Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung - Tradition der Staatsbürgererziehung 2
2. Funktionsbestimmung politischer Bildung 5
2.1 Kaiserreich. 5
2.2 DDR. 7
3. Notwendigkeit der politischen Erziehung im Marxismus-Leninismus. 9
4. Militarismus 10
4.1 Definition. 10
4.2 Kaiserreich. 11
4.3 DDR. 13
5. Nationalismus. 16
5.1 Definition. 16
5.2 Kaiserreich. 16
5.3 DDR. 17
6. Ergebnis und Ausblick 19
7. Literaturverzeichnis. 21
1
1. Einleitung - Tradition der Staatsbürgererziehung
Politische Erziehung ist Ausdruck eines Problems, vor dem jede menschliche Gesellschaft stand und steht: die entwickelten politischen Strukturen der nachwachsenden Generation zu vermitteln, damit sie ein wertvolles Mitglied der Gemeinschaft wird. Was auch als politische Sozialisation bezeichnet wird meint in letzter Konsequenz nichts anderes, als den Menschenin welcher Form auch immer - zu formen, ihm gewisse „Werthaltungen, Einstellungen, Überzeugungen, Wissensbestände und Handlungsdispositionen“ mit auf den Weg zu geben. 1 Dies erfolgte im Laufe der Geschichte mit verschiedenen Methoden und Zielsetzungen, die immer von der jeweiligen Zweckbestimmung und dem ideengeschichtlichen Hintergrund des Staates - und damit seiner Einstellung zum Menschen und seiner Erziehung - abhingen.
Die Entwicklungsgeschichte der modernen politischen Erziehung und Bildung in Deutschland reicht in die Fürstentümer des 17. Jahrhunderts zurück. 2 Das Hauptaugenmerk dieser ‚monarchischen politischen Erziehung‘ lag dabei auf ihrer Funktionsbestimmung zur Abwehr revolutionärer Ideen und Sicherung der monarchistischen Herrschaft. Ihr zu Grunde lagen ein „harmonistische[s] Staats- und Gesellschaftsbild [...] [und] der Glaube an die Möglichkeit einsichtsvollen Zusammenwirkens von Regierenden und Regierten“. Hinzu kommt die Idee der Nation als prägende politische Kraft. 3
Doch auch die Weimarer Republik, die Nationalsozialisten und beide deutsche Staaten nach 1945 bedienten sich der politischen Erziehung und Bildung.
Ziel dieser Arbeit ist es, die politische Erziehung zweier auf den ersten Blick gegensätzlicher Staaten zu untersuchen und zu vergleichen: die des Kaiserreichs unter Wilhelm II und die der DDR unter Walter Ulbricht und Erich Honecker.
Es soll die These untersucht werden, dass Ziele und Inhalte der politischen Erziehung beider Staaten deckungsgleich waren.
1 Sander, Wolfgang: Theorie der politischen Bildung: Geschichte - didaktische Konzeptionen - aktuelle
Tendenzen und Probleme. In: Sander, Wolfgang (Hrsg.): Handbuch politische Bildung. Bonn 2005, S. 13
2 Vgl. Kuhn, Hans-Werner; Massing, Peter; Skuhr, Werner (Hrsg.): Politische Bildung in Deutschland.
Entwicklung - Stand - Perspektiven. 2. Auflage, Opladen 1993, S. 13; vgl. auch Röhrig, Paul: Politische
Bildung. Herkunft und Aufgabe. Stuttgart 1964, S. 39
3 Kuhn; Massing; Skuhr (Hrsg.): Politische Bildung, S. 14
2
Dazu werden zunächst die Zielsetzungen der politischen Erziehung unter Hinzunahme amtlicher Dokumente verglichen, denn das Ziel pädagogischer Einwirkungen ist unmittelbarer Ausdruck der gesellschaftlichen Anforderungen an den Menschen. 4 Im weiteren Verlauf der Arbeit wird mit Hilfe zweier ausgewählter Inhalte, dem Militarismus und dem Nationalismus, auf konkreterer Ebene verglichen, inwiefern die beiden Staaten in den vermittelten Inhalten der politischen Erziehung übereinstimmten. Im direkten Anschluss wird auch untersucht, inwiefern die zu vermittelnden Inhalte akzeptiert wurden: ob die politische Erziehung also erfolgreich oder erfolglos war.
Dabei wird auch immer wieder die Anknüpfung an die ideengeschichtlichen Hintergründe 5 beider Staaten, vor allem aber der DDR, gesucht.
4 Vgl. Schmitt, Karl: Politische Erziehung in der DDR. Ziele und Methoden des politischen Unterrichts an den
allgemeinbildenden Schulen der DDR. Paderborn 1980, S. 29
5 Für das Kaiserreich gestaltet sich das aber als schwierig, da es anders als in der DDR kein
zusammenhängendes, schriftlich festgehaltenes theoretisches Konstrukt gibt, sich die Monarchie zudem seit
dem Römischen Reich stetig weiterentwickelte und unterschiedlichsten gesellschaftlichen Strömungen
unterlag. Eine umfassende Untersuchung der ideengeschichtlichen Hintergründe des Kaiserreiches würde
zudem den Umfang dieser Arbeit um ein vielfaches Ausdehnen.
