Inhaltsverzeichnis 1
1. Einleitung 4
1.1. Problemgegenstand und Problembereich 4
1.2. Fragestellung, Aufbau und Methode 5
1.3. Quellenlage und Literaturkritik 7
2. Die Entwicklung der Stadt Zittau bis zum 16. Jahrhundert
unter politischen, wirtschaftlichen und kirchlichen Aspekten 9
2.1. Entstehung, Ersterwähnung und Stellung innerhalb der Krone Böhmens 9
2.2. Erste Blüte im 14. Jahrhundert - Ratsverfassung und Gerichtsbarkeit 10
2.3. Zittaus Rolle im „Sechsstädtebund“ und Auswirkungen auf Wirtschaft
und städtische Gesellschaft 12
2.4. Die Kirchenorganisation des Dekanats Zittau vor der Reformation 14
3. Die Sakrale Topographie von Zittau zu Beginn des 16. Jahrhunderts 16
3.1. Johanniterorden und Johanniskirche 16
3.2. Die Filiale der Johanniskirche: Frauen-, Kreuz- und Dreifaltigkeitskirche 21
3.3. Franziskanerkloster, Regelschwesternhaus und Kirche St. Peter und Paul 23
3.4. Das Hospital St. Jakob und das Siechhaus zum Heiligen Geist 26
4. Lorenz Heydenreich und die beginnende Reformation 1521-1530 28
4.1. Lorenz Heydenreichs Lebensweg und Stellung innerhalb der
Stadtgemeinde bis 1521 29
4.2. Der Komtur Nikolaus Hertwig und die Jahre vor der Einsetzung
Heydenreichs 1517-1521 33
1
4.3. Die beginnende Reformation: Städtisches Umfeld und erste
kirchliche „Maßnahmen“ 1521-1525/26 35
4.4. Der Zittauer „Gotteskasten“ - ein Instrument der
frühneuzeitlichen Armenfürsorge 42
4.5. Der Widerstand des Königs gegen die „neue Lehre“ und der
Abschied Heydenreichs aus Zittau 1529/30 44
5. Vom Weggang Heydenreichs bis zum Pönfall: religiöse Vielfalt
und strukturelle Neuerungen 48
5.1. Die Nachfolger Heydenreichs und der Versuch königlicher
Einflussnahme 1530-1538 48
5.2. Die Veränderungen in der Kommende, die Erlangung der Kollatur
durch den Rat und die Rückkehr Heydenreichs 52
5.3. Die Schule und ihre Bedeutung für die Reformation: Andreas Mascus,
Konrad Nesen, Nikolaus von Dornspach 55
5.4. Der Briefwechsel Zittauer Humanisten mit Heinrich Bullinger 59
5.5. Der Pönfall der Sechsstädte 1547 und seine Auswirkungen auf den
Fortgang der Reformation in Zittau 66
6. Von der Überwindung des Pönfalls bis zum Kauf der Kommende -
die endgültige Durchsetzung der Reformation und die
Elemente einer „Konfessionalisierung“ 71
6.1. Die Berufung Tectanders und Elemente einer
„städtischen Konfessionalisierung“ - die Kirchenordnung von 1564 71
6.2. Der Kauf des Klosters Oybin und der Kommenden -
„struktureller Abschluss“ der Reformation 71
2
7. Ausblick und Fazit 83
8. Quellen- und Literaturverzeichnis, Abkürzungen 86
8.1. Abkürzungen 86
8.2. Archivalische Quellen 86
8.3. Gedruckte Quellen und Regesten 87
8.4. Allgemeine Darstellungen und Monographien 89
8.5. Aufsätze und Zeitschriftenartikel 93
3
1. Einleitung
1.1. Problemgegenstand und Problembereich
Reformation und kein Ende? So könnte man angesichts der unzähligen Publikationen zu diesem Thema provokativ fragen. Umfangreiche Monographien und Sammelbände, detailgenaue Beiträge in wissenschaftlichen Zeitschriften, Diplom- und Magisterarbeiten, ja sogar Essays und Romane beschäftigten sich mit dem Thema aus den unterschiedlichsten Perspektiven. Warum also eine weitere Arbeit, die den Begriff „Reformation“ im Titel führt, noch dazu vor dem Hintergrund einer Stadt, die heute wegen ihrer Randlage und Größe als provinziell bezeichnet werden kann? Es sollen an dieser Stelle zwei Gründe angeführt werden, welche die Beschäftigung mit dem Ereignis Reformation in der Stadt Zittau lohnenswert erscheinen lassen. Zum einen die außergewöhnliche verfassungsrechtliche und kirchenpolitische Stellung Zittaus im 16. Jahrhundert, zum anderen der Mangel an modernen wissenschaftlichen Arbeiten hinsichtlich der Rolle einer oberlausitzischen Stadt bei der „Einführung“ der Reformation. Im Folgenden soll kurz näher auf die angeführten Gründe eingegangen werden.
Die böhmische Gründung Zittau wuchs spätestens seit ihrem Beitritt zum „Sechsstädtebund“ 1346 in das politische Gebilde der Oberlausitz hinein. 1 Dieses Land besaß keine „Herrscherdynastie“, sondern gehörte abwechselnd zum Herrschaftsbereich der größeren Nachbarn Sachsen, Brandenburg und vor allem Böhmen, ohne jemals von diesen einverleibt worden zu sein. Das macht die Bewertung der Stellung des „Markgraftums“ innerhalb des Reichsgefüges schwierig, so erwähnt die Reichsmatrikel von 1521 das Nebenland der Böhmischen Krone nicht. 2 Das Fehlen einer im Lande ansässigen Herrschaft führte zur Herausbildung einer Landesverfassung, die Karlheinz Blaschke als „Ständerepublik“ charakterisierte. 3 Die Städte gewannen auf Grund ihrer wirtschaftlichen Potenz ein Übergewicht gegen den formal politisch vorherrschenden Adel. Der ursprünglich zur Wahrung des Landfriedens angelegte Sechsstädtebund, in
1 Vgl. Bahlcke, Joachim: Die Oberlausitz. Historischer Raum, Landesbewusstsein und
Geschichtsschreibung vom Mittelalter bis zum 20. Jahrhundert, in: Bahlcke, Joachim (Hg.): Geschichte
der Oberlausitz. Herrschaft, Gesellschaft und Kultur vom Mittelalter bis zum Ende des 20. Jahrhunderts.
[künftig: Bahlcke: Geschichte der Oberlausitz] Leipzig 2001. S.11-53.
2 Bahlcke, a.a.O. S.11.
3 Blaschke, Karlheinz: Der Oberlausitzer Sechsstädtebund als bürgerlicher Träger früher Staatlichkeit, in:
ders.: Beiträge zur Geschichte der Oberlausitz. Gesammelte Aufsätze. Görlitz/ Zittau 2000. S.108-113.
