2
Er zieht dabei eine klare Linie vom Start bis zur Zielgeraden und beschreibt dabei sowohl die Perspektive der Zuschauer als auch die der Läufer selbst, wobei die Rollen des Individualismus und der Gemeinschaft besondere Positionen einnehmen. Der Ausgangspunkt, dass jede Form der Konkurrenz den Zusammenhalt einer Gruppe und gemeinsame Beziehungen ausschließt, ist hier fehl am Platz. Gerade diese Behauptung soll an Hand der folgenden Ausführungen widerlegt werden und in Form eines weiteren Beispiels gestützt werden. Warum aber nutzt Sighard Neckel gerade den Marathon um die Merkmale und die Bedeutung des kollektiven Individualismus in seinem Text zu beschreiben? Auf diese Frage stützen sich meine folgenden Erläuterungen zu der Verbindung von Stadt und Natur, von Individuum und Gesellschaft. Ich möchte an Hand von Merkmalen des Marathons als gesellschaftliches Ereignis und dem Vergleich mit einem anderen Beispiel prüfen wie geeignet dieser für das Verhältnis von sozialem Kollektiv und Individuum ist.
Die Rolle der Sozialstruktur ist ein Ansatz in Neckels Beschreibungen, sein Vergleich mit der Struktur der urbanen Mittelschicht ist zwar nachvollziehbar, jedoch sind gerade persönliche Tugenden schwer den Klassen einer Gesellschaft zuzuordnen.
Zumal gerade sportliche Ereignisse wie der Marathon stark von sozialen Trend beeinflusst werden und damit dem kulturellen Wandel der Zeit unterworfen sind. Grundlegend ist es natürlich unwiderlegbar dass bestimmte charakterliche Fähigkeiten, wie Disziplin, Ehrgeiz, Vernunft und Selbsteinschätzung notwendig sind um einen Dauerlauf wie Sighard Neckel ihn beschreibt bestreiten zu können. Auch aus psychologischer Sicht sind solche sportlichen Höchstleistungen sehr interessant. Bei wissenschaftlichen Experimenten (Rachlin und Green, 1972) wurde nachgewiesen, dass bei der Konkurrenz zwischen einem geringen, dafür aber kürzer realisierbaren Anreiz und einem hohen, aber erst später realisierbaren Anreiz der geringere vorgezogen wird.
3
Das bedeutet, die jahrelange Vorbereitung, Nahrungsumstellung, Training und die hohen körperlichen Strapazen für einen kurzen Erfolg widersprechen der psychischen Konstitution des Menschen. Trotzdem ist es für viele lohnenswert das alles auf sich zu nehmen, denn ihre individuellen Wertigkeiten von Aufwand und Ausgleich sind verlagert.
Sei es die rein fitnessorientierte Motivation oder die Suche nach gesellschaftlicher Anerkennung, jeder Läufer hat seine ganz persönlichen Motive und Ziele für deren Erfüllung er bereit ist bis an ihre äußersten Grenzen zu gehen. Hierbei wird die Individualisierung besonders deutlich, denn Personen treten in Konkurrenz mit sich selbst. Sighard Neckel beschreibt diese Situation so: „Als Ereignis ist der Marathon das kollektive Ergebnis jener individuellen Bestrebungen, die der Stadt als sozialen Raums bedürfen. Für sich und ge- gen sich wird gelaufen, mit und vor den anderen wird um Erfolg gerun- gen, der beim modernen Marathon schon in der Bewältigung der Strecke selbst gesehen wird.“(Sighard Neckel: Stadt- Marathon. Kollektiver Individualismus als urbanes Ereignis in: Ders., Die Macht der Unterscheidung. Essays zur Kultursoziologie der modernen Gesellschaft, Frankfurt/M.: Campus 2000, S. 136)
Die Konkurrenz zwischen den Teilnehmern tritt also hinter das Verwirklichen der eigenen Ziele.
Und doch, gerade die Masse an Läufern mit ihren individuellen Zielen und Motiven bilden eine Einheit, denn eines verbindet sie: Das gleiche Vorhaben. Sie alle wollen die Zielgerade erreichen. Sie bilden ein Beziehungsgeflecht, das laut Georg Simmel seinen Ursprung in der religiösen Gemeinde hat. Merkmal dieser ist es, dass der Eifer und das Glück des einen das des anderen nicht ausschließt. Diese Form der Koexistenz statt bloßer Konkurrenz findet sich auch bei den Lebensstilen der modernen Gesellschaft wieder. Lebensstile verweisen im kultursoziologischen Sinne auf die symbolischen Praktiken, die dem sozialen Handeln zugrunde liegen.
Arbeit zitieren:
Lydia Rüger, 2005, Sighard Neckels Stadtmarathon, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Erlebnisgesellschaft und Risikogesellschaft - Zwei Gegenwartsdiagnosen...
Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft
Seminararbeit, 32 Seiten
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Lydia Rüger hat den Text Sighard Neckels Stadtmarathon veröffentlicht
Lydia Rüger hat einen neuen Text hochgeladen
Schriften zur Kultursoziologie 5. Religion
Schriften zur Kultursoziologie...
Pierre Bourdieu, Franz Schultheis, Stephan Egger
Disability Studies, Kultursoziologie und Soziologie der Behinderung
Erkundungen in einem neuen For...
Anne Waldschmidt, Werner Schneider
Schriften zur Wirtschafts- und Kultursoziologie
Karl Mannheim, Amalia Barboza, Klaus Lichtblau
0 Kommentare