und dazu beitragen ein Verständnis dafür zu erlangen, dass die Dimensionen und Schulen der soziologischen Theorie und Operation vielleicht doch nicht so voneinander getrennt und verschieden sind, da sie doch alle das einende Moment des symbolischen in sich tragen. Wenn man den Aufsatz von Karl-Siegbert Rehberg „Kultur“ in dem Lehrbuch der Soziologie von Hans Joas quer ließt, erkennt man das Symbol als Werkzeug der Kultur. Kultur ist im Verständnis von Rehberg die Antithese zur Natur. Das heißt die Kultur entsteht durch den Menschen, indem er die Natur umwälzt, verändert. Dabei bedient sich der Mensch dem Begriffssystem Symbol um mit anderen intersubjektiv zu interagieren. Symbole als komplexe Verweisungsmedien beziehen sich oft auf die Präsenz von etwas Abwesenden durch Verkörperung. Als Beispiel kann man dabei an Marcel Mauss „Die Gabe“ denken. Das Geschenk als Symbol für Macht und Reichtum. Um so wertvoller das Geschenk ist, desto reicher ist der Geber. Dieses Ritual ist nicht nur in archaischen Gesellschaften zu beobachten, sondern lässt sich genauso in der modernen Welt aufzeigen. Symbolismus strukturiert alle sozialen Situationen des Alltags. Wenn mir jemand die Hand zum Gruß gibt, weiß ich ich bin Willkommen. Dreht mein gegenüber mir allerdings symbolisch den Rücken zu, weiß ich es wäre besser, wenn ich gehe. Symbole verweisen weiterhin auf Lebensstile, auf den Habitus einer Person. Ich brauch eine bestimmte Person nicht unbedingt kennen um Aussagen über diese machen zu können. Jener Hausstil, jene Automarke und Kleidung verraten symbolisch sehr viel über einen Menschen indem sie auf etwas anderes verweisen als auf sich selbst. Soziale Botschaften wie Geschlecht, Statuslage, Privilegien und Wohlstand werden somit vermittelt und diese strukturieren mein Verhalten zu der jeweiligen Person. Symbolische Verweisungen geben der sozialen Interaktion ihre Form indem sie viel zu der Definition der Situation beitragen, welche die Interaktionsteilnehmer unmittelbar vor der Interaktion durchführen.
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Erik Buder, 2006, Die Soziologie des Symbols, Munich, GRIN Publishing GmbH
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