Inhaltsverzeichnis
Einleitung 1
1 (Wasser-)Frauen im Mittelalter 2
1.1 Motivgeschichte der Wasserfrau 2
1.2 Frauenbild 4
2 Melusine als (Wasser-)Frau 6
2.1 Das Kennenlernen 6
2.2 Die Söhne 8
2.3 Verlauf und Ende der Ehe 12
Schluss 16
Literaturverzeichnis 18
Einleitung
Die Melusine Thürings von Ringoltingen steht in einer langen Tradition von Literatur über Wasserfrauen. Mindestens seit der Antike ist das Element Wasser eng mit dem Weiblichen verbunden, sowohl in seiner positiven Bedeutung als lebensspendend und rettend, als auch in der negativen, verschlingenden und todbringenden. Im ersten Kapitel soll es um die Symbolik und Entwicklung der Wasserfrau bis zum Mittelalter gehen, aber auch um das Frauenbild der Zeit, da dieses meist eng mit dem aktuellen Bild der Wasserfrau zusammenhängt. 1
Im zweiten Kapitel stellt sich die Frage, welche Eigenschaften dieser Naturwesen Melusine hat und wie sich diese mit ihrem Leben in der Menschenwelt vereinbaren lassen. Besonders ihre Funktion als Mutter und Ehefrau, sowie ihr Wunsch nach Erlösung stehen hier im Vordergrund. Die These dabei ist, dass Melusine zwar durchaus eine Wasserfrau mit allen ihren positiven und negativen Eigenschaften ist, durch die Möglichkeit der Erlösung aber gewissermaßen „entdämonisiert“ und verchristlicht wird. Man könnte auch von einer beginnenden „Domestizierung des Naturwesens Wasserfrau“ sprechen, denn ihre Erlösung hängt nicht von ihrem Handeln ab, sondern von dem ihres Mannes. So hat er nur noch zu befürchten, dass sie ihn verlässt, aber direkt gefährlich wird sie ihm, im Gegensatz zu den männermordenden Sirenen und Nixen, nicht mehr.
1 Gutiérrez Koester, Isabel: „Ich geh nun unter in dem Reich der Kühle, daraus ich geboren war
. . . “. Zum Motiv der Wasserfrau im 19. Jahrhundert. Berlin 2001. S. 10.
1
1 (Wasser-)Frauen im Mittelalter
1.1 Motivgeschichte der Wasserfrau
Das Wasser und seine Eigenschaften sind in fast allen Kulturen und Zeiten mit dem Weiblichen eng verbunden. So steht beides zunächst gleichzeitig für Leben, Fruchtbarkeit, Heilung, aber auch für Tod, Zerstörung, Entgrenzung, Unstetigkeit und Unbeherrschbarkeit. Besonders durch die Verknüpfung des Wassers mit der weiblichen Sexualität, die von den Wasserfrauen meist aktiv bis aggressiv ausgelebt wird, stehen diese Wesen für die Wunsch- und Angstphantasien ihrer männlichen Autoren. 2 In der Antike finden sich verschieden Typen von Wasserfrauen, so z. B. die Sirenen und Nymphen. Die wenigsten von ihnen sind allerdings ausschließlich „Wasserfrauen, häufiger handelt es sich um Wasser- und Luft-oder Erdgeister zugleich.“ 3 Erst seit dem Mittelalter werden die Elementargeister systematisiert und einem bestimmten Element zugewiesen. 4 Die Sirenen wurden zwar zunächst mit Vogelkörper dargestellt, besaßen aber immer einen Bezug zum Wasser. Mit ihren todbringenden Verführungskünsten stehen sie für die negativen Aspekte der Wasserfrauen. Äusserlich sind sie zwar anfangs abstoßende Mischwesen, bekommen aber bereits in hellenistischer Zeit zumindest in einigen Darstellungen den Fischschwanz und den wunderschönen weiblichen Oberkörper. 5 Dieser Gestalt-wandel brachte vor allem eine „Intensivierung ihrer sexuellen Komponente mit sich.“ 6
Die Nymphen oder Nixen sind gewissermaßen das positive Gegenbild dazu. Sie sind Quell- oder Flußpersonifikationen, die meist in rein menschlicher Gestalt auftreten und in der Antike fast ausschließlich als Spenderinnen der Fruchtbarkeit gesehen wurden. 7 Gemeinsam mit den Sirenen hatten sie die Fähigkeit, in die Zukunft sehen zu können. 8 Im Laufe der Jahrhun-
2 Vgl. Gutiérrez Koester, S. 51.
3 Malzew, Helena: Menschenmann und Wasserfrau. Ihre Beziehung in der Literatur der deut-
schen Romantik. Berlin 2004, S. 35.
4 Malzew, S. 36.
5 Vgl. Otto, Beate: Unterwasser-Literatur. Von Wasserfrauen und Wassermännern. Würzburg
2001, S. 29.
