Inhalt
Inhalt 2
1. Einleitung. 3
2. Teilhard de Chardin 6
2.1 Herausbildung der Grundzüge seiner Philosophie in Zusammenhang mit seiner Biografie6
2.2 Teilhards Anthropologie 8
2.2.1 Die Entstehung des Menschen im Rahmen der Evolution. 9
2.2.1.1 Kosmogenese und Biogenese 9
2.2.1.2 Psychogenese. 11
2.2.1.3 Noogenese. 12
2.2.2 Die moderne Erde. 13
2.2.3 Zukunftsentwürfe. 14
2.2.3.1 Die Konvergenz des Persönlichen 14
2.2.3.2 Christogenese 16
2.2.4 Teilhards Menschenbild. 18
3 Jean Paul Sartre 21
3.1 Herausbildung der Grundzüge seines Existentialismus in Zusammenhang mit seiner
Biographie. 21
3.2 Sartres Existentialismus 24
3.2.1 Die zwei Typen des Seins. 24
3.2.2 Atheismus. 25
3.2.3 Moral. 26
3.2.4 Der Mensch 27
3.2.5 Der Andere. 30
3.2.6 Die Freiheit. 31
4. Teilhards und Sartres Bild vom Menschen - ein zusammenfassender Vergleich 34
5 Einordnung der Konzepte in die Tradition des Humanismus 36
Literaturliste 38
2
1. Einleitung
L'existentialisme est un humanisme postuliert der französische Philosoph Jean Paul Sartre programmatisch im Titel seines 1945 verfassten Essays, der in engem Zusammenhang mit seinem 1943 publizierten Hauptwerk L'être et le néant steht, dessen Hauptthesen der Essay popularisieren und gegen Einwände unterschiedlichster Gegner verteidigen soll. Der Existentialismus zeige „überall das Schäbige, Trübe und Klebrige (...) und (vernachlässige) die Lichtseiten der menschlichen Natur“ 1 , er sei eine bürgerliche, von der reinen Subjektivität ausgehende Philosophie, kritisieren Kommunisten, und mache den Menschen handlungsunfähig und unfähig zur Solidarität; außerdem, so bemängelt man schließlich von christlicher Seite, mangele es ihm an einem Wertesystem und er propagiere die Beliebigkeit menschlichen Handelns. Sartre hingegen betont, dass gerade der atheistische Ansatzpunkt seiner Philosophie, der im Hinblick auf den Menschen, der alle Sicherheiten verloren habe und alles Vertrauen darin, dass der Welt ein Sinn eigne, dazu führe, dass man „von der Subjektivität ausgehen (müsse)“. 2 Es gebe „keine optimistischere Lehre, da das Schicksal des Menschen in ihm selbst (liege)“. 3 So sei diese Theorie, die in der Forschung häufig als „Theorieentwurf der menschlichen Freiheit gedeutet wird“ 4 , „die einzige, die dem Menschen Würde (verleihe)“. 5
Ebenfalls in der Tradition des Humanismus sieht sich ein völlig andere Ideen entwickelnder französischer Philosoph, Naturforscher und Theologe, der Jesuitenpater Pierre Teilhard de Chardin 6 , der in seinem etwa zeitgleich mit Sartres Essay entstandenen Hauptwerk Le phénomène humaine nicht von einem philosophischen Ansatzpunkt ausgeht wie Sartre, sondern von einem naturwissenschaftlichen: „Der Mensch kann nur begriffen werden, indem man von der Physik, der Chemie, der Biologie und der Geologie wieder emporsteigt. Mit anderen Worten, er ist zunächst ein kosmisches Phänomen.“ 7
1 Sartre, Existentialis mus, S.145
2 ebd., S.148
3 ebd., S.164
4 Meyer, S.437
5 Sarte, Existentialismus, S.165
6 vgl. seine bei Hemleben zitierten Äußerungen, in denen er sein Denken als „Neohumanismus“ (S.153) bezeichnet, als wissenschaftlich fundierte „Idee des Fortschritts“ (S.138) in der Tradition „sowohl des Humanis mus als auch des Christentums“ (ebd.) stehend, dem er eine Rettungsfunktion für die Zukunft der Erde und der Menschheit zuschreibt.
