Der 11. September 2001 ist das einschneidende Datum in der jüngsten Geschichte. Am Morgen dieses Tages entführten Selbstmordattentäter vier Verkehrsflugzeuge und funktionierten diese zu tödlichen Waffen um. Zwei schlugen in die Zwillingstürme des World Trade Centers in New York ein. Als diese einstürzten, begruben sie fast 3000 Menschen unter sich. Ein weiteres Flugzeug wurde in das Pentagon, dem Sitz des US-Verteidigungsministeriums, gelenkt. Die vierte Maschine wurde von mutigen Passagieren über Pennsylvania zum Absturz gebracht. Der Terrorismus hatte eine neue Dimension erreicht. Der Anschlag stellte einen traurigen Rekord an Opfern auf und traf die letzte verbliebene Weltmacht auf ihrem eigenen Territorium. Die Hintermänner der Attentate waren schnell gefunden. Osama bin Laden der Führer des islamistischen Terrornetzwerkes al-Qaida bekannte sich zu den Verbrechen. Doch dies war nur der Auftakt für eine ganze Reihe weiterer Anschläge. Djerba und Bali (beide 2002), Istanbul (2003), Madrid (2004) und London (2005) sind die Stationen eines blutigen Krieges gegen die Werte der westlichen Welt. Angezettelt wird er von radikalen Islamisten, die für einen weltweiten Gottesstaat kämpfen. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Im Rahmen des „Krieges gegen den Terrorismus“ wurden bis jetzt zwei Militärschläge durchgeführt: der erste stürzte Ende 2001 die Talibanherrschaft in Afghanistan, der zweite beendete im März 2003 die Diktatur Saddam Husseins im Irak. Beiden Regimes wurde die Unterstützung von Terroristen vorgeworfen und Hussein sollte zudem noch im Besitz von Massenvernichtungswaffen sein. Doch weder konnten diese Kriege den Terror stoppen, noch wurde der meist gesuchte Terrorist bin Laden gefunden. Im Irak gelang es den Koalitionstruppen nicht schnell genug, das nach dem Krieg herrschende Chaos zu beenden. So konnte sich der Terror dort erst richtig entfalten. Fast täglich explodieren im Irak Bomben oder sprengen sich Selbstmordattentäter in die Luft. Hinter den Anschlägen stecken meist islamistische Gruppierungen. Sie befinden sich im „heiligen Krieg“, dem Dschihad gegen den Westen und wollen einen islamistischen Gottesstaat errichten. Die Bewegungen basieren auf einer Ideologie, die ihre religiöse Legitimität aus einer radikalen Interpretation des Korans zieht. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Totalitarismus
2.1. Entwicklung des Begriffs
2.2. Das Totalitarismuskonzept von Carl J. Friedrich
2.3. Der Totalitarismus bei Hannah Arendt
3. Islamismus und Dschihad
3.1. Der radikale Islamismus
3.2. Der Dschihad
4. Islamismus und Totalitarismus
4.1. Totalitäre Elemente in der islamistischen Ideologie
4.2. Islamismus und das Totalitarismuskonzept von Carl J. Friedrichs
4.3. Islamismus und das Totalitarismuskonzept von Hannah Arendt
5. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die wissenschaftliche Berechtigung, den radikalen Islamismus unter Verwendung der Totalitarismustheorien von Carl J. Friedrich und Hannah Arendt als neue Form des Totalitarismus zu klassifizieren.
- Historische und theoretische Grundlagen des Totalitarismusbegriffs
- Analyse der Ideologie und Strukturen des radikalen Islamismus
- Gegenüberstellung von islamistischen Bewegungen und totalitären Kriterien
- Kritische Bewertung der aktuellen politischen Begriffsverwendung
Auszug aus dem Buch
2.3. Der Totalitarismus bei Hannah Arendt
Genau wie Carl J. Friedrich gehört auch Hannah Arendt zu den bedeutendsten Vertretern der Totalitarismusforschung. Ihre Arbeit „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“, in der sie ihren Totalitarismusansatz niederschreibt, zählt zu den Standardwerken auf diesem Gebiet. Auch Hannah Arendt sieht in der kommunistischen und der nationalsozialistischen Diktatur eine bis dahin nie da gewesene Herrschaftsform. Das zeigt sich schon allein in den von diesen Systemen begangen Verbrechen, die beispiellos in der Geschichte sind. Die Entstehung totalitärer Regime begründet Arendt im Niedergang und Zerfall des Nationalstaates und der Atomisierung der Gesellschaft. Durch diese geht nicht nur der soziale Stand der Gesellschaftsmitglieder verloren, sondern auch die gemeinschaftlichen Beziehungen. In dieser Phase „völliger geistiger und sozialer Heimatlosigkeit“ (Arendt 1955: 524) kann der gesunde Menschenverstand nicht mehr funktionieren und die Menschen suchen Zuflucht in der Fiktion einer in sich stimmigen Welt.