3
2. Funktionsbestimmung politischer Bildung
2.1 Kaiserreich
Die Kabinettsordre von Kaiser Wilhelm II. vom 1. Mai 1889 6 wurde auch als „der erste wirksame Weckruf zur Einführung staatsbürgerlichen Unterrichts“ bezeichnet. 7 In ihr und in der Rede, die Kaiser Wilhelm II. auf der Schulkonferenz 1890 hielt 8 , lässt sich die Aufgabe, die er der politischen Erziehung zugedachte, gut erkennen. Eingebettet ist dieser ‚Weckruf‘ in den historischen Kontext der stärker werdenden Arbeiterbewegung. Gerade nach den Sozialistengesetzen erfuhr die sozialdemokratische Bewegung regen Zulauf, konservative Kreise sahen sich nach neuen Methoden um, der sozialdemokratischen Bewegung Einhalt zu gebieten: „Der in Preußen so beliebte Gendarm hatte versagt, war abgetreten, jetzt Schulmeister vor!“ 9
In allererster Linie hatte die politische Erziehung nach den Wünschen des Kaisers der „Ausbreitung sozialistischer und kommunistischer Ideen entgegenzuwirken“. Dies sollte durch die „Pflege der Gottesfurcht und der Liebe zum Vaterlande“ erreicht werden, die Jugend sollte erkennen, dass die Lehren der Sozialdemokratie für den einzelnen „verderblich“ sind und nur die Staatsgewalt „dem Einzelnen seine Familie, seine Freiheit, seine Rechte schützen kann.“ Um dies zu untermauern sollte „durch statistische Tatsachen“ nachgewiesen werden, wie Preußens Könige konsequent die Lebensbedingungen der kleinen Leute verbessert hätten. Im Religionsunterricht hingegen solle die ethische Seite stärker in den Vordergrund gerückt werden. 10
Bereits an diesen Passagen lassen sich Kernpunkte der monarchistischen politischen Bildung erkennen: Die Abwehr revolutionärer Ideen soll durch Diffamierung, Umdeutung der Geschichte und einen verstärkten Moralanspruch an die Bürger erreicht werden. Im Kern wird das eigene Herrschaftssystem (der monarchische Staat) der konkurrierenden Kraft (der sozialdemokratischen Bewegung) gegenüber als Überlegen dargestellt, die Ideen der Gegner mit Untergang und Verderben gleichgesetzt.
6 Abgedruckt in: Kuhn; Massing; Skuhr (Hrsg.): Politische Bildung, S. 35f
7 Spranger, Eduard: Gedanken zur staatsbürgerlichen Erziehung, 2. Auflage, Bonn 1957; zitiert nach: Kuhn;
Massing; Skuhr (Hrsg.): Politische Bildung, S. 13
8 Abgedruckt in: ebd., S. 37f
9 Rühlmann, Paul: Politische Bildung, S.105; zitiert nach Kuhn; Massing; Skuhr (Hrsg.): Politische Bildung, S.
16
10 Alle vorherigen Zitate aus: ebd., S. 35f
4
In der Eröffnungsrede auf der Schulkonferenz von 1890 wird Kaiser Wilhelm II. deutlicher. Er beklagt den Mangel einer nationalen Basis und die fehlende Charakterbildung in den Schulen. Der Jugend solle klargemacht werden, dass „das neue Staatswesen [gemeint ist das geeinte Deutsche Reich nach 1871, Verf.] dazu da wäre, um erhalten zu werden“. 11 Schließlich solle die Belebung des „vaterländischen Sinnes“ auch im Geschichts- und Deutschunterricht erfolgen. 12
Hier wird deutlich, wie die staatsbürgerliche Erziehung ausgeweitet werden sollte, um ihre Wirkungsmacht zu erhöhen. Die Verknüpfung mit dem Deutsch- und Geschichtsunterricht bietet sich an, da hier ohnehin Themen behandelt werden, die der Förderung des Nationalbewusstseins zuträglich sind. Gerade auf die Vaterlandsliebe wird ein besonderer Wert gelegt.
Zusammenfassend sollen folgende Punkte der politischen Erziehung im Kaiserreich herausgehoben werden: Es ging um die Abwehr revolutionärer Ideen, was mit Hilfe der Ausformung einer patriotischen, nationalen Gesinnung, Ergebenheit zum Herrscher, Umdeutung der Geschichte und einer diffamierenden Darstellung der Folgen der Umsetzung gegnerischer Ideen auf der Basis rudimentärer Kenntnisse in ausgewählten Stoffbereichen erfolgen sollte.
Es bleibt dennoch festzuhalten, dass der Versuch der Etablierung eines eigenen Faches zur staatsbürgerlichen Erziehung im Großen und Ganzen scheiterte. Oft wurde diese Aufgabe lediglich an den Geschichtslehrer abdelegiert, und lediglich in Preußen wurde ein Schulfach zur staatsbürgerlichen Erziehung in den oberen Klassen der höheren Lehranstalten eingeführt. Vielmehr erreichte Kaiser Wilhelm II. mit seiner Initiative langfristig das genaue Gegenteil dessen, was er ursprünglich beabsichtigt hatte: Es kam zu einer regen Diskussion über die staatsbürgerliche Erziehung, und nicht selten wurden konträre Standpunkte formuliert und vertreten. 13
11 Ebd., S. 37
12 Hornung, Klaus: Etappen politischer Pädgogik in Deutschland. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 9/61, S.
117; zitiert nach: Kuhn; Massing; Skuhr (Hrsg.): Politische Bildung, S. 17
13 Vgl. Kuhn; Massing; Skuhr (Hrsg.): Politische Bildung, S. 33; vgl. auch: Borcherding, Karl: Wege und Ziele
politischer Bildung in Deutschland. Materialsammlung zur Entwicklung der politischen Bildung in den
Schulen 1871 - 1965. München 1965, S. 11
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Michael Draeger, 2006, Politische Bildung unter Kaiser Wilhelm II, Ulbricht und Honecker, München, GRIN Verlag GmbH
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