7 Teilhard, zit. bei: Cuénot, S.618
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Entsprechend dieser These geht Teilhard unter schrittweiser Darstellung der Evolution des Universums der Frage nach, wie die Menschheit entstanden sei und welchem Ziel sie zustrebe. Dabei geht es ihm nicht darum, eine erschöpfende Theorie des Menschen zu geben, sondern er möchte, wie bereits der Titel des Buches verdeutlicht, „ganz einfach den Menschen in seiner Erscheinung festhalten“ 8 . Dieser könne nach den Erkenntnissen der modernen Naturwissenschaft nicht mehr als „der unveränderliche Mittelpunkt einer schon vollendeten Welt (angesehen werden), dafür aber, soweit unsere Erfahrung reicht, (als) die Spitze in der Entwicklung des Universums, das sich auf dem Wege zu einer immer rascheren Steigerung der Komplexität der Materie und zugleich zu einer stetig zunehmenden geistigen Verinnerlichung befinde.“ 9 Diese Aussage impliziert bereits Teilhards grundsätzlichen philosophisch-theologischen Ansatzpunkt, die Welt nicht nur von der Außenseite her zu betrachten, wie die Naturwissenschaft dies bisher getan hat, sondern „der Innenseite der Dinge ebenso wie ihrer Außenseite gerecht zu werden (...), - dem Geist ebenso wie der Materie. (Denn) die wahre Physik ist jene, der es eines Tages gelingen wird, den Menschen in seiner Ganzheit in ein zusammenhängendes Weltbild einzugliedern.“ 10 Als Priester geht Teilhard schließlich noch einen Schritt weiter und versucht, „eine radikale Vergegenwärtigung der christlichen Botschaft, d.h. für ihn (...) ihre Übersetzung in das Weltbild der Evolution“. 11
Fragt man sich nach grundlegenden Gemeinsamkeiten in diesen auf den ersten Blick doch sehr unterschiedlichen anthropologischen Entwürfen, so fällt vor allem die zentrale Rolle auf, die dem Humanen in beiden Weltanschauungen zugewiesen wird. Hierin liegt wohl der Grund dafür, dass sowohl Sartre als auch Teilhard ihre Weltanschauungen als Humanismus bezeichnet haben. Doch drängt sich hierbei gleich ein etymologisches Problem auf: „Das Wort Humanismus (,ursprünglich) als Bezeichnung einer historischen Bewegung und eines mit der Renaissance in Verbindung stehenden geistigen Phänomens verwendet (...), ist vieldeutig und in verschiedenem Sinn gebraucht worden, um eine Anzahl Bewegungen, die eine stark anthropozentrische Komponente enthalten, zu beschreiben.“ 12 So fasst man darunter rationalistische und humanitäre Gedanken der Aufklärungszeit ebenso wie „den sogenannten zweiten Humanismus Wilhelm von Humboldts und seiner Zeitgenossen“ 13 , das Denken der marxistischen Sozialisten ebenso wie verschiedene philosophische Bewegungen im 20. Jahrhundert, beispielsweise Sartres Existenzphilosophie.
8 Teilhard de Chardin, EdM, S.10
9 ebd.
10 ders., MiK, S.22
11 Daecke, S.29
12 Spitz, S.639
13 ebd.
4
„Schließlich ist der Begriff ohne Unterschied auf jede Art Hochschätzung menschlicher Werte angewandt worden und wird nicht selten mit einer humanitären Gesinnung verwechselt.“ 14
Für eine präzise Verwendung des Begriffs im Rahmen dieser Arbeit muss zunächst einmal die
Anthropologie Teilhards und Sartres in ihren wesentlichen Grundzügen dargestellt werden, wobei Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausgearbeitet werden müssen. Im Anschluss daran soll das ihnen zugrunde liegende Humanismusverständnis erarbeitet werden.
Da das Werk beider Philosophen sehr umfangreich ist, ist eine inhaltliche Beschränkung notwendig. Im Hinblick auf Teilhard werde ich mich auf die philosophisch-naturwissenschaftlichen Arbeiten konzentrieren, die theologisch-mystischen Schriften hingegen weitgehend außer Acht lassen; Sartres Gedanken sollen anhand seines Essays Der Existentialismus ist ein Humanismus und einiger Auszüge aus seinem Hauptwerk Das Sein und das Nichts und anhand einiger Zitate aus literarischen Werken verdeutlicht werden.Die Beschäftigung mit seinen späteren Bestrebungen, den Existentialismus dem Marxismus einzuordnen, würde den - sowieso schon breiten - Rahmen dieser Arbeit sprengen.