Diese wird ihnen von Ideologien vorgegaukelt, die in Hannah Arendts Totalitarismuskonzept eine herausgehobene Rolle spielen und zum eigentlichen Neuen an den totalitären Regimes zählen. Sie konstatiert kommunistischer und nationalsozialistischer Ideologie trotz erheblicher inhaltlicher Gegensätze, formale Ähnlichkeiten. So sind beides „dogmatische, in sich geschlossene, andere Deutungsmuster rigoros bekämpfende Systeme zur Universalerklärung der Wirklichkeit“ (Pohlmann 1998: 226). Mittels pseudowissenschaftlicher totalitärer Propaganda wird die Zukunft prophezeit. Die Argumente lassen sich nur schwer entkräften, da deren Korrektheit nur durch zukünftige Entwicklung und Ereignisse bewiesen werden kann. Ideologien beinhalten die Vision eines neuen Menschentyps und einer neuen Gesellschaft. Die jetzige Gesellschaft wird radikal abgelehnt und soll durch die neue abgelöst bzw. komplett umgestaltet werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Das Kapitel führt in die Problematik des Terrorismus nach dem 11. September 2001 ein und motiviert die Forschungsfrage nach der Anwendbarkeit des Totalitarismusbegriffs auf den radikalen Islamismus.
2. Der Totalitarismus: Hier werden die historische Entwicklung des Begriffs sowie die maßgeblichen theoretischen Konzepte von Carl J. Friedrich und Hannah Arendt dargelegt.
3. Islamismus und Dschihad: Dieses Kapitel definiert den radikalen Islamismus und das Konzept des Dschihad als zentrale ideologische und praktische Elemente des politischen Islam.
4. Islamismus und Totalitarismus: Die Arbeit prüft, ob die Merkmale des Islamismus mit den Totalitarismustheorien von Friedrich und Arendt übereinstimmen, wobei insbesondere die Länderbeispiele Sudan und Iran analysiert werden.
5. Schlussbetrachtung: Das Fazit resümiert, dass der Begriff Totalitarismus auf den radikalen Islamismus nur eingeschränkt anwendbar ist und warnt vor den Gefahren einer unpräzisen Begriffswahl für den politischen Dialog.
Schlüsselwörter
Totalitarismus, Islamismus, radikaler Islamismus, Dschihad, Carl J. Friedrich, Hannah Arendt, politische Ideologie, Terrorismus, Gottesstaat, Schari’a, politische Gewalt, Herrschaftsform, Extremismus, Demokratisierung, Konfliktanalyse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, ob die theoretischen Konzepte, die ursprünglich zur Analyse des Nationalsozialismus und des Stalinismus entwickelt wurden, geeignet sind, um das Phänomen des radikalen Islamismus zu beschreiben.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themenfelder umfassen Totalitarismustheorien, die Entstehung und Ideologie islamistischer Bewegungen sowie die Rolle des Terrorismus im modernen politischen Kontext.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist eine wissenschaftliche Einordnung des radikalen Islamismus und eine kritische Reflexion darüber, ob der Begriff "Totalitarismus" zur Charakterisierung dieses Phänomens sachlich angemessen ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine politikwissenschaftliche Analyse, die Theoriebildung (Friedrich/Arendt) mit einer empirischen Prüfung anhand von Fallbeispielen (z. B. Iran, Sudan) kombiniert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die Konzepte von Friedrich und Arendt erläutert, dann die Ideologie des radikalen Islamismus analysiert und abschließend die Merkmale beider Bereiche systematisch miteinander verglichen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Totalitarismus, Islamismus, Dschihad, Ideologie, Terrorismus, politische Gewalt und die Abgrenzung von religiösen Strömungen.
Warum wird der Totalitarismusbegriff im Kontext des Iran oder Sudans kritisch gesehen?
Obwohl diese Staaten einige totalitäre Merkmale aufweisen, fehlen ihnen wesentliche Elemente, wie etwa eine totalitär beherrschte Massenpartei oder ein vollständiges Gewaltmonopol des Staates, um nach Friedrichs Kriterien als totalitär zu gelten.
Warum warnt der Autor vor einem inflationären Gebrauch des Totalitarismusbegriffs?
Der Autor argumentiert, dass eine unpräzise Verwendung den Begriff entwertet, zur Relativierung historischer Verbrechen führen kann und den notwendigen Dialog zwischen der westlichen Welt und gemäßigten Muslimen erschwert.
- Quote paper
- Sirko Stenz (Author), 2006, Totalitarismus und Islamismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/64144