4
dem Zittau neben Görlitz die Führungsrolle innehatte, übernahm auch juristische und „außenpolitische“ Funktionen, was einen nicht zu unterschätzenden Faktor für die Ausbreitung reformatorischer Ideen darstellte. Politisch der Oberlausitz zugehörig, verblieb Zittau kirchenpolitisch beim Erzbistum Prag. Daher ist die Problemlage bei Beginn der Reformation eine ganz andere, als bei den restlichen fünf Mitgliedern des Bundes, die alle zur Diözese Meißen gehörten. Das Augenmerk dieser Arbeit soll daher auf den spezifischen Voraussetzungen und Problemen der Zittauer Reformation liegen, auch wenn Berührungspunkte mit den anderen oberlausitzischen Städten nicht ausbleiben werden und unter vergleichenden Gesichtspunkten für die Analyse hilfreich sein können.
1.2. Fragestellung, Aufbau und Methode
Die starken oberlausitzischen Städte könnte man in Anlehnung an Heinz Schilling und Johannes Merz als „Autonomiestädte“ bezeichnen. 4 Blaschke gesteht ihnen sogar den Rang von Reichsstädten „ohne förmliche Anerkennung“ zu. 5 Es liegt daher nahe, die Reformationsereignisse in Zittau vor dem Hintergrund der von Bernd Moeller erarbeiteten These von der besonderen Rolle der Reichsstädte bei der Ausbreitung der reformatorischen Lehre zu beleuchten. 6 Das betrifft in Zittau insbesondere die frühe Phase, den Beginn der Reformation in den zwanziger Jahren. Dabei können nicht alle Kriterien des Moeller`schen Ansatzes überprüft werden, der Fokus soll auf folgenden Aspekten liegen. In Kapitel 2 soll die Herausbildung der Verfassungs- Wirtschafts- und Sozialstruktur der Stadt skizziert werden. Eine gesonderte Analyse erfährt in Kapitel 3 das vorreformatorische Kirchenwesen, da daraus Rückschlüsse auf Weltsicht und Frömmigkeit des frühneuzeitlichen Menschen gezogen werden könnten. Die Rolle des Rates z.B. bei der Besetzung wichtiger Stellen und der Lenkung antiklerikaler Strömungen soll in Abschnitt 4 erörtert werden. Hierhin gehört auch die Untersuchung des Lebensweges des maßgeblichen Protagonisten des frühen Luthertums, Lorenz Heydenreich, und dessen Verbindungen innerhalb der Stadtgemeinde. Der kulturelle Hintergrund des Humanismus wird in Zusammenhang mit der Bearbeitung der Schule
4 Merz, Johannes: Landstädte und Reformation, in: Schindling, Anton/ Ziegler, Walter (Hg.): Die
Territorien des Reiches im Zeitalter der Reformation und Konfessionalisierung. Land und Konfession
1500-1650. Bd.7: Bilanz - Forschungsperspektiven - Register. Münster 1997. S.107-135.
5 Blaschke, Karlheinz: Geschichte Sachsens im Mittelalter. Berlin 1990. S.264f.
6 Vgl. Moeller, Bernd: Reichsstadt und Reformation. Berlin 1987².
5
in Kapitel 5.3. beleuchtet. Hier soll auch der Übergang zum zweiten methodischen Ansatz, dem der „Konfessionalisierung“ erfolgen.
Wie schon angedeutet wurde, konnte die Oberlausitz sich im 16. Jahrhundert auf Grund der fehlenden ansässigen Landesherrschaft nicht zu einem frühmodernen Staatswesen entwickeln. Der Sechsstädtebund baute zwar „Ersatzformen von Staatlichkeit“ auf, 7 doch inwieweit diese auf das von Heinz Schilling und Wolfgang Reinhard 8 entwickelte Konzept der „Konfessionalisierung“ anwendbar sind, soll für Zittau in Ansätzen schon im Kapitel 5, ausführlicher in Kapitel 6 behandelt werden. Der Aufbau der Arbeit orientiert sich an der chronologischen Abfolge der Ereignisse, wobei es zur Wahrung von thematischen Zusammenhängen zu Überschneidungen zwischen den einzelnen Kapiteln kommen kann. Der Bearbeitungszeitraum wird durch den Titel weitestgehend vorgegeben und umfasst ein knappes Jahrhundert, also ungefähr 1500 bis 1580. Im Fazit soll gleichzeitig ein Ausblick bis zum Zäsurjahr 1635 gegeben werden, als die Oberlausitz im „Prager Frieden“ an das Kurfürstentum Sachsen fiel.
Diese Arbeit will die Besonderheit des Falles Zittau in Fragen der Reformation aufzeigen. Durch die ungewöhnlichen strukturellen Gegebenheiten, bedingt durch die Lage der Stadt und ihrer historischen Entwicklung zwischen Böhmen und der Oberlausitz nahm sie einen außergewöhnlichen Mittelweg zwischen den Konfessionen, der ein hohes Maß an „religiöser Duldsamkeit“ hervorbrachte. Vielleicht kann das Thema ein Beitrag zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit ostmitteleuropäischer, frühneuzeitlicher Geschichte sein.
7 Blaschke, Karlheinz: Der Oberlausitzer Sechsstädtebund als bürgerlicher Träger früher Staatlichkeit, in:
650 Jahre Oberlausitzer Sechsstädtebund 1346-1996. Bad Muskau 1997. S.17-27, hier S.27.
8 Reinhard, Wolfgang: Zwang zur Konfessionalisierung? Prolegomena zu einer Theorie des
konfessionellen Zeitalters, in: Zeitschrift für Historische Forschung (ZHF) 10 (1983) S.257-277.
Schilling, Heinz: Reformation und Konfessionalisierung in Deutschland und die neuere deutsche
Geschichte, in: Gegenwartskunde. Zeitschrift für Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und Bildung.
Sonderheft 5 (1988): Religion, Kirchen und Gesellschaft in Deutschland. S.11-29.