14 ebd.
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2. Teilhard de Chardin
2.1 Herausbildung der Grundzüge seiner Philosophie in
Zusammenhang mit seiner Biografie
Marie-Joseph Teilhard de Chardin wurde am 1.Mai 1881 als viertes von elf Kindern auf Schloss Sarcenat bei Clermont-Ferrand geboren. Beide Eltern beeinflussten ihn grundlegend: die Mutter durch ihre religiös-katholische Erziehung und ihre Liebe zu Gott, besonders zum Herzen Jesu, 15 der Vater, ein Landadeliger, in seiner Liebe zur Natur. „Beide Züge, der Sinn für das Christliche und der Sinn für das Kosmische, sollten sich zu Teilhards religiös-intellektueller Weltanschauung entfalten und verbinden.“ 16
Schon früh wurde seine religiöse Erziehung dadurch vertieft, dass er bereits mit elf Jahren als Schüler in ein Jesuitenkolleg kam, dann mit achtzehn Jahren in den Jesuitenorden eintrat und schließlich 1911, mit dreißig Jahren, zum Priester geweiht wurde.Wenig später entstanden seine Schriften, in denen er seine Christus-Erlebnisse festhielt: Christus in der Materie (1916), Die geistige Potenz der Materie (1919) und Die Messe über die Welt (1923). Bereits die Titel deuten darauf hin, dass seine spirituellen Erfahrungen nicht jenseits der Materie angesiedelt sind, sondern diese zum Erlebnishintergrund haben. „Teilhard erfindet nicht die Geistigekit der Materie, sondern er erlebt sie. Er erfährt unmittelbar, wie Christus die Materie vergeistigt und verklärt.“ 17 Daneben verfolgte er seine naturwissenschaftlichen Interessen. Schon als Kind sammelte er Steine, züchtete Raupen und beobachtete Sterne; ein Jahr nach seiner Priesterweihe begann er ein Studium der Geologie und Paläontologie in Paris. Unmittelbar zuvor hatte ein für seine spätere Philosophie grundlegender Gedanke von ihm Besitz ergriffen: der Schritt vom Verstehen des Seins der Natur zum Verständnis des Werdens aller Kreatur; „mit Zwangsläufigkeit (durchdrang ihn) der damals
15 Cuénot, S.50, weist darauf hin, dass das ganze Leben Teilhards „eine Explizierung seiner Frömmigkeit Christus gegenüber sein (werde) und dieses (...) Organ, das Herz Jesu ,(...) durch seine Strahlung vergrößert zu dem unwandelbaren Zentrum des ganzen Kosmos (werde)“.
16 Gläßer, S.13
17 Gosztonyi, S.196. Teilhards Christologie stützt sich dabei auf das Johannes-Evangelium, vor allem aber auf die Paulus-Briefe, besonders Kol 1,15-20; und Eph 1,9-23.