6 Gutiérrez Koester, S. 39.
7 Vgl. Gutiérrez Koester, S. 45.
8 Ebd.
2
derte wurden sie im deutschen Sprachraum zur Nixe, außerdem verloren sie die meisten ihrer positiven Eigenschaften und wurden ebenfalls zu todbringenden Verführerinnen. 9 Diese Nymphen und Sirenen waren in der Regel namenlos und nicht individualisiert. Sie traten, vielleicht in Anlehnung an die Nornen und Parzen, oft zu dritt auf. Wenn sie Beziehungen zu Männern eingingen, waren diese meist mit einer Bedingung oder einem Tabu behaftet und endeten fast ausschließlich mit dem Tod oder zumindest der Bestrafung des Mannes, der sich nicht daran halten kann. Diese Bestrafung geschah meist in Form einer realen oder symbolischen Kastration. 10 Im Mittelalter „diente die Wasserfrau, besonders die fischschwänzige Sirene, der Kirche als abschreckendes Beispiel, um die Gläubigen vor der fleischlichen Versuchung, vor Häresie und vor anderen Sünden zu warnen.“ 11 Spricht man nicht von einem Fisch- sondern einem Schlangenschwanz, ist die Kombination der Schlange mit Frau als Symbol für die Ursünde und für die Angst vor der weiblichen Sexualität naheliegend. 12 Oft wird die mittelalterliche Sirene in Verbindung mit Fischen dargestellt, „wobei der Fisch als Symbol für die christliche, menschliche Seele steht, welche die Sirene, als symbolische Verkörperung der Weltlust, zerstören will.“ 13 Mit Beginn der Neuzeit entstand dann auch ein etwas harmloseres Bild der Wasserfrau. Paracelsus’ Werk Liber de Nymphis, Sylphis, Pygmais et Salamandris et de ceteris Spiritibus war hierfür besonders wichtig. Er nennt diese Elementarwesen „Geistmenschen“ und nicht mehr Dämonen. 14 Sie werden als sterbliche, vernünftige, allerdings seelenlose Zwischenwesen beschrieben, die vor allem Hüter der Bodenschätze sind. Dem Wasser werden vor allem weibliche Wesen zugeordnet, die er Nymphen und Undinen nennt. Durch diese Entdämonisierung ist die Ehe mit soch einem Wesen geradezu eine Aufwertung für den Mann und seine Nachkommen. Allerdings gibt es auch weiterhin vom Teufel besessene Wasserfrauen, zu denen Paracelsus
10 Vgl. Gutiérrez Koester, S. 46f.
11 Gutiérrez Koester, S. 7f.
12 Vgl. Gutiérrez Koester, S. 27f.
13 Otto, S. 33.
14 Vgl. hier und im Folgenden: Vogel, Matthias: „Melusine . . . das lässt aber tief blicken.“
Studien zur Gestalt der Wasserfrau in dichterischen und künstlerischen Zeugnissen des 19. Jahr-
hunderts. Bern 1989, S. 38f.
3
auch Melusine zählt, die nur durch das Vertrauen ihres Ehemannes erlöst werden kann.
1.2 Frauenbild
Im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit war das Bild der Frau sehr stark negativ geprägt. Frauen galten, in der „Tradition christlicher Frauenfeindlichkeit“ 15 als von Natur aus schwach und leicht zum Bösen zu verführen. Evas Ungehorsam stand für das weibliche Verhalten generell. Die geistige und moralische Minderwertigkeit der Frau wurde aber nicht nur theologisch, sondern auch „wissenschaftlich“ begründet: Nach Thomas von Aquin war die Frau, auf Grund ihrer feuchteren und wärmeren Beschaffenheit nur ein unvollkommener Mann. 16 Daher müsse sie von ihrem Mann regiert werden und sich ihm unterordnen. Durch ein besonders sittsames und moralisch einwandfreies Leben konnte sie aber „ihre Natur überwinden und moralisch »zum Mann« werden.“ 17
Als adlige Ehefrau war vor allem ihre Fruchtbarkeit wichtig, ebenso wie ihre Fähigkeit, den Hof standesgemäß zu repräsentieren. Es wurde von ihr erwartet, dass sie ihren Mann unterstütze, „ihm gehorsam war, ihn ehrte und fürchtete, ihm zu gefallen suchte [. . . ] und seine Fehler und Schwächen geduldig und liebevoll ertrug.“ 18 Darüber hinaus lag aber meist auch die Haushaltsführung in ihrer Hand. Die „Entscheidungsbefugnisse und Kontrollpflichten“ 19 gegenüber der Frau lagen aber immer beim Mann. Besonders ab dem 15. Jahrhundert treten dann allerdings vermehrt Texte auf, die die Mitverantwortlichkeit des Mannes am Gelingen der Ehe betonen, und auch von ihm Rücksicht fordern. Trotzdem blieb die Dichotomie zwischen Mann und Frau als Herrscher und Beherrschte, Vernunft und Gefühl, passiv und aktiv bestehen. Als Herrscherin hatte die Frau vor allem die
15 Bumke, Joachim: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. München
1999, S. 454
16 Bumke, S. 456.
17 Bumke, S. 462.
18 Bumke, S. 472.
19 Fendrich, Ilona: Die Beziehung von Fürstin und Fürst: zum hochadligen Ehealltag im 15.
Jahrhundert. In: Rogge, Jörg (Hrsg.): Fürstin und Fürst. Familienbeziehungen und Hand-
lungsmöglichkeiten von hochadeligen Frauen im Mittelalter. Ostfildern 2004, S. 93-137,
hier: S. 101.
4
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Daniela Rabe, 2006, Die Frau als Naturwesen in der "Melusine" Thürings von Ringoltingen, München, GRIN Verlag GmbH
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