6
1.3. Quellenlage und Literaturkritik
Die Überlieferungssituation für Quellen aus dem 16. Jahrhundert erscheint für Zittau auf den ersten Blick sehr schwierig, denn die Ratsbücher und Akten verbrannten zum großen Teil bei der Beschießung der Stadt durch österreichische Truppen im Siebenjährigen Krieg 1757. Umso wichtiger wurde für Historiker späterer Jahrhunderte die Chronik des Zittauer Stadtphysikus und nachmaligen Bürgermeisters Johann Benedict Carpzov, die 1716 in Leipzig gedruckt wurde. 9 In einer kritischen Selbstreflexion sagte Carpzov über den Anspruch seines Hauptwerkes: „In der Ausarbeitung habe ich mir selbst das Gesetze vorgeschrieben, nichts zu behaupten, wo nicht der Beweis entweder durch in Document verführet, oder durch die Stadt-Bücher bekräfftiget, oder durch das Zeugnis bewährter Historicorum bestärcket, oder wo keines seyn können, doch der Grund einer vernünfftigen Muthmassung treulich angezeiget worden“. 10 Obwohl an einigen Stellen seine Sympathie mit der lutherischen Lehre deutlich zu erkennen ist, bleibt Carpzov, an den Kriterien seiner Zeit gemessen, erstaunlich genau und kritisch. 11 Daher griffen die Forscher des 19. Jahrhunderts oft auf seine Werke zurück und auch in dieser Arbeit nimmt Carpzovs „Analecta“ eine zentrale Stellung ein, besonders bei der detailgenauen Überlieferung von städtischen Begebenheiten ist er unverzichtbar. Ebenso sind die Beiträge in wissenschaftlichen Zeitschriften des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, wie dem „Neuen Lausitzischen Magazin“, den „Zittauer Geschichtsblättern“ oder der „Oberlausitzer Heimatzeitung“ für die Analyse spezieller Problemfelder hilfreich, da sie Sachverhalte in kurzer, prägnanter Form darstellen.
Die Einzigartigkeit von Carpzovs Werk wurde in gewisser Weise auch zur Last der Zittauer Geschichtsschreibung, denn sie versperrte den Blick auf andere Quellen. Der Lückendorfer Pfarrer Moritz Oskar Sauppe und der Zittauer Lehrer Joachim Prochno waren die ersten, die Urkunden und Quellen aus Prager Archiven bearbeiteten. 12 Auch
9 Carpzov, Johann Benedict: Analecta Fastorum Zittaviensium Oder Historischer
Schauplatz Der Löblichen Alten Sechs-Stadt des Marggraffthums Ober-Lausitz [...]. Teil I-V. Leipzig
1716. [künftig: Carpzov: Analecta Fast. Zitt.]
10 Carpzov: Analecta Fast. Zitt., Vorrede (nicht paginiert).
11 Vgl. Haupt, Ernst Friedrich: Ueber Dr. Johann Benedict Carpzov als Historiker, in: Neues
Lausitzisches Magazin [NLM] 19 (1841) S.369-402.
12 Sauppe beschäftigte sich hauptsächlich mit dem nahe Zittau gelegenen Kloster Oybin, so in Sauppe,
Moritz Oskar: Sauppe, Moritz Oskar: Geschichte der Burg und des Cölestinerklosters Oybin, in: NLM
62 (1886) S.88-110; Fortsetzung NLM 79 (1903) S.177-240 und NLM 83 (1907) S.110-195.
Eine Würdigung der Arbeit Prochnos ist zu finden in Bahlcke, Joachim: „Einen gar considerablen Platz in
denen merckwürdigen Geschichten Teutschlands und des Königreiches Böhmen“. Die Stellung der
Oberlausitz im politischen System der Böhmischen Krone, in: Bahlcke, Joachim/ Dudeck, Volker:
7
in diese Arbeit werden einige Stücke aus dem Nationalarchiv in Prag, dem Archiv der Prager Burg, bzw. dem Archiv des Metropolitankapitels einbezogen. Ergänzt werden sollen diese Quellen durch Schriften des Altbestandes der Christian-Weise-Bibliothek Zittau.
Für die Problematik des Dynastiewechsels in Böhmen hin zu den Habsburgern und der veränderten Rahmenbedingungen, die sich daraus für die Oberlausitz ergaben, erwiesen sich die Darstellungen im Katalog zur Ausstellung „Welt-Macht-Geist. Das Haus Habsburg und die Oberlausitz 1526-1635“ als sehr hilfreich. 13 Doch zuvor soll ein kurzer Einblick in die Entwicklung Zittaus, von seiner Entstehung im 13. Jahrhundert bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts gegeben werden. Denn viele Entwicklungen der Reformationszeit beruhten auf Voraussetzungen, die schon im Mittelalter angelegt waren.
WELT-MACHT-GEIST. Das Haus Habsburg und die Oberlausitz 1526-1635 [erschienen anlässlich der
Ausstellung „Welt-Macht-Geist. Das Haus Habsburg und die Oberlausitz 1526-1635“ in den städtischen
Museen Zittau, 4. Mai- 3. November 2002] Görlitz, Zittau 2002. S.73-88, hier S.74.
13 Bahlcke, Joachim/ Dudeck, Volker: WELT-MACHT-GEIST. Das Haus Habsburg und die Oberlausitz
1526-1635 [erschienen anlässlich der Ausstellung „Welt-Macht-Geist. Das Haus Habsburg und die
Oberlausitz 1526-1635“ in den städtischen Museen Zittau, 4. Mai- 3. November 2002] Görlitz, Zittau
2002. [künftig: Bahlcke/ Dudeck: Welt-Macht-Geist]
8
2. Die Entwicklung der Stadt Zittau bis zum 16. Jahrhundert unter politischen, wirtschaftlichen und kirchlichen Aspekten
2.1. Entstehung, Ersterwähnung und Stellung innerhalb der Krone Böhmens
Als im Zuge der hochmittelalterlichen Kolonisation am Grenzgebirge zwischen Böhmen und der Oberlausitz um 1200 zahlreiche Waldhufendörfer entstanden, wurde auch eine Siedlung an der bedeutenden Fernhandelsstraße Prag-Ostsee, in der Nähe des Zusammenflusses der Flüsse Mandau und Neiße angelegt, die bald zum regionalen Zentrum und „Verwaltungsmittelpunkt“ aufstieg. 14 Das Land an Mandau und unterer Neiße unterstand der Botmäßigkeit der böhmischen Krone, welche anscheinend bemüht war, eine „Basis“ nördlich des böhmischen Beckens dauerhaft zu sichern. Als der Fernhandel Mitte des 13. Jahrhunderts an Bedeutung gewann, rückte der Schutz der Handelswege in den Vordergrund. 15
Erstmalig fand Zittau am 21. Juni 1238 Erwähnung in einer Urkunde, als die Herren „Castolov und Henricus von Sitauia“ Zeugen bei einem Gütertausch zwischen König Wenzel I. und den Prager Johannitern waren. 16 Die beiden böhmischen Hochadligen aus dem Geschlecht der Ronnowitz 17 (auch: von Ronaw) gehörten also zum engeren Umfeld des Königs und müssen in Zittau eine Burg oder einen Herrensitz gehabt haben, nach dem sie sich benannten.