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noch so stark umkämpfte Gedanke der
Evolution aller unorganischen und organischen Wesen“. 18 Dass diese Idee bei ihm nicht wie bei vielen der damaligen Naturforscher zu einer Ablehnung der christlichen Lehre führte, sondern zu einem „spiritualistischen Evolutionismus“ 19 , gekennzeichnet durch die funktionelle Einheit von Materie und Geist, ist wohl auch darauf zurückzuführen, dass er durch Henri Bergson auf dieses Ideengut gestoßen ist, der „eine Versöhnung der gegensätzlichen Auffassungen von Schöpfung und Entwicklung (...) herbeizuführen (suchte)“. 20 „Die Verbindung der Christologie, wie sie dem Dogmengebäude der römischen Kirche zugrunde liegt, mit der Lehre von Lyell, Huxley und Darwin konnte Bergson (aber) nimmermehr herstellen. (...) Um so mehr wurde dies zum Lebensthema Pierre Teilhard de Chardins“ 21 , der sich damit auf eine lebenslängliche Gratwanderung begab, umgeben von der „Gefahr (...), von beiden Seiten als Ketzer, Häretiker und Verräter angesehen zu werden“. 22
Nach vierjährigem Kriegsdienst vertiefte er seine wissenschaftliche Laufbahn, indem er promovierte, 1922 außerordentlicher Professor für Geologie am Institut Catholique in Paris wurde und 1923 /24 seine erste Forschungsreise unternahm, der seit 1926 bis zu seinem Tod im Jahr 1955 weitere Jahrzehnte dauernde Reisen nach China, Afrika, Indien, Java, Birma und die USA folgten, verursacht durch Berufs- und partielle Publikationsverbote seines Ordens. Im Laufe dieser Jahre reifte er zu einem Forscher von internationalem Rang, dessen Weltbild sich mehr und mehr vervollkommnete In dem zwischen 1938 und 1940 entstandenen Buch Le Phénomène Humaine, das postum 1955 veröffentlicht wurde und seinen Verfasser in der Welt bekannt machte, gab „Teilhard dem Grundimpuls seines Lebens literarischen Ausdruck“. 23 Alle zentralen Elemente seiner Philosophie sind hier bereits zum Ausdruck gebracht: „die Einheit von Gottes- und Weltwirklichkeit, ferner ihr dynamisches Verständnis, ihre Prozesshaftigkeit sowie die Zugehörigkeit von Natur- und Heilsgeschichte.“ 24 Daher soll dieses Werk im Zentrum der folgenden Untersuchung über Teilhards Anthropologie stehen.
18 Hemleben, S.35
19 Cuénot, S.85
20 Hemleben, S.35
21 ders., S.39
22 ders., S.42
23 Hemleben, S.125
24 Daecke, S.29
7
2.2 Teilhards Anthropologie
Der Ausgangspunkt von Teilhards Anthropologie ist die These, dass der Mensch Teil des gesamten Seins ist, dass er „der Natur wahrhaft als eine Tatsache angehört und als solche (zumindest teilweise) den Ansprüchen und Methoden der Naturwissenschaften unterliegt“ 25 und evolutiv mit der Entwicklung des Kosmos und des Lebens verbunden ist. Dennoch ist er aufgrund seines Ich-Bewusstseins, der Fähigkeit, zu „wissen, dass man weiß“ 26 , ein vom Tier qualitativ verschiedenes Wesen. Will man ihn richtig verstehen, so ist es nach Teilhard zunächst einmal notwendig, den Blick zurück in die Vergangenheit zu richten, um Entstehen und Werden des Menschen im Rahmen der gesamten Kosmogenese zu verfolgen, in der er mit seinen Möglichkeiten und Fähigkeiten bereits keimhaft enthalten ist. Aus dieser „Flugbahn in die Vergangenheit“ 27 , so Teilhard, ergäbe sich mit Notwendigkeit die gegenwärtige Stellung des Menschen in der Welt, die gekennzeichnet ist durch „die größte Breite, die reichste Mannigfaltigkeit an irdischen, d.h. materiellen, psychischen und geistigen Möglichkeiten“. 28 Die „Kurve des Phänomens Mensch“ 29 erstrecke sich aber noch weiter, nämlich in die Zukunft hinein. Teilhard schließt nun noch eine visionäre Beschreibung dessen an, „was des Menschen Bestimmung und Anspruch“ 30 sei: die materielle Energie mit Hilfe der psychisch-geistigen zu überhöhen und so der gesamten Evolution eine Wendung ins rein Geistige zu geben, so dass sie auf den Punkt Omega, auf Christus, zustreben und ins Göttliche münden könne. So ist der Mensch im doppelten Sinne Achse der Evolution: einmal als Längsachse, die von den Uranfängen des Kosmos bis zum Ende der Zeiten reicht, und einmal als Dreh- und Angelpunkt der grundlegenden Wende innerhalb der Evolution.
25 ebd., S.21
26 ebd., S.165
27 ebd., S.21
28 Gosztonyi, S.70
29 Teilhard, MiK, S.21
30 ebd., S.17
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Arbeit zitieren:
Hildegard Herzmann, 2006, Pierre Teilhard de Chardin und Jean-Paul Sartre. Zwei Philosophen in der Tradition des Humanismus?, München, GRIN Verlag GmbH
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