Nach dem Tod Wenzels I. 1253 kam dessen ehrgeiziger und ambitionierter Sohn Ottokar II. an die Macht, der die Bedeutung der Städte für ein starkes Königtum, besonders in fiskalischer Hinsicht, klar erkannte. Er war es, der Zittau um 1255 ummauern ließ und der entstehenden „Stadt“ somit eine neue, sichtbare „Qualität“
14 Oettel, Gunter: Der Gau Zagost und der mittelalterliche Landesausbau an der oberen Neisse und
Mandau bis zur Gründung der Stadt Zittau Mitte des 13. Jahrhunderts, in: Dudeck, Volker/ Oettel, Gunter
(Hg.): Die Besiedlung der Neißeregion. Urgeschichte-Mittelalter-Neuzeit (Mitteilungen des Zittauer
Geschichts- und Museumsvereins 22) Zittau 1995. S.11-21.
15 Die sogenannte „Gabler“ Strasse traf mit der „Leipaer“ Strasse bei Zittau zusammen und stellte die
wichtigste Verbindung von Prag in den Norden dar. Sie wurde daher von den böhmischen Königen
präferiert, wenn sie in Gebiete jenseits des Grenzgebirges reisten.
16 Prochno, Joachim (Hg.): Zittauer Urkundenbuch I. Regesten zur Geschichte der Stadt und des Landes
Zittau 1234-1437. Görlitz 1938 (Mitteilungen des Zittauer Geschichts- und Museumsvereins 19/20), S.82
(4), Nr.4.[künftig: Prochno: „Regesten“]
17 Aus diesem Geschlecht gingen u.a. die für die Lausitzer und Böhmische Geschichte wichtigen Familien
der Berka von Duba und der Herren von Leipa hervor, vgl. Dudeck, Volker: Zittau, Böhmen und das
Haus Habsburg. Stadtgeschichte und personelle Kontakte in Spätmittelalter und Frühneuzeit. [künftig:
Dudeck: Zittau, Böhmen und das Haus Habsburg], in: Bahlcke/ Dudeck: Welt-Macht-Geist, S.177-188,
hier S.178.
9
verlieh. 18 In der Folgezeit stattete Ottokar die nun königlich-böhmische Stadt mit Rechten und Privilegien aus, er befreite sie von Steuern für die Zeit seines Lebens und erließ ihr jeglichen Zoll im Handel mit Böhmen. 19 Zittau besaß sogar eine eigene Münzstätte, da der König versuchte, das Münzwesen zu dezentralisieren. 20 Allerdings wurde dieses Recht durch Wenzel II. zu Gunsten Kuttenbergs wieder eingezogen. 21
2.2. Erste Blüte im 14. Jahrhundert - Ratsverfassung und Gerichtsbarkeit
Die Ansiedlung der Franziskaner in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, die Einrichtung einer Lateinschule und eines Hospitals um die Jahrhundertwende sowie gesellschaftliche Ereignisse, wie die Durchreise der polnischen Königstochter Elisabeth 1300 und ein großes Turnier 1303 22 zeugen von der wachsenden Prosperität und Bedeutung der Stadt.
In verfassungsgeschichtlicher Hinsicht ist die Entstehung eines Rates von besonderem Interesse, da sie Rückschlüsse auf die soziale Zusammensetzung der Bürgerschaft zulässt. In einer Urkunde vom 14. Mai 1310 tritt erstmals ein „magister civium“ und acht „iurati et scabini“ auf. 23 Der Ausdruck „Rat“ (bzw. „rotmanne“) ist seit 1357 belegt. 24 Man kann zur Mitte des Jahrhunderts den Abschluss einer Entwicklung erkennen, die sich u.a. in der Erweiterung der Stadtflur 1345, dem Anlegen eines Stadtbuches 1350 und dem Bau eines steinernen Rathauses 1354 manifestiert. 25 Auch die Erweiterung von Kompetenzen in „Rechtsdingen“ zu Gunsten der Stadt Zittau fällt in diese Zeit. Dabei muss zwischen dem „Landgericht“, zuständig für die
18 Blaschke, Karlheinz: Stadtgrundriss und Stadtentwicklung: Forschungen zur Entstehung
mitteleuropäischer Städte. Hrsg. von Peter Johanek. Köln/ Weimar/ Wien 2001. S.59-72. Blaschke weist
in seinem Kapitel über Qualität, Quantität und Raumfunktion der Stadt darauf hin, dass von einer
„Stadtgründung“ zu einem bestimmten Datum nur sehr selten die Rede sein kann. Diese These wird
gestützt durch die Tatsache, dass für die sechs Städte der Oberlausitz keine „Gründungsurkunden“
vorhanden sind.
19 Ottokar hatte die Bedeutung der Städte in finanz-, verteidigungs- und verwaltungspolitischer Hinsicht
in Mähren und Österreich kennen gelernt. Zittau bildete bei der großzügigen Vergabe von Rechten und
Freiheiten für die neuen Städte keine Ausnahme, sondern war vielmehr Teil eines „Gesamtkonzepts“ zur
Landesentwicklung; vgl. Hoensch, Jörg K.: Přemysl Otakar II. von Böhmen. Der goldene König. Graz
[u.a.] 1989. S.100ff.
20 Hoensch, a.a.O. S.180.
21 Haupt, Walter: Zur Münzkunde des Zittauer Landes im Mittelalter in: Mitteilungen des Zittauer
Geschichts- und Museumsvereins 16 (1935) S.1-49.
22 Schrage, Gertraud Eva: Die Oberlausitz bis zum Jahr 1346, in: Bahlcke: Geschichte der Oberlausitz. S.
55-97, hier S.80f.
23 Carpzov: Analecta Fast. Zitt. I, S.137.
24 Carpzov, a.a.O. S.309.
25 So argumentiert Prochno, Joachim: Die Zittauer Ratslinie von 1310 bis 1547, in: Mitteilungen des
Zittauer Geschichts- und Museumsvereins Nr. 15 (1934). S.23-85.
10
Jurisdiktion innerhalb des Weichbildes, 26 und dem „Erbgericht“, welches Streitigkeiten zwischen Bürgern innerhalb der Stadt bearbeitete, unterschieden werden. Die Stadt versuchte ihren Einfluss auf das Landgericht sukzessive zu erhöhen, 27 eine Konfrontation mit dem Adel war dabei unumgänglich. Unter der Herrschaft Karls IV. konnte der Rat zunächst durch mehrere Pachtverträge 28 das Landgericht unter seine Hoheit bringen, einschließlich gewisser Nutzungsrechte der Burgen „Karlsfried“ und Oybin sowie einiger Ortschaften. 29
Ähnlich verhielt es sich beim Erbrichteramt, denn 1396 erlangte die Stadt zunächst zwei Drittel des Amtes und der damit verbundenen Einkünfte, 1422 konnte es vollständig in den Zuständigkeitsbereich des Rates integriert werden. 30 Die Vereinigung von Nieder- und Obergerichtsbarkeit erlaubte es der Stadt ihre Interessen wirkungsvoll gegenüber dem Adel zu vertreten. Es gibt mehrere Beispiele dafür, dass sich Adlige der städtischen Jurisdiktion beugen mussten. 31 Erst durch den Pönfall 1547 verlor die Stadt alle Rechte, die Wiedergewinnung der Obergerichtsbarkeit 1562 schloss die Rittergüter im Weichbild aus.
26 Eine „Landtafel“ von 1350 informiert uns über die beachtliche Größe des Zittauer Weichbildes in
dieser Zeit. Nach Carpzov: Analecta Fast. Zitt. II, S.247 gehörten folgende Ortschaften dazu: Zittau,
Ostritz, Hirschfelde, Olbersdorf, Bertsdorf, Blumberg, Burckartsdorf, Spitzkunnersdorf, Dittelsdorf,
Dörffel, Eckartsberg, Friedersdorf, Gießmannsdorf, Grunau, Hennersdorf in Seifen (heute:
Seifhennersdorf), Herwigsdorf, Heinrichsdorf Schreibers (heute: Großhennersdorf), Hainewalde, Hörnitz,
Eybe (heute: Eibau), Königshain, Lichtenberg, Markersdorf, Ober- und Niederoderwitz, Priedlantz,
Ratgendorf, Reichenau, Ruppersdorf, Rüdigersdorf, Rosenthal, Schlegel, Ober- und Niederseifersdorf,
Seitgendorf, Türchau, Weigsdorf, Wittgendorf, Waltersdorf.
27 Einen guten Eindruck von den Auseinandersetzungen zwischen Adel und Stadt gewinnt man durch
Fragmente eines Briefes der Stadt an Karl IV., der bei Carpzov: Analecta Fast. Zitt. II, S. 247ff. erhalten
blieb und juristisch bearbeitet wurde von Weizsäcker, Wilhelm: Zur Geschichte des Zittauer
Landgerichts, in: Mitteilungen des Zittauer Geschichts- und Museumsvereins Nr.15 (1934) S.1-22.
28 Carpzov: Analecta Fast. Zitt. II, S.251f.: Erstmals 1366 für zwei Jahr gegen 310 Schock Prager Münze,
danach unregelmäßig u.a. 1369 und 1373.
29 Pescheck, Christian Adolph: Handbuch der Geschichte von Zittau. Bd. I. Zittau 1834. S.442. [künftig:
Pescheck, Handbuch]
30 Pescheck, a.a.O. S.445
31 Carpzov, a.a.O. S.250f.
11
2.3. Zittaus Rolle im „Sechsstädtebund“ und Auswirkungen auf Wirtschaft und städtische Gesellschaft
Der Wechsel des Herrschergeschlechts in Böhmen zu den Luxemburgern und die Wertschätzung, welche Johann und besonders Karl IV. der Stadt Zittau entgegenbrachten, gaben der Entwicklung der Stadt eine neue, stärkere Dynamik. 32 Der Erwerb Bautzens 1319 und zehn Jahre später von Görlitz für die Böhmische Krone und die damit verbundene Einigung eines Großteils der Oberlausitz unter einer Herrschaft hat sich zweifelsohne positiv auf den regionalen Handel, z.B. mit Bier und Getreide, ausgewirkt. Man kann darin einen Grund sehen, warum die böhmische Stadt Zittau 1346 in den Bund der fünf anderen Oberlausitzer Städte Görlitz, Bautzen, Löbau, Kamenz und Lauban aufgenommen wurde. 33 Wenn einige Forscher vermuten, dass der Beitritt Zittaus zum Bund der sechs Städte im Interesse des Königs lag, sei es um die Integration der gerade erworbenen Oberlausitz in das Gebilde der „corona bohemiae“ zu fördern, sei es um einen „Exponenten“ der böhmischen Interessen im neugegründeten Bund zu haben, 34 so ist das Jahr 1346 als Zäsur innerhalb der Stadtgeschichte Zittaus zu verstehen. Denn von diesem Zeitpunkt an wuchs die Stadt mit dem größten Teil ihres Weichbildes 35 politisch in die Oberlausitz hinein, geographisch gehörte sie immer dazu. In kirchlicher Hinsicht unterstand Zittau weiterhin dem erst zwei Jahre zuvor von Papst Clemens VI. zum Erzbistum erhobenen Prag. 36
Die „Mitgliedschaft“ im Bund brachte für Zittau erhebliche wirtschaftliche Vorteile und einen beträchtlichen Zugewinn an „politischem Spielraum“. Zur Sicherung der Handelswege wurden Raubsitze adliger Herren gezielt liquidiert, übrigens mit Genehmigung bzw. ausdrücklicher Aufforderung König Karls IV. 37
32 Unter der Herrschaft König Johanns 1310-1346 stand Zittau seit 1319 im Besitz des Heinrich von
Jauer, zuvor war es „Zankapfel“ zwischen Heinrich von Leipa, der es seit 1305 innehatte und dem
Luxemburger. Vgl. Bobková, Lenka: Zittau im Sechsstädtebund und die Politik Karls IV., in: 650 Jahre
Oberlausitzer Sechsstädtebund 1346-1996. Bad Muskau 1997. S.39.
33 Es existierten sicherlich noch andere, vordergründigere Interessen. Vgl. Czok, Karl: Der Oberlausitzer
Sechsstädtebund zwischen Bürgergeist, Königs- und Adelsherrschaft, in: 650 Jahre Oberlausitzer
Sechsstädtebund 1346-1996. Bad Muskau 1997. S.9-16, hier S.9f. Auch die nun folgenden Ausführungen
beleuchten nur die Rolle Zittaus innerhalb des Sechsstädtebundes.
34 Ähnlich argumentiert Bobková, a.a.O. S.39f.
35 Davon ausgenommen sind u.a. die Herrschaften der von Donyn um Grafenstein und der von
Bieberstein um Friedland, in denen aber weiterhin Zittauer Recht galt! Vgl. Carpzov: Ehrentempel I,
S.291.
36 Einen allgemeinen Überblick bietet u.a. Seibt, Ferdinand (Hg.): Karl IV. Staatsmann und Mäzen.
München 1978. Für die kirchlichen Verhältnisse im Zittauer Weichbild empfiehlt sich Knothe, Hermann:
Zur Presbyterologie des Zittauer Weichbildes vor der Reformation, in: NLM 49 (1872) S.190-210.
37 Prochno: „Regesten“, Nr.179, S.142; es wurde u.a. ein Hof bei Königsbrück niedergebrannt.
12
Unter dem Deckmantel des Bündnisses wurden z.T. sehr egoistische Interessen von den einzelnen Städten verfolgt. Die Ausschaltung unliebsamer Konkurrenz gehörte sicherlich dazu, wie z.B. die gewaltsame Aktion Zittaus gegen das zum Marienthaler Kloster gehörige Städtchen Ostritz 1368, als hier Rathaus und Fortifikationen zerstört wurden. 38 Den wachsenden Wohlstand hatten die Oberlausitzer Städte zum guten Teil Karl IV. zu verdanken, der sich dafür reichlich „entlohnen“ ließ. Besonders Zittau war von Sonderabgaben in erhöhtem Maße betroffen, 39 da der König hier nicht vom Bewilligungsrecht der Stände abhängig war. 40
Trotzdem blühte die örtliche Wirtschaft weiter. Insbesondere in der Herstellung von Tuchen, in erster Linie für den Fernhandel produziert, erwarb sich Zittau überregionale Bekanntheit. In der Mitte des 14. Jahrhunderts zählte die Tuchmacherinnung bereits einige hundert Meister und Gesellen. 41 Sie bildete innerhalb der Stadtgemeinde ohne Zweifel einen bedeutenden „Machtfaktor“, nicht zuletzt, weil die Tuchhändler schnell zu großem Wohlstand kommen konnten. Soziale Spannungen und die Forderung nach Mitsprache entluden sich 1367 in einem Aufstand der Tuchmacherzunft, 42 in dessen Folge zwei Handwerker in den Rat integriert wurden. Dabei handelte es sich wahrscheinlich um einen Vertreter der einflussreichen Fleischerzunft und einen der Tuchmacher, die allerdings nur alle zwei Jahre im Rat saßen und so zu den „nichtständigen“ Mitgliedern zu rechnen waren. 43 Obwohl es den Zunftvertretern gelang, einen Teil ihrer Forderungen durchzusetzen, 44 blieben ihre Einflussmöglichkeiten auf Grund des Wahlmodus beschränkt.
38 Czok, a.a.O. S.12. Ein anderes Beispiel ist dafür ist der Überfall der Görlitzer auf die Stadt Neuhaus im
selben Jahr.
39 Bobková, Lenka: Zittau im Sechsstädtebund und die Politik Karls IV., in: 650 Jahre Oberlausitzer
Sechsstädtebund 1346-1996. Bad Muskau 1997. S.37-47, hier S.43.
40 Zittau gehörte (noch) nicht der Oberlausitzer Ständevertretung an, so Kersken, Norbert: Die Oberlausitz
von der Gründung des Sechsstädtebundes bis zum Übergang an das Kurfürstentum Sachsen (1346-1635),
in: Bahlcke: Geschichte der Oberlausitz. S.99-141, hier S.103f.
41 Dudeck: Zittau, Böhmen und das Haus Habsburg, S.179.
42 Blaschke, Karlheinz (Hg.): Beiträge zur Geschichte der Oberlausitz. Gesammelte Aufsätze. Görlitz/
Zittau 2003. S.251.
43 Daneben existierten die „senatores perpetui“, die lebenslänglich Sitz und Stimme im Rat hatten. Die
Zahl derer, die nicht jedes Jahr im Rat waren (die sogenannten „Feierherren“ oder „Wechselherren“)
änderte sich mehrmals, schwankt jedoch meist zwischen acht und zwölf Personen. Alle Angaben aus
Prochno, Joachim: Die Zittauer Ratslinie von 1310 bis 1547, in: Mitteilungen des Zittauer Geschichts-
und Museumsvereins Nr. 15 (1934). S.23-85.
31 Nur in Zittau gelangten die Handwerker überhaupt in den Rat, in den anderen Städten blieben ihre
Bemühungen fruchtlos, so u.a. Bobková, a.a.O. S.44; für Görlitz als Fallbeispiel Jecht, Richard:
Bewegungen der Görlitzer Handwerker gegen den Rat bis 1396, in: NLM 84 (1908) S.110-127.
Prochno, Joachim: Die Zittauer Ratslinie von 1310 bis 1547, in: Mitteilungen des Zittauer Geschichts-
und Museumsvereins Nr. 15 (1934). S.64 gibt eine konkrete Aufstellung der Namen von Handwerkern,
die dem Rat angehörten.
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Innerstädtische Unruhen des 15. Jahrhunderts, so 1407-1416 und 1480-1487, blieben weitestgehend folgenlos, möglicherweise scheiterten sie an der verstärkten Solidarität der patrizisch geprägten Räte der Sechsstädte gegenüber Aufständischen. Im sogenannten „Aufstand der Wiesenherren“ 45 richteten sich die Angriffe u.a. gegen die „allgemein verhasste Marienbrüderschaft oder Constabuley“, 46 deren Auflösung gefordert wurde. Hier vereinten sich soziale und religiöse Motive, wobei die soziale Komponente überwog, denn oft waren Steuerfragen, Brau- und Schankrechte Anlass für den Ausbruch derartiger Tumulte.
2.4. Die Kirchenorganisation des Dekanats Zittau vor der Reformation
Wie bereits erwähnt, war die kirchliche Verwaltung Zittaus und seiner Umgebung durch die politischen Veränderungen des 14. Jahrhunderts nicht betroffen. Die Stadt gehörte zum Erzbistum Prag, 47 die Prager Bischöfe übten jedoch schon vor dessen Gründung Rechte im Zittauer Land aus. Das Erzbistum Prag war unterteilt in zehn Archidiakonate, Zittau war dem Archidiakonat Jung-Bunzlau zugeordnet. 48 Es bildete den Mittelpunkt eines Dekanats mit wenigstens 36 dazu gehörigen Kirchorten. 49 Das Kirchenwesen wurde durch einen Dekan geleitet und beaufsichtigt, der stets ein Dorfpfarrer des Kirchspiels war, niemals der Zittauer Stadtpfarrer. Denn dieser war ein Ordensgeistlicher, er gehörte den Johannitern an. 50
Blaschke erwähnt Zittau als ein Beispiel für eine „Siedlerpfarrei“, wo die Stadtkirche gleichzeitig mit der neuen Stadt, bzw. den Dörfern der Umgebung entstand und so zahlreiche „eingepfarrte“ Ortschaften besaß. 51 Die Einwohner der umliegenden Dörfer
45 Benannt nach einer Wiese, auf der sich die Aufrührer gewöhnlich trafen. Vgl. Mitter, Wolfgang: Der
Aufruhr der Zittauer Wiesenherren im Jahre 1487, in: ZG Nr. 7/8 (1927) S.25-32, 36.
46 Mitter, a.a.O. S.29.
47 Blaschke, Karlheinz (Hg.): Beiträge zur Geschichte der Oberlausitz. Gesammelte Aufsätze. Görlitz/
Zittau 2003. S.68-70.
48 Müller, Johann Gottlieb: Versuch einer Lausitzer Reformationsgeschichte. Görlitz 1801. S.374ff.
49 Sauppe, Moritz Oskar: Diözese Zittau, in Rosenkranz, Hugo F. u.a. (Hg.): Die Einführung der
Reformation in der sächsischen Oberlausitz nach Diözesen geordnet. Leipzig 1917. S.120-165, hier S.120
nennt folgende Orte: Neben den damals oberlausitzischen Orten Zittau, Henersdorf in Seifen, Seifersdorf,
Reichenau, Hainewalde, Herwigsdorf, Friedersdorf, Witgendorf, Bertsdorf, Spitzkunnersdorf, Oderwitz,
Türchau, Kleinschönau, Großschönau, Waltersdorf, Ullersdorf, Ruppersdorf, Eibau, Henersdorf am
Königsholze, Hirschfelde, Ostritz, Grunau, Seitendorf, Königshain gehörten die böhmischen Kirchspiele
Reichenberg, Rochlitz, Wetzwalde, Wittig, Kratzau, Weißkirchen, Grottau, Warnsdorf, Rumburg,
Schönlinde und zwei Voigtsdorf zum Dekanat.
50 Im Kapitel 3.1. soll genauer darauf eingegangen werden.
51 Blaschke, Karlheinz: Geschichte Sachsens im Mittelalter. Berlin 1990. S.168. Die Dörfer Pethau,
Harthau, Olbersdorf oder Hörnitz sind nur einige Beispiele für in Zittau „eingepfarrte“ Orte.
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nutzten vor allem die Vorstadtkirchen, in Zittau dementsprechend die Frauen- und die Kreuzkirche. Die Hauptkirche St. Johannis blieb dagegen der gehobenen Zittauer Bürgerschaft vorbehalten, nicht nur bei der Messfeier, sondern z.B. auch als Begräbnisplatz.
Über das Kirchenvermögen legten in Zittau, aber ebenso in anderen Gemeinden des Kirchenkreises, sogenannte „Kirchväter“ jährlich Rechenschaft vor der übergeordneten Instanz ab. Das konnten auf dem Land Pfarrer und Gemeinde oder auch der Gutsherr sein, in der Stadt selbst wurde die jährliche Kirchenrechnung vor einigen Ratsherren und dem Johanniterkomtur präsentiert. 52 Das Rechnungs-, Bau- und Wirtschaftswesen war also „weltlich“ organisiert, nur das den Gottesdienst betreffende oblag den Johannitern.
52 Sauppe, a.a.O. S.123.
15
3. Die Sakrale Topographie von Zittau zu Beginn des 16. Jahrhunderts
3.1. Johanniterorden und Johanniskirche
Um bestimmte Vorgänge, Zusammenhänge und Funktionsmechanismen innerhalb der Stadtgemeinde während der Reformation erkennen und erklären zu können, ist es notwendig, die „Sakrale Topographie“ 53 der Stadt darzustellen. So können eventuell Rückschlüsse auf die Frömmigkeit der Menschen im ausgehenden Mittelalter 54 gezogen werden, zumindest erhält man einen Einblick in gewisse Gewohnheiten, religiöse Bräuche und Vorstellungen.
Seit den Anfängen der Stadtentwicklung ist die Johanniskirche Haupt- und Pfarrkirche und damit religiöser Mittelpunkt der Stadt und des Dekanats Zittau. In einer Urkunde Wenzels II. 55 wird sie 1291 erstmals erwähnt und als „Ecclesiae Parochialis“ bezeichnet, d.h. dass es eine oder mehrere Filialkirchen gab. Schon Carpzov und später Pescheck 56 vermuten jedoch ein wesentlich früheres Datum für die Entstehung einer Kirche im Zentrum der Stadt und stützen sich dabei auf die Erwähnung einer Nikolaikapelle 57 aus dem Jahre 1109. Die Kapelle soll nördlich der Hauptkirche gestanden haben und ist später in den Komplex des Franziskanerklosters einbezogen worden. Prochno konstatiert, 58 dass die 1255 „gegründete“, d.h. ummauerte Stadt wohl wenigstens 20 Jahre früher ein Kirchgebäude an der Stelle der heutigen Johanniskirche gehabt haben muss, um die „geistliche Versorgung“ der rasch anwachsenden mittelalterlichen Stadt sicherzustellen.
Wie das Johannespatrozinium andeutet, die Kirche war sowohl Johannes dem Täufer, als auch dem Evangelisten Johannes geweiht, lag das „Jus Patronatus“ der Pfarrkirche und ihrer Filiale bei dem „hochlöblichen Ritterorden S. Johannis von Jerusalem“, 59
53 Der Verfasser folgt hier der Terminologie von Hasse, Hans Peter: Kirchen und Frömmigkeit im 16. und
frühen 17. Jahrhundert, in: Blaschke, Karlheinz (Hg.): Geschichte der Stadt Dresden. Bd.1: Von den
Anfängen bis zum Ende des Dreißigjährigen Krieges. Stuttgart 2005. S.459-527.
54 Zuletzt zu diesem Thema u.a. Elm, Kaspar: Die „Devotio moderna“ und die neue Frömmigkeit
zwischen Spätmittelalter und früher Neuzeit, in: Derwich, Marek (Hg.): Die „neue Frömmigkeit“ in
Europa im Spätmittelalter. Göttingen 2004. S.15-30
55 Abgedruckt bei Carpzov: Analecta Fast. Zitt. I, S.45f.
56 Pescheck, Handbuch I, S.48.
57 Zur Problematik und Bedeutung der „Nikolaipatrozinien“ bei der Stadtentwicklung vgl. Blaschke,
Karlheinz: Stadtgrundriss und Stadtentwicklung: Forschungen zur Entstehung mitteleuropäischer Städte.
Köln/ Weimar/ Wien 2001. S.3-58.
58 Prochno, Joachim: Die Johanniskirche in katholischer Zeit, in: Vetter, Willy (Hg.): Die Johanniskirche
in Zittau. Festschrift zum 100jährigen Bestehen ihres Baues am 23. Juli 1937. Zittau 1937. S.7-15.
59 Carpzov: Analecta Fast. Zitt. III, S.4.
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genauer gesagt bei dessen Provinzial oder Großprior für das Priorat Böhmen, Polen und Mähren.
Dieser Orden 60 ist in Zittau bis zum Jahr 1275 zurückzuverfolgen, als die Stadt den Flecken Herrendorf von ihm käuflich erwarb. 61 Da der Orden in Mitteleuropa keine direkte militärische Funktion hatte, kann man annehmen, dass die Zittauer Niederlassung eine ähnliche Funktion und Bedeutung besaß, wie die entsprechenden schlesischen Kommenden (Löwenberg, Goldberg, Brieg). Sie sollte einerseits Erträge in Form von Zinsen, Spenden etc. erwirtschaften und einen Teil davon als „Respensiones“, d.h. Abgaben an die „kämpfenden Brüder“ auf Rhodos und im heiligen Land senden. 62 Andererseits muss die karitative Ausrichtung des Ordens entlang der Handelsstraßen und den dort an exponierter Stelle errichteten Hospitälern beachtet werden. Als Verwalter der Güter und Einkommen der Kommende fungierte ein „Commendator“ oder Komtur. In den Anfängen der Kommende war dieser gleichzeitig der Pfarrer an der Stadtkirche, später wurden derartige Aufgaben an Kapläne, die von der Kommende bezahlt wurden, delegiert. 63 Neben dem Komtur gehörten dem eigentlichen Konvent ein Vize-Komtur oder Hauskomtur an, verantwortlich für die Erhaltung und Bewirtschaftung des „Kreuzhofes“ in unmittelbarer Nähe zur Pfarrkirche, 64 außerdem der Piktanz- oder Pietanzmeister, welcher als Verwalter einer frommen Stiftung, 65 die rechtlich selbstständig war, auftrat und ein Verwalter des sogenannten „Komturhofes“ in der Frauenvorstadt, ein Vorwerk mit zahlreichen Äckern und Feldern. 66 Die Besitzverhältnisse des Ordens lassen sich nur schwer rekonstruieren, genaue Angaben haben wir erst aus der Zeit des 16. Jahrhunderts im Zuge der Verpfändungs- und Verkaufsverhandlungen.
60 Sich selbst nannten die Johanniter „fratres servientes ordinis Hierosolomytani, conventus domus ordinis
fratrum hospitalis St. Johannis Hierosolomytani“, nach Pescheck, Christian Adolph: Geschichtliche
Entwicklung, wie sich die katholischen Zustände in der Oberlausitz von Einführung des Christentums bis
zur Annahme der Reformation gestaltet haben. Teil II, in: NLM 25 (1848) S.71.
61 Das Original der Urkunde ist im Národní archiv Praha (künftig NA-Praha) ŘM-L Jo LVIII Žit. 1, Inv.
2846a. Abgedruckt bei Prochno, Joachim: Die Zittauer Ratslinie von 1310 bis 1547, in: Mitteilungen des
Zittauer Geschichts- und Museumsvereins Nr. 15. Zittau 1934. S.69f.
62 Michael Matzke: De origine Hospitalariorum Hierosolymitanorum- Vom klösterlichen Pilgerhospital
zur internationalen Organisation, in: Journal of Medieval History 22 (1996), S. 1-23; Rudolf Hiestand:
Die Anfänge der Johanniter, in: Die geistlichen Ritterorden Europas, hrsg. von Josef Fleckenstein /
Manfred Hellmann (Vorträge und Forschungen, Bd. 26), Sigmaringen 1980.
63 Vgl. Prochno, Joachim: Die Johanniskirche in katholischer Zeit, in: Vetter, Willy (Hg.): Die
Johanniskirche in Zittau. Festschrift zum 100jährigen Bestehen ihres Baues am 23. Juli 1937. Zittau 1937.
S.7-15, hier S.7.
64 Knothe, Hermann: Die geistlichen Güter in der Oberlausitz, in: NLM 66 (1890) S.168f.
65 Carpzov: Analecta Fast. Zitt. III, S.14 berichtet ausführlich über die Herkunft des Namens „Pictanz,
Pietanz oder Pittance“ und deren Entstehung 1373, sowie von zwei Diplomen der Jahre 1414 und 1431,
welche diesselbige begütern.
66 Prochno, a.a.O. S.9 beziffert den Umfang der Ordensbesitzungen auf 100 Scheffel Ackerland, einem
Stück Acker in Eckartsberg, Viehweiden, Wiesen, Teiche und Gärten.
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Um 1373 hatte der Orden in Zittau neun Ordensgeistliche und drei Weltgeistliche zu versorgen. Bei jährlichen Einkünften aus Zinsen, Zöllen usw. von 80-90 Schock Prager Groschen, fiel das offensichtlich nicht leicht, 67 zumal zehn Schock Groschen an den Stammsitz auf Rhodos zu senden waren, weitere vier Schock an den Prager Provinzial. Rechnet man Ausgaben von Löhnen, Ausbesserungen an den Gebäuden etc. hinzu, erkennt man, dass zumindest das Barvermögen des Zittauer Konvents knapp bemessen war.
Das erstaunt in so fern, als dass es dem Orden nach und nach gelang, verschiedene geistliche Rechte an sich zu bringen. So besaß er das Kollaturrecht für die Kirche in Kratzau, welches er 1355 mit Johann von Donyn auf Grafenstein gegen das Patronatsrecht über die Kirche in Ruppersdorf tauschte. 68 Schon 1303 überwies König Wenzel dem Johanniterkomtur die Seelsorge am Hospital St. Jakob, während die wirtschaftliche Versorgung dem Rat und der Bürgerschaft Zittaus oblag. 69 Sicher konnten hier gewisse Einkünfte für Mitglieder des Ordens über geistliche Tätigkeiten wie Messelesen etc. erzielt werden.
Auch über die Schule, über welche an anderer Stelle ausführlicher berichtet werden wird, konnte der Komtur seinen Einfluss ausweiten. Seit 1352 hatte er die Aufsicht über die Stadtschule inne; bei der Ernennung des Schulmeisters hatte er wenigstens Mitspracherecht. 70
Seit dem Anfang des 15. Jahrhunderts war mit der Stellung eines Commendators in Zittau noch eine andere Ordenswürde verbunden: die eines Stellvertreters („locumtenens“) des Generalpriors zu Prag in Polen, d.h. in den polnischen und schlesischen Kommenden des Johanniterordens. 71
Der Orden besaß im Zittauer Weichbild noch eine weitere Kommende, die oft als Nebenkommende bezeichnet wurde: Hirschfelde mit der Filialkirche zu Burckersdorff nördlich der Stadt Zittau. Der Komtur hier stand in einem gewissen
67 Prochno, a.a.O. S.8.
68 Knothe, Hermann: Nachträge zur Presbyterologie des Zittauer Weichbildes vor der Reformation, in:
NLM 61 (1885) S.139f. Die Originalurkunde darüber findet man in NA-Praha ŘM-L, Jo LVIII Zit. 47a,
Inv. 2854, 2857.
69 Sauppe, Moritz Oskar: Das „Urbarium“ des Hospitals zu St. Jakob in Zittau, in: Mitteilungen der
Gesellschaft für Zittauer Geschichte Nr.5 (1908) S.3-28; die Urkunde findet sich im Wortlaut abgedruckt
bei Carpzov: Analecta Fast. Zitt. I, S.141.
70 Kämmel, Heinrich Julius: Beiträge zur Geschichte des Gymnasiums in Zittau, in: NLM 49 (1872)
S.261.
71 Knothe,a.a.O. S.138.
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